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Ausgabe:

1934 Nr. 25

Spalte:

459-462

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hartmann, Nicolai

Titel/Untertitel:

Das Problem des geistigen Seins 1934

Rezensent:

Traub, Friedrich

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459

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 25.

460

Elster, Robert Sommer) und in den Briefauszügen seines
Schülers ,Robert Sommer an Richard Elster'.

München. R. F. Merkel.

Hartmann, Nikolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen
z. Grundlegung d. Geschichtsphilosophie u. d. Geisteswissenschaften
. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1933. (X1V^S3 S.) gr. 8°.

RM 10—; geb. 12—.

Es hat etwas Befreiendes, wenn man in der heutigen
Flut der Broschürenliteratur auf ein Werk stößt, das
nicht kurz überflogen, sondern gründlich studiert sein
will, weil es ernste und tiefe Probleme ernst und tief
behandelt. Nikolai Hartman« stellt uns vor ein solches j
Werk mit seinem Buch über „Das Problem des geistigen
Seins". Ihm gingen zwei andere Werke voraus, die auf
ihrem Gebiet anregend und bahnbrechend gewirkt haben
: Die „Metaphysik der Erkenntnis" '1921, 2 1925,
die eine realistische Erkenntnistheorie ontologisch zu j
begründen unternimmt, und die „Ethik" 1926, die im Anschluß
an Max Scheler ein System der „materialen
Wertethik" entwirft und in ihrem Schlußabschnirt das
Problem der Willensfreiheit einer neuen, selbständigen
Lösung entgegenführt. Die Ergebnisse beider Werke
sind in dem neuen, dritten vorausgesetzt. Aber das j
Problem, das angefaßt wird, ist ein neues. Was ist gei-
stiges Sein? Eine „Definition" des Geistes kann man |
nicht geben. Aber man kann die Phänomene des Gei- i
stes beschreiben und in ihrer inneren Einheit intuitiv
das erfassen, was mit dem Geist gemeint ist.

Zunächst gilt es, das Phänomen des Geistes von ,
anderen Phänomenen zu unterscheiden, die nicht Geist
sind, aber mit ihm zusammenhängen. Dabei stößt man
auf einen Schichtenbau, in welchem der Geist an oberster
Stelle steht. Die vier Schichten sind das Physisch-
Materielle, das Organische, das Seelische und das Geistige.
Zwischen den verschiedenen Schichten waltet dasselbe .
Verhältnis. Jedesmal ist die höhere von der niederen |
getragen und doch ihr gegenüber selbständig, autonom.
Darin liegt kein Widerspruch. Denn Autonomie ist
nicht Abgelöstheit und Getragensein ist nicht zusam-
mengesetzt sein aus dem, was das Tragende ist. Das
Organische ist von dem Physischen getragen, aber es
hat neben den Gesetzen des Physischen, an die es ge-
blinden ist, seine eigene Gesetzlichkeit, die aus der des
Physischen nicht erklärbar ist. Ebenso ist das See-
tische getragen von dem Organischen und hat doch seine
Eigengesetzlichkeit, die aus den Gesetzen des Organischen
nicht erklärbar ist. Und das wiederholt sich noch
einmal im Verhältnis des Geistigen zum Seelischen. Der
Geist schwebt nicht in der Luft; wir kennen ihn nur als
getragenes Leben, aber als solcher hat er seine eigene i
innere Gesetzlichkeit über allem Physischen, Organi- j
sehen und Seelischen. Man kann die Welt nicht aus
detm Geist erklären, wie Hegel getan hat. Aber man
kann sie auch nicht aus dem Physischen erklären, wie
der Materialismus versucht hat. Beide Erklärungen sind
einseitig und werden dem Schichtenverhältnis der wirk- '
liehen Welt nicht gerecht. Diese ist reicher, als jene
beiden Erklärungen vermuten lassen und die Differenz
zwischen den einzelnen Schichten ist tiefer, als daß man
eine aus den andern ableiten könnte. Die tiefste Kluft
liegt zwischen dem Organischen und Seelischen. Was
sie trennt, ist das Bewußtsein. Dem Physischen und Organischen
fehlt das Bewußtsein. Auf der Stufe des Seelischen
und Geistigen tritt das Bewußtsein als neuer 1
Faktor hinzu. Freilich ist ihr beiderseitiges Verhältnis
zum Bewußtsein ein verschiedenes. Das des Seelischen
ist ein viel engeres. Der Geist ragt über das Bewußtsein
hinaus. Man kann von ihm nicht sagen, er sei Bewußtsein
. Das war der Fehler des Psychologismus. Er suchte
das Logische, das Ethische, das künstlerische Schaffen
, den Glauben aus dem bewußten Seelenleben abzuleiten
. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Logik, Ethik,
Ästhetik sind nichts Psychisches. Der Geist, der die genannten
Phänomene in sich schließt, steht über dem

