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Ausgabe:

1935 Nr. 11

Spalte:

203-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hensel, Paul

Titel/Untertitel:

Religionsphilosophie 1935

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Seite 1

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203

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 11.

204

Eine feinere Nuancierung und Abschattierung der einzelnen
Denker gegeneinander wird nicht vorgenommen, wäre
aber unbedingt notwendig gewesen, um Unklarheiten
und Widersprüche zu vermeiden. So ist es doch wohl
ein Widersinn, Schlemmer als radikalen Als-Ob-Theo-
logen, zu bezeichnen, wenn er es ausdrücklich abgelehnt
hat, der Fiktion („etwas Unwahres und als unwahr
durchaus Bewußtes aus praktischen Gründen so anzusehen
, als ob es wahr wäre") einen Raum in Theologie
und Glauben einzuräumen. Schlemmer nennt den
ihm gemachten Vorwurf des Fiktionismus eine „sehr
oberflächliche Betrachtung".

Es ist wohl richtig, daß die radikale Diastase von
Christentum und Kultur bei Overbeck und bei Karl
Barth, die doch nicht immer in dialektischer Schwebe
gehalten werden kann, entweder zur Weltflucht oder
zum Atheismus führen muß. Ein Körnlein „Subjektivismus
" wird immer dabei sein müssen, das steckt auch
im heute so betonten „Gehorsam", aber auf die Wahrheitsfrage
und auf ihre positive Lösung verzichten, das
heißt die Religion preisgeben. Darum Fiktionismus —
nein! Symbolofideismus— ja! Die Unterscheidung aber
eines radikalen und eines „gemäßigten" Fiktionismus
ist eine Unmöglichkeit, weil sie die wesenhafte und sehr
deutliehe Grenze zwischen fiktionistischem und symbolhaftem
Denken verschiebt.

Düsseldorf. Kurt K e s s e 1 e r.

Hensel, Paul: Religionsphilosophie. Aus seinem Nachlaß hrsg.
von Friedrich Sauer. Mit 1 Anhang „Was bedeutet Paul Hensels
Religionsphilosophie?" von Joseph Münzhuber. Qöttingen: Vanden-
hoeck & Ruprecht 1934. (IX, 109 S.) S°. kart. RM 2.80

Der vor einigen Jahren verstorbene Erlanger Religionsphilosoph
Paul Hensel hat wenig Schriftliches über
Religionsphilosophie hinterlassen, nur eine kurze Vorlesungsskizze
und drei Aufsätze (zwei davon bereits
früher veröffentlicht) liegen vor. Dazu kommen Kollegnachschriften
, aus denen Friedrich Sauer im Geiste Hensels
als sein „Treuhänder" einen authentischen Gedankengang
herausgearbeitet hat. Joseph Münzhuber hat
dazu in einem Anhang eine Würdigung Hensels als Religionsphilosoph
geschrieben. So wird ein Verstorbener
lebendig und spricht in unsere Zeit hinein.

In Hensels Denken ist die Verbindung des badischen
Neukantianismus mit Schleiermacherschen Gedankengängen
einerseits und der religionsgeschichtliche Einschlag
andererseits unverkennbar, so wenn er die Religion gegen
Ethik und Wissenschaft und Kunst abgrenzt und ihr
ein eigenes transzendentes Sein und unbedingten Wert zuschreibt
, und wenn er anderseits außerchristTiche Religionen
und ihre Kultformen würdigt. Wir hören Schleiermacher
, wenn Hensel erst durch die Gottbezogenheit die
neutrale Wirklichkeit religiösen Charakter gewinnen läßt,
wenn er alltägliche Dinge wie Essen, Trinken, Geburt und
Tod durch die Beziehung auf Gott religiöse Weihe erhalten
läßt. Man wird daran erinnert, daß nach Schleiermacher
jede Begebenheit ein Wunder sein kann. So ist
auch Hensels Wunderbegriff, als die der religiösen
Sphäre eigentümlich zugehörige Kategorie, in der Linie
Schleiermacherschen Denkens gewonnen. Im Gebet als
praktische Haltung und im Sakrament als sichtbare
Handlung gewinnt die Kategorie des Wunders Realität.

Münzhuber fügt diesen Gedanken einige kurze Betrachtungen
hinzu, durch die er Hensels Religionsphilosophie
in seinem Geiste weiterführen will. Die Gemeinschaft
in Glauben und Kultus und die Glaubenslehren
„vergegenständlichen das Verhältnis des Menschen zur
Gottheit". So stellt Münzhuber neben die von Hensel
analysierte subjektive Religion in Gebet und Sakrament
die objektive Religion in Gemeinde und Dogma und
sucht dadurch die bei Schleiermacher gegebene Spannung
von subjektiver und objektiver Religion aufzuheben
, „bei Hensel zeigt sich die Möglichkeit einer Versöhnung
".

