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Ausgabe:

1935 Nr. 23

Spalte:

421-422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoche, Alfred

Titel/Untertitel:

Jahresringe 1935

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 23.

422

Buch bringt, ist bekannt. Aber es hat doch seinen ganz eigenartigen
Wert. Berichterstatter hat vor mehr denn einem Jahrzehnt O. Baumgarten
.Bismarcks Religion' besprochen. Das Buch erschien in der Sammlung
„Klassiker der Religion"; damals hat man wohl hier und da bezweifelt,
ob die Aufnahme des Buchs in dieser Sammlung berechtigt war. Das
vorliegende Buch, sehr richtig Bismarcks Glaube und nicht Bismarcks
Religion genannt, zeigt uns nun in der Tat B. als einen Klassiker des
Deutsch-evangelischen Christentums im Vollsinn des Wortes. Der Enkel,
Fürst Otto von Bismarck, hat dem Verfasser die kleinen Bände zugänglich
gemacht, die das unmittelbarste Zeugnis für Bismarcks religiöses
Leben in der Zeit seines staatsmännischen Wirkens bilden ; das sind von
1S64 an „die Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde",
das jährliche Weihnachtsgeschenk seines Freundes Hans von Kleist-Ret-
zow, die ihm zugleich als Notizkalender für kurze politische, amtliche,
private Aufzeichnungen dienten, und ein anderes Andachtsbuch „Tägliche
Erquickungen für gläubige Christen, biblisches Spruch- und Tagebüchlein
, enthaltend auf jeden Tag des Jahres einige Worte aus der heiligen
Schrift nebst beigefügten Erklärungen von Dr. Martin Luther". So fern
Bismarck einer orthodoxen Buchstabengläubigkeit ist — er macht einen
Unterschied zwischen den Evangelisten, die Jesus besonders nahestanden
und etwa dem Lukas und Paulus, das Wort des Tatchristen von der
„herrlichen" Epistel Jacobi — so sehen wir ihn andrerseits in seinen
Äusserungen als aufrichtigen evangelischen Christen, dem der Glaube an
Gottes Vorsehung und Christi Erlösertod die beiden Pole seiner Frömmigkeit
sind, aus denen sich auch bei größten Erfolgen eine tiefe Demut
vor Gott und seinem Walten ergibt. Auf den Blättern des Andachtsbuches
finden wir rein religiös gehaltene Bemerkungen und gewissermaßen
weltliche Interpretationen des Bibel- oder Gesangbuchverses auf
die gegenwärtige Lage. Einzelne Verse in den Losungen geben ihm in
britischen Tagen besonderen Mut. Am zahlreichsten sind die Unterstreichungen
und Bemerkungen in der Konfliktzeit und während der Kriege,
seit 1890 persönliche Stimmungen voll lastender Schwere. Eine besonders
wertvolle Beigabe das Faksimile aus den Tagen des Ausbruchs des 70er
Kriegs mit Unterstreichung des Wortes aus Matth. 5, 9 „Die Friedfertigen"
und den Tagen des Heimgangs des alten Kaisers mit der Bemerkung
zum 9. März: Imperator obiit. Das Büchlein zeigt auf's neue das tiefe
Verantwortlichkeitsbewußtsein Bismarcks Gott gegenüber auch in seinen
politischen und amtlichen Entschließungen.

Halle a. S. Wilhelm Usener.

Ho che, Prof. Alfred E.: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens
. München : J. F. Lehmann 1934. (298 S. u. 1 Bildn.) 8°.

RM 4.50; geb. 6 — .

Aus mancherlei Gründen sind die Lebenserinnerun-
gen des emeritierten Freiburger Psychiaters, die er uns
als ,Innenansicht eines Menschenlebens' vorlegt, auch
für den Theologen lesenswert, schon weil sie „Ergebnisse
einer Selbstschau" bieten „von dem inneren Sein
und Werden eines Menschen, der, aufgeschlossen für
alle Bildungsströme seiner Zeit", auch in die Gestaltung
seines religiösen Lebens uns tiefen Einblick gewährt.
Höchst amüsanit berichtet er aus den einzelnen Stadien
seines Leberosgangs und aus seiner ärztliclt-seelsorger-
lichen Praxis. Für den Theologen sind am bedeutsamsten
die zuletzt angefügten relativistisch-skeptischen Gedanken
über ,die letzten Fragen'. „Den letzten Fragen
erweist derjenige mehr Ehrfurcht, der ihre dunkle Größe
schweigend zu ahnen versucht, als der interessierte Eifer,
der das Unfaßbare in die zufälligen Schubfächer des
Denkens einer zeitgebundenen üeislesphase einsperren
möchte." Ganz im Geiste Goethes deutet er den Sinn
des Lebens und zieht die Bilanz menschlichen Glücks,
die stark im Bannkreis der Ideen des 19. Jahrhunderts
bleibt. Zur Charakteristik der Lebensstimmung jener
Epoche sind die rationalen Erwägungen dieses wie des
folgenden Abschnitts über ,das Sterben' ungemein bedeutsam
. Die schweren seelischen Konflikte des
Arztes berührt der Verfasser, wenn er schreibt: „Ich
lehne den Standpunkt ab, daß der Arzt die bedingungslose
Pflicht hat, Leben zu verlängern ... es gibt Urnstände
, unter denen für den Arzt das Töten kein Verbrechen
bedeutet." Die christliche Ethik darf derartigen
Problemen nicht überlegen aus dem Wege gehen; denn
für sie gerade ist in solchen Lebenserinnerungen mehr
Material enthalten als in scharfdurchdachten Darlegungen
zünftiger Theoretiker. Wenn einmal der menschliche
Lebenslauf auch von Seiten der Religionspsychologie
als Problem erfaßt wird, wie dies Charl. Bühler
nach der psychologischen Seite hin tat (s. Theol. Lit.

