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Ausgabe:

1934 Nr. 25

Spalte:

462-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhne, Franz

Titel/Untertitel:

Der Ruf von der Erde nach Gott und der Gottesdienst der Kirche 1934

Rezensent:

Traub, Friedrich

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 25.

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ist nach der andern Seite individuelles, persönliches heitsgeltung gegenüber konkurrierenden Ansprüchen phi-

Lehen. Sein Verhältnis zu Gott hat jeder Einzelne für Iosophischer Systeme zu behaupten. Den erstgenannten

sich abzumachen; aber wie er Gott und sein Verhältnis Dienst kann ihr Hartmanns Buch in reichem Maße

zur Welt versteht, darin ist er Kind des Gemeingeistes, leisten. Auch die Theologie arbeitet mit dem Betriff

in dem er steht. Keiner macht sich den Inhalt seines des Geistes und es kann ihr nur von Nutzen sein wenn

Glaubens selber zurecht — er übermmint ihn aus der sie eine so umfassende und tiefgreifende Untersuchung

religiösen Mitwelt und der religiösen Tradition Der über das Wesen des Geistes, wie Hartmanns Buch sie

personale Geist ist durchaus abhangig von objektiven. bietet, auch in ihrem Teil verwertet. Zumal den Beerriff

Nur darf dies nicht dahin verstanden werden, als sei der des objektiven Geistes kann auch die Theologe nicht

objektive Geist für den personalen der Walirheitsgarant entbehren. Die christliche Frömmigkeit ist nie bloß

seines Glaubens. Mit der Frage nach der Wahrheit hat Sache der Einzelnen; sie ist im christlichen Gemeinst

die Frage nach dem objektiven Geist gar nichts zu tun. und in der christlichen Tradition verwurzelt Sie «t

Auch der Irrtum ist genau so wie die Wahrheit Phäno- zugleich personaler und objektiver Geist Indem Hirt

en des objektiven Geistes. Die Frage, ob der Inhalt mann diese Begriffe analysiert, leistet er auch der Theo

d°s" Glaubens Wahrheit oder Irrtum Ist, liegt in einer logie einen Dienst — umsomehr, als er einen naheliegen-
•iiideren Ebene. Hier handelt es sich nicht um eine wis- den Einwand von vornherein selbst widerlegt. Man
scnschaftliche Erkenntnis, sondern um eine persönliche könnte nämlich einwenden, daß die Wahrheitsgeltung
Entscheidung. Die wissenschaftliche Betrachtung be- des Glaubens durch die Bindung des persönlichen Gei-
schränkt sich auf das Phänomen und dieses enthält nicht stes an den objektiven bedroht werde. Wo bleibt die
mehr als das Gebundensein des personalen an den ob- Beteiligung des Gewissens an der Wahrheitsbejahung,
jektiven Geist. Im übrigen würde es zu weit führen, wenn dem objektiven Geist ein solcher Einfluß zuge-
alle die wertvollen Analysen, die in dem Abschnitt über standen wird? Demgegenüber hat Hartmann — gewiß
den objektiven Geist gegeben werden, hier zu wieder- , nicht um theologische Apologetik zu treiben — gezeigt,
holen. Sie sind ausgezeichnet durch lebendige Anschau- ; daß die Verhältnisbestimmung von personalem und ob-
lichkeit, feinsinnige Beobachtung, durchsichtige Klarheit, jektivem Geist mit der Wahrheitsfrage gar nichts zu
Dasselbe <*ilt auch von der Analyse der dritten Ge- tun hat und sich zur Wahrheit und Irrtum neutral ver-
stalt des objektivierten Geistes. Auch hier ist ; hält. Es ist daher auch von vornherei n nicht anzlies
nicht möglich, den eindringenden Untersuchungen im nehmen, daß die Hartmannsche Philosophie als Ganzes
Einzelnen zu folgen. Nur das Hauptproblem sei hervor- mit dem Christentum als Ganzem in Widerspruch stün-
cehoben das in der Frage liegt: was ist die Seinsweise de. In dem Buch über das Problem des geistigen Seins
<Ües objektivierten Geistes? Was bedeutet die „Erhal- tritt uns eine solche Kollision nicht entgegen. Anders
tun**" geistigen Guts in der Schrift oder im Kunstwerk? ist es allerdings in dem früheren Werk über die Ethik.
Was ist eigentlich das, was sich „erhält"? Nur das 1 Hier werden fünf Antinomien zwischen Ethik und Chri-
Material (Schriftzeichen, Farbe, Stein)? Offenbar nicht, j stentum aufgezählt. Ist damit nicht offenkundig der
Also der creistige Gehalt? Aber der steckt doch nicht Widerspruch zwischen Philosophie und Theologie pro-
im Material. Er" haftet an dem lebenden Geist, der einst klamiert? Hartmann selbst zieht diese Konsequenz nicht,
das Material geformt hat. Aber dieser ist vergangen, Er erklärt vielmehr: „Antinomien beweisen eben nichts
vielleicht seit Jahrhunderten tot. Was ist es eigentlich, gegen die reale Koexistenz des antinomisch Geschiede-
das sich „erhält"? Eine Antwort ist nur möglich, wenn neu, auch wenn sie sich als echte Antinomien erweisen
man sich "vergegenwärtigt, daß der geistige Gehalt nicht ; d. h. unlösbar sein sollten. Sie beweisen nur die Un-
eine Realität Ist, wie der lebende Geist, der ihn geformt fähigkeit des Gedankens, die Koexistenz zu begreifen."
hat, sondern ein irreales, ideenhaftes Dasein hat, das j Wirk!'ch, muß man demgegenüber fragen, auch die

