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Ausgabe:

1935 Nr. 21

Spalte:

387-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Marquardt, Generosus

Titel/Untertitel:

Das Wunderproblem in der deutschen protestantischen Theologie der Gegenwart 1935

Rezensent:

Schlingensiepen, Hermann

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Seite 1

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387

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 21.

388

leider eine furchtbare Tatsache, daß Enkel und Urenkel
oft genug unter den Sünden ihrer Vorväter schwer
zu leiden haben. So ernst ist es in der Tat um Gut
und Böse. Es ist sinnlos, zu sagen, Jahwe habe es
absichtlich so eingerichtet, daß Vater und Mutter für
Kirchensünden (!!! Witte) an ihren Urenkeln gestraft
werden. Wenn die Urenkel leiden, in wiefern ist das
eine Strafe für Voreltern, die dann längst tot sind? In
Wirklichkeit will R. der ernsten Wirklichkeit der Verantwortung
des Menschen nicht ins Gesicht sehen. Daher
ist seine Behauptung, „die Sünde, die Sündhaftigkeit
und das Sünde-Problem spielte für Jesus eine geringe
Rolle" (S. 108), nicht nur an sich eine Ungeheuerlichkeit,
sondern ist nur einer der vielen Sätze, in denen der
Unernst dieser „deutschen" Religion zu Tage tritt. Um
Gott geht es hier in der Tat. Aber der, der allein der
lebendige Gott ist, ist nicht ein „Etwas", sondern der
Herr, der Heilige. Und den will man nicht anerkennen.
Das ist der entscheidende Punkt.

Berlin. Johannes Witte.

Marquardt, P. Dr. Qenerosus, O. F. M.: Das Wunderproblem
in der deutschen protestantischen Theologie der Gegenwart. München:
M. Hueber 1933. (VIII, 336 S.) gr. 8°. RM 8.25; geb. 9.50.

Der Verf., Lektor der Theologie in Fulda, hat es
sich zur Aufgabe gemacht, ein umfassendes Referat über
die verschiedenartige Stellungnahme zum Wunderproblem
in der deutschen protestantischen Theologie seit
der Jahrhundertwende zu erstatten. Es ist bezeichnend
für das ausgesprochen apologetische Interesse, das ihn
leitet, daß er sich bei seiner Untersuchung fast ausnahmslos
an die einschlägigen systematischen Veröffentlichungen
hält, unter fast völligem Verzicht auf die
gleichzeitigen Arbeiten der Exegeten. So kommt unter den
Religionsgeschichtlern in der Hauptsache E. Troeltsch
zum Wort, und bei der Darstellung A. Schlatters, der
mit Recht besonders gewürdigt wird, sind gerade diejenigen
Unterlagen nicht genutzt, aus denen sich am
meisten lernen läßt: seine Neutestamentliche Theologie
und seine Monographie über den Glauben im N. T. Das
erscheint umso bedauerlicher, als der Verf. im übrigen
um der Vollständigkeit seines Bildes willen keine Mühe
gescheut hat, auch Entlegenes und fast Vergessenes
heranzuziehen. Seine Untersuchung ist nach Schulen gegliedert
. „Religionsgeschichtler", „Ritschlianer", „Modern
-Positive", „Lutheraner", „Biblizisten" und „Die
Theologie der Krisis" werden nacheinander behandelt.
Die Charakteristik geschieht nach eigenem Eingeständnis
nur flüchtig, gelegentlich auch unzutreffend. (So
sollen die Biblizisten, unter ihnen A. Schlatter und H. E.
Weber, sich von den Vertretern der dial. Theol. vornehmlich
dadurch unterscheiden, daß sie „auf der Inspirationslehre
" „fußen" (S. 282); von Barth und seinen
ursprünglichen Mitarbeitern heißt es, daß nach ihrer
Auffassung Gottes Wort in der Bibel „jenseits des Menschenwortes
erst noch gesucht" werden müsse (S. 283),
womit offenbar gerade der entscheidende Punkt in der
Bestimmung des Verhältnisses von Geist und Buchstabe
in der Hl. Schrift verkannt ist, um die es den Genannten
geht.) Die Wiedergabe der verschiedenen Anschauungen
geschieht durchweg in anerkennenswerter Sachlichkeit
und Gründlichkeit. Der Verf. macht kein Hehl
daraus, daß er durch die reiche Fülle der Gesichtspunkte,
die sich ihm im Laufe seiner Untersuchung darbot,
überrascht worden ist; ja, er glaubt durch sein Referat
eine „breite Grundlage geschaffen zu haben, von der aus
eine umfassende systematisch-kritische Behandlung" der
aufgegriffenen Frage im eigenen Lager „hinreichend ermöglicht
" sei, „sei es vom polemischen oder apologetischen
Standpunkt aus" (S. 322). Mehr als Material
allerdings bedeuten ihm die Ergebnisse seiner Arbeit
im Blick auf die Lösung des Wunderproblems selbst
nicht. Die mitgebrachten scholastisch - aristotelischen
Voraussetzungen hindern M. daran, den eigentlichen
Ansatzpunkt protestantisch-theologischen Denkens, dem

es von Haus aus grundsätzlich vor allem um Auslegung
der Hl. Schrift geht, zu würdigen oder auch nur wirk-

j lieh wahrzunehmen. Da er mit einem vorausgegebenen,
rationalen Wunderbegriff arbeiten zu können meint, der
ihm durchgehend als kritischer Maßstab dient (vgl. S. 7
u. 8 und das ceterum censio am Schluß jedes einzelnen
Absatzes), vermag er in der ihm begegnenden strengen
Aufeinanderbeziehung von Wundererkenntnis und Glaube

