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Ausgabe:

1935 Nr. 13

Spalte:

232-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Raney, W. H.

Titel/Untertitel:

The relation of the Fourth Gospel to the Christian Cultus 1935

Rezensent:

Bertram, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 13.

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alle Augenblick etwas Neues und Anderes von ihr. So
möchte man immer wieder fragen: Was war denn eigentlich
der N.? Was ist nebi'istisch? Seite 88 werden Charakteristika
aufgezählt; Seite 96 oben hören wir, daß
man sie von den so benannten Männern erst ersehen
muß! So ist in III. die Überlieferung nach einem Bild
durchgeprüft, das erst als ihr Ergebnis entworfen werden
kann!

Doch diese methodische Schwäche hängt gerade mit
dem eigentlichen inhaltlichen Gebiet zusammen, bei dem
die Kritik (— drittens —) unbedingt einsetzen muß. Das
ist eben die einseitige, andererseits aber völlig schillernde
Vorstellung, die der Verfasser von einem N. hat; im
Gefolge davon die keineswegs einleuchtende scharfe
Scheidung zwischen N. und Schriftprophet. Zunächst
fehlt die Zusammenstellung dessen, was für den einen
und was für den anderen bezeichnend ist. Sodann aber:
Welche Unklarheit und Inkonsequenz bezüglich des Wesens
des N.! Einmal ist der Begriff weit: Sie sind
Empfänger göttlicher Botschaft für andere, berufene
Verkünder des Gotteswillens; auch Seite 176. Ein anderes
Mal ist er eng: Sie sind Seher; das heißt Visionäre,
Ekstatiker, Geistbesessene, Nacht-Inspirierte; sie sind
rationaler Haltung, kanaanäischen Ursprungs. Hitnabbe
soll rasen, hinnäbe weissagen bedeuten; aber s. II. Chr.
18,17 und Sach. 13,4! Es ist ein Trugschluß (S. 6),
daß der Ausdruck von anderen als zum mindesten prophetisch
vorgestellten Persönlichkeiten gebraucht sei.
Aber wir lesen auch (Seite 147): „Eine wirkliche Tradition
über die N. in alter Zeit gibt es innerhalb des Alten
Testaments nicht." Aber, versuchen wir einmal, diesen
Zustand im Sinne des Verfassers zu verbessern und den
N. eindeutig, das heißt wohl nach seinem Sinne in der
engeren Fassung, zu nehmen: Stimmt das, was von ihm
im Unterschied vom Schriftpropheten gesagt wird? Welche
merkwürdigen Unterschiede zeichnet Seite 189!
Wenn für die N. nach Seite 150 charakteristisch ist „die
Unmittelbarkeit des Gotteswortes, das zu ihnen kommt";
daß „Gott selbst zu ihnen redet", dann versteht man
wohl kaum, warum ein Arnos oder Jesaia keine N. sind!
War es wirklich nur das „Standesbewußtsein" dieser
N. im engeren Sinne, „von Jahwe gesandt zu sein"
(Seite 152).? Noch schlimmer steht es, wenn man sich
boshaft an die Definitionen der weiteren Art hält. War
Mose kein „Verkünder des Gotteswillens"? Alle Schriftpropheten
passen unter die Definition des N. auf Seite
144 oder 246! — Wenn erst Kanaan solche Verkündiger
des Gotteswillens hervorrief, dann verdankte die alttesta-
mentliche Religion ihm sein Bestes, ihre Höhe! Es gibt
doch in der Religionswissenschaft ein festes Bild des
Typus des homo religiosus, den man „Prophet" nennt.
Von dem hätte der Verfasser ausgehen müssen — es
kann doch nicht jeder wieder seine eignen religionswissenschaftlichen
Begriffe sich machen — und nun zeigen
sollen, welche Unterart davon der Nabi und welche der
Schriftprophet darstellt, wie sie sich abheben, in der
Volksmeinung und Literatur aber auch überschneiden.
Das wäre eine saubere Arbeit gewesen. Es geht aber
nicht an, alles von „geheimer Erfahrung", alles vom
Charismatiker und Ekstatiker dem übergeordneten Begriff
des „Propheten" zu nehmen und es nur dem engeren
des Nabi zuzuweisen. Wer keine Visionen oder Audi-
tionen hat, zu wem Gott nicht auf andere Weise spricht
als zu den gewöhnlichen Menschen, der ist kein Prophet
, auch kein „Schriftprophet"! Der ist, wenn er
öffentlich auftritt, ein Prediger (vergleiche Seite 195
und Seite 9!) oder Dogmatiker oder religiöser Schriftsteller
! Das Gottergriffeusein war genuines altisraelitisches
Gut. Unter kanaanäischem Einfluß wurde eine
neue Linie daraus: schulmäßiges, genossenschaftliches
Pflegen des Geistempfangs. Aber neben ihr und aus ihr
hoben sich einzelne große Persönlichkeiten ab, denen
nicht die Form — die sie auch hatten! — sondern der In*
halt das Wesentliche war, die bleibende Bedeutung in
der Glaubensgeschichte erhielten, ein Jesaia, Jeremia

