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Ausgabe:

1934 Nr. 5

Spalte:

93-96

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burger, Ewald

Titel/Untertitel:

Der lebendige Christus 1934

Rezensent:

Piper, Otto A.

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 5.

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nis der bedeutungsvollen Ausgrabungen in Bonn, Köln
und Trier abwarten wollen. Diese großen Ausgrabungen
unter dem Bonner Münster (1928—1930) und im Trierer
Tempelbezirk (seit 1924) sind nun abgeschlossen, und
sie haben in Bonn unter der Krypta des Münsters
zur Aufdeckung nicht bloß einer ungemein interessanten
, über einem alten römischen Friedhof errichteten
rechteckigen (!) christlichen Basilika, deren Errichtung
gegen Ende des 4. Jahrh. anzusetzen ist, geführt, sondern
überdies einer älteren, innerhalb dieser Basilika
gelegenen Anlage aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrh.,
deren Raum samt außen anstoßenden Teilen dicht mit
um zwei würfelförmig aus Ziegeln aufgebaute mensae,
d. i. Tische für das am Grab einzunehmende Gedächtnismahl
gruppierten Sarkophagen gefüllt ist und die
wahrscheinlich christlichen Grabesmahlen gedient hat
<26, 28, 31f.. dazu Abb. 44 f.). Diese wichtigen Bonner
Funde, deren reizvoller typengeschichtlicher Bedeutung
N. selbst allerdings nicht weiter nachgegangen ist, sind
im eigentlichen Sinne des Wortes die Neuigkeit, die
der Verfasser den Zeugnissen für die Anfange des
Christentums im Rheinlande einordnen konnte, während
die Ausgrabungen im Trierer Altbachtal an sich neue
christliche Funde zwar nicht hervorgebracht haben, aber
für die Geschichte des Christentums im Rheinlande, da
die heidnischen Heiligtümer schon in der ersten Hälfte
des 4. Jhs. von den Christen zerstört worden sein müssen
, doch dies beweisen, daß zur Zeit Konstantins d. Gr.
das Christentum im Rheinlande, zum mindesten in seinen
Städten, sich bereits voll durchgesetzt hatte (33, 61).

In seinen sonstigen Darlegungen hatte N. gegenüber
der 1. Auflage kaum etwas zurückzunehmen, zu
verbessern oder zu berichtigen. Es bleibt demnach auch
alles bestehen, was ich in meiner früheren Besprechung
gesagt habe. Hat aber N. dem dort geäußerten Wunsch
nach einem Register in der 2. Auflage Folge geleistet,
so ist von ihm (S. 90) leider unbeachtet geblieben,
daß ich eben dort die berühmte Berliner Elfenbeinpyxis
als syrisches und, wie ich an verschiedenen anderen
Stellen ausgesprochen habe, schon längst nicht mehr
als römisches Kunstwerk ansehe. Unbeachtet ist auch
geblieben, daß Bullettino nicht mit einem, sondern mit
zwei t zu schreiben ist (87,6). Von einigen anderen
Druckversehen seien S. 18 Natitio st. Notitia, S. 42
Xnoaic, st. V]oav;, S. 54 A;ico? st. Ati^oc (alles richtig in
der 1. Auflage) notiert. Die Bezeichnung der schönen
blauen Goldglasschale des Wallraf-Richartz-Museums in
Köln als Müngersdorfer Schale in der Anmerkung
zu S. 38 und im Text S. 42 versteht man nur aus dem
Text der 1. Auflage (S. 44), wo als Fundort Müngersdorf
bei Köln angegeben ist, während die 2. Auflage
den Fundort mit Köln-Braunsfeld angibt; der Name
Müngersdorf erscheint erst S. 50 in anderem Zusammenhange
.

Berlin. Georg S t u h 1 f a u t h.

Burger, Ewald: Der lebendige Christus. Die theologische Bedeutung
der Auferstehung und Erhöhung Christi. Stuttgart: W. Kohlhammer
1933. (XV, 289 S.) gr. 8°. = Tübinger Stud. z. syst. Theol.
Unter Mitwirkg. v. E. Haenchen hrsg. v. K. Heim und G. Wehrung.
H. 2. RM 9-.

Auf dem Gebiete der Christologie hatte sich im
vorigen Jahrhundert von der inneren Spannung der
Zweinaturenlehre aus der Gegensatz zwischen Historismus
und Konfessionalismus entwickelt. Der Tübinger
Repetent B. versucht einen völlig neuen Ansatz. Er behandelt
die Christologie vom Standpunkte eines „t r a n s-
zendentalen Realismus" aus. Damit nimmt er die
bisherige theologische Nebenlinie Bengel — Oetinger —
J. T. Beck — Schlatter wieder auf, aber unter gleichzeitiger
Berücksichtigung der modernen systematischen
Problemstellungen und in bewußter Anlehnung an Heims
Dialektik. Sein Buch behandelt nicht die Auferstehung
Und Erhöhung Christi als vereinzelte „Heilstatsachen",
sondern erfaßt den lebendigen Christus als das

