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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

18-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlemmer, Hans

Titel/Untertitel:

Von Karl Barth zu den deutschen Christen 1935

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 1.

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um das ihre Heimat oft beneidet wurde. Nach 40 Jahren
hat sich der Verlag zu einer neuen Auflage entschlossen.
Aus begreiflichen Gründen — Württemberg kann heuer
das 500 jährige Reformationsjubiläum feiern — erscheint
der dritte Band „Die Württembergische Reformationsgeschichte
" zuerst. Das Werk ist ein anderes gegen
früher geworden. Nicht nur die äußere Gestaltung, nein
der Zweck desselben ist weiter gesteckt. Es soll ein
Buch o-eschaffen werden, das vor allem dem gebildeten
Laien dienen kann. Daß 'damit die Aufgabe nicht leichter
sondern schwerer geworden ist, braucht nicht besonders
betont zu werden. Die erste Auflage behalt aber
dadurch immer noch ihren wissenschaftlichen Wert. Die
Bearbeitung lag in den Händen des Mannes, der wohl
am berufensten dazu war. Schon wiederholt hat er eingehende
Untersuchungen über die Württembergische Kirchengeschichte
veröffentlicht. Seine umfassende Kenntnis
der ganzen Materie tritt auch überall zu Tage. Das
reiche Material, das seit 1893 ans Tageslicht gekommen
ist hat er restlos verarbeitet. Die Kirchengeschichte
des heutigen Württembergs in seinen früheren Zeiten
darzustellen, hat wie jede andere Territonalkirchenge-
schichte ihre besonderen Schwierigkeiten. Ist doch das
heutige Württemberg wie so viele andere ein Gebilde
aus der napoleonischen Zeit und vereinigt in sich die
verschiedensten Bestandteile, deren Entwicklung durchaus
keine homogene ist. Der Verfasser ist nun andere
We°e gegangen als die erste Auflage. Das 1. Kapitel:
Am° Vorabend der Reformation nimmt auf diese territorialen
Verschiedenheiten keine Rücksicht; es konnte
ein einheitliches Bild jener Zeit gezeigt werden. Dagegen
in den Hauptteilen seiner Arbeit tritt die territoriale
Gliederung stark zu Tage. Ganz naturgemäß überwiegt
beim 2. Teil: Anfang und Fortgang der Reformation das
Geschick der Reformation in den einzelnen Reichsständen
, Städten wie Herrschaften; erst ab 1534 im 3. u. 4.
Teil tritt Alt-Württemberg selbst in den Vordergrund.
Kam doch erst jetzt die Reformation auch in diesem
Lande zum Durchbruch, kam doch erst in dieser Zeit
der Mann ans Ruder, Herzog Christoph, der vorbildlich
für viele andere sein Kirchenwesen reformierte. Mit
dem Jahre 1559 bricht die Schilderung ab; vielleicht
hätte es sich empfohlen, bis zu Christophs Tode dieselbe
fortzuführen, denn erst jetzt kam die Kraft seiner
Persönlichkeit und die Gestaltung seines Kirchenwesens
zu voller Entfaltung und Auswirkung. Ob die getroffene
Einteilung ganz die rechte ist? Die Schilderung der
Ereignisse in den neu-württembergischen Gebieten in
eine? geschlossenen Darstellung wäre vielleicht vorzuziehen
gewesen. Die Darstellung läßt überall den kundigen
Forscher erkennen; er verliert sich nicht in Einzelheiten
, sondern hält die große Linie ein; von Konstruktionen
und Mutmaßungen hält er sich fern, und
schildert nur die Tatsachen. Auf theologische Darlegungen
konnte er natürlich nicht eingehen, das verbot schon
die Zielsetzung des Buches. Jedenfalls wird nicht nur
der gebildete Laie, sondern auch der Forscher immer
mit Gewinn nach diesem Buche greifen; er findet einen
sicheren Führer.

Vielleicht darf ich anmerken: Wolfe. Vogler (S. 92) heißt in den
fränkischen Quellen immer Vogel; (s. W. Wiswedel, Bilder und Führergestalten
aus dem Täufertum. 1. Kassel 1928 S. 152ff.); Blasius Stöck-
lin (S. 171) Stockei. Eberlin v. Oünzburg (S. 74) ist 1532 gestorben
als Pfarrer von Leutershausen bei Ansbach. Beiträge zur bayr. Kirchengeschichte
XI, 80. S. 195 muß es Georg Friedrich von Brandenburg
heißen.

Nürnberg. Karl Schornbaum.

