Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1934 Nr. 7

Spalte:

116-119

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Von der Antike zum Christentum 1934

Rezensent:

Ellinger, Walter Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

115

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 7.

116

affaissement de la vie religieuse, mais ä une haute-ten-
sion, constante, provoquee par l'action des forces ob-
jectives et subjectives; se renouvelant en an rythme regulier
et continuel, ces dynamies penetreraient la forme
par l'idee" (S. 209, vgl. S. 397). — Unter ästhetischen
Gesichtswinkel gestellt, verlangt der Kult den Ausgleich
von Einheit und Mannigfaltigkeit seiner Formen: das ist,
was W. den „Stil" nennt, und er schreibt ihm die Aufgabe
zu „d'associer ce qui, dans l'unite, est de va-
leur essentielle et ce qui, dans la variete, est d'origina-
lite formelle" (S. 225); il faut qu'une idee directrice
(V'Inspiration religieuse et un principe esthetique se ren-
contrent" (S. 226). Mit Recht erkennt W., wie der
Subjektivismus und Individualismus, der für protestantische
Frömmigkeit charakteristisch sei, der Bildung eines
typischen Stiles Schwierigkeiten bereite. W. möchte an
die ökumenische Bewegung unserer Tage die Erwartung
knüpfen, daß sie der protestantischen Kirche den ihr
eigenen Stil noch scharfe; ja er ist großzügig genug,
an ein darüber hinausliegendes Ideal zu denken: „en y
aföutant ce qu'il y a de supratemporel dans la mystique
saci amentelle et dans le symbolisme dramatique de la Liturgie
Orientale et enfin ce qu'il y a de puissant dans
Vordannance latine de l'office catholique-romain, on
pourrait esperer realiser l'ideal d'un style evangelique"
(S. 2321). — Endlich führt, ethisch betrachtet, die Aufhebung
einer letzten Antinomie, derjenigen von Zwang
und Freiheit, zum Ideal der Ordnung des Kultes. Hier
die kluge Mahnung, daß es nicht nur auszugleichen gelte,
„il faut encore doser les ingredients selon la finalite de
Vordre cultuel" (S. 269).

Die stark systematisierende und philosophierende
Tendenz des Verfassers beherrscht auch den zweiten
Teil, welcher der Darstellung der Formen der kultischen
Phänomenologie gewidmet ist. Aber wo sie sich gelegentlich
so breit macht, daß man fast an eine Vergewaltigung
des einfachen Tatbestandes dieser Formen denken
möchte, liegt die Korrektur doch immer wieder darin,
daß der Verfasser allzu schematische Kategorien mit
Geist und Leben auszufüllen versteht und scheinbar
allzu komplizierte Gedankengänge schließlich wieder auf
einfache Grundlinien zurückzuführen vermag, weil er,
mit dem -/doioLia einer starken Intuition begabt, für
das, worauf es in allem Kult schließlich ankommt, für
seine letzten Bedürfnisse wie für seine eigentlichen
Wesenskräfte, aber auch für seine Grenzlinien, ein wundervolles
Verständnis besitzt. Und seine Ausführungen
sind getragen von dem ganzen Ernst einer Persönlichkeit
, die nicht theoretisiert um des Theoretisierens willen
, sondern der die Praxis als heilige Aufgabe am
Herzen liegt und die nur an die Aufdeckung der tiefsten
Wurzeln wahren Kultes kommen möchte, weil sie von
seiner ganzen Notwendigkeit für die Erhaltung des Protestantismus
durchdrungen ist (vgl. S. 26 f.). Auch eine
bewunderungswürdige Vielseitigkeit theologischer wie
allgemeiner Bildung hat der Verfasser in den Dienst
seiner Ausführungen hineinzustellen. In seiner Fassung
des Kultes als eines Kunstwerkes, in der Feinsin-
rcigkeit, mit der er sich der „kultischen Atmosphäre"
(S. 486 ff.) zu bemächtigen weiß, bekundet sich zugleich
die künstlerisch veranlagte Persönlichkeit. Man
lese z. B. die Ausführungen über das „Unmenschliche"
eines Kultes, der sich in einer „metaphysischen Leere"
abspielt (S. 491), in einer Atmosphäre „qui devient
une espece d'iddlatrie ä rebours, une deification de l-a
non-forme" (S. 497), oder das feine Zitat, daß
man in der Barockkirche Ostern, aber nicht Karfreitag
feiern könne (S. 546, Anm. 577), oder auch das
beherzigenswerte Wort gegen Textverballhornungen
durch dogmatische Interpolationen oder salbungsvolle
Weiterungen (S. 365). Und nicht nur die Überzeugung
der Verbesserungsbedürftigkeit einzelner Kultphänomene
durchströmt dieses Buch, sondern auch der tapfere und
erfrischende Glaube an die Möglichkeit ihrer Durchführung
aus evangelischer Freiheit heraus (vgl. S. 479).

