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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

20-22

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabert, Herbert

Titel/Untertitel:

Die Kirche im Jahre der deutschen Erhebung 1935

Rezensent:

Hees, Gottlob

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 1.

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oder Parteien als solche, sondern um ihre Theologie,
um die „dialektische" und um die der „Deutschen Christen
". Es ist eben nicht in gleicher Weise wie von
„dialektischer" Theologie Barths von der „Theologie"
der Deutschen Christen zu reden.

Dieser Sachverhalt bekundet sich in jedem der 3
Kapitel unserer Studie.

I. „Die Deutschen Christen und die Theologie."
Die Ausführungen Schlemmers über die wunderliche
Kreuzung und Verschlingung, die heute für die kirchlichen
Fronten charakteristisch sei, sind lehrreich und
beachtenswert. Aber hinter den Einzelheiten dieser
Kreuzungen tritt die große Hauptlinie zu sehr zurück,
die für die Grundintention der Deutschen Christen letztlich
entscheidend ist. Sie wird durch das Ineinandergreifen
von zwei Momenten gebildet. Das eine ist das
Gewichtlegen auf die enge Zusammengehörigkeit von
evangelischem Christentum und deutschem Volkstum im
Sinne Luthers und Schleiermachers. Das andere ist das
starke Drängen auf Zusammenschluß der Einzelkirchen
zu einer großen einheitlich geschlossenen Deutschen
evangelischen Gesamtkirche.

II. „Die gemeinsame Grundlage von dialektischer
und deutsch-christlicher Theologie." Hier ist der Aufweis
von Verbindungslinien und gemeinsamen Grundgedanken
verdienstlich. Aber es fehlt zur vollen
Klarheit die Einsicht in die innere Zwiespältigkeit
der theologischen Dialektik
Barths. Mit echt evangelisch-reformatorischer, auf die
Gottbedingtheit der Gesamtexistenz menschlichen Seelen
- und Geisteslebens gerichteter Gedankenführung verbindet
sich eine Hinneigung zu scholastischer Denkweise,
die in ihrer Konsequenz von der Grundposition der
Reformation Luthers wegführt. Nun hat Barth allerdings
in der 2. Auflage des ersten Halbbandes seiner
„Prolegomena" versucht, die in der erstgenannten Richtung
liegenden religionspsychologisch-existentiellen Bestandteile
auszuschalten. Aber gelungen ist dieser Versuch
nicht. Und soweit er durchgeführt ist, bedeutet
er gerade ein Zurücktreten der kraftvollsten und wirksamsten
Elemente seiner ursprünglichen Position.

III. „Der Weg evangelischer Theologie zwischen den
Fronten." Überzeugend zeigt Schlemmer, daß Kulturprotestantismus
und Dialektik einseitige Extreme in entgegengesetzter
Richtung bedeuten. Und ebenso überzeugend
führt er die Mülleimer-Theorie Barths (die gesamte
Theologie des 18. und 19. Jahrhunderts ein großer
Mülleimer) ad absurdum. Aber in seinen Ausführungen
über die Kirchenfrage bleibt er selbst einseitig. Gewiß
ist die Warnung vor einer radikalen Trennung der
„sichtbaren" von der „unsichtbaren" Kirche ebenso berechtigt
und nötig wie diejenige vor ihrer vorschnellen
Identifikation. Doch ist damit die Frage nach dem
Verhältnis der Kirche zum „totalen" Staat
Adolf Hitlers noch gar nicht gestellt, geschweige
denn beantwortet. Da ich meinerseits auf sie hier nicht
eingehen kann, verweise ich auf meine kleine Schrift
„Deutscher Staat und evangelische Kirche" (Göttingen
1934).

Schließlich muß ich im Interesse der Sache noch
auf einige Bemerkungen Schlemmers eingehen, die sich
auf mich selbst beziehen.

1. Die eine ist terminologischer Art, sofern Schlemmer
auf den Wechsel in der Terminologie meines methodischen
Ansatzes hinweist (S. 7). Dabei übersieht aber
Schlemmer, daß der früher von mir gebrauchte, aber
sehr bald aufgegebene Ausdruck „transzendental-psychologisch
" doch dem gleichen Zweck diente wie der
Begriff „existentiell-psycho logisch". Auch er wollte wie
der letztere die in dem oben unter II skizzierten Sinne
religionspsychologische Denk- und Arbeitsweise gegen
den Psychologismus aller positivistischen Psychologie
abgrenzen, ohne sich von dieser den Sprachgebrauch
vorschreiben zu lassen. Dafür müßte Schlemmer Verständnis
haben. Denn gerade an dem Punkt, wo seine

| Erörterung am meisten in die Tiefe dringt, kommt er
auf das Gleiche hinaus. Er spricht zur Kennzeich-

| nung der Problemstellung seines II. Kapitels von der
Verwandtschaft der inneren Struktur oder der
seelischen Situation unter dem Gesichts-

j Winkel des Glaubens (S. 19). Und er gibt dazu
die Ausführung: „Gott ruft mich in meiner Existenz, in
meiner konkreten Situation und durch sie ins Gericht,

I in die Entscheidung, zur Sendung." Nun das ist offensichtlich
und unbezweifelbar existentiell-religionspsycho-
logische Betrachtungsweise.

