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Ausgabe:

1935 Nr. 22

Spalte:

396-398

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leipoldt, Johannes

Titel/Untertitel:

Gegenwartsfragen in der neutestamentlichen Wissenschaft 1935

Rezensent:

Michel, Otto

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895

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 22.

396

auffallend spärlich. Auf der anderen Seite ist wohl auf
die Deutung weniger Inschriften so viel Mühe und
Scharfsinn verwandt worden, wie gerade auf diese palästinensischen
.

Dirimger gibt den Texten, die auf 28 Tafeln (dazu
1 Schrift-Tafel) teilweise recht gut, im Übrigen doch für
den Zweck genügend abgebildet sind, durchweg einen
eingehenden Kommentar bei, in dem er über alle Gesichtspunkte
im Wesentlichen erschöpfend referiert, besonders
auch über den bisherigen Stand der Deutung,
sowie eine ausführliche Bibliographie. Es dürfte Dirin-
ger kaum etwas Wichtiges entgangen sein. Sein eigenes
Urteil über Lesung und Deutung ist besonnen und gewissenhaft
. Bei dem außerordentlich starken Interesse,
das alle altpalästinensischen Inschriften gefunden haben,
hat man eigentlich das Empfinden, daß so ziemlich alles,
was über sie überhaupt gesagt werden kann, bereits ausgiebig
ausgesprochen ist. Wenn sie trotzdem vielfach
ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, so liegt das gewiß
hauptsächlich daran, daß die zu Gebote stehenden Hilfsmittel
einfach nicht ausreichen, um die Rätsel zu lösen.
Bei dieser Sachlage ist es gewiß nicht zu erwarten, daß
Diringer sehr viel Neues zur Deutung beibringt — ganz
abgesehen davon, daß das nicht der Zweck seines Buches
ist. Um so mehr ist anzuerkennen, daß er doch gelegentlich
eine neue Lesung vorzuschlagen hat, z. B. S. 172,
wo er das Siegel Nr. 11 mit großer Wahrscheinlichkeit
als roab liest.

Die Art der Schwierigkeiten, die noch immer der
sicheren Deutung im Wege stehen, möge mit wenigen
Bemerkungen zu dem Kapitel von den Siege lieg enden
angedeutet werden. Bei der Legende DTib Sigilli Nr. 8
(S. 170) kann ich meine Bedenken gegen die Auffassung
von trn als Personenname in dieser frühen Zeit nicht
überwinden. Da an eine Fälschung wohl nicht zu denken
ist, legt sich die Vermutung nahe, daß die hebräische
Legende eine Art Übersetzung der auf dem Siegel eingegrabenen
ägyptischen Lebens-Hieroglyphe sei. Nimmt
man das aber einmal an, so ergibt sich, daß das so viele
Legenden eröffnende b keineswegs immer das lamed
possessoris zu sein braucht, wie man im Übrigen gerne
annehmen würde. Zieht man diese Konsequenz, so ist
man auch versucht, in den beiden mit -n-b beginnenden
Legenden S. 204 f. die neuere Deutung, die -ot als
Eigennamen auffaßt, wieder aufzugeben. Damit würde
aber die Gruppe der Siegellegenden, die zwei Personennamen
unvermittelt neben einander stellen, wieder um
einige Beispiele vermindert. Man könnte weiter versucht
sein Nr. 58: lrraT nb-ab, wie man früher wollte,
„Heil Jeremija!" zu übersetzen, wobei man nicht gleich
an den Propheten dieses Namens zu denken braucht.
Da auch bei einigen der übrigen Siegel dieser Gruppe
eine andere Deutung nicht ganz ausgeschlossen erscheint,
könnte sich die Frage erheben, ob überhaupt eine un-
verbundene Nebeneinanderdarstellung zweier Personennamen
im Sinne von: X Sohn des Y als üblich und
gesichert anzuerkennen bleibt. Referent will hier gewiß
nicht die herrschende Deutung einfach für falsch erklären
; er möchte nur darauf hinweisen, wie unsicher die
Erklärung vielfach noch ist, und bekennt, daß er selbst
manchesmal bei einem non liquet stehen bleiben würde.

Diese Bemerkungen berühren die Aufgabe, die sich
Diringer gestellt hat, ja nicht unmittelbar. Und es mag
nochmals hervorgehoben werden, daß er diese Aufgabe
recht gut gelöst und sich damit ein wirkliches Verdienst
erworben hat. Und wenn wir zum Schlüsse die Frage
aufwerfen müssen, ob es sachlich angebracht ist, die althebräischen
Inschriften so zu isolieren, so wollen wir
doch gewisse praktische Gesichtspunkte nicht abstreiten
, die dafür sprechen konnten, und müssen jedenfalls
anerkennen, daß auch bei einem weiter gezogenen Rahmen
mit einer engeren Gruppe begonnen werden muß.
Es ist ganz gewiß nicht Diringers Meinung, daß die Klärung
der vielen Fragen, die das spärlich erhaltene Material
der althebräischen Inschriften aufwirft, ausschließlich
aus ihm selbst heraus erfolgen müsse. Und wenn
gelegentlich eine solche Folgerung aus seiner Abgrenzung
gezogen werden sollte, wäre es nicht seine Schuld.
Göttingen. R. H artmann.

j Leipo ld t, Johannes: Gegenwartsfragen in der neutestament-
lichen Wissenschaft. 1. Jesus als Kämpfer. — 2. War Jesus Jude ?
— 3. Artgemäßes Christentum. Leipzig: A. Deichert 1935. (IV,
133 S.) gr. 8°. RM 3.80.

