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Ausgabe:

1935 Nr. 17

Spalte:

305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nötscher, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Buch Jeremias 1935

Rezensent:

Rudolph, W.

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305

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 17.

306

Christentum ist also existentielle Bindung an Gott durch
Jesus Christus im Glauben und in der Liebe, Platonis-
mus ist existentielle Zucht aus dem schöpferischen
Selbst heraus in Wesen, Ausdruck und Haltung, nicht
bloß also biologische Zucht oder Zuchtwahl, sondern
auch und vor allem Zucht und Disziplin, die die Ganzheit
der Existenz betrifft. Christentum und Platonismus
sind verwandt in der existentiellen Haltung, die sie
fordern; erst aus dieser Haltung heraus können wir als
Mitkampfer in der yiy<monäyj.a xtjg ovoLa der Existenz-
krisis Herr werden, indem wir in dem Sinne unserer
heutigen Zeit Existenzentschiedenheit, Existenzentscheidung
und Existenzdisziplinierung fordern.

Gleiwitz. Hans Krüger.

Nötscher, Prof. D. Dr. Friedrich: Das Buch Jeremias. Übersetzt
u. erklärt. Bonn: P. Hanstein 1934. (XIII, 378 S.) gr. 8°. = Die
Heilige Schrift d. A. T. Übers, u. erkl. In Verbindg. m. Fachgelehrten
hrsg. von F. Feldmann und H. Herkenne. 7. Bd., 2. Abt.

RM 12.30; geb. 14.50.

Dieser neueste Band des bekannten Bonner Kommentarwerks
ist etwas ausführlicher gehalten, als es sonst
bei diesem Kommentar Sitte ist. Er verrät genaue Kenntnis
der einschlägigen Literatur, auch der protestantischen
, und macht sie sich mit kluger Auswahl dienstbar.
Bei aller konservativen Grundhaltung klebt der Verfasser
nicht ängstlich am MT (auch sachlich gerechtfertigte
Umstellungen wie bei 36,9; 38,24ff.; 43,1—3 macht
er mit); hinsichtlich der schwierigen Frage des Verhältnisses
von MT und LXX vertritt er mit Recht die Meinung
, daß hier nur von Fall zu Fall entschieden werden
kann. Was die Einleitungsfragen angeht, so hält er
10,1 — 16 und 33,14ff. für unecht, dagegen 17,1Qff.
oder 23, 33ff. für echt; in den Orakeln gegen die fremden
Völker findet er einen echten Kern, der in den Orakeln
gegen Babel am kleinsten ist. Die Komposition des
Buches wird zu einfach gesehen, wenn Baruch als der
Redaktor des Großteils der Stücke und Gruppen erscheint
. Die sachlichen Ausführungen und die theologischen
Bemerkungen des Kommentars liest man fast
durchweg mit Zustimmung; der Verfasser lehnt z. B.
die Deutung des „Feindes aus dem Norden" auf die
Skythen ab, oder er findet bei Jeremia keine Anspielung
auf die deuteronomische Reform, wie er andererseits
das Schweigen des Profeten zwischen 623 und 609 mit
den Wirkungen der Reform erklärt. Bedenken habe ich
gegen die verschwommene Bezeichnung von 13,1 —11
als „eine Art visionäres Symbol"; was ist das? Wir haben
freilich keine konkrete Gleichnishandlung vor uns,
aber eine echte Vision. Ob 23, 5 f. wirklich messianisch
ist, ist mir nach wie vor zweifelhaft, so sicher hier ein
echtes Jeremiawort vorliegt.

Nachdem seit mehr als 30 Jahren von deutscher katholischer
Seite kein wissenschaftlicher Kommentar zu
Jeremia erschienen ist, darf das vorliegende Werk als
ein guter und zuverlässiger Führer für den Leserkreis,
an den es sich wendet, bezeichnet werden.
Gießen. W.Rudolph.

v. Bu 1 m e r i n cq , Alexander: Der Prophet Maleachi. Bd. II:

Kommentar zum Buche des Propheten Maleachi. Tartu: J.Krüger

1932. (XIV, 599 S.) gr. 8°.
Sechs Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes,
der die Einleitungsfragen zum Buche Maleachi behandelte
(vgl. ThLZ. 1928 Sp. 389—392) legt der bekannte
Dorpater Gelehrte in einem zweiten noch stattlicherem
Bande nunmehr den eigentlichen Kommentar zu Mal vor.
Mit diesem Werke, das zunächst abschnittsweise in den
„Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis (Dor-
patensis)" erschien, hat der Verfasser ein Denkmal gesetzt
aller stillen und entsagungsvollen Gelehrtenarbeit,
die reiches Wissen und große Belesenheit mit immensem
Fleiß zu verbinden weiß und umsichtig jede nur
immer innerhalb der gestellten Aufgabe liegende Frage
nach allen Seiten diskutiert und um eine selbständige Lösung
der herausgestellten Probleme bemüht ist. Aufs
Ganze gesehen stehen wir hier vor einer bewundernswerten
Arbeitsleistung.

