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Ausgabe:

1935 Nr. 11

Spalte:

207-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dittmer, Hans

Titel/Untertitel:

Evangelischer Konfirmandenunterricht im Licht der heutigen Jugendpsychologie und Pädagogik 1935

Rezensent:

Walters, Peter

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207

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 11.

208

„Innerhalb", die nicht erst seit Karl Barth unmöglich
geworden sein sollte. Auf der Grundlage des Panaga-
pismus dürfte es kaum möglich sein, zu einem klaren
Bekennen und zur Kirchenbildung zu kommen. Das ist
der Punkt, an dem die Schwierigkeit der Untersuchung
zu finden ist. Das hindert nicht, daß sie wegen ihrer
kenntnisreichen und denkklaren Linienführung, wegen
ihrer vielen treffenden Urteile und interessanten Beleuchtungen
warm empfohlen sei. Man atmet auf, inmitten
einer Flut von Schriften halb geschulter Denker wieder
einmal eine auf tüchtiger Kenntnis und Denkschulung
beruhende Arbeit anzutreffen.
Leipzig. Fritz Schulze.

Die Ostkirche betet. Hymnen a. d. Tagzeiten d. byzantinischen Kirche.
Die Vorfastenzeit. Übertragen von P. Kilian Kirchhoff O. F. M. Einführung
von Anton Baumstark. Leipzig: J. Hegner 1934. (203 S.)
kl. 8°. geb. RM 6.50.

Der vorliegende Band bietet den poetischen Textbestand
des sog. „Triodion" für die Vorfastenzeit. Unter
„Triodion" ist zu verstehen die Sammlung der Tages-
offizien der griechischen Kirche für den beweglichen
Teil des Kirchenjahres vom Beginn der Vorfasten bis
zum Karsamstag (= „Bußtriodion") und vom Ostersonntag
bis zum Sonntag nach Pfingsten (= „Freuden-
triodion").

In seiner Vorrede erörtert der Übersetzer den Zusammenhang
der byzantinischen Hymnenpoesie mit dem antiken
Griechentum, von dem zunächst die Formen der
Dichtung übernommen werden. Seit dem 5. Jahrhundert
sprengt sodann die christliche Dichtung die alten
Formen und schafft sich eigene neue. „Hier reißt der
Zusammenhang mit der Antike ab. Geboren ist die
neue, die rhythmische Hymnendichtung der Byzantiner"
(S. 13). Der jüngeren byzantinischen Dichtung, die sich
seit dem Ende des 7. Jahrhunderts entwickelte, gehören
die hier übertragenen Texte an, unter deren Dichtern
sich u. a. Ignatios, Patriarch von Konstantinopel (gest.
877), Johannes von Damaskus (gest. 749), Joseph Hym-
nographos (gest. 886) befinden.

An den Texten selbst fällt die stark moralische Färbung auf, sodaß
ihnen der religiöse Klang echter Andacht und Anbetung weithin fehlt.
So heißt es z.B. im Offizium des ersten Vorfastensonntags (S. 31)

„Der Pharisäer wurde beschämt. In eitlem Gerechtigkeitslaufe sah
er den Wert. Der Zöllner hinwieder hat in hochstrebender Tugend
als Gewinn die Demut erlangt."
Oder wenn wir S. 177 folgenden Worten begegnen:

„Einst hatte die Schlange, mich um meine Ehre beneidend, eine
List in Evas Ohren gelispelt, ihr hab ich's zu danken o weh,
daß in die Irre ich ging . . . ",
so fragt man sich, ob auf diese Dichtung die Worte des Übersetzers
zutreffen : „. . . darum sind diese Dichtungen so gottbegeistert, durchglüht
von heiligem Feuer" (S. 15). Um anzudeuten, was wir in diesen
Texten die hier doch nicht nur ihres historischen nnd hymnologischen
Interesses wegen geboten werden, vermissen, sei an die Textübertragung
aus dem Missale von Romano Guardini („Heilige Zeit. Liturg. Texte aus
dem Missale". 1925) erinnert, in der wir eine feinfühlige Nachdichtung
von Texten besitzen, die den tiefen Klang der Anbetung in eindrucksvollster
Weise vernehmen lassen.