Kernstück allen Christusglaubens. Mit großer dialektischer
Gewandtheit und lebendigem Einfühlungsvermögen
und auf Grund einer anerkennenswert vielseitigen

i Belesenheit wird dieser Grundgedanke in einem neutesta-

| mentlichen (S. 15—111), einem dogmengeschichtlichen
(S. 112—174) und einem systematischen Teile (S. 175
bis 289) entfaltet. Die Geschlossenheit der Durchführung
entschädigt für gewisse Zufälligkeiten und Ein-

j seitigkeiten in der Auswahl und Deutung des Stoffes.
Wenn es B. auch noch nicht gelungen ist, den kom-

j menden Typ der Christologie zur Gestaltung zu bringen
, so meine ich gleichwohl, daß heute allein von einem
„höheren" Realismus aus, wie ihn B. vertritt, eine zu-

j gleich lebensnahe und traditionsgebundene Christologie
möglich ist.

Im ersten Teile zeigt B., wie das ganze Neue Testament getragen
ist von dem Glauben an den auferstandenen und erhöhten Herrn. Bei
aller Unterschiedenheit im Einzelnen habe das Christusbild in den neu-
testamentlichen Schriften überall die gemeinsamen Züge der Transzendenz
, des Personhaften und des Dynamischen. Das ist richtig gesehen,
aber über diese rein formalen Gemeinsamkeiten hinaus hat das Bild des
erhöhten Herrn im N.T. doch noch eine ganze Reihe inhaltlicher Züge
gemein, die sich aus dem überall vorausgesetzten Bilde seiner irdischen
Wirksamkeit und aus seiner Heilsfunktion ergeben. Es rächt sich, daß
der Verfasser an die Stelle der einheitlichen Gestalt, die das N.T.
voraussetzt, zu vorschnell eine Einheit der Begriffe setzt.

Der dogmengeschichtliche Teil beschränkt sich auf die Christologie
des 19. Jahrhunderts. Er ist trotz seines dankenswerten energischen
Hinweises auf Bengel, Oetinger und Beck am wenigsten befriedigend
mit seinen teilweise recht summarischen Charakteristiken. Hier wäre
völliger Verzicht oder eine selbständige Untersuchung über die Entwicklung
der Christologie im Rahmen der Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts
geboten gewesen. Der Realismus der Schwaben, Kählers Begriff der
Obergeschichtlichkeit und Schlatters Hinweis auf die persönliche Wirksamkeit
des Erhöhten in der Gemeinde werden als die wichtigsten Bausteine
für die neue Christologie aufgewiesen. Gut ist die Kritik der
Biblizisten (S. 173), dagegen ist das Urteil über W. Herrmanns Christologie
(„sekundäre Glaubensgedanken" S. 163) ein offensichtliches Mißverständnis
.

Der dritte Teil des Buches, der von der theologischen
Bedeutung des lebendigen Christus handelt, ist ohne
Zweifel der wichtigste; die beiden anderen sind gewissermaßen
nur Ergänzungen und Erläuterungen. Es ist
eine ganz bestimmte Art von Erfahrung, die nach B. die
Grundlage des Glaubens ist. Inhalt dieser Erfahrung
sind Gebet, Liebe, neues Leben, Wort und Sakrament
und christliche Gemeinschaft (S. 251).

B.s Ausführungen wären ohne Zweifel noch einleuchtender, wenn
er diesen Teil an den Anfang, statt an das Ende seiner systematischen
Erörterungen gestellt hätte.

In diesen Erfahrungen wird nach B. eine „von
außen stammende" Wirksamkeit erfahren, die als „lebendiger
Christus" bezeichnet wird, weil sie in der ganz
bestimmten Gestalt des neutestamentlichen Zeugnisses
wiedergefunden wird (S. 180). Darin, daß der lebendige
Christus nicht der psychologische Gehalt dieser
Erfahrung, sondern das überempirische, „pneumatische"
Woher dieser Erfahrung ist, sieht B. den Widerstreit
von Rationalismus und Historismus gelöst. Der lebendige
Christus steht zwar selbst nicht in der Zeit, aber
er hängt als der Auferstandene untrennbar mit der geschichtlichen
Person Jesu von Nazareth zusammen. Nur
so kann nach B. die abstrakte Dialektik von Zeit und
Ewigkeit, wie sie bei Barth vorliegt, vermieden werden
(S. 187). Gut ist in diesem Zusammenhange die Ablehnung
des idealistischen Auswegs, die Erhöhung als eine
natürliche Steigerung der empirischen Existenz zu
deuten. B. macht ganz und gar ernst mit dem Menschsein
Jesu. Dessen Göttlichkeit ist gerade nicht eine
Aufhebung des Menschlichen, sondern ist zugleich
mit ihm.

Nicht ganz konsequent mutet es freilich von da her an, wenn es
nun von der tilrr. Schrift heißt: „(Sie) ist also nicht ein Bericht von
geschehener Oftjibarung, sondern der Ort gegenwärtiger Offenbarung.
In ihr ist uns das Wort Gottes gegeben, in ihr begegnen wir dem lebendigen
Christus" (S. 196). Hier wie auch sonst zeigt sich die Neigung
des Verfassers, die grundlegende Bedeutung der Geschichte für die Chri-