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Ausgabe:

1934 Nr. 7

Spalte:

125-126

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gerhardt, Martin

Titel/Untertitel:

Theodor Fliedner 1934

Rezensent:

Lerche, Otto

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 7.

126

Setzungen und Verfahren uns denselben Tatbestand nur
in fruchtbarer Weise von zwei Seiten her eingekreist
haben: Von seiner geschichtlichen Weite und inneren
Bewegung (Wiese) und von der diesem einmalig geschichtlichen
Leben innewohnenden letzten Gesetzlichkeit
aus (Leisegang). Das zu entscheiden, wäre Sache
einer grundsätzlichen Diskussion.

Unbestreitbar bleibt, daß von W. ein ernstes, durchdachtes
und in der Hauptsache zweifellos richtiges
■Gesamtbild der Lessingschen Weltansicht vorgelegt ist.
Der Zeichnung der tiefer gesehenen individuellen Entwicklung
des Lessingschen Inneren bedurften wir gerade
in der genau interpretierenden und zugleich straff
zusammenraffenden, überschauenden Darstellung durchaus
noch. ■ Weder E. Schmidt noch Fittbogen oder
Schrempf haben uns soweit geführt.

Daß eine Auswahl des dichterischen Werks nach
dem Wertgrundsatz getroffen ist, kann gerade aus Gründen
der Konzentration begrüßt werden. Scharfer greift
m. E. in Kap. III die Beschränkung auf Laokoon und
Dramaturgie in das lebendige Ganze der Lessingschen
Kunstanschauung ein. Das Verhältnis zu Herder, Klassik
und Romantik härte eine eingehendere Behandlung auf
breiterer Grundlage gefordert.

Im übrigen würden wir es nicht vermissen, wenn
wegen der durchaus nachdiltheyischen Sprache und Terminologie
des Verf. gelegentlich der Zusammenhang
zwischen dem Interpretationstext und dem Lessingschen
Wortlaute enger wäre. Das Verfahren Leisegangs ist,
mindestens stellenweise, im Grunde „philologischer".

Bleibt noch zu sagen, daß die Verzögerung der
Anzeige auf den in doppelter Arbeit gebundenen Rezensenten
zurückgeht.

Göttingen. Werner Kohlschmidt.

Eberl ein, Lic. Helmut: George Friedrich Fickert. Leben und
Wirken eines schlesischen Erweckungspredigers. Liegnitz: O. Heinze
1933. (95 S.) 8°. = 6. Sonderheft des Vereins für Schlesische Kirchengeschichte
. RM 1-50.
Angeregt durch „Höck — O daß doch bald dein
Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender, eine hym-
mologische Auffindung Bertelsmann Gütersloh 1922"
hat Eberlein unter sorgfältiger Auswertung des zugänglichen
urkundlichen Materials und mit viel Liebe und
Hingabe ein Bild des Lebens und Wirkens von George
Friedrich Fickert gegeben, des bis 1922 in Vergessenheit
geratenen schlesischen Erweckungspredigers und
Herausgebers der ersten religiösen Wochenschrift Schlesiens
, ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des Kampfes
zwischen Erweckungsbewegung und Aufklärung in Schlesien
. Mancher interessante Exkurs bringt auch neues
Material zur Geschichte des Pfarrerstandes und manche
feine Weisheit zur Pastorialtheologie ist dem „Wochenblatt
" verborgen gewesen und wird nun jetzt dargeboten.
Ein besonderes Kapitel ist den Liederdichtungen Fickerts
gewidmet. Dabei sind dem Verfasser folgende Irrtümer
untergelaufen. Das Michaelislied „Ein Christ,
ein tapferer Kriegsheld" stammt weder von Fickert, noch
ist es bisher ungedrucktes Material. Es steht im Anhalt-
Bernburger Gesangbuch, im Pommerschen, Brandenburgischen
und Rheinisch-Westfälischen Gesangbuch und
ist bereits 1709 in Berlin nachweisbar. „Auf hinauf
zu deiner Freude" stammt von Johann Kaspar Schade und
steht in den meisten deutschen Gesangbüchern, allerdings
nicht im Schlesischen.

Wirtenberge. Wilhelm Scholz.

Gerhardt, Martin: Theodor Fliedner. Ein Lebensbild, l. Bd.

Düsseldorf-Kaiserswerth: Verlag d. Buchh. d. Diakonissen-Anst. 1933.

(453 S ) 8°. geb. RM 6—.

