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Ausgabe:

1935 Nr. 20

Spalte:

357

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bornhäuser, Karl

Titel/Untertitel:

Studien zum Sondergut des Lukas 1935

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

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857

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 20.

358

schreiben. Hinter dem mißverständlichen Titel verbirgt
sich ein« Darstellung des öffentlichen Auftretens Jesu.
Sie ruht auf genauer Kenntnis der Quellen und eifrigem
Studium gelehrter Werke (sie sind in den Anmerkungen
vielfach angeführt). Aber keine Frage wird ernsthaft
mit den Mitteln geschulten Denkens angefaßt. So kann
Wahrheit neben Dichtung stehen; in letzterem Falle redet
der Vf. wohl von einem „Apokryphon", als dessen
Urheber er sich selbst bekennt (S. 412). Nur fehlt das,
was sonst den Dichter auszeichnet: der große, einheitliche
Zug. Der Vf. vermittelt uns kein deutliches Bild
davon, was Jesus eigentlich wollte. Hinter Dostojewski]
und Tolstoj, seinen Landsleuten, bleibt er weit zurück.

Das schließt nicht aus, daß Mereschkowskij gelegentlich
richtige Erkenntnisse wie im Scheine eines Blitzes
aufleuchten. Was er S. 147 über jüdische Eschatologie
und griechische Geschichtsbetrachtung sagt, ist wohl
seltsam ausgedrückt, trifft aber Wesentliches. Häufiger,
wenn ich recht sehe, nimmt der Fachmann Anstoß.
Etwa S. 315: „Die radikalen Kritiker behaupten, der
Herr hätte stets mit der gleichen Stimme gesprochen,
die sie bei den Synoptikern zu hören glauben; diese Beobachtung
ist aber oberflächlich und unbeweisbar" usw.
Auch wo der Vf. selbst einmal Kritik übt (wie S. 364ff.
bei der Besprechung von Matth. 16), geschieht es teilweise
auf recht seltsame Art.

Obeiholz b. Leipzig. Joh. Lei pol dt.

Bornhäuser, Prof. D. Karl: Studien zum Sondergut des

Lukas. Gütersloh: C. Bertelsmann 1934. (VI, 170 S.) 8°.

kart. RM 5-; geb. 6.50.

Daß B. bei der Behandlung neutest. Stellen seinen
eigenen Weg geht, ist bekannt. Büchsei hat in einer
Besprechung einer anderen Schrift B.'s das für den
Vf. Charakteristische gut hervorgehoben (ThLZ 1931,
Sp. 315f.): „Für B. Untersuchung ist bezeichnend: nachdrückliche
Ausnutzung der Kenntnis des zeitgenössischen
Judentums, entschlossenes Abrücken von herkömmlichen
Deutungen, liebevollste Beschäftigung mit den Einzelheiten
und Ablehnung der Kritik als auf Mißdeutung der
Evgl. beruhend." Das alles trifft in vollem Umfange
auch auf die hier anzuzeigende neueste Schrift von B.
zu. Aus dem Sondergut des Lukas werden hier 10 Abschnitte
behandelt, darunter 5 Oleichnisse. Zu fast jedem
Verse hat der Vf. etwas Besonderes, in der Forschung
bisher noch nicht Vertretenes zu sagen. Das
tritt am stärksten bei den Gleichnissen hervor, in denen
B., unter Verwerfung entgegenstehender Ansichten, auch
jeden kleinsten Zug ausdeutet. So starke Bedenken
ich auch gegen diese Art Exegese habe, so möchte ich
ihnen hier doch nicht Ausdruck geben. B.'s wissenschaftliche
Methode ist auch zu bekannt, als daß eine längere
Auseinandersetzung nötig wäre.

Göttinnen. H. Seesemann.

Manlchäische Handschriften der Sammlung A. ehester Beatty.

Band I. Manichäische Homilien herausgeg. von Hans Jakob Po lots-
ky. Mit einem Beitrag von Hugo Ibscher. Stuttgart: W. Kohlhammer
1934. (XIV, 96 [Doppelseiten] u. 22* S.). RM 27—; geb. 30—
Von dem jüngst erfolgten märchenhaften Fund verschollener
Mani-Literatur in koptischer Übersetzung (s.
Ein Mani-Fund in Ägypten: Sitzungsber. der Preuß. Ak.
d. W. 1933 I) war ein Teil in den Besitz des Herrn
A. ehester Beatty in London gelangt, der ihn zur Les-
barmachung an H. Ibscher, zur Entzifferung, Übersetzung
und weiteren wissenschaftlichen Behandlung an H.
J. Polotsky überwies. Die damit angebahnten Beziehungen
zu Deutschland fanden ihre Krönung in dem
Zugeständnis, die Editio prineeps in Deutschland und
in deutscher Sprache erscheinen zu lassen. Als Vermittler
hat Sir Herbert Thompson gewirkt, dem wir wärmsten
Dank auch für die Bereitstellung der Mittel schulden
, die für die Bearbeitung in dieser ungewöhnlich glänzenden
Ausstattung erforderlich waren.

