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Ausgabe:

1935 Nr. 17

Spalte:

309-311

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der Aufstieg des Papsttums 1935

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 17.

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nicht Sonderlesart ist. Als Beispiele möchte ich nennen:
die imperativische Textform in Rom. 13, 1. 5 (stdoai?

eSououuc, VTte.oEyovaaiq imoTÜrioErrfjE-fuö xal wtOTunoEa-Oe ) und

das Fehlen des Imperativs &<otoaa^oft<p<fav in Eph. 5, 22.
Eine Heranziehung von P 16 dürfte so an manchen Stellen
die äußeren Gründe für eine bisher als lokal abgelehnte
Lesart verstärken; und schon darum ist die Benützung
des neuen Textes dringend zu empfehlen. Als
beachtenswert führe ich noch an, daß Pu mit B * n * in
Eph. 1, 1 den Ortsnamen wegläßt (er liest tot? «yioiq
öSoiv xrai rtioxol?), und daß er Rom. 16,25—27 zwischen
Rom. 15,33 und 16,1 stellt, was sonst nirgends
belegt ist. Sanders hält diese Anordnung des Rom. für
die ursprüngliche Reihenfolge, Rom. 16 sei an den mittels
der Doxologie abgeschlossenen Römerbrief fälschlich
angehängt worden. Das ist freilich sehr fraglich
angesichts der umstrittenen Echtheit von Rom. 16,25
bis 27; doch zeigt die Reihenfolge in P";, daß man die
Doxologie, wenn Corssen« Hypothese zu Recht besteht,
von 14,23 weg nicht nur hinter Kap. 16, sondern auch
ans Ende der Korrespondenz in Kap. 15 versetzte.

Die Ausgabe von Sanders bietet den ganzen Text
beider Handschriftenteile mit den nötigen Ergänzungen.
Leider sind unter dem Text nicht wie bei Kenyon die
Übereinstimmungen mit den wichtigsten Handschriften
angegeben, sondern die Abweichungen vom textus recep-
tus. Was das dem Benutzer nützen soll, weiß ich nicht,
die Feststellung der Sonderlesarten wie der Verwandtschaft
mit andern Texten wird dadurch keineswegs erleichtert
. Die Einleitung gibt über alles Notwendige Auskunft
; die Erörterung des Textproblems, die stark mit
Tabellen arbeitet, ist naturgemäß vorläufig (auch hier
ist die Zitierung der sonstigen Paulusfragmente nach
den Nummern der Ausgaben statt nach der üblichen
Liste üregory-von Dobschütz' sehr lästig). Den Beschluß
der Ausgabe bildet ein Index aller in der Konkordanz
von Moulton und Geden nicht begegnenden
griechischen Wörter und Wortformen der Handschrift.
Drei gute Tafeln sind beigegeben. Der Preis ist erfreulich
niedrig.

Zürich. Werner Georg Kümmel.

Seppelt, Franz Xaver: Der Aufstieg des Papsttums. Geschichte
der Päpste v. d. Anfängen bis zum Regierungsantritt Gregors des
Großen. Leipzig: J. Hegner 1931. (342 S.) 8°.

— Das Papsttum im Frühmittelalter. Geschichte d. Päpste
v. Regierungsantritt Gregors d. Gr. bis z. Mitte d. 11. Jahrh. Ebd.
1934. (446 S.) 8°. = Franz Xaver Seppelt: Geschichte des Papsttums
. Eine Gesch. der Päpste v. d. Anf. bis z. Tod Pius X. tid. 1 u, 2.

geb. je RM 1 2.50.

Die auf sechs Bände berechnete Geschichte des
Papsttumes von Seppelt, von der hier die ersten beiden
Bände unter Sondertiteln vorliegen — erst der zweite
Band trägt auch den Titel des ganzen Werkes „Geschichte
des Papsttums — eine Geschichte der Päpste
von den Anfängen bis zum Tod Pius X." Bd. II —, wird
heute in mancher Hinsicht als ein Wagnis bezeichnet
werden können. Die Literatur über das Papsttum einzelner
Perioden ist in ständigem Wachstum. Auf den
eben erfolgten Abschluß der großen Geschichte der
Päpste von Ludwig von Pastor setzt Joseph S c h m i d-
1 i n mit seiner Papstgeschichte der neuesten Zeit ein, die
bereits bis zum zweiten Bande gediehen ist (vgl. Theol.
Lit. Ztg. 1934 Nr. 14). Rankes „Römische Päpste
in den letzten vier Jahrhunderten" haben jetzt, hundert
Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, mancherlei bemerkenswerte
Neuausgaben erfahren. Dazu kommt eine
Füile von Quellenpublikationen aus allen Jahrhunderten,
in deren Mittelpunkt die römische Weltkirche steht —
erinnert sei nur an die Akten des Konstanzer Konzils
und an die Fortsetzung des Repertoriums Germanicum
(vgl. Theol. Lit. Ztg. 1934, Nr. 12) — und die unabsehbare
Flut der tiefschürfenden Einzeluntersuchungen, z. B.
über das Patrimonium Petri, den Primat, die Anwesenheit
Petri und Pauli in Rom, Kaisertum und Papsttum,
konziliare Theorie usw. Aber auch die Zeit großer Zu-

