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Ausgabe:

1935 Nr. 12

Spalte:

219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Benckert, Heinrich

Titel/Untertitel:

Ernst Troeltsch und das ethische Problem 1935

Rezensent:

Konrad, Andreas

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219

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 12.

220

kungen unsern Dank bezeugen wollten, noch größer und
dankenswerter, als er so schon ist.

Koblenz. Peter Katz.

Benckert, Dr. Heinrich: Ernst Troeltsch und das ethische

Problem. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 1932. (111 S.) 8°. =
Stud. z. syst. Theologie, hrsg. v. A. Titius u. O. Wobbermin, H. 10.

RM 5.20.

In einer sehr gründlichen und ehrlichen Studie setzt
sich B. mit Troeltsch auseinander. Das ethische Problein
will er nicht als eine Teilfrage, sondern als den systematischen
Angelpunkt der Gesamtanschauung von Troeltsch
gewertet wissen. Die Ethik sei die Klammer, in der die
geschiehtsphilosophisehe und religionsphilosophische Leistung
T.s zusammenzufassen sei. Als Quellen werden
neben den veröffentlichten Werken auch die Diktate der
Ethikkollegs herangezogen. Die Analyse des ethischen
Problems zeigt dessen Zerspaltenheit in Persönlichkeitsmoral
und Ethik der Kulturwerte. Diese Dualität ist bei
T. weder durch eine ausreichende philosophische Grundlegung
des Wesens des Sittlichen noch durch den Versuch
einer nachträglichen Synthese wirklich überwunden.
Das eigentlich Fruchtbare sieht B. bei T. in der gründlichen
Heranziehung der Geschichte, der historisch wechselnden
Wertkonstellationen für die Ethik, deren wichtigstes
Resultat die historische Bedingtheit jeder Moral ist.
Aber eben damit wird dem ,Augenblick', dem wagenden
Entscheidungsmoment des Glaubens, der konkret in der
Geschichte steht, die Grundverantwortung zugesprochen.
Die Studie B.s ist mehr als eine historische Analyse der
Gedanken seines Lehrers. Sic ist ein Versuch, die Linien
über das oft Fragmentarische, Unabgerundete der mannigfachen
Ansätze T.s hinauszuziehen und Wege zu
einer systematischen Bewältigung des reichen Gedankenguts
des Meisters zu zeigen.

Michelau. Konrad.

Fascher, Erich: Der Gott der Christen und Heiden. Leipzig:
B. G. Teubner 1934. (91 S.) 8°. RM 2—,

Diese Schrift ist eine Auseinandersetzung mit der
Deutschen Glaubensbewegung und zugleich eine Besinnung
auf das, was nach der Meinung des Verfassers
das Wesen unseres Glaubens ausmacht. Die Schrift ist
allgemein verständlich geschrieben und wirkt anregend.
Sie bietet in vielen Punkten Gutes und macht mancherlei
richtige Einwendungen gegen die Sätze der neudeutschen
Religion. So wird z. B. richtig darauf hingewiesen, daß
man, wenn man nur eine rassenmäßige Religion anerkennen
will, das Objektive mit dem Subjektiven der
Religion verwechselt. Das Objektive aber ist nach der
Meinung des Verfassers eben der Eine Gott der Christen
und der Heiden. Der ist und bleibt, mögen die Völker
ihn erkennen oder nicht, mag man ihn so oder so fassen
in den Gottesvorstellungen. Das bedeutet nicht, daß der
Verfasser der Meinung sei, es sei gleichgültig, welch
eine Gottesvorstellung der Mensch habe. Er sagt deutlich
, daß das Wesen Gottes nicht zu trennen sei von der
Vorstellung eines bewußten Willens, d. h. daß Gott eine
Persönlichkeit ist. Er macht ferner mit Recht geltend,
daß die heute vielfach vertretene Meinung, daß es keine
voraussetzungslose Wissenschaft gebe, die Gefahr in
sich schließe, daß nun eine Wissenschaft herrschend
werde, die durch bestimmte Rassen-Dogmen festgelegt
sei, die ein wirklich wissenschaftliches Forschen dann
natürlich unmöglich machen würden. Viel Gutes sagt
der Verfasser auch über den hohen Wert des Alten
Testaments für uns Menschen von heute, auch für uns
Deutsche. Dies und manches andere Gute kann an der
Schrift hervorgehoben werden. Doch kann ich nicht verhehlen
, daß die Schrift trotz dieser guten Einzelheiten
eines einheitlichen Zuges entbehrt und daß sie eine wirkliche
Klärung dem neudeutschen Heidentum gegenüber
nicht bringt. Auch will ich nicht verhehlen, daß das meiner
Meinung nach daran liegt, daß die eigene theologische
Position des Verfassers, soweit man nach dieser

Schrift urteilen darf, zu schwach ist. Wenn Jesus nichts
! ist, als was hier von ihm gesagt ist, dann rückt er
doch sehr stark in das Menschliche hinein, in das Nur-
Menschliche, das freilich auch des Göttlichen voll sein
mag, bei dem aber doch die Linie dessen, was das Neue
Testament als den Christus, den Gottessohn, den Versöhner
und Erlöser darstellt, ziemlich erweicht worden
ist. Von hier aus ist dann für den Verfasser die Behauptung
der Stellung dem neudeutschen Heidentum gegen-
i über stark in das Relative gerückt, wenn er das auch
! nicht sehen und zugeben mag. In diesem Zusammenhang
ist auch zu nennen die etwas zornige Auseinander-
| setzung des Verfassers mit der dialektischen Theologie
und der Luther-Bewegung, denen beiden er meiner Meinung
nach nicht gerecht wird. Es geht beiden nicht um
die Wiederaufrichtung einer neuen Orthodoxie des 16.
Jahrhunderts, sondern um das Anliegen, daß der Inhalt
der Christusbotschaft nicht entleert und dadurch unwirksam
gemacht werde. So kann ich viele der Urteile theologischer
Art in dieser Schrift nicht unterschreiben.
Und unter diesem Gesichtspunkt scheint mir auch der
Titel der Schrift nicht glücklich gewählt. Er erinnert,
sicherlich ungewollt, aber doch faktisch so wirkend, an
die Position der Aufklärung, die in dem Spottvers zum
j Ausdruck kommt: Wir glauben all an einen Gott,
Christ, Jude, Heid und Hottentott. Ich bin der Meinung
, daß wir viel stärker als es hier geschieht, das absolut
Einzigartige, weil allein Göttliche der Christusbotschaft
herausstellen müssen. Nur so können wir das sagen
, was gerade dem Neuheidentum gegenüber gesagt
werden muß.

Berlin. Johannes Witte.

May, Gerhard: Die Volksdeutsche Sendung der Kirche. Göttingen
: Vandenhoeck & Ruprecht 1934. (139 S.) gr. 8°.

kart. RM 2.80 ; geb. 3.60.
Der erste Eindruck, den man von Gerhard May,
„Volksdeutsche Sendung der Kirche" (Gö.,
Va. u. Ru. 1934) empfängt, ist der, daß hier ein neues
wissenschaftliches Ethos zum Ausdruck kommt, ein
Ethos, das viel Verheißung für die gegenwärtige deutsche
Theologie in sich birgt. Das Buch stellt aus der
besonderen, irdisch-geschichtlichen Bedrängnis der auslandsdeutschen
Kirche unüberhörbai e Forderungen an
die deutsche Theologie und Kirche. Aber zugleich stößt
es mit dieser Forderung bis zu den Grundtatsachen des
sittlichen Lebens hindurch, die lange Zeit auch in der
kirchlichen Lehre an die Peripherie abgedrängt waren,
j Wir leben heute in einer Situation, in der es sich herausstellt
, daß diese scheinbar peripherischen Gegebenheiten
! Fundamentalordnungen des sittlichen Lebens, gerade
; auch des christlich-sittlichen Lebens, sind. Es zeigt sich
j an diesem Buch, daß der Ausgangspunkt von einer kon-
1 kreten geschichtlichen Situation der Reinheit einer Theo-
i logie keinen Abbruch tut. — Die Bedeutung des Buches
1 liegt zunächst einmal in dem Nachweis, daß diese Funda-
i mentalordnungen des sittlichen Lebens von den Erfah-
j rungen der auslandsdeutschen Kirche aus für eine theo-
! logische Betrachtung in der Tat sehr im Vordergrund der
Sicht stehen und von dem zentralen Anliegen einer christlichen
Theologie sich nicht lösen lassen. Inhaltlich läßt
| sich die — heute nicht mehr nur dem Auslandsdeutschtum
eigentümliche — Position zutreffend etwa umschrei-
I ben mit dem Satz: „Volkstum als Schicksal — es ist eine
! strenge Gottheit, die ungeteilt den ganzen Menschen fordert
" (S. 21). An diesem Satz orientiert sich alles, was
in diesem Buch an theologischen Aussagen, Andeutungen
und Forderungen ausgesprochen ist. Es dürfte für die
gegenwärtigen theologische Debatte über die Beziehung
des Volkstums zur Lehre und Gestalt der Kirche eine
unübersehbare grundsätzliche Bedeutung haben, daß in
der auslandsdeutschen Kirche etwa die Begriffe „deutsch"
und „fremd" unweigerlich in die Sphäre des Theologi-
i sehen hineinstoßen vermöge der strengen Unerbittlich-
i keit, in der sie das gesamte Leben der Auslandsdeut-