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Ausgabe:

1935

Spalte:

345-347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schöffler, Herbert

Titel/Untertitel:

Die Anfänge des Puritanismus 1935

Rezensent:

Hecht, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 19.

346

ken bleibt, daß es auch der einzelne Codex in dieser Hinsicht
an Folgerichtigkeit fehlen zu lassen pflegt.

Einen besonderen Schritt über das bisher Erreichte
hinaus bedeutet die Berücksichtigung der griechischen
Parallelen aus dem Bereiche der Commentariorum series.
An solchen hatte noch Lommatzsch nicht mehr als zwei
kleine Katenenbruchstücke beigebracht. Hier konnte die
Gegenwart erheblich weiterkommen, indem sie vor allem
den von G. Heinrici 1908 edierten Scholienkommentar
des „Petrus von Laodicea", der erhebliche Stücke des
griechischen Originals in anonymer Verarbeitung enthält,
ausnützte. Auch gewisse Evangelienkatenen sowie Victor
von Antiochien stellten Stoff zur Verfügung. Der so
gewonnene griechische Urtext tritt an den entsprechenden
Stellen dem lateinischen Wortlaut in Parallelspalte
zur Seite.

Neben den Varianten enthält ein zweiter Apparat den
genauen Nachweis der benützten Bibelstellen sowie Sachparallelen
aus anderen Schriften des Origenes unter
mehrfach wiederholtem Hinweis auf die stoffreiche
Schrift A. v. Harnacks: Der kirchengeschichtliche Ertrag
der exegetischen Arbeiten des Origenes 2 (Texte
und Untersuchungen 42, 2 1919), die „geradezu einen
Kommentar ersetzen" kann.

Wer je an der Hand von Lommatzschs oder Mignes
Texten den Evangelienerklärer Origenes studiert hat,
wird die neue Ausgabe mit besonderem Dank begrüßen
und den Wunsch hegen, daß ihre Vollendung Sache
einer nahen Zukunft sein möchte.

Göttingen. W.Bauer.

Schöffler, Herbert: Die Anfänge des Puritanismus. Versuch
einer Deutung der englischen Reformation. Leipzig: B. Tauchnitz
1932. (179 S.) gr. 8°.= Kölner Anglistische Arb. hrsg. v. H. Schöffler
, 14. Bd. RM 5—.
Die Arbeit beleuchtet die Bedingungen und Schicksale
der englischen Reformation im 16. Jahrhundert
unter vier Herrschern: Heinrich VIII., Edward VI., Maria
und Elisabeth. Der Verfasser, dessen fruchtbare
Einsicht in religions-soziologisehe Prozesse seit seinem
vielerörterten Werk über Protestantismus und
Literatur (Leipzig 1922) feststeht, hat sich von dieser
Warte nicht mehr wegbegeben: eigene Studien wie
zahlreiche Arbeiten seiner Schüler bezeugen die Weite
und den Reichtum des für die Anglistik und für die Geisteswissenschaften
im Ganzen gewonnenen Neulands.
(Über Erreichtes und Geplantes s. die Zusammenstellung
auf s. 27 Anm. des vorliegenden Bandes und den Aufsatz
von P. Honigsheim Zur Religionssoziologie
des englischen Protestantismus in den Kölner Vierteljahrsheften
für Soziologie XI (1933) ss. 401—411). Die
Grundlinien seines Deutungsversuches hat Sch. schon
1931 in seinem Festvortrage vor der Deutschen Shakespeare
-Gesellschaft entwickelt (vgl. Jahrbuch Band 67,
ss. 7—20); in ihrer erweiterten Form fesseln sie von
der ersten bis zur letzten Seite durch die unbeschwerte
Sicherheit scharfen historischen Blickes, der auch Fernliegendes
als bedeutungsvolle Parallele seinen Zwecken
dienstbar zu machen weiß, und durch die großen Vorzüge
durchaus plastischer, oft humorbeschwingter Darstellungsart
. Seiten wie etwa die über die Pilgrimage of
Grace (88—91), der Abschnitt über die Ketzergerichte
unter der katholischen Maria (137—139), über die neu-
konform ierenden Regungen unter Elisabeth (157—160)
sind rein literarisch angesehen Proben kraftvoller und
zugleich beherrschter historischer Prosa; ihre geballte
Monumentalität hat etwas Meisterliches und Endgültiges
, deren Einprägsamkeit sich kein Leser verschließen
wird.