erst wieder zu realem Leben erweckt wird, wenn er
vom lebenden Geist der Gegenwart verstanden wird.
Man denke an den Fall, daß ein Dichtwerk vergessen

Koexistenz des logisch Widersprechenden? Kann logisch
Widersprechendes „koexistieren"? Ist es nicht
so, daß der Gedanke das nicht nur nicht begreifen kann

im Staub einer Bibliothek schlummert. Was sich hier sondern verneinen muß? Hier ist einer de"Punkte "Vnf

direkt und realiter erhält, ist durchaus nur das Geschrie- dem auch die philosophische Kritik einzusetzen hätte

bene als solches. Der in ihm objektivierte Geist er- Die Theologie ihrerseits wird versuchen die fünf Anti

hält sich keineswegs in gleicher Realität. Er taucht erst 1 nomien zu lösen, statt ihre Unlösbarkei't zu behaunten

wieder auf in dem Verstehen des lebendigen Geistes, der und sie wird dazu auch imstande sein Sie braucht darin

das Schriftwerk liest. Es sind also immer zwei Schichten ; nicht unlösbare Antinomien anzunehmen und in Konse

zu unterscheiden: die Materie und der Geistgehalt, der ; quenz davon die Koexistenz des logisch Widersnrerhen

ein rätselhaftes, ideenhaftes Dasein führt und erst durch j den zu behaupten. wiuersprechcn-

das Verstehen des lebenden Geistes der Gegenwart zu 1 Tübingen -....

realem Leben erweckt wird. Diese Zweischichtigkeit von __!__ riedr'c" Trailb-

Materie und Geist wiederholt sich in allen Objektivatio-
nen. Ihre Analyse führt dann wieder zu neuen Rätseln,
deren Lösung neue Analyse fordert. Ihnen kann hier
nicht weiter nachgegangen werden. Sie gehören aber
mit zu dem geschlossenen Ganzen, das Hartmanns Buch
darstellt.

Köhne, Franz: Der Ruf von der Erde nach Gott und der
Gottesdienst der Kirche. Ein Buch v. d. Kirche für ihre Zweifler
München: E. Reinhardt 1934. (231 S.) gr. 8°. RM 4.50.

Die Frage nach Gott, die letzte und tiefste Menschheitsfrage
, kann nirgends eine Antwort finden, als im
Gottesdienst der Kirche mit seinen kultischen Handlun-

In eine philosophische Beurteilung des Ganzen ein- ; gen, insbesondere der Feier des h."Xbendmahis"*"Di«
zutreten ist hier nicht der Ort. Meinerseits vermag ich ist der Zielgcdanke des eigenartigen Buchs der schon in
den wesentlichen Grundgedanken weithin zuzustimmen; seinem Titel zum Ausdruck kommt Nicht so kH, J£
aber die philosophische Begründung der Zustimmung das Ziel ist der Weg, der zum Ziele führen soll 7*£Z
oder Ablehnung ist Sache des Philosophen vom Fach, gewinnt man je und je den Eindruck eines einddnaenden
Dagegen bleibt Eine Frage zurück die der Bericht in j bohrenden Denkens; aber die Darstellung ist schwer ver'
einer theologischen Zeitschrift nicht umgehen kann: wie ständlich und dunkel und leidet unter der laadi h p„
verhält sich Hartmanns Buch zur Theologie? Wer der doxien. Immer wieder stößt man auf Formulierangen z"
Meinung ist, daß Theologie und Philosophie nichts mit- denen man nur ein Fragezeichen machen kann nicht selten
einander zu tun hapen der kann sich die Frage erspa- , auf geradezu grotesk anmutende Sätze Nur STful
ren. Eine Theologie, die sich ihrer wissenschaftlichen | spiele für viele! „Diese dialektische Haltuno &t e;nt
Aufgabe bewußt ist, urteilt anders. Sie bedarf der Philo- j nordische Sache" S. 24. Dialektische HnlWr -n !i"
sophie zur Klärung ihrer Begriffe und sie bedarf der ' Wahrheit, die man leben "und für die "«SJ Lnn
Auseinandersetzung mit der Philosophie, um ihre Wahr- I und ist deshalb die Form schlichter Wahrhaftigkeit, der