Ztg., 1934. Nr. 15/16, S. 288 f.), werden A. E. Hoches

| Jahresringe' für die Lebensanalyse eines Mediziners
j wertvoll sein.

München. R. F. Merkel.

Hirsch, Emanuel: Christliche Freiheit und politische Bindung
. Ein Brief an Dr. Stapel und anderes. Hamburg: Hanseatische
Verlagsanstalt [1935]. (97 S.) 8°. kart. RM 2.50.

Drei Aufsätze sind in dieser Schrift vereinigt. Der
erste ist ein Brief an Dr. Stapel vom 16. 11. 34. Er
enthält die Abwehr der Angriffe Tillichs auf das Buch
„Die gegenwärtige geistige Lage". Tillich hatte Hirsch
vorgeworfen, daß er „alle entscheidenden Ideen bei ihm
geraubt und dann nationalsozialistisch korrumpiert und
umgebogen" habe. Verf. kann sich nicht mehr unmittelbar
mit seinem früheren Freunde auseinandersetzen, weil

t dieser ihn in seiner Ehrenhaftigkeit angegriffen hat. Er

| zeigt an einigen Beispielen, daß Tillich ungenau zitiert,
das geistige Bild verfälscht (12), ihn verleumdet (16)
und sachliche Kritik mit persönlichen Beschuldigungen
gemischt hat (31). Zunächst stellt Verf. sein Urteil über
die ausländische Wissenschaft noch einmal in den richtigen
Zusammenhang. Sodann geht er auf die beiden

! wichtigsten Unterschiede gegenüber Tillich ein.

Sein Hauptbegriff für das geschichtliche Verstehen,
der Begriff der Grenze, hat bei ihm einen Doppelsinn
, als geschichtlicher und als heiliger Horos. Die
Grenze begrenzt in der Geschichte und sie begrenzt die
Geschichte. Dieser Begriff ergab sich ihm von Fichtes
Gotteslehre her. In ihm sind aber die entgegengesetzten
Einwirkungen des lutherischen Schöpfungsglaubens und
der skeptischen Erschütterung durch Nietzsche und Dil-
they, die Einflüsse von Kierkegaard (Zeit und Ewigkeit)
und dann vor allem die des Jahres 1933 mit verarbeitet.
Dieser Begriff der Grenze unterscheidet sich von Tillichs
„Grund und Abgrund Verhältnis" durch ein Zweifaches
. Tillich setzt bei dem späten Schelling ein und
hat sich der verpflichtenden Wirklichkeit durch eine
prophetische Schau entzogen. Aber das Entscheidende
in der andersartigen gedanklichen Entwicklung zwischen

i ihnen beiden liegt doch in der verschiedenen Haltung
zu 1933. Der Begriff der Grenze will bei Hirsch mehr
sein als eine Schau. „Es soll ja garnicht ,mein' Begriff

I der Grenze sein, es soll ja der Begriff des jetzt an
uns Deutschen in der Tiefe geschichtlich Geschehenden

; sein" (20).

Auch der Begriff der Stunde steht in einem grundsätzlichen
Unterschied zu dem Kairosbegriff Tillichs. Sie
I setzten zwar beide bei der Grundfrage ihrer Generation
i ein, bei dem Verhältnis von Wahrheit, Wissenschaft und
I Begriff. Aber bei beiden stand konkret eine andere
I Haltung hinter dem Fragen. Bei Hirsch ist das Denken
volkhaft geschichtlich gebunden. Er weiß sich als deutscher
Mann durch Gott in seiner irdischen Existenz
unerschütterlich gebunden (26). Bei Tillich dagegen hatte
das marxistische Denken den politischen Primat durch
j den der Wissenschaft, Technik und Wirtschaft ersetzt.
Grundsätzlich äußert sich diese verschiedene Haltung
darin, daß Tillich dem geschichtlichen Ganzen als
Individualist und Intellektualist frei gegenüber steht,
während Hirsch sich verantwortlich gerufen weiß von
den „Herrn der Geschichte".

In einem letzten Abschnitt geht Verf. auf die Frage
des Christlichen ein. Drei Vorwürfe erbebt Tillich gegen
seine positive Stellung zu der deutschen ueschichts-
wende:

1. Hirsch sei Priester statt Kritiker;

2. er habe den Ganzheitsanspruch des Staates bejaht
und dadurch der Kirche keinen Ausweichraum
mehr gelassen und ihr bei einer widerchristlichen
Fehlentwicklung des Politischen die Möglichkeit
des Widerstandes genommen;1

1) Die Sorge, daß Hirsch zu sehr der politischen Begeisterung gefolgt
sei und nicht genug den Abstand gewahrt habe, kehrt leider auch bei
anderen wieder: H.Stephan: Albrecht Ritsehl und die Gegenwart. Z.