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1934 Nr. 10

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171

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Reallexikon der Assyriologie ; 2. Bd., 5. Lfg. 1934

Rezensent:

Gustavs, Arnold

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171

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 10.

172

Reallexikon der Assyriologie. Unter Mitwirkg. zahlreicher Fachgelehrter
hrsg. v. Erich E b e 1 i n g und Bruno Meißner. 2. Bd.
1. Lfg. Berlin: W. de Oruyter & Co. 1933. (80 S.) Lex. 8°. RM 6—.

Nachdem der 1. Band des Reallexikons der Assyriologie
1932 beendet war (vgl. Bespr. Jahrg. 1932 Sp.
289), nimmt nun der 2. Band mit der 1. Lieferung
seinen Anfang; er behandelt die Stichworte Ber-Burna-
burias. Aus dem reichen Inhalt seien folgende Artikel
hervorgehoben: Berossos, Besessenheit, Bestechung,
Betrug, Bett, Bewässerung, Bibliothek, Bier und
Bierbereitung in Babylonien, Böser Blick, Blut, Blutrache
, Blutschande, Bohrer, Bordell, Brandstiftung,
Brennmaterial, Brettspiel, Briefe (in Keilschrift), Briefstil;
(biblischer und babylonischer), Bronze, Bronzefiguren,
hettitische Bronzen, Brücke, Brunnen, Bürgschaft. Man
sieht aus dieser Aufzählung, daß in dieser Lieferung
eine ganze Anzahl von kulturell und religionsgeschichtlich
wichtigen Dingen behandelt sind. An geographischen
Namen, die auch für den Alttestamentier wichtig sind,
finden sich: Berüta, Bit-Adini, Bit-Humri, Bit-Lahamu.
Kurze biographische Notizen sind gegeben über: Bertin
, Bezold, Billerbeck, Böhl, Boissier, Botta, Brünnow,
Budge.

Hiddensee. Arnold G ustavs.

Saxl, Fritz: Mithras. Typengeschichtliche Untersuchungen. Berlin:
H. Keller 1931. (XI, 125 S. u. 43 Taf.) Lex. 8°. RM 40— ; geb. 48—.
Die Erforschung der Mithrasreligion in den letzten
Jahrzehnten stand unter einem eigentümlichen Geschick.
Kurz vor der Jahrhundertwende war das große bahnbrechende
Werk von Franz Cumont erschienen: Texts
et monuments figures relatifs aux mysteres de Mithra.
Ihm folgte die auch ins Deutsche übersetzte Sonderausgabe
der „Conclusions" des größeren Werkes (deutsch:
Die Mysterien des Mithra, übersetzt von Gehrich). Cu-
monts Arbeiten blieben aber nicht nur maßgebend für
die Forschung; das Standard Work schien vielmehr nahezu
Stillstand geboten zu haben, weil es zunächst mit
Darstellung, Kritik und Hypothese alle Fragen zu beantworten
wenigstens versucht hatte. So kann Saxl die
erstaunliche und dem Forschersinn des großen Gelehrten
Franz Cumont sicherlich nicht willkommene Tatsache
feststellen: „seit 1896 wiederholen denn die religionsgeschichtlichen
Handbücher aller Länder im Wesentlichen,
was Cumont an Deutungen der mithräischen Dokumente
und Denkmäler gegeben hat."

Fritz Saxl, dem wir das neue im wahrsten Sinne
des Wortes „schöne" Werk über die Mithrasdarstellun-
gen verdanken, will den entscheidenden Schritt über Cumont
hinaus nicht selber tun. Er will nicht als Religionshistoriker
reden, er will als Kunsthistoriker das
tun, was seines Faches ist, um jenen Schritt vorzube^
reiten. Ich bedaure solche Bescheidenheit; denn Saxl
ist durch seine langjährige Arbeit an der Bibliothek
Warburg genugsam als Kenner der Geistesgeschichte
ausgewiesen, um solche Probleme in ihrem ganzen Umfang
behandeln zu können; auch ist die Mithras-Reli-
gion, weil Literatur fehlt und Monumente der Deutung
bedürfen, dem Kunsthistoriker in besonderem Maße als
Forschungsgebiet überantwortet. Was Saxl in diesem
Werk erstrebt, ist vor allem die Erhellung der Typengeschichte
; Vorgeschichte und Deutung der Formen sind
die Objekte seiner Forschung. Solche Untersuchungen
sind natürlich nicht möglich, ohne daß Parallelerscheinungen
herangezogen werden; und so findet man in dem
reichhaltigen Bilderteil des Werkes babylonische, klassische
und christliche Denkmäler in ausgiebigem Maße
zur Deutung mithräischer Formen verwertet. Zugleich
aber ergeben sich aus solcher Nachbarschaft auch wichtige
Gesichtspunkte für die Beurteilung der Mithrasreligion
oder — wie Saxl seinen zweiten Teil bescheidener
nennt — für „die religiöse Bedeutung der Mithras-
bilder".