In ungefährem Gleichlauf der Anordnung werden in
den Hauptteilen des Buches nach knapper Charakteristik
der äußeren Ereignisse jeweils folgende Fragen erörtert:
wie verhielt sich die politische Gewalt? bestand im
Volke religiöse Not? erweckte sie einen religiösen Führer
? Der letzte Abschnitt, die Entwicklung unter Elisabeth
behandelnd, schildert außerdem zusammenfassend
die Widerstände gegen den kirchlichen Einheitsgedanken
. Um aus Sch.'s Ergebnissen das Wichtigste knapp
herauszustellen, so zeigt er: das englische Volk ist ohne
religiöse Not von einem politischen Führer, eben von
i Heinrich VIII., in die Reformation hineingedrängt worden
. Die Kirchengesetzgebung des Königs wurde von
persönlichen Leidenschaften und Zweckmäßigkeiten der
| sich rasch verschiebenden politischen Gesamtlage ent-
; scheidend beeinflußt. Nach seinem Tode bedeutet jeder
Regierungswechsel einen scharfen Richtungsumschlag in
den kirchenpolitischen Maßnahmen: Vordringen der Re-
, formation unter Edward; katholische Reaktion unter
Maria; Organisation der anglikanischen Staatskirchc un-
, ter Elisabeth, nebst zahlreichen Schwankungen durch
wechselnde Einflüsse während der einzelnen Herrschafts-
per joden. Es fehlt in den kritischen Jahrzehnten der
große religiöse Führer — auch der humanistische Ekle-
tiker Thomas Cranmer kann als solcher nicht gelten
—, und mit ihm die zwingende Eindeutigkeit der
Entwicklungslinie. Das englische Volk, das zu Beginn
der Loslösungsbestrebungen von Rom eine religiöse Not
noch nicht empfand, ist durch den Wirrwarr der sich
kreuzenden und widerrufenden Entscheidungen erst in
eine solche hineingeführt worden. Danach war ein Kompromiß
, wie ihn die Staatskirche der Elisabeth anstrebte,
nicht mehr möglich. Sch. sagt zusammenfassend (s. 176):
„Die Tatsache einer festen, römisch bleibenden Minderheit
, die Tatsache einer ebenso entschiedenen Minderheit,
die in neuerndem Sinne weiter drängt, sind Früchte des
Verhaltens der politischen Gewalt selbst — jedes der
von ihr propagierten Systeme war irgendwo auf fruchtbaren
Boden gefallen." Der mit jeder neuen Regierung
sich vermehrende Konfliktstoff entfesselte im 17.
Jahrhundert den Religionskrieg und führte erst durch
ihn die Reformation zum Siege, „die jeden Volksgenossen
vor jene innere, eigenste Entscheidung stellt, welche
den Bewohnern des Festlandes zu allergrößtem Teil von
ihren Territorialherren abgenommen wurde" (s. 153).

Wenn Sch. die Anfänge des Puritanismus in die Zeit
des Schwankens der Henricianischen Kirchenpolitik, also
bis in die dreißiger Jahre des 16. Jhdts. zurückverlegt
, so drängt sich die Frage auf, ob und in wie weit
der Einfluß Wyclifs und seiner Anhänger in der reformatorischen
Bewegung nachzuweisen sei, ob der Puritanismus
im Wesentlichen auf englische oder auf kontinentale
Ursprünge zurückgeführt werden müsse. Sch.
streift das Problem in einem knappen Zwischenkapitel:
Wiklifie und Reformation (ss. 59—68). Seine Antwort
stützt sich auf religionssoziologische Erwägungen. Während
das Vorhandensein wyklifitischer Strömungen bei
den „kleinen Leuten ohne sozialen Rang und ohne nennenswerte
Bildung" durchaus erkannt wird, scheint ihm
doch der Antrieb für die ihn beschäftigenden protestantisch
-puritanischen Entwicklungen, soweit sie Kirche, Uni-
! versität und Staatsleitung erfassen, von den Reformzen-
j tren des Festlandes auszugehen. Th. C. Hall ist in
seinem tiefschürfenden Werke The Religious Background
of American Culture dessen erster Teil sich mit den
englischen Verhältnissen beschäftigt, zu entgegengesetzten
Erkenntnissen gelangt. Eine Entscheidung braucht
; hier nicht getroffen zu werden, aber es ist zu erwägen,
, wie eng begrenzt die Schicht der Lehrenden und Lesenden
, der vom Schrifttum Bestimmten, im Vergleich zu
der meist stummen Masse blieb, die Altüberliefertes
weitergab, fortbildete und schließlich, mit den aus ihr
aufsteigenden Elementen, in die Höhe trug. —

In allen Einzelheiten, in der Menge der von ihm angeführten
Namen, Daten, Ereignisse und Verordnungen
ist Sch. ein durchaus zuverlässiger Führer. Ebenso
sorgfältig ist die Drucklegung. Auf s. 32, Z. 3 von
, oben 1. Katharinas für Marias; an einer der wenigen
| Stellen, die auf literarische Dinge Bezug nehmen, ist
Sch. ein Irrtum unterlaufen: jener Thomas Wyatt, der

1. Boston, 1930, bes. ss. 49—79.