Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1934 Nr. 2

Spalte:

38-39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Würtenberg, Gustav

Titel/Untertitel:

Bibelkunde 1934

Rezensent:

Schlemmer, Hans

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

37

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 2.

38

ist zu echtem Tun, kann es ja Freiheit nicht geben.
Driesch möchte dennoch die Möglichkeit der Freiheit
retten. Er statuiert versuchweise, der freie Akt sei ein
bloßes Neinsagen. „Da täte ich also nichts, sondern
ich hinderte." Und er übersieht dabei, daß ein hinderndes
Eingreifen des Ich ebenso ein echtes Tun ist wie
ein Ichakt positiven Inhalts. Vorbildlich an seinen Erörterungen
über die Willensfreiheit wie überhaupt an
seinen Erwägungen ist aber, daß er sich nicht auf bestimmte
Meinungen starr festlegt, sondern sein Denken
locker hält, immer bereit, die Probleme neu aufzurollen
. Erfreulich ist zugleich die lebendige Frische und
Unmittelbarkeit, mit der er die Erlebnisanalyse anpackt.

Hervorhebenswert ist seine Widerlegung des psy-
chophysischen Parellelismus, jener unglücklichen Lehre,
die lange genug die Gemüter verwirrt und von einem
Ernstnehmen der Eigenrealität der Seele abgedrängt hat.
— Das Kapitel „Organisation der Seele" enthält wertvolle
Ausführungen über die Dynamik der Seelenvorgänge
. Hier kommen die Motive der modernen Ganz-
neits- und Gestaltpsychologie zu ihrem Recht. Freilich
sieht Driesch infolge seiner Leugnung der Ichaktivität
die Probleme nicht in ihrer ganzen Kompliziertheit
. Es handelt sich ja um ein mannigfaches Ineinandergreifen
der Ichaktivität einerseits und der übrigen Seelenkräfte
andererseits.

Besonderes Interesse zeigt Driesch für die hypnotischen
und parapsychologischen Phänomene (Telepathie,
Spiritismus etc.). Beachtenswert sind seine scharfsinnigen
Erörterungen über Unter- und Nebenbewußtsein
bei den hypnotischen Vorgängen. Von wissenschaftlich
einwandfrei durchgeführten parapsychologischen Untersuchungen
erwartet er nicht nur Grundlegendes für
die Psychologie, sondern auch Aufschluß über die Frage
des Fortlebens der Seele nach dem Tode.
_ Berlin.___A. v. Sybel.

Christentum in Geschichte und Gegenwart. Ein Quellenbuch.
Hrsg. v. Prof. D. Hermann Schuster und Dr. Walter Franke in
Verbindung mit Dr. Karl Kerber. Frankfurt a. M.: M. Diesterweg
1933. (XVI, 371 S.) gr. 8°. ßeb- RM 3.80.

Wir haben hier ein „Quellenbuch" vor uns, das nicht
Geschichte um ihrer selbst willen erschließt, sondern
Quellen zur Stillung des Durstes von heute, ein ungemein
lebensnahes Htich, einen Führer durch die deutsche
Gegenwart. Daher die rücksichtslose Ausschaltung alles
bloß Historischen, — das Buch will nicht Gelehrsamkeit
vermitteln, sondern eine historisch begründete, sachkundige
Stellungnahme zu den brennenden Fragen der
Gegenwart ermöglichen; daher die Einschränkung der
alten und mittelalterlichen Kirchengeschichte auf 48 von
355 Seiten; Reformation und 18. Jahrhundert als die
zwei wesentlichen Quellen heutiger „evangelischer Weltanschauung
" füllen dagegen über 100 Seiten, und dann
kommen 200 Seiten über Staat und Parteien der Gegenwart
in ihrer Stellung zur Kirche, über den deutschen
Protestantismus und den deutschen Katholizismus der
Gegenwart, über das Verhältnis von Katholizismus und
Protestantismus, über die gegenwärtigen Weltanschau-
ungskämpte des Christentums und über sein Verhältnis
zu den anderen WeltreMgionen. Der Anhang bringt
eine wertvolle Zeittafel und ein noch wertvolleres Sachregister
. Auch die Anordnung des gewaltigen Stoffes
nach der Lokalmethode, d. h. die systematische Gruppierung
nach Maßgabe heutiger Fragestellung (z. B.
Glaube, Kirche, Staat, Wirtschaft, Bildung), die Einschaltung
kurzer moderner Betrachtungen über den
betreffenden geschichtlichen Stoff (etwa von Holl,
Tröltsch, v. Schubert u. a.), die Beleuchtung grundsätzlicher
Fragen durch Stichproben aus den maßgebenden
einschlägigen Schriften und die an jeden Abschnitt angefügten
Fragen stehen im Dienst dieser im besten
Sinne praktischen Abzweckung des Buches, das sich
durch diese einzigartigen Vorzüge nicht nur für
den Religionsunterricht, sondern für jeden religiös Interessierten
als unentbehrlich erweisen wird, namentlich

■ für jeden, der sich im Weltanschauungskampf der deut-
: sehen Gegenwart und in den erbitterten Streitigkeiten
! um die Neugestaltung der evangelischen Kirche über das
übliche Niveau einiger halbverstandener Schlagworte erheben
möchte.

