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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

287-295

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Obenauer, Karl Justus

Titel/Untertitel:

Die Problematik des ästhetischen Menschen in der deutschen Literatur 1935

Rezensent:

Kohlschmidt, Werner

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287 Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 15/16. 288

Obenauer, K- J.: Die Problematik des ästhetischen Men- | Die Geschichte des ästhetischen Erziehungsgedankens läßt O. mit
sehen in der deutschen Literatur. München: C. H. Beck 1933. ; Grund bei Plate, beginnen. Hier scheint mir besonders fruchtbar, daß
(X, 411 S.) gr. 8°. RM 9.50 ; geb. 13.50. Plato durchaus in seiner Komplizierung begriffen ist, daß O. ausdrück-
Der Raum, den das Buch O's sich selbst abgegrenzt licn die innere Ungeschiedenheit von Ethik und Ästhetik in der Gestalt
hat, ist ein weiter, aber nicht unübersehbarer. „Der hi- "atT fm Ausgangspunkt seines Kapitels macht. Von einem Primat
s+nris,rhe Cipstalrwanrlel rips Hsthpticrhpn Tvnn<;" htm des Ästhetischen kann danach bei Plato keine Rede sein, wohl aber von
Stonscne UestaltwanrJel des ästhetischen 1 ypUS kann einer Durchdringung der ethischen Wertsetzung vom Ästhetischen her.
bei genauer Begriffsbestimmung sehr wohl besebrieoen So mu8 die Eros-Idee des „Symposions" als eine Form sublimer
werden. Daß die historische Herausarbeitung nicht ohne S Selbsterlösung gelten. Plato setzt dieser im „Symposion" aufgestellten
eine ethische Grundeinstellung und Fragestellung des Lebensmöglichkeit in der „Politeia" selbst das Korrektiv. Das hier vorBearbeiters
geschehen kann, leuchtet gleichfalls ein Und 1 gelegte Erziehungsideal ist geschichtlich aus einer ähnlichen Lage zu
kann sogar die Aufgabenstellung eher noch disziplinie- | verstehen wie das Rousseaus oder das des „Wilhelm Meister". Aber wenn die

ren als allzuweit auflockern. Daß dabei der Primat des
Literar-Historischen gesichert werden soll, mehr „konkrete
Seelen- als konstruktive Geistesgeschichte" ge-

„Politeia" eine Reihe ästhetischer Lebenswege verneint, so bleibt doch
das letzte Erziehungsideal ästhetisch. Über die stärker gegenästhetische
Stellung der Stoa gelangt das Kapitel zu einer eindrücklichen Darstellung

des Neuplatonismus, in dem O. die „platonischen Spannungen zwischen
geben werden soll, ist angesichts der wissenschaftlichen , Eros und , ogos» fast ganz gelöst sieht. Dazu mußte die Rolle des

Problemlage nur ZU begrüßen. kontemplativen Elements entsprechend gesteigert werden, wie das denn

Die Gliederung der Arbeit in 3 Bücher: Systemati- j auch bei Plotin geschehen ist. Das Oute und das Schöne sind erst
Scher Teil, Gestalten der Goethezeit, Ausklang Und Ver- j bei Plotin wirklich aufeinander zugeordnet. Übrigens berührt dieser
fall könnte ihrer-Formulierung nach mißverständlich sein I Abschnitt auch die Frage nach den Erscheinungsformen vom Ethischen
Und nicht ganz folgerichtig scheinen, da theoretische und 1 emanzipierter ästhetischer Typen in der Spätantike. Die Geschichte des
geschichtliche Prinzipien sie nebeneinander zu bestimmen frühf Christentums mußte dann ja eine der stoischen Haltung ver-
fcheinen. In Wirklichkeit ist auch das erste Buch eine, l J.andte Entwicklung einleiten Wahrend aber Phiteophie und Theologie
, , ... ^ . , . , , , , r~ ,' diese Haltung wahren, setzt sich in der ritterlichen Sphäre ein neues

