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Ausgabe:

1935 Nr. 23

Spalte:

417-418

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dinkler, Erich

Titel/Untertitel:

Die Anthropologie Augustins 1935

Rezensent:

Koch, Hugo

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Seite 1

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417

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 23.

418

Dinkler, Dr. theo!. Erich: Die Anthropologie Augustins. Stuttgart
: W. Kohlhammer 1934. (XI, 287 S.) gr. 8°. — Forschen, z.
Kirchen- u. Geistesgesch. Hrsg. von E. Seeberg, E. Caspar, W. Weber
. 4. Bd. RM 18—.

Augustins Entwicklung, Persönlichkeit und Anschauungen
behalten ihre Anziehungskraft für die Forschung
auch nach der Hochflut des Gedächtnisjahres 1930.
Der Verfasser des vorliegenden, von Walther Köhler angeregten
und ihm gewidmeten Werkes kam zu dem
großen afrikanischen Lehrer von der allgemeineren Frage
nach dem Ursprung und Wesen des christlichen .Dualismus
'. Dabei griff er aus der Fülle der hier hereinspielenden
Fragen die nach Augustins Menschenbild
heraus. Als Quellen kommen in erster Linie nicht die
neuplatonisch bestimmten Schriften der Frühzeit, sondern
die nach den Konfessionen verfaßten, stärker pau-
linisch aufgerichteten Schriften, also die Hauptschriften
Augustins, in Betracht, und unter ihnen wird dem Gehalt
der Predigten,, namentlich auch der von G. Morin
herausgegebenen neuen Predigten, erhöhte Aufmerksamkeit
geschenkt. Die Beschäftigung mit diesem Quellenstoff
führte den Verf. zur Erkenntnis, daß „man Augustins
Anthropologie nur gerecht wird, wenn man sie als
Theologie, Ontoiogie und Psychologie würdigt — nicht
aber einer dieser bichten alleine folgt" (Vorw. S. VII).
Um zu dieser Zusammenschau zu gelangen, erörtert D.,
nach einer Einleitung über Fragestellung, Weg und Methode
, zuerst die geschichtlichen Voraussetzungen (das
paulinische und das neuplatonische Menschenbild) und
die psychologischen und methodischen Voraussetzungen
(Augustins religiöses Bewußtsein und Wissenschafcsbe-
griff). Hierauf tritt er in die Behandlung des Gegenstandes
selbst ein und entwickelt ihn unter den Gesichtspunkten
: der adamitische Mensch, seine paradiesische
Idealität und sein Fall; die anthropologischen Möglichkeiten
und Stufen (der kranke, der kämpfende, der gesunde
Mensch); Tod und Auferstehung; das Sein des
Menschen und das Problem der Zeit. Ein Schlußkapitel
faßt die Ergebnisse zusammen, wie auch nach jedem
Hauptpunkt ein Überblick gegeben wird. Im Anhang erörtert
D. zuerst die Frage, ob Augustin eine Dreiteilung
oder eine Zweiteilung des Menschenwesens annehme
und er entscheidet sich für eine grundsätzliche .Dichotomie
' beim Kirchenvater, da dieser in De anima et eius
origine II 2,12 unmißverständlich die Wesenseinheit
von anima'und spiritus betone. Sodann bespricht er den
Anschauungswechsel Augustins in der Erklärung von
Rom. 7,14 ff. und ist der Ansicht, daß die Beziehung
dieser Stelle nicht mehr auf den homo sub lege, sondern
auf den homo sub gratia, wenn sie auch vornehmlich in
den Schriften gegen die Pelagianer vorgetragen wird,
doch nicht lediglich kämpferischer Zweckmäßigkeit, sondern
, sogar hauptsächlich, religiöser Vertiefung entsprungen
sei. Bei der Gesamtbeurteilung der Lehre Augustins
vom Menschen stellt er auch dessen eigene körperlichseelische
Wesensart in Rechnung. „Augustin war ein
zarter und äußerst sensibler Mensch. Er war keine robuste
Natur, sondern kränkelnd und von starker seelischer
Labilität" (S. 352). Und es ist wohl kein zufälliges
Zusammentreffen, daß auch Paulus an einer
„auch nicht eindeutig bestimmbaren Krankheit litt".

D. ist mit großem Verständnis in den Stoff eingedrungen
und weiß die Triebkräfte zu fassen und herauszustellen
, die auf Augustin eingewirkt haben und darum
bei der Bewertung seiner Lehren gewürdigt werden müssen
. Die bisherige Forschung hat er in reicher und guter
Auswahl herangezogen. Vollständigkeit ist ja bei
der Überfülle längst nicht mehr zu erreichen. Im Argen
aber liegt die sprachliche Form und Darstellung. Nicht
als ob es dem Verf. an Gewandtheit fehlte, aber er verschwendet
sie leider an die Aufhäufung unnötigster
Fremdwörter, und sein Stil reicht nahe an den von
Hans Jonas hin, den ich in dieser Ztg. 1930, Sp. 469f.
an den Pranger gestellt habe. Man muß hier wirklich
immer wieder ein ernstes Wort reden, um dem Unfug,

der die deutsche Sprache und die deutsche Wissenschaft
vor dem Ausland lächerlich macht, zu steuern.

Einige Proben. „Immer findet man die psychische Funktionen

' analysierende Betrachtung und die existenzielle Sicht bei Augustin neben-

J einander" (Vorw. S. VIII). Das Wort .existentiell' kehrt immer wieder.