I usw. Aber das wußte man ja längst; so hat die Arbeit
Jepsens weder neu fundiert noch umgestoßen noch ausgebaut
, sondern verwirrt! — Selbst, wenn ro'ä, chozä,
nabi nur Synonyma wären, wie Jepsen will, müßte jedes
seine Eigengeschichte doch früher einmal gehabt haben!
„Sehen" = hellsehen, ist eine psychische Feinfähigkeit;
das kann man auch in Normalzustand, nicht nur in Ekstase
; davon weiß der Verfasser nichts, obwohl er auch
philologisch hätte beweisen können, daß es keine Hiph'il-
Form von chäzä gibt; dagegen von ra'ä. Es ist auch
die Frage recht unwichtig, ob in der Überlieferung der
oder jener Prophet N. genannt wird oder nicht; selbst
wenn Jesaia noch so oft N. genannt wurde, gehört er
mit den Leuten von 1. Reg. 22 nicht auf eine Ebene!
Aber deswegen muß doch alles visionäre Erleben nicht
minderwertig und seiner unwürdig sein! (Was beweist
die Anrede „Rabbi" für das Wesen Jesu?) Ich hätte
noch eine Fülle von Anmerkungen hier zu machen, muß
aber meine weiteren Notizen unverarbeitet lassen. Man
hätte eben den wissenschaftlichen üblichen Begriff „Prophet
" und den alttest. Sprachgebrauch in seinem Wandel
— wie hießen eigentlich die großen Propheten zu ihrer
Zeit? (falsch auch Seite 241) — trennen müssen. Arnos
wehrt sich nicht dagegen, ein „Prophet", d. h. ein Gott-
ergriffener, zu sein; er will nur nicht zu den „Zünftigen"
gehören, die Gottesaufträge herbeiziehen, erlernen oder
gar vorgeben wollen. Wie empfing denn Mose das Got-

1 tesgesetz? Oder „empfing" er es garnicht?

An Einzelheiten geringerer Bedeutung denke ich eben
nur an: Es fehlen Ausführungen über: Richtertum und
Nabi; Verweltlichung als Technisierung und Kultisierung
des Nabi. Merkwürdig ist die Engel-Partie, Seite 40 ff.
Zu Elohist und Nabi siehe: Buber, Köm Gottes, S. XIV.
Wann war der religiöse Endzustand von S. 1 in der Geschichte
da? Sehr merkwürdig S. 149 über Nabi und
Ephod. Druckfehler: S. 8: Jer. 26,20; 43: Davids; 53:

j Gesichte; 143: IV.

Entgegen den Ergebnissen für „Soziologie" und
Religionsgeschichte scheinen mir die literarischen Resultate
des Buches von bleibendem Wert. Ausführungen

| wie die von S. 225 f. über die literarischen Wirkungen
der nebi'istischen Kreise sind sehr wertvoll; ebenfalls

! die Abgrenzung einzelner Erzählungsgeschichten innerhalb
der Prophetenberichte. Die Aneignung der jeweili-

i gen Persönlichkeiten durch die N. ist gut herausgear-

; beitet. Vielleicht hätte der Verfasser gut daran getan,
nur solche Partien, gesondert, zu bringen, etwa als: „Der

i Einfluß der Nebi'im auf Israels religiöses Schrifttum."

1 Das wäre eine gute und übersichtliche Arbeit gewesen.
Die Lektüre des Buches kostet Überwindung, wegen
seiner Willkür, Inkonsequenz und Unübersichtlichkeit.
Was ihm fehlt, ist auch eine gewisse Beweglichkeit; es
klebt zu steif an Stellen und ihrer Exegese. Das ist die

I Schattenseite der rein - philologisch eingestellten Forschung
, so wertvoll an ihrem Orte Akribie und Phantasie
-Ferne sein mögen. Man kann nicht alle religionswissenschaftliche
Typisierungen ablehnen, „wenn die

, Überlieferung davon nichts sagt". Israel war doch keine

! Insel in der Geschichte der Religion! So hat der Ver-

I fasser manchmal, am Buchstaben und an Stellen gemes-

i sen, recht; aber nicht recht, an der Sache gemessen. Religionswissenschaft
kann man nicht lebensabgezogen und

! rein-philologisch betreiben.

' Ober-Breidenbach i. H./Marburg. Adolf Wendel.

Raney, W. H.: The Relation of the Fourth Gospel to the
Christian Cultus. Gießen: A. Töpelmann 1933. (95 S.) gr. 8°.

— RM 4—.

Es ist eine formgeschichtliche Untersuchung, die der
Verfasser in der vorliegenden Arbeit bietet. Er fragt
nach dem Sitz im Leben (natural setting) der johannei-
schen Überlieferung und setzt dabei voraus, daß die Verfasser
der Evangelien nicht so sehr Leser als vielmehr
Hörer mit ihren Werken im Auge haben. Die Evangelien
waren für die Gemeindeversammlungen bestimmt,