In der Betrachtung der kultischen Phänomene beschränkt
sich W. an sich nicht auf das Christentum,

! in Wirklichkeit ist aber doch seine ganze Darstellung
so stark an ihm orientiert, daß ich mir namentlich von
dieser Tatsache aus erkläre, worin ich in der Gesamt-

i behandlung der kultischen Phänomenologie von W. abweichen
würde: Ich würde sehr viel stärkeren Ak-

; zent auf die rein dingliche, dynamistisch-magisehe Bedeutung
einzelner Kultpraktiken legen. Für wahre Heiligkeit
eines Kultobjektes verlangt W. volle geistige
Anerkennung des personalen Charakters des göttlichen
Objektes wie des religiösen Subjektes (S. 286). Gewiß

! ist das für christlichen Kult unanfechtbar, und man

, versteht und unterschreibt gerne Wills Protest gegen
alle Versuche seiner Mechanisierung (vgl. S. 324. 353).
Aber einem großen Teil außerchristlichen Kultes würde

j man mit der genannten Bestimmung schwerlich gerecht.
Es ist charakteristisch, daß man S. 289 nur auf die
rein dämonistische Erklärung der Heiligkeit des Wassers
stößt; aber die Sache hat ihre zwei Seiten, entsprechend
der Doppelheit primitiver Auffassung des
Übersinnlichen, einer dinglichen und einer personali-
stischen, und die Religionsgeschichte zeigt uns eine
Fülle von Beispielen heiliger Wasser, wo an eine Ein-
wohnung von Geistern oder Göttern zunächst nicht gedacht
, sondern das Wasser kraft eigener fWvajus heilig
ist. Mit Recht sagt W., in der persönlichen Religion
sei das Wasser selber eine Gottheit; aber die Erklärung
der Genesis dieser Tatsache hätte ihn zu weiteren
Schlüssen führen können. Noch hätte ich einen
Widerspruch gegen gelegentliche Äußerungen anzumelden
, wo W.'s personalistische Fassung Gottes so weit
geht, daß sie ihn doch wieder auf untergöttliches Niveau
herabzuziehen droht, so wenn es S. 67 heißt,
Gott könne sich dank seiner überlegenen Freiheit dem
Wunsch der ihn suchenden Seele entziehen (vgl. S. 87:
„une carence inexplicable de Dieu") oder (S. 77), Kultphänomene
ohne Glauben seien „impermeables pour
Dieu lui-meme"! — Zu Orakel spendenden Bäumen (S.
293) wäre namentlich auch rnia yibij (Q€n. i2(6)
zu nennen gewesen. Zu S. 450 (Konkomitanz von
Wort und Ritus) darf ich jetzt auch auf meinen (im
selben Jahr wie W.'s Buch erschienenen) Artikel in
der Reinhold Seeberg-Festschrift: „Über Gemination von
Kultriten" (II, S. 151 ff.) hinweisen. Ein sinnstörender
Druckfehler ist (S. 351) „armenisch" statt „aramäisch".

Das vortreffliche Werk hätte verdient, früher zur
Anzeige gebracht zu werden. Daß sie so verspätet erscheint
, muß ich als eine Schuld des Referenten bekennen
, die ich den Verfasser und die Leser zu entschuldigen
bitte.

Berlin.____Alfred Bert holet.

' Von der Antike zum Christentum. Untersuchungen als Festgabe
für Victor Schultze zum 80. Geburtstag am 13. Dezember 1931
gebracht von Greifsvralder Kollegen. Stettin: Fischer & Schmidt 1931.
(215 S. u. 18 Abb.) Lex. 8°. geb. RM 6.50.

Es liegt ein tieferer Sinn darin, wenn die Victor
I Schultze zu seinem 80. Geburtstage dargebrachte Fest-
! schritt unter dem Titel „Von der Antike zum Christen-
j tum" erscheint. Denn in diesem Titel liegt nicht nur
! ein Hinweis auf die Fragen und Probleme, die im
J Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit des ehrwürdigen
Jubilars gestanden haben, er bedeutet darüber hinaus
eine rückschauende Vergegenwärtigung des Themas, das
zumal in der Kirchengeschichte die wissenschaftliche
Arbeit der Gelehrtengeneration, zu der Victor Schultze
gehört, in erster Linie mit bestimmt hat. Rückschauende
Vergegenwärtigung: treten doch heute, natürlich nicht
erst seit heute, aber durch die neue Situation des geistigen
Lebens gerade heute besonders erfordert, Reformationszeit
und Mittelalter stärker in den Vordergrund
des wissenschaftlichen Interesses. Jedoch, so sehr
darum der Titel gerade dieser Festschrift die Neuorien-
j tierung bewußt werden läßt, ihr Inhalt weist mit glei-
I eher Deutlichkeit darauf hin, daß diese Neuorientierung