Dieses Lebensbild ist etwas ganz anderes als die
Biographie, die Georg Fliedner (3 Bde. 1908—1912)
dem Gründer der Kaiserswerther Anstalten gewidmet
hat. Während die Wichern-Biographie Gerhardts Ol-
denbergs älteres Werk (2 Bde. 1884—1887) völlig ersetzt
, wird der enger gespannte biographische Rahmen
des vorliegenden Fliednerschen Lebensbildes immer noch
[ die gelegentliche Heranziehung der früheren Biographie
ihres volkstümlich schlichten Charakters wegen gestatten.
( Bei dem neuen Buche Gerhardts handelt es sich um
ein Werk von außerordentlichem Ausmaße, das jedem,
, der nur in einer Hinsicht mit der Kirchengeschichte
des 19. Jahrhunderts zu tun hat, wertvollste Einblicke
| vermittelt. Es ist geradezu erstaunlich, welche Fülle be-
| kannter, angesehener Persönlichkeiten, die irgendwie den
: Lebensweg des Vaters der deutschen Diakonissenarbeit
I gekreuzt haben, in die Kirchengeschichte eingegangen
I ist. Auch die theologiegeschichtlkhe Erkenntnis, die
I uns dies Buch an diesem sorgfältig analysierten Beispiele
i der Überwindung des Rationalismus vermittelt, ist von
| großem Wert. Dahin gehören auch die Ausführungen
j über die theologische und kirchliche Lage in den zwan-
j ziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden
und in England. Besonders eindrucksvoll sind uns, die
wir von der Jahrhundertfeier des Gustav Adolf-Vereins
kommen, diejenigen Abschnitte des vorliegenden Buches,
die sich mit der Geschichte der Diasporagemeinde Kaiserswerth
und der Überwindung ihrer Nöte befassen.
Da erkennt man außerordentlich viel grundsätzlich Neues
und Eigenartiges. Fliedners ganzes Leben war Diasporaerleben
und Diasporaarbeit. Die Probleme der Zilier-
taler und der lutherischen Gemeinde Karlshuld im
Donaumoos traten an ihn heran, als der Gustav Adolf-
Verein als solcher noch garnicht da war, und die Stiftung
nur auf dem Papier stand, und als die Arbeit dieses
großen Liebeswerks noch garnicht eingesetzt hatte. Die
Fülle der vorbildlichen Vereinsleistungen auf dem Gebiete
der Gefängnispflege und der Strafgefangenenfür-
sorge wird erst in unseren Tagen richtig gewertet werden
. Sie ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt,
mit welchen Schwierigkeiten Vereinsgründungen und Vereinswirksamkeit
in jenen Tagen verbunden waren.

Gerhardts sehr saubere und gründliche Arbeit wird
viel verdienten Beifall finden. Hier und da glaubt der
Verfasser Fliedner gegen einen etwaigen Vorwurf gesetzmäßiger
Enge oder enger Gesetzmäßigkeit schützen zu
müssen. Wir wissen heute den großen erzieherischen
und organisatorischen Wert von Gesetz und Ordnungen
erneut aus tiefster Seele zu schätzen. Und gar eine Zeit,
die dem Idealismus abhold ist wie keine je zuvor,
weiß die von Fliedner zeitlebens betonte Ablehnung aller
Romantik und die Hervorkehrung nüchternster Sachlichkeit
ganz besonders einzuschätzen: Darin erblicken wir
wahrlich keinen Mangel. Dem Strafvollzug seit 1918
zollt der Verfasser (S. 251) unverdiente Anerkennung;
S. 255 klingt bei Fliedners Ansprache in Edinburgh die
„Evangelische Allianz" an, ohne daß dies dem Verfasser
aufstößt.
Berlin. Otto Lerche.

Müller, Prof. Dr. Michael: Ethik und Recht in der Lehre von
der Verantwortlichkeit. Ein Längsschnitt durch die Geschichte
der kath. Moraltheologie. Regensburg: J. Habbel 1932. (256 S.)
er. 8°. RM 9 60; geb. 12.60.

Die Geschichte der Moraltheologie ist, wie der Verf.
mit Recht feststellt, trotz einzelner monographischer
Untersuchungen noch heute ein nahezu unerforschtes
Gebiet im Reiche der Theologie. Indem der Verf. sich
auf die geschichtliche Behandlung eines einzelnen Problems
der Moraltheologie beschränkt, dabei aber die
noch ungehobenen reichen Schätze des handschriftlichen
Materials mittelalterlicher Kanonisten und Moraltheo-
logen heranzieht, gelingt es ihm nicht nur ein klares
Bild dieser Entwicklungsreihe zu gewinnen, sondern
[ auch gewisse allgemeine Entwicklungsfaktoren der Moraltheologie
herauszustellen. In der Lehre von der Verantwortung
(oder von der Zurechenbarkeit, wie ich lieber
sagen möchte) zeichnen sich zwei Tendenzen ab:
eine ethisch-religiöse, die vom Neuen Testamente her-
i kommt und in Augustin ihren entschiedensten theolo-