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Ausgabe:

1935 Nr. 20

Spalte:

364-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reimers, Hans

Titel/Untertitel:

Jonathan Swift 1935

Rezensent:

Süßkand, Peter

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 20.

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und der Freikirchen angelsächsischen Ursprungs (S. 107
bis 121) kommt. Bei der Fülle der Details und der Vielheit
der Bearbeiter lassen sich Ungenauigkeiten, Lücken
und Widersprüche kaum vermeiden. So fehlen z. B. alle
Vorgänge aus Genf, und die Übersicht beginnt mit den
Worten: „Als Genf im Jahre 1815 mit dem Schweizer
Bund vereinigt wurde" (S. 50), ohne daß von dieser
Vereinigung je die Rede gewesen wäre. S. 38 lesen wir:
„Die Schweiz zerfiel (nach der Mediationsverfassung)
in 19 souveräne Kantone"; nach S. 39 trat an die Stelle
der Mediationsakte „der Bundesvertrag von 1815, der
die schweizerischen Kantone zu einem Staatenbunde vereinigte
". Die 19 Kantone? Nein, sondern die Schlußakte
des Wiener Kongresses vom 9. 6. 1815 fügte 3
Kantone, darunter Genf, zur Schweiz hinzu, der Bundesvertrag
aber stammt schon vom 8. 9.1814. S. 32 wird
kurzerhand Zwingli als „Begründer der reformierten
Kirchen in der Schweiz" bezeichnet; aber das gilt doch
zum mindesten nicht für Genf, und auch nicht von den
„beiden Typen des ref. Kirchenwesens", die von Anfang
an sich in den deutschen Kantonen herausbildeten
(S. 34). Auch „die Zwinglische Theologie war von Anfang
an nicht alleinherrschend", wie S, 23 mit Recht
Staehelin konstatiert, der allerdings den getreuen Oeko-
lampad und den nüchternen, klugen Bullinger gleich
zu „großen" Reformatoren erhöht. Man kann aber kaum
Oekolampad, wenn man an seine Thesen über das
h. Abendmahl von 1527 denkt, theologisch näher zu
Bucer als zu Zwingli rücken und noch weniger den —
übrigens S. 175 anerkannten — Einfluß des toten Reformators
ausschalten, den Oekol. vier Wochen vor seinem
eigenen Tode in einem Brief an Capito „unseren in jeder
Beziehung unvergleichlichen Zwingli" genannt hat.
Andererseits widerspricht die Behauptung v. Muralts
von dem pneumatisch-charismatischen" Charakter des
Zwinglischen Kirchenideals (S. 32) der Gesamtdarstellung
Staehelins S. 23. Die neuere Geschichte der Theologie
behandelt für die deutsche Schweiz Spörri (S. 137
bis 154), für die französische Lemaitre (S. 155—168),
die — abgesehen von Kutter und Bitzius nur als Mittelgut
geschätzte — Predigt in der deutschen Schweiz Ludwig
Köhler (S. 169—177). Theologie und Kirchentum
der Schweiz sind charakteristisch durch die Nichtbindung
an ein geschriebenes Bekenntnis, die aber auch nur mühsam
den Zusammenschluß in einer Volkskirche erhalten
konnte. Gerade darum ist d a die Entstehung neuen
Kirchenbewußtseins in Gemeinde und Theologie unter
dem Einfluß Barths und Brunners (S. 146—153) von
noch nicht übersehbarer Bedeutung, und für dieses
Sonderkirchengebiet mag es auch richtig sein,, daß die
gegenwärtige Generation Barth (nur Barth) ihre „neue
Empfindlichkeit und damit auch Wachsamkeit theologischer
Begriffsbildung verdankt" (S. 325).

Der Kirche Österreichs ist ihre Bedeutung innerhalb
der evangelischen Oekumene gesichert durch die
Größe ihrer Geschichte als Märtyrerkirche, — obwohl sie
„vom Anfang ihrer Entstehung an nie eigentlich Kirche
gewesen ist" (S. 45) und heute noch einer zeitgemäßen
Verfassung entbehrt (S. 48) —, und durch die Sendung,
die sie als Sender deutsch-protestantischer Eigenart für
Ost- und Südosteuropa hat (s. S. 136—143). Das österreichische
Volkstum schildert Friedr. Ulrich (S. 17—28),
die Geschichte des österr. Protestantismus Karl Völker
(S. 29—39), das kirchl. Leben, Verfassung und Gottesdienst
Erich Stökl (S. 40—50), Schulwesen und Religionsunterricht
Schulrat Franz Müller (S. 51—60). Aus
dem österr. Beitrag zur ev.-theol. Wissenschaft von Bo-
hatec (S. 61—78) sind als für die gegenwärtige Problematik
bedeutungsvoll besonders hervorzuheben Beths
Forschungen über die Grundtypen der Religion (Mystik
und Glauben) und Richard Hoffmanns Ergebnisse für
den Gegensatz zwischen dem Evangelium Jesu und der
Christologie Pauli. Der Märtyrercharakter der Kirche
kommt stark zur Geltung in der Literatur, über die Kirch-
mayr S. 106—120 eine Übersicht gibt, ohne einen Zweifel
daran zu lassen, daß er Größeres erwartet, als bereits
da ist. Daß aber auch das Märtyrertum kein Kircheneinheit
formendes Band und der Österreicher auch
nicht im Gegensatz zum Norddeutschen, wie D. Ulrich
behauptet, „immer bereit ist, in Sachen der Form und
der Formulierung nachzugeben" (S. 25), beweist die
Darstellung der 16 Freikirchen in diesem kleinen Kirchengebiet
durch den Führer der Methodisten Hinrich

