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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

299-305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritter, Constantin

Titel/Untertitel:

Platonismus und Christentum 1935

Rezensent:

Krüger, Hans

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299

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 17.

H00

Ritter, Prof. Dr. Constantin : Piatonismus und Christentum.

3 Vorträge geh. in Stuttgart am 1., 3., 10. Febr. 1933. Tübingen:
J. J. Heckenhauer in Komm. o. J. (74 S.) 8°. RM 1.75

Ausgezeichnet ist der Überblick, den man in den am
1. 3. und 10. Februar 1933 in Stuttgart gehaltenen Vorträgen
über die Beziehungen des Piatonismus und des
Christentums erhält, denn es liegt dem Verfasser daran,
eben diese Beziehungen zu klären. „Piatonismus ist",
so sagt der Verfasser, „die durch Plato in Verfolgung j
der vielseitigen Anregungen, die Sokrates in seinen
öffentlichen Gesprächen gegeben hatte, zum System abgerundete
Weltanschauung". Und diese Weltanschauung
eben mit der christlichen Weltanschauung zu vergleichen,
soweit überhaupt eine solche Vergleichung fruchtbar sein
kann, das ist die erste und vornehmste Aufgabe, die sich !
der Verfasser gestellt hat. „Christentum", so wird be- j
tont, „ist die durch Jesus begründete Weltauffassung j
und Gottesvorstellung". Zuerst vergleicht er die äußeren |
Lebensverhältnisse und Schicksale der beiden Stifter oder
Begründer dieser beiden Weltanschauungen. Er kommt i
zu dem Schluß, daß „keime unter den alttestamentlichen
Persönlichkeiten ein so vollständiges Vorbild Christi
ist, als der Grieche Sokrates". (Ernst von Lausaulx).
Nun vergleicht er die Lehren beider Männer, die beiderseitigen
Gottesvorstellungen und die sich aus diesen er- |
gebenden Forderungen für das Handeln der Menschen.
Er fragt zuerst: „Was lehren sie beide über Gott und j
das Verhältnis zwischen Gott und Mensch? Wie fassen
sie ihre persönliche Stellung Gott gegenüber auf?"
Gottes Wille und Gebot ist nach Jesu Lehre, Liebe zu
üben das ist das Grundgesetz gegenüber pharisäischer
Veräußerlichung des religiösen Grundverhältnisses zu
Gott. Des Sokrates Gottesvorstellung hingegen beruht
vor allem auf dem Gedanken, daß „niemand der göttlichen
Strafe entrinnt und dem Lohn für seine Tugend
entgeht". In der ganzen Welt waltet ein vernünftiger
Geist, Gott allein ist wirklich weise, die Welt ist gerecht
eingerichtet, in ihr herrscht Harmonie, wir müssen
uns bemühen, Gott möglichst ähnlich zu werden. „Sich
gut zu erweisen, ist der eigentliche Gottesdienst". —
„Was Sokrates und Plate» einerseits, Jesus andererseits
über Gott uns lehren, ist im Grunde dasselbe".

Wie steht es nun mit dem persönlichen Verhältnis
dieser beiden Männer zu Gott? Hier stoßen wir auf den
Punkt, der vielleicht einen der „tiefsten Unterschiede
zwischen den zwei Personen Sokrates und Jesus bezeichnet
". Sokrates verlangt für seine Lehre nicht „deren
Annahme als göttlicher Offenbarung". Sokrates hat
nicht seine Aussprüche als inspiriert betrachtet (22/23).

Er fordert keinen Glauben, sondern Prüfung. War
Jesus ein Phantast, ein Träumer? Ja, das ist für den
Verfasser ganz selbstverständlich (24). Jesu Wissen war
beschränkt, auch in der Menschenbeurteilung ist er nicht
untrüglich gewesen. Er war als Mensch von Irrtümern
nicht frei. Jesu Wunder stehen auf gleicher Stufe etwa,
wie die von Zeileis u. s. w. (25/26). Allerdings bestreitet
C. Ritter nicht die Fähigkeit eines starken Willens,
seelisch auf andere Menschen einzuwirken, er bestreitet
nicht die Reinheit des Fühlens und Wollens Jesu, die
Macht seiner 'Persönlichkeit, er weist aber zugleich hin
auf die Menge von Wunderberichten aus heidnischer
Literatur (27), auf die Wundersüchtigkeit der Zeit Jesu,
ja des Orientalen überhaupt. Die Berichte über die Auf- i
erstehung Jesu und die Auferstehung sind verworren.
Das Wunder ist ein Geschehen wider die Ordnung der
Natur und der Naturgesetze, also außerhalb des Causal-
nexus. Buddha und Konfucius wirken bis heute geistig i
auf Millionen frommer Asiaten, obgleich sie beide nicht
auferstanden sind (31/32). „Solange ich Jesus als Men-
sehen betrachte, solange bewundere, verehre, liebe ich
ihn und fühle mich durch sein Vorbild zur Nacheiferung
gespornt. Will man ihn mir zum Gott machen, so
rückt er mir fern, wird mir fremd, geisterhaft, unheimlich
."

