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Ausgabe:

1935 Nr. 1

Spalte:

235-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Algermissen, Konrad

Titel/Untertitel:

Die Gottlosenbewegung der Gegenwart und ihre Überwindung 1935

Rezensent:

Koch, Friedrich

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235

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 13.

'236

Jahre hindurch war Lausanne geradezu das geistige und
administrative Zentrum der heldenhaften Märtyrerkirche
Frankreichs.

Auf die Darstellung Vuilleumiers folgt eine ungemein
bedeutsame Beigabe der Herausgeber: ein minutiöser
Index von nicht weniger als 600 Spalten zum ganzen
Werk. Er wird nicht nur für die Historie des Waadt-
länder Protestantismus, sondern für die der gesamten
Schweizer Kirchengeschichte eine Fundgrube von unschätzbarem
Werte bleiben.

Basel. Ernst S t a e h e 1 i n.

Algermissen, Dr. Konrad: Die Gottlosenbewegung der
Gegenwart und ihre Oberwindung. 1. u. 2. Aufl. Hannover:
J. Giesel 1933. (XIV, 358 S. U. 8 Taf.) 8°. RM 4—; geb. 5 .

Dr. Konrad Algermissen ist der Theo!ogenwelt kein ,
Unbekannter mehr. Als Verfasser der ersten katholi- I
sehen Konfessionskunde hat er sich auf protestantischer
und katholischer Seite einen bedeutenden Namen gemacht
. In den vergangenen Jahren stand Algermissen
in vorderster Front des weltanschaulichen Kampfes, und
aus dieser Zeit stammt seine Trilogie der katholischen
Apologetik. Auf das Werk „Freidenkertum, Arbeiterschaft
und Seelsorge" folgte ein Buch „Sozialistische
und christliche Kinderfreundebewegung" und als krönenden
Abschluß, der nicht wieder einen besonderen
Frontabschnitt, sondern die ganze breite Linie des Kampfes
von Bolschewismus und Christentum vor uns aufrollt
, legte uns Algermissen 1933 das Werk „Die Gottlosenbewegung
der Gegenwart und ihre Überwindung"
in die Hände.

Algermissen sieht die Gottlosenbewegung nicht als
besondere Erscheinung der Neuzeit, sondern weiß ihre
Wurzeln und Quellen in den weit- und kulturgeschichtlichen
Epochen der vergangenen Jahrhunderte aufzuspüren
. Mit starkem geschichtlichem Sinn stellt Algermissen
die Gottlosenbewegung in die Weltgeschichte hinein
(1. Kap.) und weist ihr den ihr gebührenden Platz zu.
Allerdings sieht Algennissen die Geschichte nicht als
ein willkürliches, sinnloses Geschehen an (und damit
die Geschichtswissenschaft als ein Aneinanderreihen von j
historischen Tatsachen, sondern ihm ist die Geschichte
sinnvoll und gewollt. Nicht umsonst ist als Motto des
Buches das berühmte Goethewort vom Konflikt des i
Glaubens und Unglaubens als eigentlichstem, einzigstem
und tiefstem Thema der Welt- und Menschengeschichte
gewählt worden. Für Algermissen ist die Geschichte
eine Geschichte des Geistes und des Glaubens, das heißt
für ihn ist das Wesentliche an der Geschichte die Ge- j
Schichtsdeutung und -wertung. Diese Anlage und Struktur
des Buches ist seine Stärke, aber auch seine Grenze,
wenigstens in dem wertenden Teil. Sie gibt dem Werk
etwas Geschlossenes, Abgerundetes, Ganzes. Aber sie ;
gibt dem Werk auch etwas Einseitiges, Subjektives,
Standpunkthaftes, letzteres vor allem in dem, was die
Deutung und Wertung betrifft.

In kurzen Zügen sei die geschichtliche Linie skizziert,
an deren Ende Algermissen die Gottlosenbewegung hinstellt
: Die Gebundenheit des Urchristentums in kulturschöpferischer
Hinsicht wurde durch Konstantin den
Großen gelöst, und nun konnte die Kirche „neben der !
Heiligung der Einzelseelen ihre zweite Aufgabe an der
Menschheit, die Schaffung einer christlichen Kultur, in
Angriff nehmen" (S. 9). Aus Christus dem Hirten sei
in der Kunst bezeichnenderweise Christus der König der
Welt geworden. Die Durchdringung des gesamten Le-
bens mit christlichem Geist nimmt die Jahrhunderte
in Anspruch bis zur Blütezeit der christlichen Kultur
zwischen 1100 und 1300. Gleichzeitig mit dem Einreißen
von Mißständen hätte eine Kritik eingesetzt. Die
Reformation, deren Wesen in der „Trennung der Menschheit
von der Kirche" gesehen wird (S. VII, S. 24, 25ff.,
39 u. ö.), habe negativ ihre Existenzberechtigung in
den Mißständen gehabt, positiv führe sie die Geistesbewegung
der Renaissance fort, welche an die Stelle der I

