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Ausgabe:

1935

Spalte:

16-17

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauscher, Julius

Titel/Untertitel:

Wuerttembergische Reformationsgeschichte 1935

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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16

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. t.

IG

schichte des Pfarrei-Instituts im Elsaß" bringt Luzian
Pfleger zwei sehr gründliche Kapitel über die zahlreichen
Abgaben der Pfarrer an ihre geistlichen und weltlichen
Vorgesetzten und über die Sendgerichte und Kirchenvisitationen
. Seine Ausführungen über die Sendgerichte
im Bistum Straßburg enthalten einige Berichtigungen zu
den Angaben A. M. Koenigers „Die Sendgerichte in
Deutschland", 1. Bd. (München 1907). Von Pfleger
stammt außerdem eine Würdigung des elsässischen Ci-
sterzienserabts Nikolaus Salicetus als Liturgiker und als
asketischer Schriftsteller. — Medard Barth bietet eine
mit Erläuterungen versehene Liste elsässischer Reliquien
, die im Jahr 1343 dem Berner Münster geschenkt
wurden. Sodann führt er den Nachweis, daß die Entstehung
der illustrierten deutschen Übersetzung der Le-
genda aurea von 1362 (München Codex germanicus 6)
nach Straßburg zu verweisen ist. In einem dritten Aufsatz
stellt Barth aus den Rechnungsbüchern der Heiligenpfleger
der elsässischen Pfarrei Borsch für die Jahre
1463 bis 1530 kirchengeschichtlich interessante Notizen
zusammen. — Über den aus dem elsässischen Dorfe
Haslach stammenden päpstlichen Zeremonienmeister Johannes
Burckard (1450—1506), sein heute noch in Rom
bestehendes Haus und sein Tagebuch berichtet P. Li-
varius Öliger. — Auf Grund bisher unbenutzter Akten
beschreibt Fr. Cuny den Übergang der Benediktinerin-
nenabtei Herbitzheim an das Haus Nassau-Saarbrücken,
1544—1566. — Ebenso bietet P. Paulus Volk eine aktenmäßige
Zusammenstellung der Qeneralkapitels-Rezesse
der Straßburger Benediktiner-Kongregation aus den Jahren
1624—1766. — Über den humanistischen und philosophisch
-theologischen Bildungsgang (1768—1789) des
in der Schreckenszeit im Elsaß berüchtigten Eulogius
Schneider berichtet Pierre Paulin. — Drei kürzere Aufsätze
„Elsässische Schulschwestern in der Rheinpfalz 1811
bis 1821", von Emil Clemens Scherer, „Zur Entstehungsgeschichte
des , Volksfreundes' 1855—1859, von
Louis Ehrhard, und „Weihbischof Marbach als Professor
am Kleinen Seminar zu Straßburg 1867—1870",
von Joseph Brauner, bilden nebst einigen „Kleinen Beiträgen
" und einer Bücherschau den Schluß dieses 9. Bandes
, der sich in würdiger Weise seinen Vorgängern anreiht
.

Dorlisheim, Elsass. Joh. Adain.

Seeberg, Prof. D. Erich: Meister Eckhart. Vortrag geh. vor d.
Dtsch. philos. Gesellschaft in Berlin. Tübingen: J. C. B. Mohr 1934.
(64 S.) 8°. = Philosophie u. Gesch. E. Sammig. v. Vorträgen u. Schriften
a. d. Gebiet d. Philos. u. Gesch. 50. RM 1.50; in Subskr. 1.20.

Es war ein glücklicher Gedanke des Verlags gerade
diese gehaltvolle Studie über Meister Eckhart von dem
Berliner Kirchenhistoriker und Vorsitzenden der Kommission
zur Herausgabe der Werke Meister Eckharts,
E. Seeberg, zu veröffentlichen, da die Persönlichkeit
des großen Mystikers als Typus deutscher Frömmigkeitsgestaltung
heute im Mittelpunkt der Diskussion
steht. Wegen ihrer weiten ' Perspektiven verdient die
einführende Betrachtung Seebergs über die lateinischen
und deutschen Schriften Eckharts besondere Beachtung,
wenn er z. B. den Meister an das Ende der „zweiten
Hellenisierungsepoche des Christentums" stellt, also „in
jene Zeit, in der Thomas von Aquino den echten Aristoteles
aus dem Schutt der Überlieferung wieder herstellen
ließ; eine Tat, die das abendländische Denken auf das
tiefste beeinflußt hat". Und wenn Seeberg nachdrücklich
betont, daß alle Eckhart-Interpretation „die neuplatonische
Grundlage der deutschen Mystik" nie aus den Augen
verlieren dürfe, so hebt er mit Recht hervor, wie das
Erkennen der geistesgeschichtlichen Zusammenhänge
noch nicht das Wesen einer Sache erschließe, wie „aus
den gleichen Wurzeln und dem gleichen Erbe etwas
Neues und Individuelles" hervorgehen könne. Und behutsam
vorfühlend wagt er die Überlegsame These:
„Die deutsche Sprache, die deutsche Predigt und das
letzte Geheimnisvolle und Unaussprechliche, das hin-