In den kurzen Bemerkungen zum Christentum wird

dieses dem Judentum schroff gegenübergestellt: „Die
; Predigt Jesu bedeutet eine geradezu völlige Abkehr vom
1 damaligen Judentum. Die Gleichnisse Jesu, diese Reden
j in Symbolen, waren etwas noch nie Gehörtes." Das
Reich Gottes wird rein innerlich verstanden. „Für Jesus
I ist das Reich Gottes ein Allernächstes und etwas, was
nicht des Eintrittes bestimmter äußerer Ereignisse, sondern
im Gegenteil nur einer inneren Willenshinwendung
zu Gott hin, bedarf. ,Sich eins wissen mit Gott' — das
ist das Reich Gottes." Damit aber wird das Christentum
in stärkste Ferne zur Welt gestellt. „Man könnte
das Christentum die ärmste aller Religionen nennen,
denn in ihm findet sich nichts von Kunst und Wissenschaft
und nichts vom Staat und Büngerlich-Rechtlichen.
(Deshalb ist es immer höchst gefährlich, aus dem Evangelium
Soziallehren u. ä. herauslesen zu wollen — es
stehen keine darinnen.) Aber darum ist das Christentum
auch die reinste und stärkste Religion. Es ist nur
Religion und darum ist es, bis auf den heutigen Tag, die
Religion."

Die Herkunft der Henselschen Gedanken aus der
Theologie und der Philosophie einer heute vergangenen
Zeit ist unverkennbar. Die Probleme und die Sichten
sind andere geworden. Als historische Wertung mag
Münzhubers Satz richtig, vielleicht auch nicht ganz richtig
sein: „Seine Religionsphilosophie ist die erste auf
dem Boden des Neukantianismus, die den geschichtlich
geformten Religionen gerecht wird und in diesem Sinne
als Philosophie der positiven Religion auftritt." In die
heutige theologische Situation aber, glaube ich, wird
Hensel nicht viel hineinsprechen können.

Düsseldorf. Kurt Kessel er.

Sehl an, Prof. D. Dr.Martin: Grundriß der Praktischen Theologie.
3. Aufl. neu bearb. Gießen: A. Topelmann 1934. (XX, 428 S.) 8°. =
Sammig. Töpelmann. Die Theologie i. Abriß, Bd. 6.

RM 9—; geb. 10.75.

Das bewährte Handbuch der praktischen Theologie
des verehrten Verfassers bedarf keine neuen Empfehlung.
Umfang und Einteilung sind ungefähr dieselben geblieben
. Es hat sich bis heute überall als zweckentsprechend
erwiesen. Freilich wird es von dem banausen
Standpunkt der Examenskandidaten aus immer noch
Mängel zeigen. Es gibt für diesen zu viel und zu wenig.
Es würde dem abgeholfen werden können, wenn in der
Art des Drucks die Hauptthesen durch Fettdruck vor
Sperrdruck noch mehr hervorgehoben würden. Es würde
das freilich den Nachteil haben, daß das Übrige
überhaupt nicht mehr sorgfältig gelesen würde. Aber
der Student der Gegenwart ist durch mannigfache Inanspruchnahme
selbst bei gutem Willen gezwungen, sich
auf das Hauptsächlichste zu beschränken. Er besitzt
das Unterscheidungsvermögen nicht, Wesentliches und
Unwesentliches selber zu scheiden. Da muß äußerlich
etwas durch übersichtliche Hervorhebung das
Wichtigste nachgeholfen werden. Für ein wirklich wissenschaftliches
Studium der praktischen Theologie will
ja Schian nur die Wegweisung geben. Seine sehr wohlüberdachten
Ausführungen geben ja alles Wichtige, unterstützt
von den ausführlichen Literaturnachweisen —
die bis zum heutigen Stand nachgearbeitet sind.

Daß der Verfasser in den Fragen der Organisation
i der Kirche, den verschiedenen Phasen des Kirchenstreits
j nicht nachgeht, kann ich nur für berechtigt ansehen.

Er teilt nur eben mit, daß die deutsch-evangelische Kir-
j che mit einem Reichsbischof an der Spitze 1933 organi-
! siert wurde. Er enthält sich hier jeder weiteren Kritik,
i so nahe sie auch auf der Hand liegt.

Eine andere Frage ist die, ob die Tatsache des na-
] tionalsozialistischen Staates, in dem doch
unsere Jugend lebt, mit ihrem „Totalitätsanspruch" nicht
ausführlicher hätte gewürdigt werden können. Die Einigungsbestrebungen
(S. 25) früherer Zeit hätten eingehender
dargestellt werden können schon um der Jugend
zu zeigen, wieviel gearbeitet worden ist. Auch