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Ausgabe:

1935 Nr. 22

Spalte:

404-405

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rademacher, Arnold

Titel/Untertitel:

Religion und Bildung 1935

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 22.

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verwertet, und er ist in der Lage, das von der Kritik beanstandete und
vielfach verbesserte exsivcoc, in Enn. V, 2, 1,1 durch das Mo modo
in adv. Ar. IV, 22 als ursprünglich zu erweisen. — J. Z e i 11 e r zeichnet
S. 513 —542, ebenfalls einem Abschnitt aus einem demnächst erscheinenden
Werke, dem 1. Bande einer Kirchengeschichte, in kurzen Strichen
,das christliche Leben in den ersten zwei Jahrhunderten
'. — Mittelalter. J. Duhr legt S. 200 — 206 dar, daß Papst
Marin us (882—884) zwar vorübergehend Bischof einer auswärtigen
Stadt war, aber wegen can. 15 von Nicaea kurz vor seiner Wahl auf
sein Bistum verzichtete und wieder Dienst als römischer Archidiakon
tat, um zum Papst gewählt werden zu können. —■ P. Aubron, La
Marialogie des St. Bernard', S. 543—577, schildert das Verhältnis
Bernards zu Maria von seiner Jugend an und ebenso das seiner
Abtei Clairvaux, hierauf seine Anschauungen über Maria; ihre Frage
an den Engel Luk. 1, 34, ,qui embarasse tant lei exegetes rationalistes',
erklärt sich ihm klar aus dem Gelübde der Jungfräulichkeit (S. 558). —
Neuzeit. J. Lecler beschließt S. 47 —85 seine Abhandlung über
,Die Freiheiten der gallikanischen Kirche' (siehe diese
Ztg. 1934, Sp. 211): er behandelt die Entwicklung der Fragen seitdem
aufsehenerregenden, aber im Grunde keine neuen Lehren über Pierre
Pithou hinaus enthaltenden Werte Pierre Dupuys (1639) bis zum Ende
des ,ancien regime', die ziemlich gleichmäßige Haltung der Parlaments-
juristcn und die verschieden abgestuften Anschauungen des Klerus, die
Erklärung von 1682 und ihre Nachwirkungen, sowie die weiteren Verwicklungen
unter Ludwig XIV, und schließt mit einem kurzen Rückblick
. -

Moral. G. Fressard handelt S. 165—198 vom .schlechten
Gewissen' mit Bezug auf das gleichnamige Buch von M. Jankele-
vitsch, indem er dessen Vorzüge und Schwächen vom katholischen
Standpunkt aus hervorhebt. — J. Rimaud will S. 385—402 gegenüber
der neuesten Unterscheidung zwischen Gut und Pflicht den , Car acter
e spirituel de la m orale chretienne' im Evangelium und
in der katholischen Theologie herausstellen; der Aufsatz wird fortgesetzt
werden. — G. de Brogl ie beabsichtigt drei Studien zu veröffentlichen,
die vorliegende erste .Malice intrinseque du peche et peches
heureux par leurs cons£quences',S. 302—343,will die innere
Schlechtigkeit einer sündhaften Handlung zergliedern und dartun, daß sie
nicht für alle mehr schlechte als gute Folgen zu haben brauche. Es
gebe also Sünden, die in Anbetracht ihrer glücklichen Auswirkungen
für diese oder jene Person, namentlich für den Schuldigen selbst, als
von Gottes Vorsehung zum Vorteil jemandes zugelassen betrachtet werden
können und müssen (vgl. dazu diese Ztg. 1934, Sp. 27).

Zum Schluß sei noch die Abhandlung von Ch. deMore — Pont-
gibaud, Une histoire de la pens£e, S. 257—301, angeführt,
worin die Grundgedanken der aus Vorlesungen am College de France
hervorgegangenen, von Rom auf den Index gesetzten Werke des Philosophen
Le Roy, eines Schülers Bergsons, herausgestellt und ihre Bedenklichkeiten
und Fehler vom kirchlichen Standpunkt aus aufgezeigt
werden.

München. Hugo Koch.

Bulgakoff, Sergius,Ph. D.: Social teaching in modern Russian
Orthodox Theology. Evanston, III.: Seabury-Western Theological
Seminary 1934. (28 S.) 8°. $ —.25.

Die Schrift Bugakoffs gibt eine klare und eindringliche
Darstellung der christlich-sozialen Gedanken russisch
-orthodoxer Denker. Das Problem wird herausgearbeitet
durch eine geschichtliche Übersicht über die
Stellung der Christenheit zum wirtschaftlichen und sozialen
Leben. Die Urehristenheit kennt keine wirtschaftlichen
und sozialen Probleme. Sie erwartet das Ende
der Welt und ist darum ganz in Anspruch genommen
durch die Sorge um das Heil der einzelnen Seelen.
Seit Konstantin tritt ein Wandel ein: der Staat wird von
der Kirche sanktioniert. Aber die Vercbristlichung ist
nur oberflächlich. Darum flüchtet sich die radikal-asketische
Richtung in das Mönchtum. Die römisch-katholische
Kirche fordert dann nach dem Vorbilde Augustins,
daß das Reich der Welt sich dem Reich Christi und
also der römischen Kirche unterwirft, und erwartet davon
die Lösung aller sozialen Fragen. Die protestantische
Kirche stellt beide Reiche als gleichberechtigt nebeneinander
. Das führt aber zum Aufkommen eines
neuen Heidentums im staatlichen und wirtschaftlichen Leben
. Dieses neue Heidentum ist durch die Kirche verschuldet
; denn die Kirche ist der Welt die christliche
Lösung der sozialen Frage schuldig geblieben. Der
„gottlose Humanismus", der seinen schroffsten Ausdruck
im Kommunismus gefunden hat, bedeutet also eine Frage
der Welt an die Christenheit. Die Antwort ist

der „christliche Humanismus", der von den russischen
Denkern prophetisch verkündigt wird.