Gleichwohl schließt das nicht aus, daß wir bei aller
Anerkennnung dem Verfasser in Einzelheiten vielfach
nicht zustimmen können. Um mit dem Äußerlichen
anzufangen, läßt dieser Band die Seitenüberschriften vermissen
, wodurch die Benutzung des breit angelegten
Werkes nicht unwesentlich erschwert wird. Auch sonst
wäre größere Übersichtlichkeit sehr erwünscht gewesen.
Bulmerincq gibt die Übersetzung nicht nach Sinnabschnitten
, wie es für das Verständnis das Richtige wäre, sondern
zerreißt sie in einzelne Verse, ja sogar in Halbverse,
! um dann jedesmal daran anschließend Textkritisches
und sachliche Erklärung in gleichem Druck zu bringen.
Damit wird dem Leser das Erfassen der Zusammenhänge
außerordentlich erschwert, ja nahezu unmöglich gemacht
, auch wenn jedesmal eine besondere „Zusammenfassung
des Inhalts" für jeden einzelnen Vers, ja bisweilen
sogar für einzelne Halbverse und Versteile (wie
z. B. 1,3 b; 3,7 a«; 3, 10 ab) geboten wird.

Die Übersetzung selbst, die ja die beste Auslegung
sein sollte, ist häufig schwerfällig und nicht dazu
angetan, dem Leser einen lebensvollen Eindruck vom
Original zu vermitteln.

(so z. B. 3, 1 : „Ich bin im Begriff zu entsenden meinen Bolen"
I oder 2,5: Meine Berith (!) mit ihm war das Leben und das Heil,
nämlich so, daß ich ihm dieselben verlieh").

Sie ist ganz in Prosa gehalten, wenn auch erklärt
wird, daß die Sprache „gehobene Prosa" sei; aber die
! Übersetzung ist nicht geeignet, ein Abbild des prophe-
i tisch bewegten und aufgeregten Stils zu vermitteln. Zu-
I gestanden, daß sich bei Mal viel Zwischentext in Prosa
| finden mag, so hätte trotzdem unbedingt der Versuch
I gemacht werden müssen, das Dichterische des Prophe-
; tenbuches herauszustellen und Verse auch als solche er-
| scheinen zu lassen (vgl. etwa Haller und Sellin).

Ein weiterer Punkt hat es mit der Textkritik
zu tun. Hier ist Bulmerincq ganz konservativ. Das mag
einerseits durchaus wohltuend berühren; denn Aufgabe
des Exegeten muß ja sein, zunächst einmal mit dem
überlieferten Textbestande (und nicht mit dem von ihm
i selbst konjizierten Texte) zu arbeiten und seinen Sinn
| zu erfassen. Aber andererseits ist doch nicht zu leugnen,
daß der Text des Dodekapropheton uns nicht immer
i in seiner ursprünglichen Gestalt vorliegt und daß gerade
■ bei Mal an einer Reihe von zum Teil für das Verständ-
; nis entscheidenden Stellen der überlieferte Text nicht in
Ordnung sein kann. Und wenn LXX und die anderen
! Übersetzungen damit übereinstimmen, so ist das noch
keineswegs ein Beweis der Ursprünglichkeit, sondern
sagt zunächst nichts weiter, als daß alle diese Übersetzungen
auf dieselbe Grundlage zurückgehen. Bulmerincq
hat in einem besonderen Kapitel (Bd. I, S. 357
! bis 394) kurz hierzu Stellung genommen mit dem Ergebnis
, daß er das Urteil von Cornill „Authentiefragen
; kommen für das B. Maleachi nicht in Betracht" in verstärktem
Maße sich zu eigen macht, indem sich für B.
nur die Notwendigkeit ergibt, 2,16 b als variierende
Wiederholung von v. 15 b zu streichen. Aber so einfach
scheinen mir die Dinge doch nicht zu liegen.

So muß ich Bedenken anmelden gegen den Abschnitt 1, 11 — 13.
I Das am Ende von v. 10 und v. 13 sich findende DD"P"; nns legt die
I Vermutung nahe, da es sich hier kaum um einen Refrain handeln kann,
j ob das eigentümlich anmutende Dazwischcnstehende nicht Einfügung ist.

Einmal befremdet der stark ausgeprägte universalistische Zug in der
I Gottesauffassung; und zum anderen ist anzunehmen, wenn die Priester
I Jahwes Tisch für befleckt halten, daß dann überhaupt keine Opfer mehr
I dargebracht werden. Eng verbunden hiermit ist v. 14, der mir dadurch
! verdächtigt erscheint, daß er nicht zum Thema gehört und daß die Be-
| gründung absolut nicht zum Vordersatz paßt, der auf die Landbevölkc-
j rung (Besitzer von Herden) als Fluch gedacht ist. Auch 2, 7 sprengt
: den Zusammenhang und macht sich dadurch verdächtig, daß abweichend
! vom Kontext in dritter Person statt in zweiter gesprochen wird. Ebenso
wenig kann ich für 2, 11 f., das gewöhnlich als unecht angesprochen
wird, den vom Bulmerincq angeführten Echtheitsargumenten zustimmen,
i Hier ist B. besonders interessiert für seine zeitliche Ansetzung; aber die