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Ausgabe:

1935 Nr. 14

Spalte:

248-250

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmökel, Hartmut

Titel/Untertitel:

Jahwe und die Fremdvölker 1935

Rezensent:

Meinhold, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 14.

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er gut überlieferte (S. 59—210) und in ihrem Textbestande
weniger gut erhaltene (S. 211—267) Gedichte
gesondert behandelt, kann seiner Position nur zum Vorteil
sein. Doch diese Untersuchungen dienen nur dazu,
das Beweismaterial zu liefern für das, was Condamin
in einer vorangehenden „Einführung" (S. 1—58) in zehn
Kapiteln als allgemeingiltig herausstellt. Erstes Oesetz
ist ihm, daß in der hebräischen Metrik Strophen als
logische Unterteilungen vorhanden sind und daß jede
Strophe für sich einen kompletten Sinn ergeben muß
(S. 18). Zu diesen Strophen gehören Antistrophen (II),
die aus gleich viel Versen wie die Strophen (I)
bestehen müssen (S. 23); das ist für Condamin das
zweite Gesetz. Um die Struktur im einzelnen zu finden,
bieten sich mehrere Möglichkeiten: der Kehrvers (Refrain
), das Sela-Zeichen und drittens das, was Condamin
„repetition verbale" oder „rep. parallele" oder „rep.
symetrique" nennt oder wir mit D. H. Müller als „Re-
sponsion" bezeichnen; nämlich, daß derselbe Ausdruck
oder dasselbe Wort, wenn auch unter anderem Sehwinkel
, an entsprechender Stelle wiederkehrt. Für diesen
Satz sind die angeführten Beispiele aus Threni 1 und 2
(S. 49) absolut überzeugend. Dritter Satz ist, daß es
außer I und II noch eine Strophe III gibt, wie schon
Ewald 1840 (nicht wie Condamin angibt: 1866) und E.
Meier (1853, Die Form der Hebräischen Poesie) nach
dem Schema: Satz, Gegensatz und Schluß von Strophe,
Gegenstrophe und Nach- oder Abgesang gesprochen
haben. Diese dritte Strophe, die Condamin mit Ley
„intermediaire" oder „centrale" nennt, die wir mit Möller
als „Mittelstrophe" bezeichnen wollen, wird nach
Condamin dadurch charakterisiert, daß sie keine Parallelität
oder Symmetrie mit der vorhergehenden hat, daß
sie lyrischer und lebhafter ist, oft sogar einen ganz anderen
Rhythmus enthält, und daß sie endlich in ihrem
Gedanken wichtiger als das andere ist, ja oft geradezu
den Mittelpunkt des Gedichtes darstellt (S. 29). Dieser
Satz findet allerdings sofort seine Abschwächung durch
die These (S. 33), daß oft nur Strophe und Antistrophe
vorhanden ist. Letzter Satz der Einführung ist, daß zwei
oder drei oder mehr Gedichte zusammengenommen werden
können, um so I, II und III zu erhalten (S. 39).

Soweit Condamin. Eine Auseinandersetzung mit diesen
Theorien hat er mit Recht seinen Kritikern nicht
leicht gemacht, indem er im Vorwort (S. VI) mit klaren
Worten die Maßstäbe der Kritik aufzeigt. Er fordert
von einer Widerlegung den Nachweis, daß die Stropheneinteilung
nicht den Gedankengängen entspricht oder,
wenn ja, daß die Versgruppen nicht gleichen Umfang
besitzen; er fordert weiter die Erklärung, daß die Wiederholungen
bestimmter Worte für die Beurteilung der
Strophik nichts bedeuten oder daß sie trotz ihrer Häufung
nichts weiter als Zufälligkeiten seien. Es ist für
den Rezensenten schwer, nun Punkt für Punkt sich mit
dem Verfasser aus einander zu setzen; er kann sich nur
auf einige wenige Beispiele beschränken.

Einleuchtend sind Condamins Gedanken bei Ps 42 f. und auch
ziemlich bei Ps 107, wo allerdings die letzte Responsion fehlt. Bei Hes
28 sind Bedenken gegen die Einheitlichkeit bzw. Zusammengehörigkeit
anzumelden. Ps 52 verstößt gegen die von Verfasser selbst aufgestellte
Forderung des Sela-Zeichens; ebenso wenig kann Condamins Theorie
bei Ps 46 wegen des Kehrverses stimmen, auch weist das dreimalige
Sela hinter v. 4. 8 und 12 auf eine andere Einteilung hin. Wenn Verfasser
sich hier Zenner anschließt und Ps 47 mit 46 verbindet mit dem
einzigen Argument, daß hinter 47,5 sich auch ein Sela findet, so erscheint
mir das als eine glatte Unmöglichkeit; denn Ps 47 bietet ein
Thronbesteigungslied Jahwes, das mit dem Vertrauenspsalm 46 schlechterdings
keine innere Verbindung haben kann. In Ps 72 gehören v. 4—7
zusammen; dem wird Condamins Einleitung nicht gerecht. In Am 1,
3—3,8, das Condamin für seine Theorie zusammenfaßt zu einem Gedicht,
sollen 1,9—12 und 2,4—5 Mittelstrophen sein; aber einmal enthält
die erste Stelle 2 Orakel, deren Ursprünglichkeit (trotz S. 67) keineswegs
sicher ist; und zum andern ist zu sagen, daß sie keineswegs beide den
vom Verfasser aufgestellten Regeln entsprechen, sondern ganz nach der
bei Am üblichen Schablone gearbeitet sind. Auch in 1,6 —13 will es
nicht recht stimmen, da v. 9—11 einen ganz andern, so nicht hineinpassenden
Gedanken (Jahwes Wohltaten) bringt, während v. 6—8 von der