Der Preis des überaus reichhaltigen Buches ist erstaunlich
gering.
| Duisburg_ F.K. Fei gel.

Gruehn, Werner: Das Unbewußte als Faktor der Lebensgestaltung
. Vortrag auf d. VI. Religionspädagog. Konferenz, Breslau
1929 (erweitert). Leipzig: E. Pfeiffer 1930. (36 S.) 8°. = Kleine
Schriften z. Menschenkenntnis u. Seelsorge. In Verbdg. m. a. hrsg.
j v. W. Gruehn, 1. H. RM 1.50.

Mit seiner bekannten Kenntnis der Psychologie ver-
i sucht Gruehn sein Thema zu lösen in Richtung der kri-
' tischen Verbindung exakter schulpsychologischer Forschung
(guter referierender Überblick) mit kritisch gesichteter
Psychoanalyse auf dem Boden einer evangelischen
Weltanschauung. Die Studie kommt der Aufgabe
näher als die auf falschem Weg sich befindende
frühere Arbeit von A. Blum-Ernst, löst aber das
Problem keineswegs; sie ist mehr ein Referat zu dem
Problem denn eine Antwort. Vor allem ist zu vermissen
die Einbettung der Frage des Unbewußten in
die Psychologie der Ganzheit, wie wir an anderer Stelle

ausführten.--3 sachliche Richtigstellungen: 1.) Es

ist ein Irrtum, daß Freuds Unterscheidung Ich/Es sich
deckt mit der Unterscheidung Bewußtes Unbewußtes. 2.)
Es kann schwerlich von „Adler-Künkelscher Psychologie
" gesprochen werden, da bei Künkel wesentliche
Momente der Adlerschen Individualpsychologie verkürzt
sind. 3.) Die Individualpsychologie darf nicht der Psychoanalyse
(ganz andere Grundlage!) subsumiert werden
, was Gruehn irrigerweise noch immer tut. Wir
müssen auch für unsere Person (S. 35) die Subsumierung
unter die „gemäßigte Schule Freuds" ablehnen.
Gießen. Johannes Neu mann.

Wflrtenberg, Lic. Dr. Gustav, und D. Ernst Posselt: Bibelkunde
. Leipzig: Quelle & Meyer 1931. (XII, 253 S.) gr. 8°. =
Theolog. Handbuch f. d. evang. Religionsunterricht. In Verbindung
mit G. Brunner, D. Hillmann. H. Kesseler, E. Posselt, G. Würtenberg
hrsg. von K. Kesseler. 1. Bd. RM 7 - ; geb. RM 9—.

Das auf 4 Bände veranschlagte Unternehmen verfolgt
den Zweck, dem wissenschaftlich gebildeten Religionslehrer
einen solchen Einblick in den Stand der theologischen
Forschung zu geben, daß er in die Lage versetzt
wird, seinen Unterricht sachlich und methodisch
' auf der notwendigen Höhe zu halten. Daß eine solche
! Hilfeleistung unentbehrlich ist, bedarf keiner Ausführung
; daß ein Lehrer, der in der Woche 25 Unterrichtsstunden
in mindestens drei wissenschaftlichen Disziplinen
zu erteilen und außerdem noch eine Fülle anderer pädagogischer
und beamtlicher Arbeit zu leisten hat, nicht
in sämtlichen Einzelgebieten seiner Fächer, deren jedes
das gesamte Leben eines Forschers ausfüllt, selbständig
j tätig sein kann, ist so einleuchtend, daß nur ein dem
[ wirklichen Leben völlig entfremdeter Utopist es leugnen
! oder übersehen kann. Man wird dem vorliegenden 1.
' Bande, der die Bibelkunde des A.T. und des N.T. enthält
, das Zeugnis geben können, daß das hier innezuhaltende
Niveau i. allg. gut getroffen ist. Theologische
i Schulung wird ebenso vorausgesetzt wie die Fähigkeit,
i stark komprimierte wissenschaftliche Darlegungen auf-
! zufassen; daß mit der Kenntnis der griechischen, nicht
aber der hebräischen Sprache gerechnet wird, entspricht
j den geltenden Prüfungsbestimmungen. Die Literaturangaben
sind sehr reichhaltig und ermöglichen jedem
Benutzer die Weiterarbeit in dem Gebiete seines beson-
I deren Interesses; leider fehlt ein alphabetisches Namensverzeichnis
, das gerade in einem solchen Buche unent-
| behrlich ist.

Es ist hier natürlich unmöglich, auf die theologischen
Fragen und ihre Behandlung im einzelnen einzugehen.
Beide Verfasser kommen von der historisch-kritischen
| Theologie her, sind aber den heute herrschenden oder