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Ausgabe:

1935 Nr. 14

Spalte:

245-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Birkeland, Harris

Titel/Untertitel:

Ani und ānāw in den Psalmen 1935

Rezensent:

Wendel, Adolf

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245

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 14.

246

gesch. Persönlichkeit gedeutet und in diesem Sinne bereichert
wurden? Dazu nur eins: Muß (S. 79) das Fehlen
königlich-herrscherlicher Züge beim Ebed ohne weiteres
Gegenbeweis gegen eine Messias- bzw. Erlöser-Gestalt
sein?

Die Auffassung von der immer einsetzenden Wirkung
prophetischer Arbeit (S. 85) vermag ich nicht zu teilen
. — Prinzipiell bleibt es die Frage, ob inhaltliche,
stimmungs- und haltungsmäßige Verschiedenheit prophetischer
Äußerungen immer Beweis für verschiedene
Persönlichkeiten sein müssen. Es gibt doch gerade in
der prophetischen Persönlichkeit Schwankungen, überdies
Umstellung bei veränderten geschichtl. Verhältnissen.—
Druckfehler: S. 269 „Lyder" statt „Lieder"; S. 235 unten
„eine" statt „ein".

Ober-Breidenbach i. H. Marburg Adolf Wendel.

Birke 1 and, Harris: 'Ani und 'Anaw in den Psalmen. Aus
d. norwegischen Manuskr. ins Deutsche übertragen von Dr. Eugen
Ludwig Kapp. Oslo: J. Dybwad in Komm. 1933. (VIII, 118 S.)
Lex. 8". = Skrifter utgift av Det Norske Videns-kaps-Akad. i. Oslo.
II. Hist.-Filos. Kl. 1932. No. 4.
In seiner Arbeit: „Die Feinde des Individuums in
der israelitischen Psalmenliteratur, Oslo 1933, war Birkeland
den Gegnern des Frommen im Psalter nachgegangen
; hier untersucht er eine Bezeichnungsgruppe für den
Frommen selber. Die zweite Arbeit, unter Mowinkels
Beratung angelegt, ist so wichtig und beachtlich für die
Psalmenforschung wie die erste. Von anderer Seite her
hatte sieh — allerdings nicht nur für psalmistische Umgebung
— der Begriffsdeutung von 'ani Ed. Sachse zugewandt
in: 'Ani als Ehrenbezeichnung in inschriftlicher
Beleuchtung, Sellin-Festschrift 1927, S. 105 ff. Sein
Ergebnis, Verbindung mit 'änä antworten, erhören, wird
Hohl abzulehnen sein; die Abhandlung fehlt übrigens j
bei Birkeland.

Man war seither der Auffassung (Rahlfs, Baudissin,
Kittel, Causse, in gew. Sinne auch Gunkel), daß die i
'An. eine besondere fromme Partei, Klasse oder Rieh- j
tung im exilischen oder nachexilischen Judentum waren.
Dies Problem will nun B. durch eingehende Exegese der
betreffenden Psalmenstellen neu aufrollen, besonders
sich stützend auf die individuellen Klage- und Dankpsalmen
. Als Lehrmeister nennt er Gunkel für die Literar-,
Pedersen und Mowinckel für die Relügionsgesehiehte.

Das Ergebnis der Schrift ist: Wie es sich bei den
„Feinden" in den Psalmen noch nicht um eine Partei
handelt, so auch nicht bei den 'An. Weder innerhalb
noch außerhalb des Psalters werden die beiden Aus- '
drücke als Parteibezeichnung gebraucht. Es sind aktuell
Leidende, etwa Kranke, oder Arme oder Demütige unter
dem Ausdruck zu verstehen. Dies Resultat spricht nach
des Verf. Meinung auch allgemein für die Erklärung
alttest. Worte und Ausdrücke aus ihrer natürlichen Be-
deutung, unter Berücksichtigung der primitiven Seelenstruktur
. Zum Verständnis dieser Mentalität im allge- '
meinen und der hebräischen in ihren verschiedenen
Phasen im besonderen hat der Weg der zukünftigen alt- j
test. Forschung zu führen (S. 102).

B. geht in seiner Untersuchung folgenden Weg: Die
Differenzierung von 'äni und'änäw hat erst im Späthebräischen
und Aramäischen stattgefunden. Wenn 'anaw ein j
hebräisches Wort ist, dann ist es mit 'äni gleichbedeu- !
tend. Sehr wahrscheinlich hat es aber garnicht exis..ert.

Außerhalb des Psalters bezeichnet nun die Wurzel
'ana einen Zustand von verminderter Kraft, Fähigkeit
und Wert. Die qatil-Form 'ani charakterisiert eine Person
oder Sache lediglich als im Besitz der im Verbal begriff
liegenden Qualität befindlich; 'äni wäre also der im
Besitz verminderten Kraft Befindliche, der Elende, Verkommene
. Nur an 3 Stellen (IL Sam. 22,28; Zeph. 3,
12; Sach. 9, 9) trifft diese Bedeutung nicht zu; da muß
mau das Wort „demütig, sanft", wiedergeben. Dies ist
keine Unmöglichkeit; auch das lateinische humilis bedeutet
sowohl niedrig wie demütig. Zwischen dal und 'äni
ist kein Unterschied.