nur nach systematischen Gesichtspunkten geordnete, Ent- , ästhetischcs Erziehungsideal durch, das O. im Wesentlichen mit kräftigen
Wicklungsgeschichte des ästhetischen Problems in seinen I strichen aus Gottfried entnimmt. Das Bedeutsame für das' ästhetische
Einzelzügen: Menschentyp, Weltanschauung, Weltbild, 1 Lebens- und Erziehungsproblem scheint hieran die Verwandtschaft mit
Religion, Erziehung, wie es sich bei seinen größten Ge- | der Renaissance, die freilich eine weitere Verselbständigung des Ästheti-
Staltern von der Antike her darstellt. Das gereicht dem ' sehen bedeutet. Hier ist wichtig, daß O., am breitesten an dem Beispiel
Ganzen Übrigens durchaus zum Vorteil. Die manchmal ; Shakespeares, an den verdeckten Fluchtcharakter des Renaissance-Ästheti-
beträchtliche Dürre der Typologien konnte so vermieden j f.isumus erin"ert' wie er auch gerade bei Shakespeare die weitere Menschwerden
^ I henkelt in ihrem realistischen Ernst betont, die dem Phantastisch-Romantischen
das Gegengewicht bietet. Für den Kampf um die neue Wertung
ästhetischer Formen wird auch die Rolle des Humanismus, vor allem
am Beispiel Petrarcas, aufgewiesen. Die eigentliche ästhetische Wirkung
des Humanismus sieht O. im Barock. Sie erst bringt eine bewußte
Neuwertung des dichterischen Berufs. Dabei sind naturgemäß die Hof-
und Gesellschaftsdichter die tragenden Kräfte, d. h. weniger Grimmelshausen
und Gryphius als etwa Harsdörffer oder Zesen. O. läßt das
Kapitel bei Shaftesbury auslaufen, dem Prediger des „moralischen Geschmacks
", in dem der Neuplatonismus eine neue Formel findet, freilich
um einen Grad stärker ästhetisiert, als Plotins Ethik es zugelassen hätte.
Die Autonomie des Ethischen scheint bei Shaftesbury verloren, wenn
natürlich auch das Ethische integrierender Bestandteil des Systems bleibt.
Freilich verschiebt der spätere Shaftesbury den Akzent zugunsten einer
stoischer ausgerichteten Ethik. Von dieser Tatsache her muß man den
Individualismus seines Bildungsideals, den virtuoso, relativieren, das ja
übrigens mit dem höfischen Ideal Castigliones und Gracians und deren
starker Gesellschaftlichkeit eng verwandt ist.

Der zweite Teil des Buches, „Gestalten der Goethezeit", setzt bei
Winckelmann und Rousseau als Vorläufern ein. An Winckelmann ist
deutlich herausgearbeitet, daß er der erste der nun einsetzenden Reihe
großer Deutscher ist, die ihre Verfallenheit an die Schönheit nicht allein
in ihrem Werk, sondern auch in ihrem ganzen Lebensstil bezeugen.
Winckelmanns Verhältnis zur Freundschaft, zum Süden, auch zum Religiösen
wird als Äußerung seines ästhetischen Lebensbedürfnisses begriffen.
Auch Rousseau ist nur scheinbar antiästhetisch gestimmt. Neben der
platonisch-kritischen Wendung gegen die in Kunst und Kultur wirkende
Verführung bleibt er wie Winckelmann Individualist und sublimer Natur-
genießer. Der Abschnitt über „Heinse und die Geniezeit" geht nach
einem Hinweis auf die selbst im „Agathon" angedeutete Verdeckung der
ästhetischen Zeittendenz durch die naturalistische Betonung des überästhetisch
Kraftvollen in der Sturm- und Dranggeneration vor allem
auf den „Ardinghello" und seine Sinnlichkeits- und Kraftträume ein, in
denen indessen das Ästhetische vom gesamten Lebensideal noch nicht
gesondert ist. Auch Herder und Ph. K. Moritz bestimmen Traum und

Das erste Kapitel geht sorgfältig vorfühlend den verschiedenen vom
Geschichtlichen her gegebenen Komplikationen des Themas nach. Es
erweist vor allem die Unzulänglichkeit der idealistisch-positivistischen
Geschichtskonstruktionen und der darin der „ästhetischen Epoche" zugeteilten
Rollen. Ästhetische Zeitalter können nie rein entwicklungsgeschichtlich
bestimmt weiden. Ihre Feststellung ist mindestens zugleich
ein soziologisches und anthropologisches Problem. Damit ist zugleich
das Verhältnis O.'s zu Sprangers „Lebensformen" als ein kritisch ergänzendes
bestimmt. O. sieht von der Geschichte aus eine fünfstufige
Entwicklungsreihe der ästhetischen Problematik in der deutschen Literatur
gegeben: Die Stufe der Empfindsamkeit wird abgelöst von der
kämpferischen Problematik des klassisch-idealistischen Zeitalters. Diese
wird gelockert im romantischen Raum, wo sie mit den christlichen Überlieferungen
konfrontiert wird, um sich in Kierkegaard zu überschlagen.
Was hierauf folgt, ist Epigonentum der verschiedenen Vorstufen und
zuletzt die einseitigste Konzentrierung des ästhetischen Bewußtseins im
l'art pour l'art.

