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Ausgabe:

1934 Nr. 7

Spalte:

134

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacobi, Gerhard

Titel/Untertitel:

Tagebuch eines Großstadtpfarrers 1934

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 7.

134

zwingt zu der Frage: sind wirklich Heideggers Cytologie
und evangelische Theologie ohne Widerspruch vereinbar
? Der Verfasser geht der Frage nicht aus dem
Wege. Er bestreitet, daß Heideggers Metaphysik „atheistisch
" sei. Er setzt sich mit den Vertretern der gegnerischen
Ansicht Kuhlmann, Löwith, Orisebach, Kopp
auseinander. Aber die Auseinandersetzung ist nicht überzeugend
. Eine Frage bleibt doch immer zurück: ist
Dasein als Selbstseinkönnen mit dem christlichen Offenbarungsglauben
vereinbar? Schließt nicht die Offenbarung
als Tat Gottes das menschliche Selbstseinkönnen
aus? Besteht also nicht zwischen Heideggerscher Ontotogie
und christlicher Theologie ein unausgleichbarer
Widerspruch? Zur näheren Begründung verweise ich
auf meinen Aufsatz: „Heidegger und die Theologie". Z.
f. syst. Theologie IX, 4.
Tübingen. Fr- Traub.

Rust, Prof. D. Dr. Hans: Dialektische und kritische Theologie
Görlitz: Hutten-Verlag (162 S.) 8°. RM 5—

Unter den vielen Kundgebungen zur dialektischen
Theologie nimmt die vorliegende eine besondere Stelle
ein. Die meisten anderen bieten wesentlich Kritik. Rusts
letztes Ziel ist nicht Kritik, sondern Synthese von dialektischer
und kritischer Theologie. In formaler Hinsicht
ist erschwerend, daß nicht eine fortlaufende Darstellung
geboten wird, sondern eine Reihe von Aufsätzen,
teilweise Vorträgen, die zu verschiedenen Zeiten und
vor verschiedenen Hörern gehalten sind. Die Folge
sind einerseits zahlreiche Wiederholungen, andererseits
-die Nötigung des Lesers, das Zusammengehörige von
•den verschiedensten Stellen zusammenzusuchen. Inhaltlich
wird nicht hinreichend deutlich, was mit der kritischen
Theologie gemeint ist. Dagegen ist die dialektische
Theologie scharf abgegrenzt und klar und objektiv
dargestellt. Die gesuchte Synthese aber wird dadurch
hergestellt, daß an der dialektischen Theologie
einerseits die Elemente, welche Zustimmung verdienen,
andererseits die entgegengesetzten, welche die Kritik
herausfordern, hervorgehoben werden. Zu den Elementen
der ersten Art gehört vor allem die dialektische
Methode, die es bedingt, daß jeder dogmatische Satz
einen logischen Widerspruch enthält. Es gehört ferner
dazu der dialektische Gottesbegriff (verborgen und
offenbar, fern und nah, zornig und gnädig), der den
Menschen in seinem absoluten Nichts kennzeichnende
Sündenbegriff, die mit beidem gegebene „Theologie des
Abstands"; die Deutung der Auferweckung Christi als
eines Ereignisses in der Geschichte, das aber kein geschichtliches
Ereignis sein soll; die eschatoLogische Deutung
der Erlösung, die erst der Zukunft angehören soll,
•während die Versöhnung gegenwärtiger Besitz sei. Dieser
positiven Stellungnahme treten dann die kritischen
Bemerkungen als „Randbemerkungen zu der Randbemerkung
" gegenüber. Abgelehnt wird die von Barth
vertretene Lehre von der Trinität, von der Menschwerdung
, von der Gottheit Christi; abgelehnt wird der
„einseitige Paulinismus" der dialektischen Theologie mit
seinem Christusdogma und Christusmythus; abgelehnt
wird die Barthsche Lehre von der h. Schrift mit ihren
widersprechenden Sätzen: „Die Schrift ist Gottes Wort"
und „Die Schrift zeugt von Gottes Wort". Abgelehnt
werden die katholisierenden Aussagen über Kirche und
Amt, abgelehnt die Ausschaltung des Menschen aus dem
Vorgang der Offenbarung: der Mensch müsse vielmehr
kraft einer schöpfungsmäßigen Anlage für die Offenbarung
empfänglich sein. Daß Barth das leugne, führe
ihn zu der absurden Konsequenz, daß Gott in der Offenbarung
nicht bloß der Redende, sondern auch der
Hörende sei: nicht der Mensch höre Gott, sondern
Gott höre sich selbst, der Mensch sei ausgeschaltet.