I ter dem Wesen von Sprache und Person steht, über-
' tragen die lateinisch-platonische Begriffswelt in eine andere
Sphäre und schaffen wirklich etwas Neues." Denn
um das Sprachschöpferische bei Eckhart und seine originale
Kraft zu verstehen, müßte man wissen, welche
lateinischen Begriffe den diesbezüglichen deutschen Worten
entsprechen und dann würde sich vielleicht ergeben,
daß die lateinischen Schriften Meister Eckharts kaum
den Schlüssel für die deutschen enthalten, sondern gerade
die Seele des Meisters aus den deutschen Schriften
zu uns spreche und sein eigentliches Anliegen hier lautbar
werde. Ist das Mittelalter und also auch das deutsche
Mittelalter als „die Geschichte einer großen Rezeption
" zu verstehen, durch die die germanischen Völker
das ,Erbe' der Antike auch seelisch in sich selbst
gestalteten und umformten, so kann die deutsche
Mystik als die germanisch-religiöse Geisteshaltung angesehen
werden, durch die der Versuch gemacht wird,
das überkommene Gut in der Sprache des Herzens und
des Gemüts, freilich in einer noch sehr schwankenden
begrifflichen Terminologie, sich zu eigen zu macheu.
Und nun weist Seeberg auf ein ungeheuer wichtiges,
aber noch lange nicht gelöstes Problem hin: Hinter
[ den erborgten Formulierungen das versteckte Neue herauszuarbeiten
, das in diesen Begriffen nicht adäquat
ausgedrückt werden konnte. Es wäre nun höchst reizvoll
, freilich auch ungemein schwierig gewesen, wenn
! der Verfasser eine vorsichtige Ablösung dieser Überlagerungsschichten
vorgenommen hätte, um das urtümlich
-seelische Frömmigkeitserlebnis bloßzulegen. Ein sol-
1 eher Versuch liegt am ehesten vor in der Analyse einiger
für die Frömmigkeit Meister Eckharts charakteristischer
Züge: in seiner eigenartig immanenten Christo-
| logie und der eigentümlich paradoxen Wiedergeburts-
■ lehre. Wie die Ethik des Meisters durch religiöse Mo-
; tive bestimmt ist, wird an Einzelzügen erläutert. Auch
zeigen die sorgfältig belegten Ausführungen über Eckharts
Ontotogie und Seelenlehre, sein Weltbild, seine
Gotteserkenntnis und Gnadenlehre, wie tief einfühlend
; Seeberg sich in die philosophisch - religiösen Grund-
1 begriffe eckhartscher Spekulationen und ihrer verschiedentlich
nachweisbaren Quellen eingearbeitet hat. Schlägt
zwar in diesen Lehrpunkten die neuplatonische Vor-
1 Stellungswelt immer wieder erkennbar durch, darf doch
nicht übersehen werden, wie „die große Idee des Meisters
" daß alles Bewegte zugleich sich selbst bewegt,
und zwar nicht nur nach unten oder nach vorwärts,
sondern auch nach oben und rückwärts, als Grundton
seine Gedankengänge durchzieht. Seebergs Kunst mit
wenigen, aber markanten Strichen bleibende Merkmale
zu umreißen, beweisen die beiden zusammenfassenden
Schlußsätze: „Das ist der Meister Eckhart, der Theolog
als Philosoph, der Christ als Neuplatoniker. Wie bei
uns Deutschen fast immer, ist Gebundenheit und Ahnung,
Suchen und Sicherheit, Sache und Sprache unscheidbar
und schwer bei ihm verbunden. Das Ungestaltete macht
ihn uns lieb und fremd zugleich." Die in den Anmerkungen
sorgfältig gesammelten zahlreichen Text-Belege (S.
44—64) erhöhen wesentlich den Wert dieses vor der
Berliner Deutschen philosophischen Gesellschaft gehaltenen
Vortrags, in dem vielleicht auf S. 45 auch die
s. Z. vielbeachtete Rektoratsrede des Altmeisters der
deutschen Philologie Phil. Strauch über .Meister Eckart-
Probleme' (1912) hätte Erwähnung finden können, da
auch hier ein Forschungsüberblick gegeben wird.
München. R.F.Merkel.

Rauscher, D. Dr. Julius: Württembergische Reformationsgeschichte
. Stuttgart: Calwer Vereinsbuchhandlung 1934. (VIII,
215 S.) 8°. = Württ. Kirchengesch. Hrsg. vom Calwer Verlagsverein
. 3. Bd.: Reformation 1500—1559. kart. RM 5.50 ; geb. 6.80.
1893 gab der Calwer Verlagsverein die „Württembergische
Kirchengeschichte" heraus. Fr. Keidel, Jul.
Hartmann, Christoph Kolb und vor allem Gustav Bessert
hatten damit ein mustergültiges Werk geschaffen,