Jetzt geht der Verfasser über zu dem Vergleich

zwischen der sokratisch-platonischen und christlichen
Ethik. Das höchste Ziel menschlichen Strebens ist für
Plato die Gottähnlichkeit. Der Tugendhafte muß Gott
ähnlich sein. Tugendhaftigkeit ist die von Einsicht geleitete
Gerechtigkeit. Jesus sagt: „Trachtet am ersten
nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit." Nach
Sokrates ist der gottverwandte Mensch glücklich, der
gottentfremdete unglücklich. Wenn auch Piatos Begründung
eudämonistisch ist, so ist auch Jesu Lehre nicht
ganz frei davon. Frohe Botschaft, die er bringt, ist
doch sein Evangelium. Inhaltlich deckt sich das Evangelium
Jesu mit dem von Plato Gelehrten. Er erhebt
allerdings kraft göttlicher Vollmacht Anspruch auf unbedingte
Autorität, wie auch etwa Mohammed. „Wie will
man beweisen", so sagt der Verfasser, „daß die Berufung
Mohammeds weniger zu bedeuten habe als die
Jesu auf die seinige". Der Verfasser wiederholt noch
einmal: „Ich liehe Jesus, weil er mir unter den Menschen
, von denen ich Kunde habe, die edelsten Seiten
des Menschentums am vollkommensten in sich entwickelt
zu haben scheint."

Gott ist gut und vollkommen, das sollen auch nach
Sokrates' Auffassung die Menschen sein. Jesu Lehre
stimmt damit also gänzlich überein (41). Die letzte Entscheidung
über den Vorzug miteinander wetteifernder
Religionen und Weltanschauungen und damit auch über
deren angebliche Offenbarungsgrundlage ist immer in
ihrem ethischen Gehalt zu suchen. Jede Gottesvorstellung
ist im Grande ein Glaube, geht über das Wissen
hinaus. Glaube ist ein Fürwahrhalten von Wundern
und Dogmen, Der Verfasser schreibt: „Mein Glaube ist
nichts, als die Ergänzung meiner wissenschaftlichen
Forschung durch Hinausgreifen über meine Erfahrungen
genau in der Richtung, die mir durch die Gesetze der
Forschung selber gewiesen ist, und im vollen Einklang
mit ihm; der Glaube, den ich ablehne und jene anderen
mir zumuten, steht zu den Ergebnissen und Gesetzen
wissenschaftlicher Forschung im Widerspruch" (47).

Bekehrung ist Umwandlung von Überzeugung.
„Kommt jemand zur Überzeugung, daß verkehrt war,
was man ihm gelehrt hat, und vertauscht die überlieferten
Ansichten mit anderen, dann muß er dementsprechend
auch die Grundsätze seines Handelns ändern"
(49). Grundlegend ist die Vorstellung von einem inhaltlich
bestimmten absoluten und unbedingt gültigen sittlichen
Prinzip. Der Inhalt stammt von einem angeborenen
, durch Gott uns ins Herz gelegten sittlichen Gefühl
(50), später spricht er wieder von der Kenntnis
eines inhaltlich bestimmten und als objektiv zu bezeichnenden
Guten (53). Die alleinige Bedingung der
erstrebten Glückseligkeit ist die sittliche Tüchtigkeit. Der
ethische Gehalt bei dem Piatonismus als einer heidnischen
Weltanschauung und dem Christentum ist nicht
verschieden.

Ganz verschieden ist allerdings das Verhältnis bei
beiden zum Staat, hier gibt es bedeutsame Unterschiede.
Der Piatonismus kennt als obersten Grundsatz den
Kampf gegen das Unrecht, Jesus sagt: „Verkaufe alles,
was du hast, so wirst du selig werden." Die „Kirche"
besteht in ihrer Gegensatzstellung zum Staat. Allerdings
ist Piatons Ziel für den Staat sehr hoch, nämlich,
die Bürger auf die höchste Stufe der Sittlichkeit zu führen
. „Wer aber etwa die sittlichen Vorschriften Jesu
zu einer Staatslehre ausgestalten wollte — wozu allerdings
in eigenen Worten Jesu nur recht kärgliche Grundlagen
und Ansätze gegeben sind — könnte zu keiner
wesentlich anderen Bestimmung des Staatzweckes kommen
." Der oberste Endzweck des Staates ist die Sittlichkeit
. Allerdings Recht besteht nur in der Gewalt und
kommt nur durch sie zustande (65). Jesus und Plato
lehnen den Materialismus ab.

Ziel des Piatonismus ist die Begründung einer wahrhaft
sittlichen Rechtsordnung. Von dem Christentum
unserer Zeit fordert der Verfasser mit Karl Planck, „es
solle seine religiöse Predigt damit ergänzen, daß es