Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1935 Nr. 12

Spalte:

222-223

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Traue, Georg

Titel/Untertitel:

Der Katechismusunterricht im Lichte der Heimat 1935

Rezensent:

Walters, Peter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

221

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 12.

222

sehen bestimmen und zwar eben nicht als säkulare Wirklichkeit
sondern als gottgesetzte Wirklichkeit, für die der
Ausdruck „Offenbarung" gerade auch für den Christen
zutrifft. Hier wird ein pseudotheologischer Abstand von
der fordernden Härte der konkreten Situation unmöglich.
Jene leicht erlernbare Formel der Negation und Diastase
bedeutet hier ganz schlicht und einfach Verrat an einem
Höheren als nur an einer Zufälligkeit dieses Aeons. Das
Wird als theologische Aussage über die metaphysische
Würde der konkreten Wirklichkeit des Volkstums dogmatisch
begründet in den beiden Kapiteln „Außendeutschtum
und politische Theologie" (S. 35—55) und
„Zur evangelischen Lehre vom Volk" (S. 55—77). Es
liegt in dem Stand der gegenwärtigen deutschen Theologie
begründet, daß hier keine erschöpfende Lehre von
der politischen Wirklichkeit überhaupt und dem Volkstum
im Besonderen gegeben wird. Aber es bedeutet
Wesentliches für die Debatte über diese Dinge, wenn
hier aus der ungeheuer aktuellen Lage des Außendeutschtums
heraus auf die Pflicht der Kirche hingewiesen
wird von der göttlichen Autorität des
Staates sowohl hinsichtlich der Berechtigung als auch
der Begrenzung seines Totalitätsanspruches geredet wird.
Es ist ein wichtiges Wort in der theologischen Debatte
über die gültige Autorität des Staates, daß z. B. die
Grenze seines Anspruches ebenso wie seine tiefste Begründung
im Eschato logischen liegt (S. 50). Damit
ist jener Standort angegeben, von dem aus allein
eine legitim-christliche Betrachtung der Geschichte möglich
ist. Unsere gegenwärtige Theologie in Deutschland
krankt weithin noch allzusehr unter der Betrachtung der
Politischen Wirklichkeit von rein sittlichen Gesichtspunkten
her, wozu eine offensichtlich irrige Deutung des
lutherischen Berufsgedankens verführt. Es wird weiterhin
, zumal von da aus, wo May von der Kirche redet,
als von „dem sichtbaren Zeichen für die eschatologische
Ausrichtung des Volkes" (S. 76), deutlich, daß eine
legitim-christliche Theologie auch von den „Schöpfungsordnungen
" nicht nur reden darf, indem sie creaturarum
essentias et operationes beleuchtet, sondern indem sie
sie sieht in suspiriis et exspectationibus, in der Ausrichtung
alles Geschaffenen auf den wiederkommenden
Christus. Irren wir uns nicht, so wird durch
diesen Hinweis bei May ein Thema kirchlicher Verkündigung
wieder aufgenommen, das in der Frühzeit der
deutschen Kirche unter dem Gedanken des Reiches bestimmenden
theologischen Gehalt bekam (vgl. S. 31).
Es deuten manche Anzeichen auch in der außertheologischen
Sphäre der deutschen Gegenwart darauf hin,
daß die eschatologische Orientierung wieder zu der ihr
gebührenden Ehre kommt. Die geistige Situation unserer
Gegenwart ist mutatis mutandis der Zeit ungeheuer
ähnlich, als in der lutherischen Reformation der entscheidende
Stoß geführt wurde gegen die in der Scholastik
herrschende philosophische Verkennung des eschatologi-
schen Charakters der Wirklichkeit.

Von dieser dogmatischen und grundsätzlichen Behandlung
aus geht das Buch weiter zu den Fragen sittlicher
Haltung und praktischer Gestaltung: „Der Volksdeutsche
Christ" und „Volksdeutsche Aufgabe der Kirche
". Einmal wird der Grundansatz: Volkstum als
Schicksal — auf dem Gebiet des Sittlichen konsequent
weitergeführt. Der Begriff Schicksal umschließt sowohl
den der Notwendigkeit als auch den der Verantwortung.
Die uns vom Schicksal auferlegte Notwendigkeit macht
uns im Gewissen verantwortlich. Hier werden offenbar
Gedanken von Stange, Althaus, Groos u. a. zur Prinzipienlehre
der Ethik sehr einleuchtend vorgeführt. Es
ist hier auch der Punkt, wo eine theologische Verständigung
über die Bedeutung des „Volksnomos" und zwar
sowohl hinsichtlich des ersten wie des zweiten Gebrauchs
des Gesetzes dringend wird (S. 82 f.). Wiederum spielt
hier der Reichsgedanke in seiner Gefahr und in
seiner Unausweichlichkeit eine Rolle (S. 108 f.). Es liegt
in der Natur des ganzen Problems, daß durchgehend

| die private Sittlichkeit in die gehörigen Grenzen zurück-
i gewiesen wird. Bei der Frage der praktischen Gestal-
I tung wird zum Problem Staat und Kirche und Volk
und Kirche Dankenswertes gesagt (unter Bejahung der
völkischen Besonderung der Kirche). Es werden mannigfache
Probleme des völkisch-sozialen Lebens unter kirchlichen
Gesichtspunkten behandelt bis hin zur Frage der
Beschulung und der Heiratsvermittelung. Für eine künf-
; tige Beschäftigung mit der Volksdeutschen Diaspora ist
! die Kenntnis dieses Buches unerläßlich.

