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Ausgabe:

1935 Nr. 21

Spalte:

372

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diepgen, Paul

Titel/Untertitel:

Deutsche Volksmedizin 1935

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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371

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 21.

372

das seit der Zeit der Kreuzzüge Stoffe von allen Seiten
einströmten. In gleicher Weise hebt Fr. von der Leyen
hervor, daß das Christentum für die Erkenntnis der deutschen
Sage eine stärkere Bedeutung hat als die vorchristlichen
Elemente (207). Pfister sagt sehr treffend,
daß die Germanisieruug des Christentums von beiden
Seiten ausging, von der Kirche und vom Volke. Aber
wenn er meint, daß in diesem Kampf schließlich die artgemäßen
Kräfte den Endsieg erringen, muß er sich von
G. Kochs Darstellung volkhafter Frömmigkeit an Hand
von Jeremias Gotthelf belehren lassen, daß sich bäuerliches
religiöses Erleben am besten mit den Worten des
Psalmisten ausdrücken läßt: „Herr, wie sind Deine Werke
so groß und so viel!", wie denn der Bauer auch in
der Spruchweisheit von Salome bis Jesus Sirach lebt
als den Lebenserkenntnissen, die in jahrtausendlanger
Erfahrung der Menschheit aufgeleuchtet sind und sich
weiter forterben auf Kind und Kindeskind (592). In
der Rehabilitierung der ganzheitlichen Schau, wie sie ein
Mann vom Range Th. Litts in unsern Tagen vornimmt,
sehen wir nach Koch Goethe und das einfache Volk geeint
, während die Renaissance mit ihrem mechanisch»
kausalen Weltbild sich als eine Volkstum und Volksreligion
zerstörende Macht erweist.

Es ist nicht möglich, den überaus reichen Inhalt
des Werkes im Einzelnen zu kennzeichnen, den zum
größten Teil erprobte Meister des Faches ausbreiten. Wir
müssen uns begnügen, einige Beiträge besonders zu
nennen, die als hervorragende Zusammenfassung des
Stoffgebietes gelten müssen: C. Schuchardt, Vorgeschichtliche
Wurzeln der Volkskunde; L. Mackensen, Sitte
und Brauch; H. Marzell, die Volksmedizin; Fr. Panzer
, das Volksrätsel; W. Hansen, Wesen und Wandlungen
des Volksliedes; V. von Geramb, die Volkstracht.
Meisterlich sind diese Beiträge, weil sie immer auch neben
der Ausbreitung des Stoffes die Probleme aufzeigen
und nirgends die einheitliche Linienführung stören, die
schönste Leistung des Herausgebers bei der Auswahl
seiner dreißig Mitarbeiter. Wie selbständig und frei von
Schlagworten die Haltung des Werkes ist, macht der
wohl schwierigste Beitrag von M. Wähler über den
deutschen Volkscharakter deutlich, dessen vorbildliche
Objektivität nicht oft begegnet, wenn Urteile über die
Wesensart der Völker gegeben wenden. Er nennt den
deutschen Volkscharakter unfertig und unreif, wofür
Nietzsche den Grund in der „ungeheuerlichsten Mischung
und Zusammenrührung von Rassen" sah. Aus der eigentümlichen
Formlosigkeit und Unklarheit entspringt seine
sprunghafte Haltung, und da er jede Sache gründlich
macht, im Guten wie im Bösen, ruft er immer neue
Überraschungen für die ihm nicht wohlgesinnten Nachbarn
hervor. Der unergründliche Dualismus des
deutschen Wesens, freudiges Lebensbekenntnis und Traurigkeit
zugleich, bestimmt den Charakter des Deutschen.
So kann Wähler mit O. Seeck auch auf die Treulosigkeit
hinweisen, die sich von der Völkerwanderung über Siegfrieds
Ermordung, durch die ganze Kaisergeschichte des
Mittelalters bis in die Gegenwart hinzieht (608). So genügt
diese umfassende Gesamtdarstellung des volkskundlichen
Arbeitsraumes, welche das Leben des Volkstums
in jeder Richtung verfolgt, strengsten wissenschaftlichen
Forderungen und wird auf lange Sicht das unentbehrliche
Orientierungswerk bleiben, zumal es auch über den
gegenwärtigen Forschungsstand hinaus das künftige Ziel
(E. Fehrle) anzudeuten bemüht ist. Wenn der Grad
von Anschaulichkeit durch Beigabe entsprechenden Bildmaterials
bei dem Pessler'schen „Handbuch" größer
scheint, da hier der angekündigte gesonderte Bild- und
Registerband noch aussteht, wird doch der wissenschaftliche
Charakter von Spamers Darstellung dadurch stärker
betont und kein an den Erkenntnissen sachlicher Volksforschung
Interessierter wird enttäuscht werden, wenn
er nach Abschluß des Werkes hier Auskunft und Anregung
sucht.