Das Buch beginnt mit einem Bericht von Ibscher

über den Zustand der Handschrift, der uns einen, Bewunderung
und Dankbarkeit weckenden, Begriff von den
Schwierigkeiten gibt, die hier zu lösen waren und noch
sind. „Durch das Eindringen des Wassers und des von
diesem aus dem Erdreich mitgeführten Salzes sind die
einzelnen Blätter derart verfilzt und zersetzt, daß es
unendliche Mühe verursacht, diese von einander zu trennen
. Nur wenige Jahrzehnte noch hätten genügt, um
die Werke des Mani in die von den Fellachen so begehrte
salzhaltige Humuserde zu verwandeln, wenn die
glücklichen Finder nicht noch rechtzeitig zur Stelle gewesen
wären" (S. XIII).

Doch ist es gelungen, die Blattlagen sicher zu bestimmen
und einen großen Teil des Kodex lesbar zu
machen. Die Ränder und zum guten Teil Anfang und
Ende sind allerdings zerstört. Ibscher setzt die Handschrift
in die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts; Polotsky
möchte nicht über das 5. Jahrhundert hinaufgehen (X).
Buchtechnisch ist sie, wie überhaupt sämtliche Bünde aus
dem Mani-Fund, ein Meisterwerk (XIII).

Was den Inhalt anlangt, so haben wir es mit keinem
Werke des Mani selbst zu tun, sondern mit einer vier-
gliederigen Sammlung von Erzeugnissen einzelner seiner
Schüler. Nr. 1 und 4 sind von geringerem, die beiden
mittleren von erheblich bedeutenderem Umfang.

Das erste Stück (S. 1—7) ist ein Preis Manis in
Gestalt einer Klage über seinen Tod, den eine erhalten
gebliebene Seitenüberschrift als öpiio; des Salmaios bezeichnet
. Salmaios ist uns auch sonst als Schüler des
Mani bekannt.

Das zweite Stück (S. 7—42) ist durch seine Über-
und Unterschrift inhaltlich als der „Sermon (löyoc.) vom
Großen Krieg (itö/.Euog)" bestimmt. Auf den oberen
Rändern wechselt hiermit der Titel: „Sermon
des Koustaios". Auch Koust. ist als Begleiter des Mani
bezeugt, in einem Turfanfragment. Der Inhalt ist eine
apokalyptisch-eschalologische Schilderung der unmittelbaren
Zukunft bis hin zum Weltende. Einfluß der sog.
synoptischen Apokalypse und Gebrauch einer Schrift
Manis, auf den gleich im Eingang die Weissagung vom
Großen Krieg zurückgeführt wird, sind unverkennbar.
Wir hören zunächst von dem Großen Kriege, der auch
den Manichäismus empfindlich treffen wird. Der eintretende
Friede schenkt der manichäischen 'ExxÄiioiu Wiederherstellung
und Blüte, die „mit Pauken und Trompeten"
überall verkündigt werden würden. Der nächste Akt
bringt die Parusie, Herrschaft und Gericht Jesu. Den
Schluß bilden Jesu Rückkehr ins Lichtreich, die allmähliche
Auflösung des Fleisches auf Erden und der Weltbrand
.

Das dritte Stück (S. 42—85) nennt keinen Verfasser.
Es handelt nach der Überschrift, die abgekürzt auf den
oberen Rändern wiederkehrt, von der Kreuzigung. Und
zwar ist es einmal die Kreuzigung Manis unter Bahrain
I (273—276), sodann die seines Jüngers Sisinnios (s.
Ein Mani-Fund 25) unter Bahram II (276—293). Am
Schluß tritt noch ein weiterer Anhänger, Innaios auf und
heilt den erkrankten König, was der Aixtnoowr) zu einer
Zeit der Duldung verhilft. Dieses Stück, das schon
mit dem Tode Schapurs I (241—272) und der Thronbesteigung
Hormizds I (272—273) beginnt, enthält eine
Anzahl historisch - chronologischer und geographischer
Angaben, die Rätsel aufgeben.

Das vierte Stück (S. 86—96) ist innerlich ohne Einheit
. Als Sammler und Überlieferer erscheinen ein Jünger
Ammos und ein Gefährte, dessen Name im Text
verschwunden ist.

Dem Bande vorgeheftet ist die Wiedergabe einer
Seite, die zu den besterhaltenen gehört. Vertieft man
sich in ihren Anblick, so wird einem erneut bewußt, was
hier geleistet worden ist und was Polotsky bewältigt hat.
Die Handschrift war höchst mühsam zu lesen und bei
der Lückenhaftigkeit und Schwierigkeit des Inhaltes alles
andere als leicht verständlich und deutbar.

Die Ausgabe ist so eingerichtet, daß auf 96 Doppel-