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Ausgabe:

1935 Nr. 13

Spalte:

229-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jepsen, Alfred

Titel/Untertitel:

Nabi 1935

Rezensent:

Wendel, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 13.

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38). Für die Neubearbeitung des Nehemia-Buchs in
Kittels hebräischer Bibel ist hier eine dankenswerte Vorarbeit
geleistet.
Serock-, Polen. F. K. Jonat.

J e p s e n , Lic. theol. Dr. phil.: Nabi. Soziolog. Studien z. alttest.
Literatur u. Religionsgesch. München: C. H. Beck 1934. (XII, 25S S.)
8Ü. RM 9.50.

Vor zwei Jahrzehnten hatte Gustav Hölscher sein
bedeutsames Werk geschrieben: Die Propheten. Untersuchungen
zur Religionsgeschichte Israels, 1914. Er
wollte, angeregt durch Wilhelm Wundts Physiologische
Psychologie und Völkerpsychologie, „die allgemeinen
psychologischen Erscheinungen, die das Prophetenium
und ihm verwandte Größen aufweisen, in geordneter
Weise darstellen". Hier war in ernstem Lernen und tiefdringender
Arbeit, gefördert durch Kenntnis arabischer
Parallel-Quellen, psychologische Forschung auf alttest.
Quellen angewandt.

Verheißungsvoll war auf die Religionspsychologie
die Religions-Soziologie gefolgt. Sie hat aber auf alt-
testamentl. Gebiet nicht ailzuviele Arbeiten angeregt.
Inzwischen ist die fröinmigkeitsgeschichtliche und noch
mehr die theologische Arbeit in den Vordergrund getreten
, die Kern, Wesen und Wert erfassen wollen.

Das vorliegende Buch will eine soziologische Arbeit
zum Alten Testament sein. Wie Hölscher von Wundt,
so ist Jepsen von Max Weber (Ges. Aufsätze zur Religionssoziologie
) her interessiert. Er möchte „einen Beitrag
zur Refigionssoziologie Israels sowie zum besseren
Verständnis der Schriftpropheten bringen". Aus der
Methode der bisherigen Gefolgschaft Webers (Lüne,
Galling etc.), die Israels soziale Entwicklung in großen
Zügen habe darstellen wollen, sei „entscheidende Förderung
über die geniale Darstellung Webers hinaus
nicht zu erwarten" gewesen. Es müßte vielmehr bei der
Schwäche der Weber'schen Arbeit der Ausgang genommen
werden, der Einzeluntersuchung der Stände in ihrer
Geschichte und in ihrem gegenseitigen Verhältnis. So
will sich der Verfasser eben der Geschichte des „Nabi"-
Standes widmen und erhofft daraus auch Klärung und
Wandlung für das Verständnis der Schriftpropheten.

