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Ausgabe:

1935 Nr. 21

Spalte:

384-385

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Martin Luther 1935

Rezensent:

Lerche, Otto

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383

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 21.

384

Vorgänger und Nachfolger hinweist, die Unterschiede
zum Thomismus aufdeckt (Sp. 160 f.) und diese als ein
Nachwirken von Anregungen Bonaventuras und des Duns
Scotus erklärt (Sp. 156—166).

Den einzelnen Persönlichkeiten sind meist kleinere
Artikel gewidmet, die besonders alle ihre mystischen
Werke zitieren und deren Inhalt kurz umschreiben, so
daß das Lexikon auch zugleich eine Bibliographie der
mystischen Literatur des Katholizismus enthält. Das
macht freilich die Lektüre nicht immer anziehend, bildet
aber ein bequemes Orientierungsmittel, zumal der Forscher
hier Namen findet, die ihm sonst kaum begegnet
sein mögen.

Von besonderem Interesse sind natürlich die grossen
Artikel, auf denen der Hauptnachdruck liegt:
abandon Sp. 2—49 (Viller S. J. und Pourrat), abnega-
tion Sp. 67—110 (de Guibert S. J. und DaeschlerS. J.),
abstinenee Sp. 112—133 (Mugnier), adoration Sp. 210
bis 222 (Molien), affections Sp. 235—240 und affective
(spiritualite) Sp. 240—246 (beide von Pourrat) und der
bereits erwähnte Artikel accroissement des vertus Sp.
138—166.

Die Anlage dieser kleinen Aufsätze ist im großen
und ganzen immer die gleiche. Sie zeichnen sich durch
klare Begriffsbestimmungen aus, die den jeweiligen Gegenstand
des Interesses von ähnlich lautenden Termini
scharf scheiden, sie sind durchsichtig in ihren dogmatischen
Partien, gut aufgebaut, bei aller Kürze doch alles
Wesentliche sagend, auf Schritt und Tritt scholastische
Schulung und starke Abhängigkeit von Thomas verratend.
Villers Artikel über abandon wäre hier vornehmlich zu
erwähnen, aber auch der kurze Artikel abus de la gräce
(Sp. 133—137), den A. Legrand geschrieben hat, ist ein
kleines Kabinettsstück in dieser Hinsicht (cf. auch den
Artikel Adam Sp. 187—195 von Onings O.F.M.). Verglichen
mit den dogmatischen Partien treten die historischen
an Wert erheblich zurück. Hier werden meist
ohne inneren Zusammenhang Zitate aneinandergereiht,
wobei die Chronologie die Reihenfolge bestimmt, hier
bieten sich für den kritischen Leser manche Angriffsflächen
. Daß ein so bedeutender Forscher wie Pourrat
nicht zu einem tieferen Luther-Verständnis vorgestoßen
ist, daß er sich damit begnügt, Grisars Ansichten über
die Rechtfertigungslehre des Reformators zu wiederholen
, daß er Luthers Turmerlebnis mit Grisar immer
noch 1519 ansetzt (Sp. 41f.), bleibt zu bedauern. Es
wäre m. E. auch mit einem streng katholischen Standpunkt
vereinbar gewesen, die Quellen selbst zu befragen
und auch ernsthafte protestantische Untersuchungen zu
Rate zu ziehen, anstatt etwa das pecca fortiter (es steht
bei Enders III, 208, nicht 298, wie Pourrat fälschlich angibt
) immer noch so falsch auszulegen;: „laissera les
passions s'agiter tant qu'elles voudront". Daneben finden
sich noch manche, von konfessioneller Einstellung
unabhängige Fehler, so wenn die Enkratiten den Lehren
der Manichäer (!) folgen sollen, wofür Clemens Alex,
als Beweis angeführt wird (Sp. 126 f.), wenn die Irrtümer
der Katharer im wesentlichen mit denen Manis
gleichgesetzt werden (Sp. 127; richtig Sp. 289), worauf
hier nicht im einzelnen weiter eingegangen werden kann
(warum ist Sp. 312 nicht auch Origenes als Vertreter
der Allegorese erwähnt, von dem Ambrosius doch viel
entlehnt hat?).

Nach diesen mehr theoretischen Teilen behandeln
dann die Artikel die praktischen Fragen der
Aszetik und des mystischen Gnadenlebens, hierbei meist
auf einem gemäßigten Standpunkt stehend (cf. die
Reduzierung der abstinenee auf ein gewisses Maß, Sp.
115) und ständig Rücksicht auf die beicbtväterliche
Praxis nehmend (cf. Sp. 17, 109, 246 u. ö.). Unverkennbar
ist bei allem die antiquietistische Tendenz, die
natürlich im Artikel abandon besonders deutlich in Erscheinung
tritt (bes. Abschnitt 3: les limites de l'aban-
don, Sp. Uff.), wenn die Verfasser auch in vorsichtigen
Formulierungen („une eertaine initiative", Sp. 27), in behutsamen
Exegesen (Sp. 12 f.) alles dämpfen und auf
die quietistisch klingenden Stellen aus den Werken der
großen spanischen Mystiker, auf welche die Quietisten
sich beriefen, gar nicht weiter eingeben. Dafür wird immer
wieder die Notwendigkeit unserer Aktivität betont,
die Pflicht, der Sünde zu widerstehen und das Gute zu
erstreben, um das Ziel des ewigen Lebens zu erreichen
(Sp. 13, 29, 104 u. ö.).