Riga. Gustav M en s c h i n g.

Dittmer, Pfr. Dr. Hans: Evangelischer Konfirmandenunterricht
im Licht d. heutigen Jugendpsychologie u. Pädagogik unter
besonderer Berücksichtigg. d. ländl. Unterrichts. Göttingen: Van-
denhoeck & Ruprecht 1929. (174 S.) 8°. RM 6.20; geb. 7.60.

D. gibt ein Handbuch von überaus persönlicher Gestaltung. Ich
gebe zuerst die Gliederung: I. Ergebnisse der neueren Jugendkunde.
II. Die Pädagogik der neueren Zeit. III. Der ländliche Konfirmandenunterricht
der ev. Kirche. IV. Forderungen für die Gestaltung des
ländlichen KUs vom Standpunkt der neueren Jugendkunde und Pädagogik
. D. hat eine Menge von Schriften durchgearbeitet; das 133
Nummern aufzählende Literaturverzeichnis bietet nur eine Auswahl der
im Text benutzten Werke. Gleichwohl tut man ihm mit der Kennzeichnung
nicht Unrecht, daß sein Buch in Schreib- und Zitierweise
keine Arbeit darstellt, die es dem Leser ermöglicht, selbständig nachzuarbeiten
und u. U. auf Grund des Mitgeteilten zu anderen Ergebnissen zu
kommen. D. arbeitet in allem eine ganz bestimmte einheitliche Richtung
heraus und von da her verteilt er auf die vielen herangezogenen Schriften
eindeutig Lob und Tadel. Auch im grundlegenden Teil hebt er von
I den zitierten Autoren eben die Gedanken heraus, die ihn, in Zustimmung
und Widerspruch, gefördert haben, z. T. mit einer Zitierweise, die eine
Nacharbeit des Lesers ausschließt (S. 114 Ihm eis). Über einzelnen
i Sätzen, die seinen Zusammenhang ihm zu stützen scheinen, vernach-
j lässigt er leicht, wo ich es kontrollieren kann, das Hauptziel der betr.
I Schrift (so 121 mein Katechismusheft von 1925) oder läßt Kenntnis
[ der besonderen Verhältnisse vermissen, sodaß das Zitat nicht beweist,
| was es sollte, wie 139 bei dem Hinweis auf Bassermanns Sprucli-
| katechismus, der in Wahrheit nur verständlich ist, wenn man ihn als
! geistreiche Paraphrase und ad absurdum Führung des badischen Unions-
i katechismus versteht. Der Hinweis auf Eugen Müllers Lebenskunde
j (71 f) verkennt völlig, daß sie aus der württernbergischen Landeskirche
j stammt, also für den KU, der dort auf ein eignes altes Büchlein fest-
! gelegt ist, nicht bestimmt sein kann, auch weniger für die, dort auch
stofflich festgelegte, Christenlehre, sondern eben für die Besprechung
| im lebenskundlichen Unterricht, etwa der Fortbildungsschule oder der
] christlichen Jugendvereine. So kommen auch die theologischen Wortmarken
, vor denen er Spranger (S. 122) warnen läßt, samt und sonders
i in Luthers kleinem Katechismus nicht vor, passen also nicht in den
Zusammenhang, in dem sie angezogen werden. Die Beurteilung der
| vorgeführten Lehrgänge verwendet das Kriterium „Leben oder Lehre"
: und arbeitet mit Abstufungen wie dogmatisch, gemilderte Dogmatik,
wenig, aber noch allzuviel Katechismus, noch zu viel Lehre; „dogmatischer
Heilsweg und Formalstufen" werden als die beiden Versündigungen
an der Kinderseele zusammengestellt.