Alles in Allem: Dies Buch ist eine Herausforderung
an die deutsche Theologie. Eine Herausforderung, die
' heute nicht mehr überhört werden kann, seitdem die ein-
! zelnen Fragen auch brennende reichsdeutsche Fragen
i und damit auch Probleme der reichsdeutschen Theologie
geworden sind. Es ist darum aber auch ein positiv
-beachtliches Wort in der gegenwärtigen Debatte in-
I nerhalb der reichsdeutschen Theologie. Die Erkenntnisse
! dieses Buches kommen keineswegs der Diaspora allein
zu gute. Am Ende sind die Beziehungen der deutschen
Kirche zur Volksdeutschen Diaspora keineswegs damit
erschöpft, daß die Diaspora des Dienstes der reichsdeutschen
Theologie bedarf. Am Ende ist dieses Buch ein
Beweis dafür, daß die reichsdeutsche Kirche der engsten
Fühlung mit der Volksdeutschen Diaspora um ihrer
selber willen bedarf. Wir haben es erlebt, daß die äußere
Mission mit ihrer Erfahrung der Heimatkirche unschätzbare
Dienste getan hat. Eine gegenwartsnahe Theologie
darf den Dienst, den ihr dies auslandsdeutsche
Bekenntnis gerade jetzt anbietet, nicht übersehen. Es
würde sich manche abstrakt-polemische Verkrampfung
von heute lösen, wenn die deutsche Theologie nicht nur
die in diesem Buch gestellten Forderungen aufnähine,
sondern sich auch sein wissenschaftliches Ethos zu
eigen machte, das sich bewußt theologische Aufgaben
„von der konkreten Wirklichkeit und historischen Lage
geben läßt" (S. 47).

Wahrenholz, Hann. H. Schomerus.

Traue, Pfarrer Dr. Georg: Der Katechismusunterricht im Lichte
der Heimat. Eingestellt auf die durchschnittliche Konfirmandenreife
des 6. u. 7. Schuljahrs. Gütersloh: C. Bertelsmann 1928. (XIV, 283 S.)
gr. 8°. " Religionspädagogik auf religionspsycliol. Grundlage H. 3.

RM 8.50; geb. 10—.

In der Sammlung, aus der ich s. Zt. „Du Kirchlein
meiner Heimat" von Ewald Traue besprochen habe
(Th.L. Ztg. 53, 1928, 71) gibt der Bruder Georg Tr. als
3. Heft als Frucht langjähriger Gemeinschaftsbemühungen
eine umfassende Studie über den Konfirmandenunterricht
heraus. Seine Eigenart ist inhaltlich die Betonung
des Heimatgedankens: dadurch wird für die ver-
schiednen Schichten und Landschaften des Vaterlands
eine selbständige tiefgreifende Umsetzung nach den jeweiligen
Bedürfnissen erforderlich. Methodisch bedeutsam
ist die eingehend belegte Forderung, den Unterricht
auf die Höhenlage des 6. und 7. Schuljahrs herabzustimmen
: das dürfte als dauernde Einsicht unverloren bleiben
.

Bis ins Einzelne führt der Lehrgang mit dem Titel
„Das irdische und das himmlische Vaterhaus" das gewählte
Bild, auch ständig graphisch unterstützt, durch
und gliedert jeweils die betr. Stücke aus Luthers kl. Katechismus
ein. Ausführliche literarische Beigaben stützen
den Lehrgang, der die ganze Breite des Lebens erschlies-
sen will, und doch findet sich, im Unterschied von vie-
- len andern Versuchen, überall, wo es not tut, die kinder-
| tümliche Formulierung der Glaubenswahrheiten. Nir-
! gends ist um vermeintlicher pädagogischer, in Wahrheit
j liberalistiseher Rücksichten willen das eigentliche, worauf
; es ankommt, abgeschwächt oder umgebogen. Das Buch
i ist darum, theologisch und religionspädagogisch betrach-
; tet, z. B. dem Dittmerschen Buch weit uberlegen, sodaß
i die dort an ihm geübte Kritik verfehlt erscheint. Ganz
anders als sonst kann ich daher einzelne Anstände, die
jeder Leser an jedem Buche nimmt, völlig zurückstellen,
| da sie immer nur Einzelheiten betreffen.