Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1935 Nr. 20

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Husemann, Dietrich

Titel/Untertitel:

Die rechtliche Stellung christlicher Missionen in China 1935

Rezensent:

Witte, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

305

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 20.

366

und Tor. Swift war kein schöpferischer Denker und
Theolog; er war eine Kampfnatur, und als er sich in die
Front der High Church stellte, trat er als Kirchenpolitiker
bald in den Vordergrund. Alle seine Schriften sind
kirchenpolitischen Inhalts und dienen einem bestimmten
Zweck. Wenn auch der Beweggrund des Ehrgeizes, den
er immer bei anderen voraussetzte, eine Rolle auch bei
ihm gespielt hat, so fällt der Vorwurf der Heuchelei und
Unaufrichtigkeit, der Swift gemacht wird, fort. Diese
enge Kampfgemeinschaft mit der Hochkirche, die sich
aus Swifts Einstellung zur Welt und zum Christentum
ergibt, schildert der Hauptteil der Arbeit von Reimers.
In zwei folgenden Abschnitten wird gezeigt, daß Swift
aus dieser Grundeinstellung heraus dem Dissentertum
und dem Deismus — der Volksbewegung und dem aufklärerischen
Intellektualismus — aufs schärfste feindlich
sein mußte; soviel der Gemeinsamkeiten auch sein
persönliches „esoterisches" Christentum mit beiden hatte.

Denn aus manchen nicht für die Öffentlichkeit bestimmten
Äußerungen geht hervor, daß derselbe Swift,
der als Kämpfer für die Kirche von England auch die
Dogmen scharf verteidigte, im persönlichen Glauben
nie den Frieden, der über der Vernunft ist, gewinnen
konnte. Sein Glaube war Deismus, der von tiefster
Frömmigkeit getragen war; einer Frömmigkeit, die er
vor allen verleugnete, ein „umgekehrter Heuchler" (hy-
pocrite inverted) — aus Haß gegen die Heuchelei!

Soweit die reichhaltige Arbeit, deren Übersichtlichkeit
allerdings durch oft unnötige Breite, durch Wiederholungen
und gewisse stilistische Unausgeglichenheiten etwas
leidet.

Sorau. Peter S ü ß k a n d.

Sorokin, Prof. Pitirim: Soziologische Theorien im 19. und

20. Jahrhundert. Deutsche Bearbeitg. v. H. Kasspohl. München:
C. H. Beck 1931. (VII, 342 S.) gr. 8°. RM 10.50; geb. 13.50.

Im Gegensatz zur formalen Schule (Tönnies, Sim-
mel), für die die Soziologie „die Wissenschaft von den
Formen menschlicher Beziehungen oder den Formen
sozialer Vorgänge" (S. 162) ist, bestimmt Sorokin den
Hauptgegenstand der Soziologie so: Soziologie ist „eine
Untersuchung der Beziehungen und Verbindungen zwischen
verschiedenen Arten sozialer Erscheinungen (Beziehungen
zwischen Wirtschaft und Religion, Familie
und Moral, Recht und Wirtschaft, Beweglichkeit und
politischen Erscheinungen); ferner zwischen sozialen
und nichtsozialen Erscheinungen (geographischen, biologischen
u. a. m.); schließlich eine Untersuchung der
allgemeinen Merkmale, die allen Klassen sozialer Erscheinungen
eigen sind" (S. 270). In den „Soziologischen
Theorien" gibt er einen Überblick über die verschiedenen
„Schulen" der Soziologie und sucht zu zeigen,
welchen Beitrag die einzelnen Schulen zum Aufbau der
Soziologie geliefert haben. Die Darstellung ist im Allgemeinen
recht klar, doch bleibt sie zuweilen zu allgemein,
so vor allem bei der formalen Schule und bei Marx.
Darum bleibt gerade an diesen Stellen auch die Kritik
in Allgemeinheiten stecken. Weit besser ist die Darstellung
und Kritik der rassischen Theorien, die entsprechend
ihrer heutigen Bedeutung besonders ausführlich
sind. Gerade hier macht Sorokin deutlich, wie
gering unser Wissen auf diesem Gebiet ist, wie viele
Behauptungen bloße Hypothese bleiben. Bei fast allen
Schulen sieht Sorokin die Gefahr in dem „Anspruch auf
Alleingültigkeit" (S. 151). „Diese Anmaßung verdirbt
fast alle soziologischen Theorien" (S. 301). Demgegenüber
vertritt er den Standpunkt eines „soziologischen
Relativismus" (S. 258). Darin besteht der Hauptwert
der Untersuchung, daß sie die Grenzen der verschiedenen
Schulen aufweist, daß sie deutlich macht,
wie verschiedene Momente bei sozialen Entwicklungen
zu berücksichtigen sind. So begrenzen sich die geographische
und die rassische Theorie, die wirtschaftliche
und die psychosoziologistische Theorie gegenseitig. Von
besonderem Interesse wäre ja die Frage, wie denn die

verschiedenen Erklärungen der sozialen Entwicklung miteinander
ausgeglichen werden könnten. Leider geht So-
, rokin auf diese Frage nicht ein. Dadurch fehlt der Un-
I tersuchung eine gewisse Zusammenfassung.