Der „Dogmatik" stellt er das „Persönlich-Christliche" entgegen
(117). „Ohne liberalisierende Tendenz" (157) läßt er „den Heiland
des Markusevangeliums mit dem verzweifelten Aufschrei der Seele
zusammenbrechen" (110). Paulus, urteilt er, „steigt dazu hinab, den
Inhalt des Glaubens systematisch festzulegen" (114), er ehrt im Kind
„das autonome inwendige Gesetz" (126) und nennt den
Christen gern „Gottsucher" (111, 117, 156). Daß er, der Gustav
Frenssen und Kutter mit Zustimmung zitiert (162/3), an den Tiefen
von Luthers Gesellschaftslehre vorübergeht (156), ist nach dem Vorausgegangenen
verständlich. Daß indes die Heraushebung solch offensichtlicher
theologischer Schwächen an Wesentlichem seines liebenswürdigen
Buches vorübergehen würde, liegt daran, daß D., der Verfasser in guten
Verlagen erschienener Romane und neuerdings mit Recht geschätzter
literarischer Beispielsammlungen zum Unterricht aller Art, Künstlertum
in sich hat, was ein andrer Weg zum Kinderherzen neben dem der
Lehrhaftigkeit ist, sodaß er mit Beschreibung seiner Theologie weder
voll gekennzeichnet noch persönlich widerlegt ist.

Sein eigentliches Wollen kommt eben nicht in dem zum Ausdruck,
was er in den geschlossenen Kapiteln über Jugendkunde und Pädagogik
in den geschilderten Weise vorführt, auch nicht in der Abwägung der
Werte bereits bestehender Lehrgänge zum KU, sondern in den Teilen
des Buchs, die wohl den Kern der ganzen Publikation bilden. Ich meine
die drei Reihen von Befragungen Konfirmierter (S. 85-105), wozu
ergänzend Fragen an Schüler der Oberstufe einer Volksschule treten
(122 26), und weiter die Skizze seines eignen Lehrgangs (S. 159-164).
Hier stellt er alles unter den Sammelbegriff der Arbeit: I. Gottes und
j der Menschen Arbeit und (umfassender) II. Des Heilands und des Christen
Arbeit. Man staunt über den unsystematischen Systematiker. Alles,
I was nach System aussieht, lehnt er ab und mündet in -Emblematik.

Solche Schemata, die, anders als die inhaltlich-religiös bestimmten,
! „dogmatischen", wenn auch in bester Absicht der Gegenwartsnähe, an
den Stoff herangetragen werden, sind nur erträglich, wenn eine begna-
j dete Lehrpersönlichkeit sie trägt und aus der uneigentlichen Rede den
eigentlichen „Sinn" hervortreten läßt und -wenn sogar er nicht allzu
konsequent verfährt und das Schema nach einem oder wenigen Versuchen
aufgibt.

Alles in Allem: ein geistvoller Nachzügler des liberalen Zeitalters,
im großen wie im kleinen, dessen Buch schon beim Erscheinen nicht
mehr vom Strom der religiösen und theologischen Bemühungen der
letzten Jahrzehnte getragen sein konnte und, als einst bewußt „modern",
es heute noch weniger sein kann als vor 6 Jahren. Das zeigt sich am
deutlichsten, wenn man nach den Testen, die auch heute dankenswert
sind und zu denken geben, ihre Auswertung liest, die ganz im Geist
i des mit hohen Prädikaten bedachten Fr. Niebergall geschieht. Was
i man wünschen möchte, ist, daß D. der Sinn für die alle Starre auflö-
! sende Dynamik wirklich theologischer Besinnung aufginge. Stellte er
seine große Gabe, seine echte Liebe zum Christenkinde in deren Dienst,
so müßte das Ergebnis von all der Zwiespältigkeit frei werden, die mich,
ich gestehe es, seinerzeit das Buch zurücklegen ließ und mir auch heute
seine Besprechung nicht leicht gemacht hat.

Koblenz. Peter K a t z.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 8. Juni 1935.

Verantwortlich: Prof. D.W.Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 14; für den Anzeigenteil: C. Kunze, Leipzig.
Verlag der J. C. H i n r i c h s'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.