Christus bringt nicht nur die Erlösung der Einzelnen,
sondern auch die der Menschheit. Die Kirche ist ihrer
ewigen, göttlichen Natur nach (als ootpia) die Gottmenschheit
. Die Christenheit ist zur gemeinsamen Ar-
! beit an den sozialen Aufgaben berufen. „,Das soziale
Leben muß entsprechend den Forderungen der christlichen
Liebe organisiert werden, ebenso das Ganze des
politischen Lebens" (S. 17). Gott erwartet die Mitarbeit
■ seiner Christenheit. „Das Königreich Christi muß gewonnen
werden durch gemeinsame Arbeit, durch die
! schöpferische Anstrengung der Menschheit ebenso wie
durch das schöpferische Wirken Gottes" (S. 21). Erst
dann, wenn die Christenheit dieses Werk mit Hilfe
Christi und in seinem Namen vollendet hat, kommt die
| Zeit, von der die Apokalypse spricht. „Wenn soziales
I Christentum apokalyptisch verstanden wird, führt es
! zum eschatologischen Ende dieser Welt und zu ihrer
j Verwandlung in den neuen Himmel und die neue Erde,
das himmlische Jerusalem, die heilige Stadt, die von
! Himmel herabsteigt" (S. 21f.).

Es ist offensichtlich, daß diese Gedanken sich mit
I der Theologie unserer Reformatoren und Bekenntnisschriften
schwer vereinigen lassen. Die Spekulationen
I über die Soqna sind uns fremd, der Gedanke einer Zu-
I sammenarbeit von Gott und Menschheit an der Welterlösung
mag in dieser Form als gefährlich erscheinen.
Das darf für uns aber kein Grund sein zu voreiliger
! Ablehnung. Die Not, aus der heraus diese Gedanken
i kommen,, ist nicht zu Leugnen und wird gerade von der
| russischen Christenheit besonders stark empfunden. Die
Schuld der Kirche wird von Bulgakoff eindringlich dar-
j gestellt. Darum darf der prophetische Ruf der russischen
Kirche nicht überhört werden.

Frankfurt/M. Wilhelm Sch ümer.

Rademacher, Prof. Dr. A: Religion und Bildung. Eine kultur-
philosophische Betrachtung. Bonn: Peter Hanstein 1935. (X, 230 S.)
8°. Kart. RM 4.40 ; geb. 5.50.

Der katholische Verfasser ist weit offen für die
Kritik an der Hochschulbildung, die zu wenig auf unmittelbare
sittliche und soziale Erziehung des akademischen
Bürgers gerichtet war und die wissenschaftliche
Bildung spezialistisch verengte. Auch sieht er klar die
Verlegenheit, in der wir infolge der aktuellen Bildungskrisis
stehen, die durch die Lebensfremdheit und die
Entfernung der Bildung von der Religion bedingt ist.
Unter schärfster Ablehnung des Idealismus als dem
Christentum gegensätzlich, wofür viele protestantische
Wortführer herangezogen werden, wird eine Fundierung
der Bildung im Religiösen, für den Verfasser bedeutet
das im katholischen Christentum, gefordert.

„Wenn durch Gottes Macht und Gnade und der Menschen geistige
und seelische Bereitschaft einmal der Tag anbräche, wo unser Volk, Europa
und die Welt wieder eins gingen in der Achtung vor den Lebenswerten
der Religion und der wahrhaft humanen Bildung und von hier aus in
dem Verständnis für die Zusammengehörigkeit beider und dem ehrlichen
Willen zu ihrer Versöhnung und Vermählung, dann währe wahrhaftig
das Morgenrot einer ökumenischen christlichen Kultur
und des Gottesstaates auf Erden aufgegangen."

Eingehend wird die Bildung nach der subjektiven
und nach der objektiven Seite analysiert und bestim.nt.
Die pädagogische Bedeutung der Religion wird als Beseelung
und Ausrichtung der Bildung auf den gottgläubigen
, christlichen, kirchlichen und ökumenischen Menschen
hin verstanden. Das spezifisch Katholische in der
Bildung ist für den Verfasser — über das Konfessionelle
hinausgreifend — identisch mit dem Ökumenischen
und wird als Optimismus, Freiheit, Stilreinheit und
Heiligkeit näher bestimmt und gegen eine philosophischhumanistische
Deutung dieser Begriffe abgegrenzt. Dabei
fällt der Akzent nicht so sehr auf die Spannung
zwischen Natur und Gnade, sondern auf die unendliche
Aufgabe der psychologischen Entwicklung. Der Protestant
wird hier vielleicht stärker die Spannung und die