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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

14-15

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Archiv für elsässische Kirchengeschichte ; 9. Jahrg. 1934 1935

Rezensent:

Adam, Johann Jacob

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 1.

Ii

verbesseruncren im 16. Jahrhundert (die mir nicht bekannt
ist). Mosheims lateinische Veröffentlichungen, die
doch in erster Linie heranzuziehen wären, hat N. überhaupt
nicht benutzt. _

Infolge allzu raschen Arbeitens ist auch die Polemik,
die N. gegen andere Gelehrte betreibt, vielfach fehlerhaft
und unzutreffend. Nur ein Beispiel. S. VIII sagt
er mit Bezug auf Baurs Epochen, Karl Aner habe von
einer „gehässigen Darstellung" geschrieben, die „von
der die Historie vergewaltigenden Prokrustesdoktrin der
Hellsehen Philosophie diktiert" sei; dieses Urteil wird
darauf von N. als einseitig, als an der Wahrheit vorbeigehend
bezeichnet. In Wirklichkeit ist es Aner nicht eingefallen
, über Baurs Buch im ganzen so zu urteilen;
die Äußerung bezieht sich lediglich auf Baurs Darstel^
lung der Kirchengeschichtschreibung der Aufklarung!

Hätte N. sein Buch ausreifen lassen, dann wären ihm
auch vermutlich die Widersprüche nicht verborgen geblieben
in denen er sich nicht selten ergeht. Auch hier
nur ein Beispiel! Auf S. 13 lesen wir, daß dem Werk
des Eusebius eine Idee zugrunde liegt, „die von so uberragender
Bedeutung ist, daß kein Kirchenhistoriker nach
ihm eine ihr ebenbürtige hervorgebracht hat" (nämlich
KG als Geschichte des christlichen Volks). Auf S. 25
erfahren wir dann zu unserer nicht geringen Überraschung
, daß diese großartige Idee „eine Fiktion ist",
und lesen Wendungen wie „phantastische Anschauung"
und „optische Täuschung". Schließlich erfahren wir,
daß das Scheitern Eusebs ganz in der Ordnung sei,
weil jeder Historiker der Kirche scheitern müsse!

Das feuilletonistische Talent des Verf.s, das den
Hauptreiz des Buches ausmacht, kommt am besten in
seinen Schilderungen Neanders und Hases zur Geltung.
Ganz ohne Verzeichnungen geht es freilich auch hier
nicht ab, und ein dem Gegenstand nicht angemessener
Stil trübt den Genuß. Neanders Frömmigkeit ist „die
Frömmigkeit eines neupietistischen Jünglingsvereins oder
einer alkoholfreien Gemeindestube mit Süßmost, Teeausschank
und Hefegebäck" (S. 172); seine Gestalten
haben „das Aussehen bemalter Gipsengel" (ebd.); daß
er „ein so umfangreiches Werk zustandegebracht hat,
verdankt er vorzüglich seinem Sitzfleisch, das jeden Tag
von morgens 6 Uhr an in seiner Studierstube saß"
(S. 174). Das geht alles viel zu weit und entbehrt des
wirklichen historischen Verständnisses. Ein böses Wort
über Hase steht S. 192, Z. 9—13.

In philologischer Hinsicht begegnen in dem Buche merkwürdige
Fehler. S. 11 schreibt N. Öiaö6yai, S. 213 gar äta}ö"n.c, "koyoq. Den
Namen Neander erklärt er S. 158 als veög <xvt')o, was sinnlos ist, da
veös Substantiv ist und „Brachland" heißt. S. 115 und noch einmal S.
195 begegnet die Schreibung „rethorisch" (richtig auf S. 10). S. 205
finden wir die Stilblüte (Sperrungen von mir): „Die wirklich echten
Quellen lassen sich auf die Dauer nicht erschüttern, und nachdem
sie ihre Festigkeit gegen alle kritischen Zweifel bewiesen haben,
sind sie umso zuverlässigere Bausteine". Und S. 168 die fürchterliche
Konstruktion: „Neander selbst ist durch das sich gestellte Thema
• • • noch «nigermaßen gefeit". — Zu S. 100: Mosheim wurde 1693
geboren, nicht 1694. Er hieß nicht Johann M. (S. 246. 248), sondern
Joh. Lorenz; Rufname Lorenz. - Meinen Namen schreibt der Verf. bald
mit ss, bald mit ß. Die Schreibung mit ss ist die richtige.

Jena. Karl Heussi.

Thomas von Aquin: Die Deutsche Thomas Ausgabe.