I sammenfassungen scheint gekommen zu sein. Auf ka-
j tholischer Seite ist da bemerkenswert das Buch von
Joseph Bern hart: Der Vatikan als Thron der Welt
(1930). Wenn man diesem auf eine Verlagsanregung
zurückgehenden Buche gelegentlich vorgeworfen hat, es
sei Journalismus, dann darf man auch sagen, daß sol-
j eher Journalismus seinen besonderen Wert hat und keineswegs
in die Rubrik historischer Belletristik gehört,
die 1928 von der Schriftleitung der „Historischen Zeitschrift
" abgelehnt wurde. Von protestantischer Seite
haben weltliche Historiker neuerdings die Gesamtge-
i schichte des Papsttums in Angriff genommen. Von
I f Erich Caspars großangelegtem Werke (Vgl. Theol.
Lit. Ztg. 1934 Sp. 71 u. 162) lag der erste Band (1930)
vor Seppelts erstem (1932), und der zweite (1933) vor
dessen zweitem (1934). Johannes Hallers schwungvolle
und nicht unberechtigt eigenwillige Darstellung beginnt
allerdings erst zu erscheinen (Bd. 1: 1934).

Gegenüber diesem Stande von Forschung und Darstellung
kann es sich für Seppelt bestenfalls um das
Ziehen der Resultierenden in höchst einwandfreier Form
, handeln. Sein Ziel war „eine für die Gebildeten aller
Stände verständliche und gut lesbare Darstellung": das
ist ebenso sehr erreicht, wie man dem gelehrten Verfasser
„die Durcharbeitung des Quellenmaterials" und
„die Heranziehung und Verwertung der überreichen Literatur
über die ältere Papstgeschichte" bestätigen wird.
Daß dabei der Verfasser an keiner Stelle seinen kirchlich
-katholischen Standpunkt verleugnet, erscheint selbstverständlich
. Aber dieser Standpunkt ist geschickt und
vorsichtig, überall ohne Schärfe vertreten. Diese Haltung
des Verfassers ist nicht gut anders als durch einige
ausführliche Zitate zu kennzeichnen, und das ist gerade
darum nötig, weil diese Darstellung mehr als historio-
graphisch-literarische wie als historisch-kritische Leistung
zu werten wäre.

Aus Band I. geben wir die Zusammenfassung Seppelts
über die römische Bischofsliste S. 14/15:

„In den Inhabern des Bischofsamtes lebt die Autorität und die
Machtvollkommenheit der Apostel fort; und gerade für einige der
wichtigsten Christengemeinden, vor allem für Rom, daneben für Jerusalem
und Antiochien, werden die Bischofsreihen direkt auf die Apostel
zurückgeführt. Freilich war man lange geneigt, auch diesen Bischofslisten
, besonders der römischen, geringe Glaubwürdigkeit beizumessen,
doch hat auch hier die Bewertung einen Wechsel erfahren. Durch neue
Forschungen darf vielmehr als erwiesen gelten, daß die römische
Bischofsliste, in der wie auch in anderen Listen ursprünglich der Apostel
nicht als erster Bischof, sondern als Ordinator des ersten Bischofs aufgeführt
wird, die Abfolge der Träger der apostolischen Überlieferung
geben will, um dadurch, gegenüber den Ansprüchen der Ketzer mit
ihren Neuerungen in der Lehre, die Gewähr und den Nachweis zu erbringen
, dal! die kirchliche Lehre schon von den Aposteln her rein und
unverfälscht überkommen ist; und diese Sukzessionsliste wird als durchaus
glaubwürdig anerkannt. Wenn dem aber so ist, kann man, da niemals
Nichtbischöfe in diese Liste eingereiht wurden, dem Schluß nicht
ausweichen, daß diese Hüter und Träger der apostolischen Überlieferung
doch ausnahmslos bischöflichen Charakter getragen haben ; und so wird
man füglich diese Sukzessionsreihen auch weiterhin a's Bischofslisten
bezeichnen dürfen, sowie auch das christliche Altertum sie selbst als
solche betrachtet hat. Daß den Zahlenangaben als späteren Zutaten
für die beiden ersten Jahrhunderte kein oder nur ein geringer Wert
zukommt, ist demgegenüber von untergeordneter Bedeutung."

In der Streitfrage, ob Cyprian den römischen Primat
anerkannt habe oder nicht, sucht Seppelt darzulegen, daß
Cyprian praktisch und tatsächlich den Primat als gegeben
angesehen hat (S. 60/62):

.....das praktische Verhalten Cyprians zeigt, daß er der römischen

Kirche ein hohes moralisches, die eigene Kirche überragendes Ansehen
zuerkennt, das einen gewissen Gehorsam gegen Rom zur Folge hat. Der
Bischof Marcianus von Arles, als einziger im Abendland, hatte sich in
seiner Flaltung gegenüber den Abgefallenen an Novatian angeschlossen;
der Bischof Faustinus von Lyon hatte hiervon zunächst in Rom Mitteilung gemacht
, ohne von Papst Stephan Antwort zu erhalten. Die gleiche Mitteilung
war dann auch von Faustinus an Cyprian und den afrikanischen
Episkopat ergangen. Da ist es nun beachtenswert, daß Cyprian sich
nicht direkt an den Bischof von Arles oder den Bischof von Lyon und
dessen Provinzialkonzil wendet, damit diese eingriffen und den Marcianus
des Amtes entsetzten. Vielmehr schreibt Cyprian an Papst Stephan und
fordert ihn auf, er solle an die Mitbischöfe von Gallien schreiben, sie