Seelischen und läßt sich aus ihm nicht ableiten. Das
wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, daß der
Geist nicht bloß personaler Geist ist. Das Charakteristische
des geistigen Lebens ist gerade dies, daß die
Einzelindividuen nicht für sich bestehen und ihr geistiges
Leben aus sich heraus haben, sondern von vornherein
in dem gemeinsamen Geistesniveau verwurzelt
sind. Dieses geschichtlich gegebene Niveau aber ist
etwas dem Seelischen völlig Heterogenes. Es ist ein
Geist-Phänomen von anderer Größenordnung: geschichtlicher
oder objektiver Geist.

Damit sind wir auf einen Begriff geführt, der für das-
ganze Unternehmen Hartmanns von fundamentaler Bedeutung
ist. Er unterscheidet, um das Wesen des Geistes
zu fassen, drei Seinsformen: den personalen, den
objektiven und den objektivierten Geist. Der personale
Geist ist der des einzelnen Individuums, das
erkennt, fühlt, handelt, liebt, haßt. Der objektive
Geist ist der überindividuelle, gemeinsame Geist, der
die einzelnen Individuen bestimmt und von ihnen bestimmt
wird. Der Geist eines Volks, einer Gemeinde,
eines Standes, eines Berufs, einer Wissenschaft, einer
Moral, einer Religion — das alles sind Phänomene des
objektiven Geistes. Der objektivierte Geist ist der
im Schrifttum und in den Werken der Kunst fixierte und
dem Wandel der Zeit entnommene Geist. Der personale
und der objektive Geist haben gemeinsam, daß
sie lebendiger und daß sie realer Geist sind. Dem
objektivierten Geist fehlt Beides: denn sein Material
(Pergament, Farbe, Stein u. s. w.) ist nicht lebendig
und sein üeistgehalt nicht real. Der personale und der
objektive Geist sind, weil lebendig und real, zugleich
zeitlich, wandelbar, vergänglich. Das einzelne Individuum
stirbt; aber auch der objektive Geist ist dem Untergang
geweiht. Der objektivierte Geist dagegen ragt
ins Zeitlose hinein. Seine Schicksale sind die des Ideenhaften
und damit Zeitlosen. Allen drei Seinsformen ist
gemeinsam, daß sie Individualitätscharakter an sich tragen
. Nicht bloß die einzelnen Individuen sind individuell
. Auch der Volksgeist ist eine Individualität, ebenso
aber auch das einzelne Menschenwerk, das den objektivierten
Geist darstellt.

Jede einzelne der drei Seinsformen schließt wieder
eine Mannigfaltigkeit von Phänomenen in sich. Aus den
Phänomenen des personalen Geistes greife ich nur
eines heraus: die Erkenntnis. Was geschieht in der Erkenntnis
? Sie macht das Ansichseiende zum Objekt. Für
das Seiende selbst macht es keinen Unterschied, ob es erkannt
und damit „Gegenstand", „Objekt" wird oder nicht.
Es bleibt, was es ist, „an sich". Das Seiende an sich ist
nicht „Gegenstand", „Objekt"; es wird erst dazu dadurch
, daß der Geist es „objiziert" und damit seinerseits
zum Subjekt wird. Der Begriff des Objekts führt
so zu dem des Subjekts und damit des „Ich" und des
Selbstbewußtseins, mit dem die Analyse auf neue Schwierigkeiten
stößt. Sie gipfeln in der „Aporie" des Selbstbewußtseins
, die mit der Identität von Subjekt und Objekt
gegeben ist und die darin ihre Lösung findet, daß
die Identität sozusagen in Identifizierung aufgelöst wird.
Die Identität ist nicht von vornherein vorhanden, sondern
vollzieht sich erst in fortlaufendem Prozeß. Sein
Ziel aber erreicht der Prozeß im Ethos der sittlichen
Person. Sie ist die Höchststufe des „personalen Geistes".

Was ist aber der „objektive Geist"? Schöpfer
des Begriffs ist Hegel; er kann aber von Hegel nicht
direkt übernommen werden, weil er bei ihm durch metaphysische
Vorurteile getrübt ist. Der objektive Geist ist
nicht wie bei Hegel „Substanz". Er ist freilich auch
nicht ein Kollektivum von Individuen und nicht ein logisches
Abstraktum. Das was man den Geist eines Volks,
einer Zeit, einer Religion nennt, ist etwas ganz Anderes:
eine konkrete, lebendige Realität, die mit der Mannigfaltigkeit
der individuellen Personen eine untrennbare Einheit
bildet. So fällt insbesondere die Religion nach der
einen Seite in das Gebiet des objektiven Geistes und