Die Gewährsmänner sind neben Thomas vornehmlich
die französischen Mystiker, allen voran Franz
j v. Sales (Sp. 3 f., 239 u. ö.), daneben aber auch viele
i beschreibende Mystiker älterer und neuerer Zeit, wobei
j ebenfalls Franzosen bevorzugt werden, während die ita-
I lienische und spanische Mystik demgegenüber etwas in
[ den Hintergrund tritt und die deutsche fast vernachiäs-
[ sigt wird. So hat man doch trotz aller Reichhaltigkeit
j der Begründung im einzelnen den Eindruck einer ge-
j wissen Einseitigkeit, aber dieses allgemeine Urteil trifft
| durchaus nicht auf alle Artikel zu (z. B. nicht auf alle-
gorie, Sp. 310—314 von Hoornaert).

Auch in den Literaturangaben spürt man gewisse
Lücken. So dankbar man auch für eine Anführung
i vieler ausländischer Schriften über mystische Fragen ist,
deren Titel man sonst kaum liest, so könnte man doch
erwarten, daß bedeutendere deutsche Werke (auch protestantische
, die in Arbeiten deutscher Katholiken oft aufs
j gewissenhafteste benutzt werden) häufiger zitiert werden
. So vermißt man, um nur einiges anzuführen, bei
der Literaturangabe zum Artikel Alcuin (Sp. 299) ganz
! einen Hinweis auf Hauck, bei Mechthild von Magdeburg
j hätte die Arbeit von G. Lüers nicht fehlen dürfen (Sp.
314), die wichtiger ist als die oft nicht ausreichende
von J. Aneelet-Hustache, und in einem Artikel „le faux
abandon" brauchte Heppes Arbeit über die quietistische
Mystik nicht verschwiegen werden (Sp. 49), wenn sie
auch älteren Datums ist und letztlich nicht ausreicht
(aber vielleicht wird dies noch im Artikel quietisme nachgeholt
). —

Aber trotz aller Wünsche, die hier und da laut werden
, muß doch zugestanden werden, daß wir es mit
einem großen und bedeutenden Werke zu tun haben,
das auf lange hinaus für die katholische Forschung
grundlegend sein dürfte und das auch die protestantische
für gewisse Fragen nur zu ihrem Schaden übersehen
würde. Bewundernswert sind gleichermaßen Fleiß
und Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Einfühlungskraft,
inneres Verstehen der behandelten Phänomene und das
Geschick, mit dem das Vorgetragene für die seelsorgerliche
Arbeit fruchtbar gemacht wird. Fast alle großen
Orden haben Mitarbeiter gestellt, und es finden sich unter
ihnen Namen von Klang, die schon Hervorragendes
| für die Erforschung der Mystik geleistet haben. Mit
I großen Erwartungen geht man daher an die Lektüre
der nächsten Lieferungen heran (ich hoffe, eine Besprechung
von Lieferung 2/3 noch bis Weinnachten vorlegen
zu können). Ihre Artikel werden sicher auf der
gleichen Höhe stehen wie die der ersten Lieferung, und
man wird daher an sie ebenfalls die strengen Maßstäbe
anlegen können, die dem hohen Ziele entsprechen,
das Herausgebern wie Mitarbeitern vorschwebt: „Ce dic-
tionnaire voudrait etre l'eeho de tout enseignement spiri-
tuel ayant droit de cite dans l'Eglis-e".

Halle a. S. Walther Völker.

Martin Luther dargestellt von seinen Freunden und Zeitgenossen
Johannes Mathesius, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach d.Ä.,Hans Sachs
u.a. Mit einer Einleitung von August Ferdinand Cohrs. Hrsg. u.
m. Photos der I.utherstätten versehen von Martin Hürlimann. Berlin
: Atlantis-Verlag 1933. (336 S. m. Abb.) 8°. geb. RM 3.75.
Dieses Luther-Bilderbuch zeichnet sich aus vor allem
durch eine Fülle stimmungsvoller Landschaftsbilder, die
den „Raum" — nach Ewald Banse das „Milieu" —
Luthers und der Seinen vortrefflich veranschaulichen.
Da hat der Herausgeber Martin Hürlimann als Photograph
, ja als photographischer Entdecker uns eine außer-