| Bargmann (S. 144—157); sie werden in Österreich als
„konfessionslos" registriert. Daher erklärt es sich auch
wohl, daß in dieser Übersicht die Mennoniten fehlen.

Als Ganzes zeigt die gedrängte populär-wissenschaftliche
Sammlung der Ekklesia deutlicher als jede andere

I Kirchengeschichte oder Enzyklopädie, wie reich unsere

j Kirche ist an Kräften und — Problemen.

Berlin. A. S ch o wal t e r.

-

i Reimers, Hans: Jonathan Swift. Gedanken und Schriften über
Religion u. Kirche. Dissertation. Hamburg: Friederichsen, de Oruyter
& Co. 1935. (VII, 194 S.) gr. 8°. = Britannica. In Verbindg. m. d.
Seminar f. engl. Sprache u. Kultur a. d. Hamburg. Univ. hrsg. von
E. Wolf, H. 9. RM 8.50.

Die Arbeit von Reimers hat sich die Aufgabe gestellt,

j die Äußerungen Jonathan Swifts (Dekans von St. Patrick
, Dublin, 1667—1745) über Religion und Kirche
in ihrer Gesamtheit zu interpretieren und mit den Zeitströmungen
in Zusammenhang zu setzen. Das Schwergewicht
der Darstellung ruht indessen offenbar nicht auf
der reinen Interpretation der genannten Werke. Der
Verfasser betont selbst, wie unlöslich bei Swift das

I Werk mit der Persönlichkeit verbunden ist. Die Arbeit
ist daher in erster Linie als ein Beitrag zur Erforschung
der Persönlichkeit Swifts aufzufassen, und zwar beruht
ihr Wert darauf daß hier ein bisher nicht im Zusammenhang
dargestellter Quellenkreis zur Geltung kommt.

Das Vorherrschen der Ratio in seinen Schriften stellt
Swift mitten unter die englischen Aufklärer; was ihn
aufs schärfste von seiner Zeit trennt, ist das Wissen um
die Begrenztheit der Vernunft, ein bis zum Menschenhaß
sich steigerndes Mißtrauen in ihre Wirksamkeit im Leben
. Von der Warte unantastbarer persönlicher Sittlich-
keit sieht er in sich krankhaft verengender Blickeinstellung
nur die verwerflichen Antriebe im Handeln der
Menschen. Dieser Menschheit ist die Freiheit des Denkens
nicht zuträglich. „Men must be governed!" Es
überrascht uns danach nicht, bei Swift in scharfer verantwortungsbewußter
Trennung ein „esoterisches", persönliches
Christentum neben einem „exoterischeii" System
im öffentlichen Wirken als Prediger und Politiker
zu finden. Nur das letztere kommt in den veröffentlichten
Schriften Swifts zum Ausdruck.

Wiederum ganz ein Kind der Aufklärung sieht Swift
in der Religion vor allem Sittenlehre und in der Kirche
das göttlich geheiligte Werkzeug zur Ausbreitung der
Sitte. Die Dogmatik tritt völlig in den Hintergrund.
Swifts exoterisches System Scheint völlig subjektiv aus
seiner besonderen Weltanschauung gefolgert. Er gesteht

[ einmal, daß sein Denken um Tod und Vergänglichkeit
kreise; dazu begreift er Selbstsucht als Haupttriebfeder
menschlichen Handelns. Der Lohn- und Strafgedanke

I ist ihm daher am wichtigsten innerhalb der christlichen
Sittenlehre. Im „Projekt zur Förderung der Religion

j und Besserung der Sitten", das er der Königin Anna
überreicht, findet sich der bezeichnende Satz: „Wie bereitwillig
würden die meisten Menschen die Pfade der
Tugend und Frömmigkeit beschreiten, wenn diese untrüglich
zu Beförderung und Reichtum führten." Die
sittliche Erziehung des Menschengeschlechtes soll also

i die menschliche Selbstsucht benutzen.

Von hier aus erscheint es durchaus nicht mehr als
innerlich unbegründeter Schritt, wenn sich Swift 1710
der zur Macht gelangten Tory-Partei anschließt. Nur
die Hochkirche betrat den für Swift nach allein Gesagten
einzig gangbaren Weg der kirchlichen Autorität. Der

I Whiggismus der Bischöfe öffnete dem Sektenwesen Tür