2. Die andere in Betracht kommende Bemerkung
Schlemmers betrifft die Lehre von der Kirche und zwar

! speziell die Bedeutung der Arierfrage für
die Kirche. Er schreibt mir die Auffassung zu, ich

| sehe in dem Umstand, daß die Kirche der staatlichen
Gesetzgebung in gewissem Umfange gefolgt sei, zugleich
den Beweis für die Richtigkeit dieses Verfahrens (S. 39).
Aber damit ist der Sinn meiner Argumentation nicht
nur verfehlt, sondern völlig entstellt und verkehrt. Denn
meine Argumentation zu Gunsten einer teilweisen Berechtigung
der Arier-Bestimmung für die äußeren Or-

i ganisationsfragen (!) der Kirche gründet sich auf die
Doppel-Tatsache, daß die Kirche zu der durch die deut-

i sehe Freiheitsbewegung entstandenen Situation Stellung

I nehmen mußte, sowie, daß die in Frage stehende staat-

j liehe Arier-Gesetzgebung ausgesprochenermaßen ethischen
Motiven entstammt und ethischen Zie-
1 e n dient. Für das Nähere verweise ich wieder auf
meine zu III. schon genannte kleine Schrift, in der ich
diesen Fragenkomplex in der Auseinandersetzung mit

I Rudolf Bultmann behandelt habe.

! Göttingen. O. Wobbermin.

I Grabert, Dr. Herbert: Die Kirche im Jahre der deutschen
Erhebung. Dokumente zur innerkirchlichen Auseinandersetzung.

| Stuttgart: C. L. Hirschfeld 1934. (VI, 72 S.) 8°. RM 1.20.

[ Pabst, Carl: Volkskirche und Freikirche. Eine theologische
Besinnung über Wesen u. Form evangelischer Kirche als Beitrag z.

; Neubau der Kirche. Gütersloh: C. Bertelsmann 1933. (118 S.) gr. 8°.

RM 3—.

j Schwarz, Prof. D. h. c. Dr. Hermann.: Christentum, Nationalsozialismus
und Deutsche Glaubensbewegung. Berlin: Junker
& Dünnhaupt 193-1. (74 S.) 8°. RM 1.60.

So schwer es auch sein mag, so muß zu der heute
in weitem Umfang die Bücherneuerscheinungen darstellenden
Broschürenliteratur Stellung genommen, auf sie

i eingegangen und versucht werden, so weit es heute überhaupt
möglich ist, sie an dieser Stelle kritisch gerecht
zu würdigen. Die im folgenden besprochenen drei Schrif-

I ten sind — zusammengefaßt — ein kleines Abbild dessen,
was heute innerhalb der evangelischen Kirche und rund
um sie herum an religiösen und völkischen Strömungen
lebendig ist und in Deutschland miteinander oder gegeneinander
fließt.

1. Die Schrift: „Die Kirche im Jahre der deutschen

I Erhebung" will nach dem Untertitel lediglich „Doku-

j mente zur innerkirchlichen Auseinandersetzung" bieten.

i Wer sich klar macht, daß der Herausgeber dieser kurzgefaßten
Kirchengeschichte des 1. Jahres der deutschen
Erhebung (vergl. Vorwort) auch zugleich Schriftleiter
von „Deutscher Glaube" d. h. der Monatsschrift der

j deutschen Glaubensbewegung ist, der wird von kirch-

| licher Seite her diese „Dokumente" mit einer gewissen
Skepsis zur Hand nehmen. Es muß aber ausdrücklich
betont werden, daß G. sich ehrlich bemüht hat, Objektivität
zu wahren, was ihm allerdings als jenseits von
Deutschen Christen, Jungreformatoren und Notbundpfarrern
stehend nicht allzuschwer gemacht wurde. Er
faßt sie alle zusammen unter dem Titel „neue und alte
Orthodoxie" mit dem er auch den wohl besten Abschnitt
(VI) seiner Sammlung überschreibt. Im 1. Abschnitt
„die bisherige Kirchenführung und ihre Umstellung auf
das dritte Reich" bringt G. seine mißbilligende Haltung
schon in der Überschrift zum Ausdruck. Die Abschnitte