Die Schrift zeigt folgenden Inhalt: Literaturverzeichnis, Abkürzungen
. I. Einleitung. II. Begriff. 1. Raserei und Verkündigung.
Die Wortgeschichte von hinnäbe läßt erkennen, daß aus dem „Rasen" :
»im Auftrag Jahwes Reden" geworden ist. Nabi ist der Erregte, der berufene
Bote! 2. Geist und Engel. Die Ruach ist auf dem Weg über
das Nabitum zum Lenker der Gemeinde geworden, auf gleiche Weise
der Engel zum Dolmetscher und Willensverkünder Gottes. 3. Seher und
Wahrsager. Es gibt kein Sehertum unabhängig von den Nabis; chäzä
bezeichnet vor allem das übersinnliche Hören der Gottesworte, zumal
in der Nacht. III. Ue berl i eferung 1- Elia. 2. Elisa. 3. Jesaia. 4. weitere
Nabis der Königszeit. 5. Gad und Natan. 6. Samuel. 7. Das Nabitum
in der vorsamuelichen Ueberlieferung. 8. Allgemeines zur Nabi-
überlieferung. 9. Nabiwort. 10. Schriftpropheten. Die Ueberlieferung
hat das Bild einer Reihe von Persönlichkeiten so umgestaltet, dali Nebi-
'im aus ihnen wurden. So gehört Elia nicht zu ihnen; aber Berichte
über ihn sind Zeugnis nebi'istischen Geistes. Elisa gehört zu ihnen;
aber sein Bild ist nebi'istisch idealisiert. Erst der Jesaia der Legende
und der Reden ist zum Nabi geworden. Gad und Natan sind Nabis.
Weil Samuel das Nabitum in Israel einführte, wurde er zum Urbild des
Nabi in Israel gemacht. Vor dieser Zeit war nur Bilec am Nabi. Die
gesamte Ueberlieferung ist in drei Typen zu teilen: Nabi-Geschichten,
die historisch sind, Nabi-Legenden und Nabi-Reden, die der nebi'istischen
Tendenz entsprungen sind. Von den Schriftpropheten sind Nabi nur:
Nahum, Habakuk, Haggai, Sacharja, vielleicht auch Obadja. IV. Geschichte
. 1. Aufkommen. 2. Das Nabitum am Hofe Davids. 3. Das
Nabitum Nordisraels. 4. Nabi und Schriftprophet im vorexilischen Juda.
5- Das Nabitum im Exil. 6. Das Ende des Nabitums. 7. Das Nabi-Bild
der Spätzeit Das Nabitum ist von Kanaan übernommen. Samuel lehrte
Israel seine Anerkennung. Am Hofe Davids setzte es sich durch Natan
durch. Das nordisraelitische Nabitum war wirtschaftlich nicht abhängig
vom Hof, hatte auch keine Stütze am Priestertum. So setzten sich da
die Nabis später und langsam durch, beiderseits erst nach der Reichstrennung
. Die Nabis haben die geschichtliche Ueberlieferung nach ihrem
Glauben umgebildet. Man kann einzelne Kreise der Glaubenswelt der
nordisraelitischen Nabis noch näher erfassen. In Juda gelten die Nabis
als führende Volksklassen. Sie sind vornehmlich die Träger des göttlichen
Wortes. Die Schriftpropheten betonen ihnen gegenüber das Irrationale.

Das Exil bedeutete einen entscheidenden Einschnitt, weil das Heil sichtbar
ausblieb. Jetzt verkündigten die Nabis Buße. Sie haben dem Volk
zu einem Verständnis seines Schicksals verholfen, aber auch die Samm-
I hing alter Prophetenworte etc. in ihrem Sinne redigiert. Auch nach dem
Exil hat das Nabitum fortbestanden. Sacharja steht auf der Grenze
zwischen N. und Apokalyptiker. Haggai und Sacharja sind die letzten
deutlich faßbaren N. Im 5. Jahrhundert löst sich der Stand auf. V. Bedeutung
. 1. Wesen. Der religiöse Typ des Nabi wird (hier endlich!)
geklärt: „Seine Fähigkeiten beruhen weder auf einer angeborenen
Kraft noch auf der natürlichen Gottverbundenheit der Seele, sondern
allein auf der Ergriffenheit von Gott und seinem Geist." 2. Herkunft.
Es werden allerlei Möglichkeiten aufgenannt. Das Nabitum ist Besonderheit
des vorisraelitischen Kanaan; „oder" vorsemitischen Ursprungs;
„oder" von kleinasiatischen „oder" nordsyrischen Stämmen her; „oder"
von arischen Gruppen her nach Syrien gekommen. 3. Geschichte. Das
Nabitum ist durch zwei Faktoren bestimmt: Sich als Stand durchsetzen
zu müssen; Einfluß des Jahweglaubens. 4. Bedeutung. Die N. waren
auf Grund ihrer nationalen Haltung an der Ausbildung einer festum-
rissenen religiösen Vorstellungswelt und Terminologie beteiligt. Als
Ergebnis wird am Schluß, Seite 251, ein Doppeltes angegeben: Es
ist nachgewiesen, wie die Religion entscheidend das völkische Leben
Israels gestaltet. Die vorexilischen Schriftpropheten stellen keine Entwicklungsstufe
des Nabitums dar.