Das Interesse des formgeschichtlichen ersten Teiles
richtet sich natürlich zunächst auf die Hauptszene der

Mithrasdarstellungen, auf das Bild des stiertötenden Gottes
. Es wird mit Hilfe eines reichen Materials eingereiht
in die Gruppe der heroischen Tierbezwinger. Es ist
geradezu spannend zu verfolgen, wie sich aus den verschiedenen
Möglichkeiten der Siegerhaltung die für die
Mithrasmonumente wesentliche herausbildet. Aus dem
| Treten auf den Feind und dem Knien neben dem Feind
wird das Knien mit untergeschlagenem Bein, jene über-
[ aus bezeichnende Haltung, die zuerst auf der Par-
j thenon-Metope 2 in der Stellung des Lapithen zu dem
j besiegten Kentauren unserem Blick sichtbar wird. Von
diesem Typus ist die Haltung der stiertötenden Nike
abzuleiten, deren Urbild man in einem Bildwerk vom
Nike-Pyrgos in Athen erblickt und die mit Recht als
das eigentliche Muster der Mithrasdarstellungen angesehen
wird. Die Grundkonzeption des Mithrasbildes
ist also nicht ohne eine lange Vorgeschichte und im besonderen
nicht ohne das Vorbild der klassischen Kunst
zu deniken. Der Gott der Barbaren wäre vielleicht
nicht in dem Maße in das Bewußtsein der westlichen
I Völker eingegangen, wenn nicht sein maßgebendes Bild
bekannten und vertrauten Gestaltungen der abendländischen
Kunst entsprochen hätte. Das wird sehr überzeugend
an dem landschaftlichen Hintergrund der
mithräischen Stiertötung klar gemacht: die mit einem
gewissen Realismus tiefräumig dargestellte Höhle entstammt
griechischen Nymphendarstellungen; sie unter-
j scheidet die bekannten Mithrasdarstellungen auf das
i stärkste von orientalischen Monumenten anderer Götter,
; die raumlos statisch gehalten sind.

In dieser nicht ohne klassische Vorbilder denkbaren
! Szene gibt es aber auch unklassische Züge. Unklassisch
j ist der realistische Vollzug des Opfers; nur einige wenige
| Denkmäler stellten statt dessen einen erst zum Schlage
j ausholenden Mithras dar. Unklassisch ist auch die
dem Opfer abgewandte Haltung des Mithras, der bekanntlich
in der Regel geradeaus auf den Beschauer,
j auf einigen Monumenten — wie auf dem aus Neuenheim
und dem andern im Vatikanischen Museum — hinter
sich blickt. Eine sichere Erklärung dieser Haltung vermag
auch Saxl nicht zu bieten. Er scheint der alten
sentimentalen Meinung ablehnend gegenüber zu stehen,
nach der die Tötung des Stieres als wider den Willen
des Gottes geschehend dargestellt werden soll. Er neigt
zu einer symbolischen Auffassung, nach der des Gottes
Blick einem nicht dargestellten Oben gelte und
auch den gläubigen Beschauer dadurch auf dieses Oben
1 weise. In einer Anmerkung aber erwägt S. auch einen
Einfluß der Perseus-Darstelhingen, deren Held sich von
der Medusa, die er tötet, abwendet. In der Tat scheint
mir eine Haltung dargestellt zu sein, die für den Mithras
| typisch, aber, wie die Ausnahmen zeigen, nicht mit
| dem Mythos notwendig gegeben ist. Vielleicht ist es
j doch eine kultische Haltung, die hier zum Ausdruck
I kommt: der Gott wendet sein Antlitz den Mysten zu —
der Blick rückwärts wäre dann eine auf Vorbildern beruhende
kunsthandwerkliche Variation. An dieser form-
I geschichtlichen Hauptfrage des Mithrasbildes wird aber
j zugleich die ganze Problematik dieser Darstellungen
überhaupt klar. Sie besteht, wie S. es ausdrückt, in der
Mischung von kultisch-repräsentativen und novellistisch
erzählenden Elementen. Da wir den Mithras-Mythus
i nicht kennen, sondern nur aus Bildern erschließen müssen
, ist die Grenze zwischen statischer Darstellung zu
I kultischem Zweck und dramatisch bewegter Mythenerzählung
nicht mit Sicherheit zu ziehen.

Das zeigt sich nun auch bei der Deutung der kleinen,
i das Hauptbild des stiertötenden Gottes umgebenden
Szenen. Die verschiedenen Typen sind von Saxl mit
großer Klarheit herausgearbeitet worden. Es handelt
sich um die vierteiligen Erzählungsbilder des Westens,
deren Szenen sich neben und über den Höhlenrand
des Mittelbildes gruppieren; um die vielteiligen Darstellungen
des Ostens, auf denen die Nebenszenen bald oben
und an den Seiten angebracht werden, bald auch auf