In Psalm 88 steht 'äni mit gowe'a zusammen, das
einen Sterbenwollenden bezeichnet; es meint also die
Krankheit und ist mit „verkommen", „schlecht gestellt"
ect. wiederzugeben. In Psalm 22 paßt Vers 16 a auf
nichts anderes als auf Krankheit; vor dem kranken Menschen
muß man sich hüten; Spott ist zu einem Teil apo-
tropäisch zu verstehen. Der Kranke steht allein gegen
die ganze Welt. In Ps. 102 weist gerade die Einsamkeit
von Vers 7 auf Krankheit. Das 'äni der Überschrift bestimmt
den Psalm zum Gebrauch für jeden beliebigen
Kranken. In Ps. 69 sind die 'anäwim aktuell Notleidende,
denen der Ratschlag gegeben wird, Jahwe zu suchen.
Ähnlich Ps. 25. Nach Vers 1, 3 in Ps. 34 ist der Verfasser
in Lebensgefahr gewesen und hat den genannten
Rat selbst angewandt, um gerettet zu werden; es handelt
sich im Ps. um einen, der leidend war und solche, die
es noch werden können oder sind. In Ps. 70 geht es
um aktuelle Notlage, in 109 um Krankheit. Ps. 9 und
10 handelt von notleidenden Entrechteten, deren Schutz
Jahwe ist. Die „Stillen im Lande" von Ps. 35 sind die
sanftmütigen Jahweverehrer, ähnlich den Idealgestalten
, die der Jahwist in den Patriarchen schildert. Wie
Gerechtigkeit und Sanftmut, so gehören Gottlosigkeit
und Lärm zusammen. In Ps. 140 ist in Vers 13 die Art
gemeint; aber die Rettung der Art ist identisch mit der
des Einzelnen. In Ps. 37 ist der Verf. 'äni gewesen,
was durch die Gewalttätigkeit der rescha'im verursacht
war. Nirgends also bezeichnet 'äni eine Partei; man
müßte andernfalls die betr. Psalmen kollektiv erklären.
Die übrigen Psalmarten, in 74, 72, 82, 76, 12, 147, 149,
bestätigen das Resultat; desgleichen der Gebrauch außerhalb
des Psalters. Als Anhang beigegebene assyr.-babvl.
Parallelen zeigen die gleiche Mentalität und den gleichen
Wortgebrauch.

In seinem negativen Resultat hat der Verf. Recht:
Die 'an. müßten keine Partei sein. In diesem Hinweis
ruht der Wert seiner ordentlichen Untersuchung.

Die positive Seite hätte allerdings klarer ausgebaut
werden müssen: Wer sind nun im Einzelfall die 'a.?
Welche Art von „aktueller Not" herrscht vor? Warum
werden sie verfolgt? Es sind doch nicht immer Kranke!
Es ist ein Unterschied, ob die Not als solche, sozusagen
von außen, charakterisiert werden soll, oder ob es sich
um eine Selbstauffassung in Notlagen handelt. Damit
hängt die weitere (religionsgeschichtliche und theologisch
so erst wichtig werdende) Frage zusammen, ob
zu dieser Selbsteinschätzung und inneren Haltung nicht
erst ein religiöser Akt führt. In dem Bedeutungswandel
von arm (oder meinetwegen: krank) zu demütig-fromm
liegt doch ein ganzer Weg der Glaubensgeschichte! Auch
die Frage der Anerkennung der Sünde im Zusammenhang
mit oder als Ausdruck dieser Demut (vcrgl. das
„Gott die Ehre geben" in Jos. 7,19 als Wertung des
Sündenbekenntnisses als Korrelat) ist doch recht bedeutsam
. So könnte man gerade von diesen Worten her
auf Grundfragen der alttest. Theologie stoßen: Reichtum
, Hochmut, Selbstbewußtsein — Verweltlichung; Armut
, Demut, Selbstbezichtigung und Selbstunterwerfuno-,
Anerkennung des Herrseins Gottes und der Untertanschaft
des Menschen — Frömmigkeit.

Ober-Breidenbach i. H./Marburg. Adolf Wendel.

Cond am i n, Albert, S. J.: Poemes de Ia Bible avec une intro-
duetion sur la strophique hdbrai'que. Paris: G. Beauchesne 1933
(VII, 285 S.) gr. 8°. Fr 36_'

Seinen Kommentaren über Jesaja (1905) und Jere-
mia (1920), in denen Condamin im Anschluß an Koe-
stcr (ThStKr 1831), Zenner (ZkTh 1896ff.) und Hontheim
(Job 1904; Hohelied 1908) ganz bestimmte feste
Theorien über Strophen in der hebräischen Lyrik vertrat
, läßt der Herr Verfasser jetzt eine grundsätzliche
Untersuchung über das gleiche Thema folgen mit der
Absicht, an 53 Gedichten aus Arnos, Hos, üb, Jo, Hes,
Jes, Ps, Prov, Hiob und Sap durch Analyse die Richtigkeit
seiner früheren Aufstellungen zu erhärten. Daß