I nur das zweifelhafte Wagnis eines Schwebens im leeren

I Raum zu sehen, worin ihm allerdings die Haltung der
auf dem Boden des kantischen Kritizismus erwachsenen
Bewußtseins- und Erlebnistheologie, mit der er bis in
die Reihen der sog. Lutheraner hinein zu tun hat, weithin
Recht zu geben scheint. Auch das wird man ihm
nicht ohne weiteres verargen dürfen, daß ihn der starke
Eindruck des Uneinheitlichen und Privaten in den mannigfachen
wiedergegebenen Gedankengängen auf einen
tieferen Mangel an überzeugender Klarheit und Bestimmtheit
protestantisch-theologischen Denkens überhaupt
schließen läßt- Hier wie dort wirkt sich jedoch
auch eine der Hauptschwächen der Untersuchung selbst
aus, die verpflichtendes Erbe und ephemere Versuche
in der Würdigung nicht auseinanderhalten kann, da sie
auf einen Rückgang auf die wegweisenden Erkenntnisse,
die am Anfang der protestantischen Theologie stehen,
bewußt verzichtet hat. Vielleicht würde M. die Schwäche
seiner eigenen Position deutlicher geworden sein,
wenn er die Bedeutung des sich zurzeit neu durchsetzenden
reformatorischen Schriftverständnisses für die Begründung
evangelischen Wunderglaubens und evangelischer
Auffassung vom Wesen und Sinn des in der Bibel

i bezeugten Wundergeschehens erkannt hätte. Was immer
aber in dieser Richtung gesagt werden muß, die gegenwärtige
protestantische Theologie hat Grund, dem Verf.
für den Spiegel, den er ihr vorhält, dankbar zu sein.
Ilsenburg. H. Schlingensiepen.

Dittrich, Prof. Dr. Ottmar: Geschichte der Ethik. Die Systeme
der Moral vom Altertum bis zur Gegenwart. Bd. 1 — 4 Leipzig: F.
Meiner 1926—1932. gr. 8°. 1 (VIII, 374 S.) RM 15—; geb. 17.50.

2 (VII, 311 S.) „ 12— ; „ 14.50.

3 (VIII, 510 S.) „ 20— ; „ 23.—.

4 (XI, 570 S.) „ 30-; „ 33.—.

Daß die Besprechung dieses 1923 unter dem Titel
„Die Systeme der Moral" begonnenen, 1926 mit dem 3.
Bd. als „Geschichte der Ethik" fortgeführten und im
gleichen Jahr unter Abänderung des Titels der beiden
ersten Bände als „Geschichte der Ethik", Bd. 1—3 der
Theol. Literaturzeitung zur Verfügung gestellten imponierenden
Werkes erst heute erfolgt, geht außer auf
persönliche Gründe, die hier nicht zu erörtern sind, auf
den Wunsch des Unterzeichneten zurück, den Fortschritt
des Werkes bis zur Darstellung der Ethik der Reformatoren
abzuwarten. Darf doch von evangelisch-theologischem
Gesichtspunkt aus die Behandlung der reformatorischen
Ethik einerseits als das Kernstück der Geschichte
der abendländischen Ethik angesehen werden
und muß sich doch hier andererseits die eigene Ansicht
des Historikers von dem, was in so vieldeutigem Sinne
„Ethik" heißt, zeigen.

Der 4. Bd. brachte 1932 die Behandlung der Ethik
der Reformatoren und des lutherisch-kirchlichen Pro-
I testantismus. Der Plan, schon mit Bd. 4 bis zum „Aus-
I gang des Mittelalters" vorzustoßen, erfüllte sich dem
Verf. wegen der Stoffülle nicht. Der 5. Bd. soll über
die Ethik der reformierten Kirchen bis er. 1689 und
über die Gegenreformation handeln. Denkt man daran,
welch ein weiter Weg vor und nach Kant noch zu durchmessen
ist, wenn in gleicher Weise wie bisher verfahren
werden soll, so läßt sich voraussehen, daß weitere
Bände das Ganze abrunden müssen. Für uns ist es
trotz der unliebsamen Verzögerung der Anzeige jeden-
| falls von Vorteil, den erst 1934 übersandten 4. Bd. der
! Beurteilung der Gesamtleistung mit zu Grunde legen
! zu dürfen.