Unter diesem Titel schließt der Verf. drei Studien
zusammen: 1. Jesus als Kämpfer, 2. war Jesus Jude?
3. Artgemäßes Christentum? Diese Studien sollen an
| frühere Arbeiten anknüpfen: 1918 „Die männliche Art
j Jesu", 1923 „War Jesus Jude". Nach L. erscheint Jesus als
„ein Mann heißen Blutes, der innere und äußere Kämpfe
j auszutragen hat und austrägt" (S. 1). Nur zwei Ausnähmen
läßt der Verf. gelten: 1. Bei Jesus fehlt fast
völlig der Gedanke an den messianischen Krieg (S. 6)
j und 2. Der Ausgang Jesu ist die Leidensgeschichte (S. 7).
I Aber diese Ausnahmen sind nur scheinbar, denn die
j Vorstellung des messianischen Krieges ist für Jesus
unbrauchbar („Hier ist es zweifellos der Gegensatz
[ gegen jüdische Art, der Jesus weniger kriegerisch er-
j scheinen läßt als den jüdischen Messias" S. 6—7) und
j Jesu Leiden ist vielmehr ein Tun (S. 7). Im ältesten
I Jesusbild sind nach L. wohl weiche Züge
j vorhanden, aber sie treten zurück. Wann be-
j ginnt man, die „weichen Züge" mit stärkeren Farben
! herauszustreichen? Vielleicht schon in der Bergpredigt
j des Matth.; das Wort vom Backenstreich (Matth. 5, 39fL)
I kann nach Meinung von L. aber auch besagen: „Man
I soll nicht viel Wesens machen von den Kleinigkeiten des
j Alltags. Sie lohnen den Kampf nicht" (S. 8). Im Judenchristentum
wird durch Jes. 53 und die Vorstellung vom
Gottesknecht das Wesen Jesu einseitig festgelegt (S. 9),
| im Heidenchristentum ist die vergeistigte Gottesidee
daran schuld, daß man immer weniger die Erregung der
j Seele und das Kämpferische in der Person Jesu betont
j (S. 10). Allerdings treten Hebr. und Joh. noch einmal
i gegen platonische und doketisehe Gedanken auf und
| schildern mit bemerkenswerter Anschaulichkeit die
I menschliche Art Jesu, seine Arbeit, seinen Kampf (S. 12).
Das verschiedene Jesusbild bringt verschiedene
Jesusfrömmigkeit mit sich, die
I aber nicht immer genau dem Jesusbild entspricht
(so fällt bei Paulus beides auseinander S. 14).
Weich ist die Stimmung der Brautmystik in den messianischen
Bildern vom Bräutigam, vom Hochzeitsmahl,
vom Weinstock (S. 14), männlich ist das Bekenntnis zu
Jesus als dem Herrn und die sportliche Sprache beson-
i ders des Paulus (S. 15—16). War Jesus Jude? Jesus
I ist Galiläer, aber wir wissen nicht viel über die jüdische
I Besiedlung des Landes; Jesus ist der Überlieferung nach
| Davids Sohn, aber die Stammbäume bei Matth, und Luc.
! stimmen nicht überein („Fragezeichen über Fragezeichen
!"). L. schlägt vor, von der verschiedenen
seelischen Haltung der Völker auszuge-
i hen und erinnert an Schlatters früheren Versuch,
das jüdische Wesen zu charakterisieren (S. 20). Da aber
dieser Weg bisher noch wenig begangen ist, zieht der
Verf. die vergleichende Religionsgeschichte heran, in
j der er zwei Frömmigkeitstypen unterscheiden will: Eine
I Frömmigkeit, die vorwiegend die Nähe Gottes empfindet,
' und eine Frömmigkeit, die zunächst die Größe der Gottheit
erlebt. Aber die rassische und völkische Verteilung
auf Indogermanen und morgenländische Wesensart gelingt
nicht und L. muß angesichts des persischen und
römischen Gottesglaubenis bekennen, „daß die Rechnung
nicht ohne Rest aufgeht" (S. 21). Statt nun in dem Zutrauen
zu seiner religionsgeschichtlichen Konstruktion
irre zu werden, stellt der Verf. die weit und allgemein
gefaßte These auf: „Völkische Eigenart, erlebte Ge-
| schichte, und gewiß noch manche andere Ursachen (etwa
I die Sondereigentümlichkeiten der religiösen Führer) gestalten
die Frömmigkeit einer Gemeinschaft; verschie-