Bei der umfassenden Übersicht Sorokins wird auch
deutlich, wie stark manche soziologischen Theorien welt-
; anschaulich bedingt sind. So sind etwa die verschiedenen
; Urteile über die soziale Bedeutung des Krieges verur-
I sacht durch verschiedene Wertung. Hier erhebt sich
die Frage nach dem Zusammenhang von Soziologie und
i Ethik. Soiokin sieht in dem „Predigen von Werturtei-
i len" eine Gefahr der Soziologie (S. 269). Weit gefähr-
i lieber aber ist es, wenn unbewußte und ungeprüfte
| Werturteile die Untersuchung beeinflussen. Daß das
i auch bei Sorokin zuweilen geschieht, zeigt z. B. sein Ur-
! teil über die weiße Rasse: „Sie waren die Eroberer, sie
haben fast alle anderen Rassen unterworfen und verdrängt
; sie haben sich über die Erde verbreitet" (S. 87).
Kann man daraus wirklich, wie Sorokin es im Anschluß
an Gobineau und Dixon tut, auf eine Überlegenheit
der weißen Rasse auch „nach moralischen Kräften"
schließen?

In dem Urteil über den Anteil der Religion an der
sozialen Entwicklung übernimmt Sorokin doch wohl zu
ungeprüft die positive Bewertung der Religion bei Le
Play, Dürkheim u. a. Hier macht sich der Mangel geltend
, daß Sorokin die marxistische These nicht verstanden
hat. Die Kritik an Max Weber trifft nicht ganz,
da Sorokin Weber mehr unterschiebt,, als dieser hat behaupten
wollen.
Frankfurt a. M. Wilhelm Schümer.

Husemann, Dietrich: Die rechtliche Stellung christlicher
Missionen in China. (Ein Beitrag zum Studium des Ausländerschutzes
.) Berlin: Carl Heymann 1934. (IX, 119 S.) 8°. RM 6—.

Diese Studie gibt einen geschichtlichen Überblick
über die Entwicklung der rechtlichen Stellung der Missionen
in China von 1842—1932. Mit großer Sorgfalt
werden die einzelnen Verträge, welche die Großmächte
mit China geschlossen haben, untersucht und die die
M ission betreffenden Bestimmungen der Verträge zum
großen Teil im Wortlaut wiedergegeben und sinngemäß
erläutert. Schon durch diese Sammlung des für Fernerstehende
schwer zugänglichen Materials ist diese Arbeit
für alle Missionen sehr wertvoll. Aber die Arbeit hat
doch noch umfassendere Bedeuvung für weitere Kreise.
Nirgends sonst in der Welt ist das Problem von Staat
und Christentum so akut wie in China. Leider ist dies
Problem dort in einer für das Christentum sehr unerfreulichen
Weise akut. Denn dies Buch bringt jedem
Leser in erschütternder Weise zum Bewußtsein, wie tragisch
in China die Lage dadurch ist, daß das Christentum
dem chinesischen Staat durch die Kanonen der
Fremden aufgezwungen worden ist. Der Verfasser sagt
zwar, äußerlich nützte diese Aufzwingung durch die
staatlichen fremden Gewalten der Mission, aber er ver-
j schweigt doch auch nicht die verheerenden innerlichen
Wirkungen dieser Aufzwingung. In den Augen der chine-
J sischen Regierung und der urteilsfähigen Chinesen war
j damit das Christentum in einer fast nicht wieder gut
zu machenden Weise belastet durch den Verdacht, daß
i es in Wirklichkeit garnicht eine religiöse, sondern eine
| politische Zielsetzung in China habe. In dem Buch wird
I nun freilich auch geschildert, daß die Missionen teilweise
sehr energisch die Aufhebung der aus diesen Zwangsverträgen
der Mission zustehenden Vorrechte fordern,
vor allem seit dem Kriege. Aber wieder ist es tragisch,
daß die Regierungen der Westmächte sich diesem An-
• liegen der Missionen verschließen und den Missionen
nicht erlauben, einen solchen Verzicht offen zu erklären!
Die katholische Mission wünscht allerdings auch heute
' noch nicht die Beseitigung der Vorrechte, da sonst eine
Rechtsunsicherheit für die Mission eintreten werde. Die
' deutsche Mission genießt diese Vorrechte seit dem Kriege
nicht mehr, da Deutschland alle Vertragsvorrechte