Es folgt eine summarische Erörterung der ästhetisch gefärbten Weltbilder
von Plato bis Nietzsche. In bewußter Selbstbeschränkung wird
über die Herausarbeitung dieser Linie hinaus eine Entwicklung des Problems
ästhetischen Philosophierens überhaupt abgewiesen.

Das nächste Kapitel versucht die Geschichte ästhetischen Weltbegreifens
von der Entwicklung eines zentralen Bildes her von neuem aufzunehmen
. Es geht von der in der Stoa und bei Plotin schon vorliegenden
Allegorie der Welt als Bühne aus, verfolgt deren Ästhetisierung bei
Plotin und das mit einem teils schwermütigen, teils christlich asketischen
Akzent wiederauflebende Bild bei Shakespeare und im Barock. Für
Goethe reicht es bereits nicht mehr aus, wenn es auch im illusionistischen
Sinne zu Zeiten auftaucht. Schelling pantheisiert das Motiv, während
es bei Hofmannsthal nach zuerst schwermütiger Rolle später den
ethischen Gehalt des Barock zurückgewinnt.

Sodann wird ein Überblick über die geschichtlichen Hauptformen
ästhetischer Religiosität versucht. Die Erörterung, die hier am Anfang

stehen mußte, die über das Verhältnis Ästhetik-Mystik, arbeitet die ge- i phantasje we'itgehend. Hier sind schon Vorklänge auf die Hofmanns
schichtliche Linie vom Areopagiten an bis zur mittelalterlichen und | falsche Haltung hörbar

barocken Mystik klar heraus und stellt Fraglichkeiten und Möglichkeiten
dieser Entwicklung dar. Deutlich wird gezeigt, wie nahe verwandt beide
Haltungen sind, wie ästhetische Haltung unmittelbar in Mystik umschlagen
kann. Auf Plotins Rolle in der mittelalterlichen Mystik wird verwiesen,
auf das Bild des Tänzers Christus im Spätmittelalter und auf die zunehmende
Ästhetisierung der mystischen Religiosität im Barock. Diese

Ein ausgezeichnet zugreifendes Kapitel ist das über Jean Paul, mit
dem das Feld der Vorläufer verlassen ist und die von O. für die Klassik
geprägte Fragestellung: Ästhetisches oder heroisches Ideal? wirksam
wird. Unter seinen Gestalten ist die Roquairols mit Grund am wichtigsten
genommen als Typus des Genies in Decadenz, als Verbindung hem-

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Tradition der Vermischung wirkt auch noch in der Mythologisierung des I mungsloser ästhetischer Phantasie und Reflektiertheit, dem infolgedessen

Christentums, wie sie im Kampf gegen die Aufklärung vielfach versucht I sein eigenes Leben völlig zum Spiel wird. Daneben ist die Art der

wurde. Herder z. B. ist ihr noch verhaftet. Erst der späte Schelling j ästhetischen Empfindsamkeit Jean Pauls geprüft wie auch die Selbst-

mit seiner ausdrücklichen Trennung von Poesie und Mythologie gelangt J eingrenzung der ästhetischen Traumwelt, wie sie schon in der Erziehung

hier weiter. Schließlich stehen die verschiedenen Ansätze der Früh- I des Albano sich andeutet.

romantiker, von der Kunst zur Religion zu gelangen, zur Erörterung. Die hier bei O. zuerst einsetzende Geschichte des Kampfes um das

Dabei kommt Novalis als der wirklichkeitsnächste und um die Grenze I „Erhabene" wird nun an den kommenden Beispielen Herder, Goethe,

des ästhetischen Traumlebens am deutlichsten Wissende weg. Die Spätromantik
wendet sich zur Mystik zurück. In Kierkegaard erkennt die
Entwicklung vor ihrem Ende ihre volle Fragwürdigkeit.

Schiller, Humboldt u. Hölderlin weiter verfolgt. Bei Herder ist es die
sittliche Alterswendung, auf die hier vor allem hingewiesen werden muß,
während bei Goethe die Abwendung vom Sensualismus der Geniezeit