theozentrischen katholischen Kirche eine „anthropozentrische
Kulturwelle" (S. 23) gesetzt habe. Der ersten
Zerstörung der religiösen Bindung folgen Zersetzung
und Auflösung. Deismus und Freimaurerei als Folgen
der Reformation hätten die Trennung der Menschheit
von Christus und der Materialismus Trennung der
Menschheit von Gott gebracht. Für die wichtigste Ursache
der Gottlosenbewegung hält Algermissen „die Verweltlichung
der Kultur- und Lebensgemeinschaften"
(S. 32). Im 19. Jahrhundert sei die Trennung des Menschen
vom Menschen und im Bolschewismus die Zerstörung
der menschlichen Persönlichkeit durchgeführt
worden.

Von dieser im ersten Kapitel seines Buches entworfenen
Geschichtsanschauung aus bearbeitet Algermissen
am Schluß seines Buches (8. Kap.) „Die Überwindung
der Gottlosenbewegung". Nach einer Sinndeutung des
Bolschewismus geht Algermissen darin auf die Überwindung
des Gottlosentums durch die Menschheitskultur
ein. Erfreulich ist der klare Blick für die Notwendigkeit
einer gemeinsamen Bekämpfung des Bolschewismus
durch die vereinten Kräfte des Christentums, „die von
fanatischer Proselytenmaeherei ebenso weit entfernt ist
wie von Preisgabe des Glaubensschatzes und der Missionsaufgabe
der Kirche" (S. 306). Wenn aber in der
„Überwindung des Bolschewismus durch die katholische
Kirche" die deutschen Reichsgesetze bis 1932 als deren
Erfolge und Mittel gebucht werden, so ist das ebenso
hypothetisch wie die Wandlung der Rechtsgrundlagen
in der Bekämpfung des Gottlosentums Tatsache geworden
ist. Nach Algermissen ist aber der positive Gegenwert
erfolgreicher als Verbot und Ablehnung. Das versöhnliche
Verhältnis von Wissenschaft und Christentum
ist produktiv für die Religion und damit destruktiv für
den Bolschewismus. Da es sich nach Algermissen im
Gottlosentum um dämonische Mächte handelt, müssen
die übernatürlichen Kräfte des Katholizismus zu seiner
endgültigen Vernichtung herangezogen werden.

Soweit die Grandlagen der Schrift von Algermissen.
Zwischen dem wesentlich wertenden ersten und letzten
Kapitel unterzieht der Verfasser die Gottlosenbewegung
einer eingehenden, ebenso ausführlichen wie gründlichen
Darstellung, die er jenseits aller Deutung und Wertung
allein im Bereich des Tatsächlichen vollzieht. Daher
kann und wird es in diesem Teil keine wesentlichen Meinungsverschiedenheiten
geben. Selbst die freidenkerische
und atheistische Presse gab, solange sie in früheren Zeiten
ihre religions- und volkszerstörenden Lehren verbreiten
durfte, die gründliche Erfassung und Darstellung
des Gottlosentums durch Algermissen zu.

Wie stark Bolschewismus und Gottlosenbewegung
zusammenhängen, in einander übergehen und welche
weltanschaulichen Grundlagen ihnen zugrundeliegen (2.
und 3. Kapitel), weist Algennissen mit bedeutender Sachkenntnis
und treffendem Urteil auf. Die antireligiöse
Gesetzgebung tritt in Rußland fast zurück hinter dem
entsetzlichen atheistischen Terror (4. Kap.), der von
Staatswegen, aber auch von dem starken Bund der
kämpfenden Gottlosen (5. Kap.) ausgeübt wird. Man
muß es sich im heutigen Deutschland immer wieder
vergegenwärtigen, in wie verbrecherischer Weise der
Bolschewismus die Seele schon der kleinsten Kinder in
Rußland vergiftet und das auch in andern Ländern versucht
. Algermissen weiß davon (im 6. Kap.) Erschütterndes
zu berichten. Schließlich gibt der Verfasser einen
Überblick über den Stand der Gottlosenorganisationen
in der Welt (7. Kap.), die sich wohl außer in Deutschland
auf der ganzen Welt immer weiter ausgebreitet haben
dürften. Die eingehende Darstellung der Gottlosenbewegung
in Deutschland sollte heutigen Tages öfter
und ernster gelesen werden, damit man in Dankbarkeit
erkenne: der Bolschewismus hat seine Entscheidungsschlacht
in Deutschland verloren. Deswegen hat der
„Algermissen" (aus dem Mann wird der Begriff der
Gottlosenbekämpfung) auch heute noch seine große Be-