: „Alle besitzen jenen Dualismus als ein fundamentales Apriori", „konti-

! nuierliche Totalität", „strukturelle Einheitlichkeit dieses Phänomens",
„er kann die Dualität nicht ertragen, will sie transzendieren (zielend!),
will zur Totalität zurück" (S. I). „Der mikrokosmische Dualismus wird
in den Makrokosmus hineinprojiziert" (S. 2), „Komponenten der Existenz",
„beide Problemkonzeptionen haben ihre besondere Typik" (S. 5).

| „Deszendierende Leiter", „Substrat", „positive Potenz", „Negation",

| „konfrontieren", „manifestiert" (S. 25). Auf derselben Seite setzt D.
„Ideeierung" selbst in Anführungszeichen, ebenso S. 29 „Transegotismus".

J „Linearprogressiv", „theopanistische Form", ontologischeSystematisierung"
(S. 39), „introspektive Analyse" (S. 46), „Occasionell" (S. 50), „infinite
Möglichkeiten" (S. 77), „vitale Potenz" (S. 104) u. s. w. S. 114 A 2:
„Die verschiedenen asketischen Tendenzen I Kor. 7 werden nicht durch
eine Ablehnung des Sexuellen an sich bestimmt, sondern einzig durch

j die Sorge, daß der Mensch im Zusammensein und geschlechtlichen Ver-
kehr mit dem Weibe die Dominante der eschatologischen Ausgerichtet-
heit verlieren könnte". Könnte ein einfacher Gedanke noch gespreizter
ausgedrückt werden? Oder konnte sich die Dominante phraseologischer

I Ausgcrichtetheit noch existentieller manifestieren? S. 121: „Wie ist es
möglich, daß von der Geschlechtslust die totale Verderbnis und Ansteckung
der physischen ebenso wie der psychischen Menschennatur von

I Augustin gelehrt wird?" Schreibe: daß Augustin die ... . von der
Geschlechtslust erklärt. S. 15: Nicht als ob die .... selbst eine Macht
darstellt (richtig S. 20: nicht als ob . . . sei). S. 6 „diesbezüglich",
S. 6 A 1 „scheinbar" statt „anscheinend". — S. 69 A. 1 „Theophilus ad
Autolikon" st. ad Autolycum. Der Name Turmeis ist S. 121 A. 4 und
im Verzeichnis „Thurmel" geschrieben. — Der Irrtum, daß Cyprian in
ep. 55, 20 ein Fegfeuer im Auge habe (S. 212 f. A. 6), scheint unausrottbar
zu sein (siehe Internat, kirchl. Ztschr. 1922, S. 57 ff.) — S. 36
ist zu lesen. „410 ist Rom in den gierigen Händen der Barbaren".
Wozu das? Hatte Rom niemals „gierige Hände", bloß die „Barbaren"?
— S. 15 A. 2 ist von „früheren Zeiten" die Rede mit Bezug nicht bloß

I auf Holsten, sondern auch auf Lüdemann, Holtzmann, Sokolowski u.

! Joh. Weiß. Wie rasch die Zeit doch vergeht! Oder vielmehr: wie weit

i sich das junge Geschlecht von dem älteren entfernt fühlt!

München. Hugo Koch.

Grunewald, Käte: Studien zu Johannes Taulers Frömmigkeit
. Leipzig: B. G. Teubner 1930. (VIII, 60 S.) gr. 8°. = Beiträge
z. Kulturgesch. d. Mittelalters u. d. Renaissance , hrsg. v. W. Goetz,
Bd. 44. RM 3 60.

Reinhold Seeberg hat uns einst als Studenten seines
Seminars angespornt, die noch nicht geschriebene Geschichte
der Frömmigkeit zu treiben. Daß die Verfasserin
neuer Taulerstudien, die sie auf 60 wohlgefüllten Seiten
in beredtem edlen Deutsch bietet, ihre Darbietung frömmigkeitsgeschichtlich
und nicht dogmengeschichtlich
anzulegen sich bemüht hat, zeigte ein verheißungsvolles
wissenschaftliches Ziel: „es gilt (Seite 3),
beim Aufsuchen des Frömmigkeitsgehalts dieser (Tau-
ler-)Predigten den Blick, der meist nur auf die aller-
: dings mystischen „Zentrallehren" gerichtet ist, auch auf
die Umgebung zu richten, in der diese Lehren stehen,
; diese Umgebung als den nährenden Boden zu erkennen
". Größere und kleinere Hinweise der angedeuteten
Art finden sich denn auch mehrfach (besonders Seite 12,
26, 51, 52 und 56) in der Arbeit, die ja nicht die Frömmigkeit
Taulers, sondern Studien dazu, geschöpft allein
aus dem literarischen Vorrat seiner Predigten, zum Gegenstande
haben will.

Aber auch zu solchen Studien, wenn sie frömmigkeitsgeschichtlich
sein wollen, gehört eine frömmigkeitsgeschichtliche
Methode. Dabei sei eines allerdings
gleich zuerst und vor allem betont, daß, wenn das Haupterfordernis
einer Frömmigkeitsgeschichte dasjenige ist,
daß sie mit und aus Frömmigkeit geschrieben werde —
so wie K. J. Nitzsch in der Gedächtnisrede auf August
Neander von dessen Kirchengeschichte, die eine Geschichtsschreibung
der Frömmigkeit war, geurteilt hat.
daß sie neu sei durch eine Geschichte des Reiches Christi
in der Kirchengeschichte und durch die beständig gesuchte
Vermittlung zwischen beiden —, daß unter diesem
Kriterium die Käte Grunewaldschen Ausführungen die
Feuerprobe wohl bestehen müssen. Denn man legt zu-