Die vorstehende Aufzählung zustimmender und ablehnender
Urteile könnte auf Grund der Rust'schen
Schrift leicht vermehrt werden. Sie mag aber genügen,

j wenn man die Frage aufwirft, ob durch die Beachtung
derselben die angestrebte Synthese ermöglicht wird?
Die Synthese soll nicht eine äußere Verknüpfung dialektischer
und kritischer Sätze sein. Es soll ein einheitliches
Gebilde „eine neue und eigenartige Gestalt der

: dialektischen Theologie erarbeitet werden." Ist das auf

I dem eingeschlagenen Wege möglich? Ich wage nicht,
diese Frage zu bejahen. Könnte z. B. Barth, der in seinen
Prolegomena den trinitarischen und christologischen
Dogmen 200 Seiten widmet, eine Theologie, welche diese
Dogmen rundweg verneint, als Fortbildung seiner

! Theologie anerkennen? Und umgekehrt: könnte ein
„kritischer" Theologe eine Methode, welche den lo-

I gischen Widerspruch zum Prinzip erhebt, als „Gestalt"
seiner Theologie gelten lassen? Zum mindesten müßte
der Begriff des Dialektischen genauer bestimmt und
zwischen realem Widerstreit realer Faktoren und dem
logischen Widerspruch unterschieden werden. Vielleicht
würde man dann den letzteren los. Und könnte der „kritische
" Theologe eine Theologie bejahen, welche zwischen
Gott und Mensch eine solche Kluft aufweist,
daß sie alle, auch die christliche Religion nur als
menschliche Hybris zu beurteilen vermag*? Barth geht
darin so weit, daß er selbst die Frömmigkeit Jesu als
von Gott gerichtet und dieses Gericht als die in Christus
sich vollziehende Offenbarung betrachtet. Rust zieht
diese Konsequenz nicht, kommt aber in der Beurteilung
der Religion der dialektischen Theologie überraschend
nahe. Wenn also hinsichtlich der prinzipiellen Frage

— Synthese von kritischer und dialektischer Theologie

— mancherlei Zweifel zurückbleiben, so darf doch anderseits
nachdrücklich betont werden, daß die Schrift
im Einzelnen wertvolle Beobachtungen und wohlbegründete
Urteile bietet und daß insbesondere der Schlußabschnitt
über die Vorbereitung der dialektischen Theologie
seit Kant und Schleiermacher neue und interessante
Gesichtspunkte eröffnet.

Tübingen. Fr. Traub.

Tagebuch eines Qroßstadtpfarrers. Briefe an einen Freund von
• * * . 9. Aufl. Berlin: Furclic-Verlag 1930. (216 S.) 8°.

RM 4.80; geb. 6—.

Es ist recht aufschlußreich, das Buch, das s. Zt.
solches Aufsehen erregte, heute zu lesen. Die Gebrochenheit
und Spannung der nunmehr vergangenen
Epoche unseres Volkes wird darin erschütternd offenbar,
der Fluch des Individualismus, wenn auch in dem
tiefsten und feinsten möglichen Sinn des persönlichen
Ringens um das Rechte innerhalb der Schranken der
Ichheit und in einer möglichst gerechten überparteilichen
Einstellung nach außen, und des Pessimismus, da
bei aller echten Frömmigkeit doch die Sieghaftigkeit
und Freudigkeit fehlt. Hier zerquält sich ein Mann an
den höchsten Zielen. Hier geht eine ganze Zeit, auch
in Kirche und Theologie, zu Ende. Von dem Neuen, das
emporkommt, auch in der nationalen Bewegung, ahnt
der Verfasser wenig. Nicht daß wir ihn etwa verachten!
Als Persönlichkeit mit edelstem Wollen gebührt ihm
Verehrung. Das Verdienst des Buches, viele Pfarrer
erweckt und vielen Laien vom Pfarrer ein anderes als
das idyllisch-behagliche Bild gegeben zu haben, bleibt
ungeschmälert bestehen. Und auch in Zukunft sollte
j man das Tagebuch eines Großstadtpfarrers zuweilen
zur Hand nehmen — als Korrektiv, wenn das Pendel
nach der anderen Seite zu weit ausschlägt.

Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Falk, Friedrich: Die religiöse Symbolik der deutschen Arbeiterdichtung
der Gegenwart. Eine Untersuchung über die
Religiosität des Proletariats. Stuttgart : W. Kohlhammer 1930. (XV, 240
S.) gr. 8°. = Veröff. d. oriental. Seminars d. Univ. Tübingen. Abhdlgn.
z. Oriental. Philol. u. z. allg. Religionsgesch. Hrsg. v. E. Littmann
u. j. W. Hauer. H. 3. rm 4.50.

Die symbolischen (hier: dichterischen) Formungen

drücken oft Weltanschauliches und Religiöses aus, be-