Verschuldung und das Übrige nachher von Jahwes Strafandrohungen sprechen.
Auch gegen 3,1-8 ergeben sich Bedenken : v. 1 gehört nicht zu I, sondern
bildet mit v. 2 zusammen einen besonderen Spruch, während v. 3 — 6 und
v. 8 sich stilistisch ganz eng zusammengehörig zeigen ; daher kann man
um der gleichmäßigen Anfänge mit He interrogativum nicht einen Einschnitt
ausgerechnet hinter v. 5 setzen. Am 5,18—27 wird als Strophe
angesehen, 6, l-8b als Gegenstrophe; aber v. 21-27 fallen ganz aus
dem Rahmen der „Jörn Jahwe Schilderung" heraus. Auch die Responsion,
die Wiederholung bestimmter Worte, die zunächst in der französischen
; Übersetzung so frappant erscheint, ist nicht in allen Fällen so schwerwiegend
. Denn bestimmte, häufig wiederkehrende Worte werden von
vornherein aus der Beweisführung auszuscheiden sein. Um bei Am 5 f.
i zu bleiben, darf man hier kein Gewicht legen auf die Responsion „Jahwe
der Heere" und „Wehe"; es bleibt dann noch „Harfe" und „Lieder",
| die einmal kultisch, das anderemal in ganz anderem Sinne genannt wer-
' den; und 5, 19 „er geht in sein Haus" und 6, 1 „zu dem das H aus
' Israel geht" (dessen Lesung übrigens noch sehr problematisch ist), läßt
sich so doch nicht einfach in Parallele stellen. Dann kann auch 6, 8C —
| 14 nicht die Mittelstrophe sein, bloß wegen der Worte „Haus Israel"
i und „Jahwe der Heere", um so weniger, als v. 12a ganz dieselbe Art
wie 3, 3—6 und 3, 8 enthält. Auch die Einteilung von Hos 5, 1 - 6, 6
wirkt nicht überzeugend, auch nicht Micha 6 — 7, 20, wo sich doch 6,
j 1 — 8 der Rechtsstreit ganz deutlich als etwas Besonderes abhebt. Bei
Joel sei nur verwiesen auf 2, 1 und 2, 15.

Auch gegen die von Condamin aufgestellten Regeln
j werden sich hier und da Bedenken ergeben, besonders
im Blick auf Stellen wie Ps. 57, 4; 68, 8. 33 wird man
nicht immer ohne weiteres das „Sela" als Strophentrennungszeichen
ansehen dürfen. Doch genug der Beispiele
! Der Leser wird aus ihnen entnehmen können,
daß es keineswegs um diesen ganzen Strophenbau eine
j so absolut klare und ausgemachte Sache ist, wie es
( nach Condamin den Anschein hat. Vielleicht wäre es
vorteilhafter und methodisch ertragreicher gewesen,
wenn der Herr Verfasser seine Untersuchung nur auf
die Psalmen beschränkt hätte, und zwar auf solche,
deren Struktur nach den Prinzipien der Gattungsforschung
als durchaus intakt erscheint, wie es jetzt —
sicherlich unabhängig von Condamin — durch H. Möl-
' 1er, Strophenbau der Psalmen Selbstverlag 1931 (vgl.
i den Aufsatz unter gleichem Titel in ZAW 1932 S. 240
| bis 256) geschehen ist, der von dem gleichen Ausgangs-
' punkt (Zenner) für die Psalmen zu ähnlichen Ergeb-
I nissen kommt und an Ps 25 die Responsion ganz deut-
lieh aufzeigt. — Condamin hat viel Mühe und Fleiß auf
seine Untersuchung verwandt, und wenn man ihm auch
, nicht überall wird folgen können, darin wird der Ertrag
; seiner scharfsinnigen Arbeit fruchtbar gemacht werden
können und gemacht werden müssen, daß bei der Textkritik
weit mehr, als es bisher geschah, auf die Beziehungen
der einzelnen Verse zu einander, die Responsion,
I Gewicht zu legen ist.

Berlin-Frohnau. CurtKuhl.

Schmökel, Priv. - Doz. Lic. Dr. Hartmut: Jahwe und die Fremd-
1 Völker. Der Werdegang einer religiösen Idee. Breslau : Maruschke
u. Berendt 1934. (133 S.) gr. 8°. = Breslauer Studien zur Theologie
u. Religionsgeschichte Bd. 1. RM 5—.

Die schöne Aufgabe, die Verf. sich gestellt, versucht
er in 12 Kapiteln gerecht zu werden. Nach den Grund-
! lagen und Voraussetzungen (S. 9—24. I. Der Gottesgedanke
der jahwistischen Kreise. II. Die Heidenwelt, wie
sie Israel sah. III. Die Notwendigkeit einer Bewältigung
j des sich aufdrängenden Problems Weltgott Jahwe-Hei-
: denvölker) wird „die Anschauung von Jahwes Stellung
1 zu den Völkern, betrachtet nach den Stufen ihrer Ent-
i Wicklung" vorgeführt. (S. 26—116. IV. Die urtümliche
Hoffnung auf ein Gericht über die Heidenvölker. V. Er-
i ste theologische Fundierung: Feindschaft gegen Israel
i betrachtet als Auflehnung gegen den göttlichen Willen.
VI. Der Siegeszug der jahwistischen Ethik: Die Erwartung
eines Weltgerichts als Folge allgemeiner Sündhaftigkeit
. VII. Israels gegenwärtiges Geschick im Lichte
der jahwistischen Ethik: nationales Unglück eine Folge
religiös-ethischer Minderwertigkeit. VIII. Israels zukünftiges
Geschick: der fromme Rest und die Vertilgung
seiner Bedränger. IX. Jahwe ein Gott auch der Heiden: