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Ausgabe:

1935 Nr. 12

Spalte:

217-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Melzer, Friso

Titel/Untertitel:

Kirche und Literatur 1935

Rezensent:

Walters, Peter

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 12.

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wohl sieht, daß nicht alles, was Harms getan, für alle,
weder für alle Prediger noch für alle Stände paßt.
Möchte das Buch, das uns den Luther des deutschen
Volkes in der Gestalt des Luthers des deutschen Bauernstandes
zeigt, einen recht weiten Leserkreis finden.
Heidelberg. Robert J e 1 k e.

Melzer, Dr. Friso: Kirche und Literatur. Geschichte der evangelischen
Literarkritik. Gütersloh: C.Bertelsmann 1933. (V, 205 S.)
gr. 8°. kart. RM 6—.

M. setzt sich seit Jahren für eine neue, evangelisch
glaubensmäßig bestimmte Literaturwissenschaft ein, um
dem Zustand ein Ende zu bereiten, daß neben dem rein
säkular bestimmten Strom des allgemeinen Schrifttumslebens
eine „evangelische" Winkelliteratur und -likraturbe-
frachtung herlaufe, deren vermeintliche Legitimation letztlich
nur aus dem gewählten Stoff, dem „frommen" Wollen
der Autoren und der abgestempelten Christlichkeit des
Verlegers fließe. In Wahrheit könne nur der Blick vom
Kreuz her Kraft zum Schaffen und Maßstäbe der Beurteilung
liefern. M. hat das in zwei früheren Schriften
durchgeführt, einer grundsätzlichen: Im Ringen um den
Geist. Der neue Weg der Literaturwissenschaft (1931)
und einer weiteren, die ein Beispiel geben will: Goethes
Faust. Eine evangelische Auslegung (1932). Das vorliegende
Buch bringt Einzelstudien, die z. T. in Zeitschriften
bereits vorlagen, nach. Im Blick auf die beiden
Vorgänger erklärt sich die Wahl der lose gefügten
Stücke.

Die „Geschichte der evangelischen Literarkritik" muß
notwendig hinter ihrem Anspruch zurückbleiben: Es gibt
eben bisher nur vereinzelte Beispiele dafür, die sich im
Bewußtsein der Öffentlichkeit nur unvollkommen und
zeitweise durchgesetzt und es zu keiner Nachfolge, geschweige
denn Schule gebracht haben. Als „Vorläufer"
bespricht M. Tersteegens „Gedancken über eines
Anonymi Buch, genant, Vermischte Wercke des Welt-
Weisen zu Sans-Souci", 1762, die originalgetreu abgedruckt
und kommentiert werden. Es folgen die „drei
Wegbereiter": Wolf gang Menzel, A. Vilmar und
Eichendorff nach seinen literargeschichtlichen Schriften
. Ein dritter Abschnitt, „die geschichtliche Bewegung
" bespricht zuerst 40 aus 100 Jahren gesammelte
Beispiele evangelischer Beurteilung von Goethes Faust,
behandelt dann an fünf Beispielen das Thema „Kirche
und Literatur im letzten halben Jahrhundert" und erzählt
zuletzt die nach vereinzelten Vorgängen erst durch
Karl Muth in Gang gebrachte Geschichte der katholischen
Literarkritik. Die Beurteilungsmaßstäbe schickt
eine Einleitung von 6 Seiten voraus.

Rein äußerlich stört eine Anzahl von Wiederholungen in den erst
nachträglich zum Buch zusammengerückten Stücken, so kehren, ohne
sich ganz zu decken, Auszüge aus Menzels Faustkritik wieder (60 u. 142 ;
GO/61 u. 143), so sind die Erwähnungen Kapffs S. 64 u. 158/9 nicht
zueinander in Beziehung gebracht, werden Eichendorffs Urteil über Goethe
S. 145 ohne Rückblick auf die ausführliche Erörterung S. 108/9 erwähnt
(S. 167 findet sich einmal ein vereinzeltes Klammerschlagen). Ja, im selben
Abschnitt wird die gleiche Ausführung Vilmars zweimal zitiert (S. 72
«. 74).

Was frappiert, ist die Auswahl der Autoren, die mit dem Anspruch
der Vollständigkeit auftritt. Konfessionell bestimmte Gesamtwerke neben
den genannten kenne ich in der Tat auch nicht. Aber die 5 Nummern,
die bis zu dem mit Recht als Epoche gewürdigten Auftreten des .Eckart"
beigebracht werden: Poesie und Religion von Karl Gerok (1895, 29 S.)
Das Verhältnis zwischen Christentum und Literatur mit besonderer Beziehung
auf Shakespeare, Goethe und das junge Deutschland von Kapff
— nicht dem Prälaten Sixt K. — (1893, 43 S.), ein Zeitschriftenaufsatz
von OKR Rüdel-Ansbach „Poesie und Christentum" (1926,
22 S.) nebst zwei als wenig glücklich charakterisierten Beiträgen zu den
Sammelwerken „Der Protestantismus der Gegenwart" und „Die evangelische
Kirche der Neuzeit" (G ü n th er -Marburg und K ü h n er-Waldkirch
), sind weit entfernt, die ganze Ernte darzustellen. Abgesehen von
nicht wenigen Schriften der apologetischen Literatur höherer (z. B. R.
Grützmacher) und bescheidenerer (etwa Dennert) Ordnung sowie
den oft weitgehenden Anknüpfungen an klassische Schriften oder Worte
in der pädagogischen und paränetisch-ascetischen Schriftstellerei wie etwa
F.W. Foersters, deren mehr oder weniger zusammenfassende Behandlung
man hier mit genau demselben Rechte erwarten durfte, mußte

M. evangelische Kritik an die Tagesmeinung bestimmenden Schriften und
Autoren auch dort suchen, wo das Thema nicht ausdrücklich Literatur
oder Poesie aufführte. So hätte z. B. in dem zuerst genannten Sammelwerk
der Aufsatz von Weinel: Was Jesus uns Heutigen bedeutet, ja
auch der von Heim: Der protestantische Mensch eine Menge von dem
geboten, was M. mit Recht bei Günther vermißt. Daß die erstaunliche
Lücke zwischen 1895 und der Nachkriegszeit wohl auszufüllen war,
mögen, wahllos gegriffen, bloße Buchtitel eines einzigen Autors erweisen:
; Otto Frommel, Neuere deutsche Dichter in ihrer religiösen Stellung,
! 1903 ; die Poesie des Evangeliums, 1906; das Religiöse in der modernen
Lyrik, 1911 (RGGä II, 820). Auch die Arbeiten von H essel b ach er,
Knevels und Würfen berg werden unbegreiflicherweise beschwiegen,
unbegreiflich, weil M. die minimale Zahl der Schriften, die er aufführen
kann, selber unheimlich scheint: „Im ganzen haben wir nur von fünf
Stücken zu handeln" (152), nämlich, wie bereits gesagt, zwei Broschüren
und 3 Aufsätzen! Ebenso ist zu fragen, warum für das katholische Kapitel
nicht die Reihe der Jahrgänge der „Stimmen aus Maria-Laach" ausgenutzt
wurde, wo jedes Heft weltanschauliche Literaturkritik bringt.

Mit dem Nachtragscharakter des ganzen Buchs mag zusammenhängen,
daß es sich gerade da auf Andeutungen beschränkt, wo die Erörterung
jüngster Erscheinungen gerade für M. s. Thema bedeutsam wäre. Ich denke
an die eben nur genannten Faustauslegungen von Koch heim (140),
Hefele und Schmidt (146).

Wie die Pfarrer und Theologen, deren Schriften gekennzeichnet
werden, obenhin und manchmal wie etwas spitz als solche stigmatisiert
werden („Leuschner, ein Konsistorialrat", 135), so vermißt man doch
jegliche Charakterisierung, wo sie dazu dienen konnte und mußte, das
Gewicht einer Äußerung zu bestimmen. Für wen merkt M. an: „de
Wette, Professor der Theologie" (134) und „Beyschlag, Professor der
Theologie" (137), wo jeder Name ein geistesgeschichtliches Programm
ist? Damit komme ich zu den die Sache und die Legitimation treffenden
Ausstellungen. Wenn irgendwo, so mußte M. nicht in unverantwortlichen
Gelegenheitsschriften, sondern im Bereich der angewandten
Dogmengeschichte nach Vorgängern suchen, wo er zugleich Muster zu
finden hoffen durfte. Nach Seiten der Schriftenkenntnis wie der im
engeren Sinn beruflichen Ausrüstung klaffen hier unverzeihliche Lücken.
Um nur einen Autor zu nennen, wiegt Holls Aufsatz von 1922 (auch
Ges. Aufs. II, 433 ff) „Tolstoi nach seinen Tagebüchern" manchen Broschürenstapel
auf, erst recht die 5 kümmerlichen Stücke M.s. Und Holls
Arbeitsweise hat Schule gemacht, wovon hier nur die für M. unmittelbar
wichtigen weltanschaulichen Romananzeigen E. Hirschs in der „Zeitwende
" sowie die Studie über Kierkegaard als Dichter (vgl. schon Geisteskampf
der Gegenwart 1919, 171) angeführt seien. Über die Methode
spricht Hirsch im Nachwort zum ganzen Kierkegaard-Werk in für unseren
Zusammenhang wichtigen Ausführungen (S. 958 f).

Überhaupt hätte eine Erinnerung an die Dogmengeschichte nicht
selten ein, jetzt vermißtes, Licht aufgesetzt. Wenn Eichendorff „davon
sprechen kann, naturhaft-geschöpfliche Gaben zu ,veredeln'" (118), so
bietet dies und die folgenden Zitate nichts für ihn Bezeichnendes, son-

i dem die thomistische Lehre von der die Natur vollendenden Gnade
(Übernatur) und den vulgär- pelagianischen Optimismus. Die Definition

j Deutingers (176). „Die Kunst geht aus dem persönlichen Glauben

I und der Erinnerung des Menschen in der Zeit an die Ewigkeit hervor"
würde ich nicht mit M. „psychologisch-mystisch" nennen, wo doch die
platonische äväu.rn,rac; ausdrücklich zitiert wird. S. 125 führt M.
Eichendorffs positive Wertung der Dichtungen AvArnims an: „obwohl
Protestant, wesentlich katholischer als die meisten seiner katholi-
sierenden Zeit- und Kunstgenossen." Wenn E. im folgenden an die

Frontgemeinschaft beider Konfessionen gegenüber dem Zeitgeist appelliert,
dann wäre zu sagen, daß in beiden konfessionellen Lagern es die
Restauration ist, was das neue z. T. gemeinsame Selbst- und Distanzgefühl
ergibt. In der verbindlich seelsorgerlichen Kritik Tersteegens
klingt sie schon leise an; alle folgenden aber, die M. als die Wegbereiter
liebevoll schildert, fallen ganz unter ihrem Begriff. Ja gewiß Melzer
selbst, wie wir alle irgendwie.

Hinter M.s Idealen und Forderungen steht das Problem
der Restauration groß auf. Der leergelaufenen
Welle wirft sich ein neuer Strom entgegen. Ist er
aus eignen Tiefen gespeist oder ein bloßer Induktions-
j ström? Wie weit ist die neue Sättigung mit den Werten
des Ursprungs ein reculer pour mieux sauter? Wieweit
j stimmt, m. a. W., die Parallele zwischen dem neuen
, Willen zu genuin evangelischem Schaffen und Bewerten
in der Literatur zur Musikbewegung, wo erst ein Rückgriff
innerlichen sich Einstimmens auf die Schätze der
großen Jahrhunderte eigne Kräfte verleiht, mit denen das
artistische Jahrhundert entthront werden kann? Wenn,
um abzubrechen, M. die verheißungsvolle Problematik
seiner eignen Position schärfer zu sehen sich entschlösse
— „das Kreuz" ist keine verfügbare Größe, mit der
Rechnungen des Tages eindeutig zum Aufgehen zu
bringen sind —, wäre sein Dienst, für den die Anmer-