Zwingliana, Beiträge z. Gesch. Zwingiis, der Reformation u. des Protestantismus
in der Schweiz. Hrsg. vom Zwingliverein. Bd. VI, H. 1.
1934. Nr. 1. Zürich: Berichthaus 1934. (64 S. u. 1 Abb.) gr. 8°.
Die Zwingliana erscheinen von jetzt an in erweiterter
Form d. h. sie nehmen auf die Geschichte des
Protestantismus in der Schweiz überhaupt Bezug, nicht
mehr bloß auf die Reformationszeit. Der Zwingliverein
sucht jetzt seine Mitglieder nicht mehr bloß in Zürich,

sondern in der ganzen Schweiz. Diese Erweiterung ist
zu begrüßen. W. Köhler berichtet über „Zwingliana
in Wildhaus und Einsiedeln". In Wildhaus konnte er
ein Zinsbuch von 1534 ausfindig machen, aus dem sich
einiges entnehmen läßt über Zwingiis Verwandte und
deren Grundbesitz. In Einsiedeln fand er Bücher aus
dem Besitz des Generalvikars Joh. Faber und des Peter
Tschudi mit handschriftlichen Einträgen. O. E. Stras-
! ser schildert „die letzten Anstrengungen der Straßbur-
I ger Theologen M. Bucer und W. Capito, eine Union
! zwischen den deutschen Lutheranern und den schwei-
! zerischen Reformierten herbeizuführen". Er veröffentlicht
ein undatiertes Schreiben der Straßburger aus den
; Brugger Kapitelsakten, in dem sich diese zu Luthers
Brief vom 7. 12. 1537 äußern. Dazu gibt er eine dies-
: bezügliche Notiz aus dem Berner Ratsprotokoll vom
| 26. 1. 1538 und schildert ein Züricher Spottbild auf
j die Straßburger Gelehrten. Tr. Schieß teilt „ein Jahr
aus Bullingers Briefwechsel" (1559) mit; man bekommt
f einen lebhaften Eindruck vom Treiben der Jesuiten. Von
der württ. Kirchenordnung erfahren wir, daß sie in einer
! Auflage von 900 Stück veröffentlicht wurde. Auf die
Arbeit Ungnads und Trabers fällt ein neues Licht. Neben
der Schweiz treten die Beziehungen zu allen deutschen
Ländern, zu Polen und England hervor. Die Umständlichkeit
des Briefwechsels erhellt aus der Notiz, daß ein
Brief von Zürich nach Königsberg über zwei Monate
; unterwegs war. Ein Bild Bullingers von 1559 schmückt
das Heft. E. St ä hei in verdanken wir einen willkommenen
Überblick über „die Stellung des schweizerischen
Protestantismus zum Aufbruch des Sozialismus und Kommunismus
in der Regenerationszeit" von 1832 an. Er
zeigt, wie Männer wie A. Vinet, J. Gotthelf u. a. urteilen
über die Industrialisierung und Proletarisierung, die Tätigkeit
eines Weitling, die Frage der Auswanderang und
die Zuwanderung von Tausenden von Deutschen in die
Schweiz und ihre kirchliche Versorgung. Offenkundig
ist die Sorge der Kirchenmänner, aber nur vereinzelt
die Stimmen tieferer Einsicht in die Not der Übervölkerung
und die Pflicht der Entsagung als der freien Beherrschung
des Kapitalismus. K. Simon gibt Aufschluß
über den Züricher Goldschmid Hans Hujuff, der die
! Verbindung vor allem der Täufer zwischen dem Norden
Deutschlands und der Schweiz vermitteln konnte, weil
er aus Halle a. d. Saale, nicht aus Schwäbisch Hall
stammte, wie man seither vielfach annahm. W. Köhler
; kann aus dem Ulmer Archiv noch einige Briefe und
Notizen über Blarer (vom 27. 8. 1544), Conrad Hofherr,
Wolfgang Ruß und Paul Rasdorfer mitteilen. Der „gut
arm bruder", der Empfehlungen von Zürich und Bern
hat (s. 58), ist wahrscheinlich Konrad Schreivogel (vgl.
i Zwingliana 1, 408, Corp, Ref. 97, 408).

Horb. ü. Bossert.

Schlemmer, Hans: Von Karl Barth zu den Deutschen
Christen. Ein Wort zum Verständnis der heutigen theologischen
Lage. Gotha: L.Klotz 1934. (42 S.) gr. 8°. RM 1.50.

Der Verfasser versichert im Vorwort seiner umsich-
| tigen und vielfach förderlichen Studie, daß seine Absicht
I rein theologischer, nicht kirchenpolitischer Art sei. Da-
! bei bekennt er sich zu der Überzeugung, daß auch Kir-
; chenpolitik ein notwendiges Werk sei und ein frommes
jedenfalls sein könne, daß aber andererseits gewissen-
; hafte theologische Besinnung ohne jede kirchenpolr-
! tische Abzweckung ganz unentbehrlich sei. Dieser nach
beiden Seiten hin gesunde und sachgemäße Grundsatz
fordert rückhaltlose Zustimmung. Indeß über solcher
Zustimmung darf doch nicht übersehen werden, daß
, Ansatz und Problemstellung des Verfassers ungehobene
Schwierigkeiten einschließen. Denn die beiden im Titel
genannten Namen bezw. Bezeichnungen stellen unter
theologischem Gesichtspunkt nicht auf gleicher Fläche
liegende Größen dar. Das bestätigt gerade der vorn Verfasser
betonte Satz, daß beide nur symbolische Bedeutung
haben; es gehe ihm nicht um Persönlichkeiten