Quakenbrück. H. Vorwahl.

Diepgen, Prof. Dr. med. et phil. Paul: Deutsche Volksmedizin.

Wissenschaftliche Heilkunde und Kultur. Stuttgart: Ferd. Enke 1935.
! (VIII, 136 S. mit 7 Abb. im Text u. a. Taf.) 8°.

RM 6—; geb. 7.40.

Diepgens Behandlung der Volksmedizin unterscheidet
sich von der hier gleichfalls angezeigten Arbeit Jung-
i bauers (Theol. Litz. Nr. 6) dadurch, daß diese von den
[ beiden Bestandteilen der Volksmedizin den Nachdruck
auf die Bräuche legt, welche direkter Ausfluß des primitiven
Gemeinschaftsgeistes sind, während Diepgen die
■ gehobenen, aus der kulturellen Oberschicht stammenden
! Vorstellungselemente in den Vordergrund stellt. Gemeinsam
ist aber beiden der fehlerhafte Ansatz, an den
Anfängen der Menschheit eine „animistisehe" und eine
„präanimistische" Stufe der Kulturentwicklung zu un-
| terscheiden, wobei als präanimistisch verstanden wird,
daß die Menschen zunächst rein erfahrungsmäßig empfunden
und gewertet hätten, was sich in ihnen und um
sie abspielte, und erst später sich in der Hand höherer
I Mächte gefühlt hätten. Offenbar hat der unglückliche
| Name „Präanimismus" diesen grundlegenden Irrtum unterstützt
, in Animismus und Präanimismus, für den man
1 besser „Dynamismus" sagt, Perioden zu sehen. Es kann
' sich aber hier nicht um eine früher oder später in der
Entwicklung anzusetzende Stufe handeln, sondern einzig
und allein um eine Struktur des Geistes, die
vielleicht in früheren Kulturen vorherrschend war, aber
jetzt und bei uns noch lebt und blüht (G. van der Leeuw,
i Phänomenologie 71).

Dafür liefern die anatomischen Kenntnisse der alt-
I ägyptischen Ärzte den Beweis. Wenn man bedenkt,
, daß es in Ägypten nicht nur gestattet war, die Leichen
! zu öffnen, sondern daß man sie sogar zum Zwecke der
| Mumifizierung öffnen mußte, ist es doch erstaunlich,
I wie verworren die Vorstellungen vom Körperinnern hier
j waren. Obwohl man die Körperteile an sich gut aus-
| einanderzuhalten wußte, dachte man sich alle Gefäße
| vom Herzen als dem Mittelpunkt ausgehend, nicht nur
! die Adern, sondern auch Samenstrang, Harnleiter und
Tränenkanal, weil das Herz eigenes Leben erkennen
ließ. Indem also nicht die Beobachtung, sondern die
Theorie vorherrschte, wird deutlich, daß in der geistigen
' Struktur der altägyptischen Ärzte der Sinn für das bewußte
Erforschen des Körperbaus noch fehlte (Grapow).

So bedürfen auch Diepgens naive Zwecksetzungen
! keiner Widerlegung, wenn er z. B. behauptet, der empirische
Kern der kultischen Handlung, im Morgentau zu
gehen, verrate sich durch die Ähnlichkeit mit der Kneipkur
. Oder der Brauch, daß man auf Wunden Kot lege,
beruhe darauf, daß dieser Schmeißfliegen anlocke, die
Baer 1929 erstmalig systematisch auf Osteomyelitis-
falle zu setzen wagte. Nicht in der Aufhellung des primitiven
Denkens liegt also der Wert der neuen Darstellung
, in der wichtige Literatur wie Zaunicks Zusam-
; menstellung (Gesundheit und Erziehung 1932 Nr. 9)
unberücksichtigt blieb, sondern in der Aufzeigung geistesgeschichtlicher
und literarischer Zusammenhänge.
Diepgen betont, daß der Anschluß an die antike Weltkultur
für die Germanen eine geschichtliche Notwendigkeit
war, daß vom Möncbtum auf medizinischem Gebiet
kein geringer Einfluß ausging, daß orientalische Einflüsse
in Astrologie und Alchemie eindrangen, daß die
Hochschule von Salerno die Wurzel für manche bekannte
Vorstellung der deutschen Volksmedizin ist, wobei der
Einfluß vergangener medizinischer Auffassungen bis zur
! Romantik verfolgt wird. Modern ist auch seine Wertung
der Volksmedizin, die nicht mehr wie von der älteren
i Ärztegeneration als Unsinn abgetan wird, und die Zu-
j Stimmung, daß wir heute auf dem Wege zu einer neuen
Freundschaft zwischen Volks- und Schulmedizin sind.
So weist das Buch Diepgens auch wertvolle Gedankenführungen
auf, die in der gegenwärtigen Diskussion kei-
I neswegs überflüssig sind.

Quakenbrück. H. Vorwahl.