Vollst., ungekürzte deutsch-lateinische Ausg. der Summa Theologica.
Uebers. von Dominikanern und Benediktinern Deutschlands u. Oesterreichs
. Hrsg. vom Kath. Akademikerverband. 25. Bd.: Die Menschwerdung
Christi. 2. Aufl. Salzburg: A. Pustet 1934. (XXIII, 519 S.)
8°. RM 9—; geb. 10—

Dem ersten Bande dieses umfassend angelegten Übersetzungswerkes
, den ich 1934, Nr. 15/16, Sp. 280 ff.
besprochen habe, lassen die Herausgeber nicht unmittelbar
die anschließenden Quaestiones folgen, sondern sofort
den 25. Bd., der den ersten Teil der Christologie
(III q. 1 —15) enthält. Begründet wird das mit der be--
sonderen Wichtigkeit der Christologie für unsere Zeit.
Die Herausgeber sind sich freilich im Klaren über den
grundlegenden Wandel der christologischen Fragestellungen
seit den Tagen des Aquinaten. Für ihn ist die
Christologie nun einmal kein Problem. Gewiß, die Einleitung
unterstreicht (S. 11) mit Recht, daß Thomas im
Unterschiede zu seinen Vorgängern zu den Quellen vorgedrungen
sei und den Problemen neue, selbständige
Lösungen gegeben habe. Aber Thomas hat eben keine
neuen Probleme gesehen. Er hat nur versucht, die altkirchliche
Christologie, die im wesentlichen eine plato-
nisierende Metaphysik voraussetzt, in aristotelisches Den-
: ken und aristotelische Kategorien umzudeuten. Der mo-
| derne Leser hat deshalb sehr große Schwierigkeit, dieser
I Darbietung der christologischen Fragen gegenüber zu
begreifen, daß „Wissen hier nicht mehr Macht bedeutet
[ und Beherrschung eines ,Stoffes', sondern Liebe und Anbetung
, ein Finden, ein Offenbarwerden von Geheimnissen
, die die Seele erzittern machen" (Vorwort S. 8).
Man wird freilich den Herausgebern auch darin beipflichten
müssen, daß die Wirrnisse dieser Welt und
unsere Nöte und Fragen sofort ein anderes Gesicht bekommen
, wenn man von der Tatsache ausgeht, daß
Christus der Heiland ist. Aber der Übersetzer, Dr. Leopold
Soukup, O.S.B., hat doch auch in seinen reich-
! liehen Anmerkungen wenig getan, um den Lesern die
j religiöse Betrachtung des Zweinaturen-Geheimnisses zu
i erleichtern. Er gibt eine Fülle gelehrten dogmenge-
j schichtlichen Materiales und wertvollste metaphysische
! Erläuterungen. Für ein richtiges Verständnis der Be-
j griffe natura, persona, subsistere und aeeipere im Denken
I des Aquinaten sind hier außerordentlich wertvolle Hil-
| fen geboten. Aber auch der Übersetzer unterläßt es im
; allgemeinen, die Beziehung dieser Erkenntnisse zu den
I heutigen christologischen Fragestellungen aufzuweisen.
! Nur an einigen Stellen versucht er, durch eine freiere
| Übersetzung den Text unserer heutigen Frömmigkeit nä-
j herzubringen, so etwa, wenn III q. 1 a. 1. ad 2. „salus
I humana" mit „Unser Heil" wiedergegeben wird, oder
; wenn ebda, ad 3. u. ö. die gegenständlich gemeinte
bonitas Dei, sein Gutsein oder seine absolute Wert-
haftigkeit als „Güte" übersetzt wird, also in eine persönliche
Haltung umgedeutet wird.

Bezeichnend für die größere Freiheit, die sich heute
selbst „Thomisten" der Theologie des Aquinaten gegenüber
erworben haben, sind solche beiläufigen Bemerkungen
im Kommentar, wie z. B. S. 472: „all diese
(nämlich von Thomas aufgeführten) Gründe sind nicht
zwingend", oder die verhältnismäßig große Zurückhaltung
gegenüber seiner Neigung alles am Geheimnis der
Menschwerdung erklären zu wollen. Der Übersetzer-
Kommentar zieht es mehrfach vor, dem modernen Mystiker
Scheeben statt dem Doctor Angelicus zu folgen.

Die Übersetzung ist an einigen Stellen zu sklavisch,
so wenn q. 2 a. 11 mereri durchweg mit verdienen übersetzt
wird. „Erdienen" oder „durch sein Verdienst zustande
bringen" dürfte dem Sinne mehr entsprechen. Umgekehrt
wirkt gelegentlich eine zu freie Übersetzung sinnstörend
, so etwa q. 1 a. 1 kann der Satz „Malum vero
(culpae) committitur per recessum ab arte divina" nicht
heißen: „Das Böse stört . . . das Meisterwerk", sondern
es muß heißen: „Dagegen (nämlich während Gott der
Schöpfer aller Dinge und der Urheber des Strafleidens
ist) kommt schuldhaft Böses zustande durch ein Abweichen
(nämlich der Geschöpfe) von der hohen Kunst
göttlicher Weisheit." Aufs Ganze gesehen aber ist die
Übersetzung vorzüglich. Gewisse Ungenauigkeiten und
Ungleichmäßigkeiten kommen natürlich auch hier vor.
Aber die Sprache ist anschaulich, beweglich und lebendig
und im guten Sinne modern,
z. Zt. Swansea, Wales. Otto Piper.

Archiv für elsässische Kirchengeschichte. Im Auftrage d. Ges.
f. elsässische Kirchengeschichte hrsg. v. Joseph Brauner. 9. Jahrg.
1934. Freiburg i. Br.: Herder & Co. in Komm. 1934. (VIII, 400
S. m. mehr. Abb.) Lex. 8°. RM 12—.

Als Abschluß seiner in den Jahrgängen 4, 5, 7 und

8 dieses Archivs erschienenen „Untersuchungen zurGe-