Religionssoziologie will „die Zusammenhänge von
Religion und Gesellschaft" erfassen. So Joachim Wach:
Einführung in die Religionssoziologie, 1931, S. VI. (Das
Buch fehlt leider in der Literaturangabe und im Einzelnen
bei Jepsen). Es geht ihr darum, die soziologische
Gestaltungskraft der Religion für das Gemeinschaftsleben
und umgekehrt, zu erhellen. Nach dem Schlüsse
der vorliegenden Schrift soll das auch in ihr geschehen
sein; aber die vorhergehende Lektüre hat diesen Ein«

[ druck nicht recht vermittelt. So kann man fragen, ob das
Buch den Untertitel zu Recht trägt. Wohl ist auch Standesgeschichte
letztlich ein soziologisches Problem; aber
sie müßte dann auch „soziologischer" geschaut werden!
Vor der Lektüre des Buches, nach dem Titel, erwartet
man lediglich über die Gilden der Nebi'im zu hören, ihr
Werden; Lehrer und Schüler; Auftreten; Wertung; Geschichte
, Traditionspflege etc.; also: nicht über einzelne
Propheten, sondern über die Prophetenkreise, etwa das,

! was Hölscher Seite 152—158 über die Prophetengenos-

I senschaften gesagt hat. Man ist daher über die Einbe-

| ziehung der Schriftpropheten — von dieser Seite her
— erstaunt. Andeutungen und Ansätze solcher eigentlich

I — soziologischer Fragestellung sind wohl eine ganze
Reihe vorhanden, zum Teil recht gute Beobachtungen;
Seite 102; 119; 131; 160; 164; 171 und viele andere.
Aber sie müßten der eigentliche Gegenstand sein; so
muß man sie erst zusammensuchen. Öder andererseits
hätte, um die Einflüsse der Religion auf die Gesellschaft
zu zeigen, das Buch entsprechend angelegt werden müssen
: Nebi'im und Hof; Nabi und Kriege; Nebi'im und

! Literatur etc. etc. Nach dem Vorbild dieses Buches dürfte
man dann etwa auch die Lebensgeschichte der Königs-

i gestalten schildern und glauben, einen Beitrag zur Soziologie
geliefert zu haben.

Wenn man ein Buch über den Stand des „Nabi"
schreibt, ist es eigentlich selbstverständlich, daß gleich

! zu Eingang präzis dieser Begriff umrissen wird (nicht
nur philologisch-etymologisch!) und nachher immer wieder
in dieser selben Prägung verwandt wird. Oder man
muß eben sagen, daß die Untersuchung erst die einzelnen
Bausteine zusammen bringen soll zum Ganzen dieses
Begriffs. Dann darf man aber nicht dauernd mit ihm arbeiten
, als wüßte jeder Leser, was der Verfasser sich
unter ihm vorstellt. Das geschieht aber hier — der zweite
Hauptpunkt meiner Kritik! Es herrscht da eine Verwirrung
, weil nicht mit einem eindeutigen Bild operiert
wird. Es wird etwa gefragt: Ist das von X Erzählte
Kennzeichen eines N.? Ist es Beweis dafür, daß man ihn
zum Nabi machen wollte? Aber woher soll der Leser
wissen, was denn eigentlich das Charakteristikum des
Nabi ist? Er muß es sich wieder zusammensuchen; dabei
merkt er, daß das an einer Stelle als bekannt Voraus-

1 gesetzte dem widerspricht, was an anderer als bekannt
vorausgesetzt wird. Mit dem N. wird etwa Seite 136 wie
mit einer erläuterten Größe gearbeitet; man erfährt aber