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Ausgabe:

1934 Nr. 23

Spalte:

428-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lenhart, Ludwig

Titel/Untertitel:

Seelennot aus Lebensenge 1934

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 23.

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Registratur fremder Meinungen. Auch er bietet dabei
von der gegenwärtigen Dogmatik (trotz des Vorworts
) ungefähr so wenig wie von einer uninteressanten
Periode des Jahrhunderts vor uns. Und auch er zeichnet
dabei die Periode der Orthodoxie der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts als N o r m a 1 periode aus;
die Formeln derselben werden mit außerordentlicher
Breite vorgeführt. Nach dem Register werden etwa zitiert
Althaus 5, Barth 4, Brunner 1, Bultmann 1, Eiert 2,
Gogarten 2 mal, aber Calov 6, Hollaz 19, Quenstedt 23,
übrigens auch Ritsehl 20, Schleiermacher 26, Kähler
28mal usw.; in der gedanklichen Darbietung beherrscht
die Orthodoxie noch viel stärker das Feld. — Will
man aber heute die wahre Lehre der alten Orthodoxie
haben, wird man noch immer besser als zu Luthardt
(oder gar zum Hutterus redivivus) zum alten, bewährten
Heinrich Schmid greifen. So stark Jelke die vielen
Verwischungen der Orthodoxie beim alten Luthardt zurechtstellt
, durch die Vermengung mit anderen Lehrtypen
, die daneben dargestellt sind, erhält man doch
von der Orthodoxie kein wirklich reines Bild. — Im
übrigen aber leidet grade durch die Zurechtstellungen
auch der eigentümliche Charakter des ursprünglichen
Luthardt; ja er geht eigentlich durchaus verloren.
1865 bedeutete die erste Auflage dieses Kompendiums
einmal eine wirklich auch gegenwartsbedeutende Leistung
, nämlich die Leistung einer aus der alten Orthodoxie
in Orientierung an Luther (und auch der Schrift)
gewonnenen dogmatischen Darstellung einer lutherschen
N e u Orthodoxie; zu dieser gehörten grade auch jene
von Jelke zurechtgestellten Verwischungen. Jetzt ist dieser
Charakter völlig verloren. Dadurch hat das Buch
nun seine Zeitgemäßheit von 1865 nicht mehr; aber erst
recht fehlt jede Zeitgemäßheit für heute. Es will, wenn
auch unecht, noch die Haltung von 1865 einnehmen;
und es bietet darum für heute — weder in Zustimmung
noch in Ablehnung — so gut wie nichts, außer dürftigsten
Angaben und kurzen Zusammenfassungen. — Nur
der Anhang über die Dogmatik Schwedens, Großbritanniens
und Nordamerikas, der dem Exkurs über die
Geschichte der Dogmatik angehängt ist, der von andern
Verfassern stammt, und über den ich nicht als genauerer
Sachkenner urteilen kann, scheint ein wirkliches Gegenwartsverdienst
zu sein.

Das Buch hat einen sekundären Paukwert noch für
jene Kirchen, die wünschen, daß ihre jungen Theologen
vor allem in der Dogmatik ein „positives Wissen"
von der „Lehre der Kirche" haben, und die diese „Lehre
der Kirche" noch immer nur als eine milde und leise
biblisch und luthersch umgemodelte Orthodoxie des 17.
Jahrhunderts (d. i. noch garnicht ohne weiteres der
lutheischen Bekenntnisse!) verstehen. Einen weiterführenden
Wert hat es nicht, weder wissenschaftlich noch
kirchlich.

Greifswald. V. Koepp.

Mausbach, Joseph: Grundzüge der katholischen Apologetik.

In 5. u. 6. Aufl. neu bearb. B. hrsg. von Georg Wunderle. Münster
i. W.: Aschendorff 1934. (VII, 196 S.) 8°. = Lehrbücher z. Gebrauch
beim theol. u. philos. Studium. > RM 3.80; geb. 5—.

Unter den bekannten katholischen Lehrbüchern zum
Gebrauch beim theologischen und philosophischen Studium
, die die Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung in
Münster i.W. herausgibt, ist eins der bekanntesten das
die „Grundzüge der katholischen Apologetik" darstellende
, das der frühere katholische Apologet Joseph Mausbach
erstmalig im Jahre 1916 erscheinen ließ. In 5. und
6. Auflage hat dieses Buch nach des Verfassers Tode
jetzt der rührige katholische Religionspsychologe und
Apologet Georg Wunderle in Würzburg herausgegeben.
Diese Herausgabe ist unter möglichster Schonung nicht
bloß der ganzen Anlage des Buches (die Paragraphen
der Neuherausgabe entsprechen deren der ursprünglichen
Herausgabe vollends), sondern auch des Textes geschehen
. Die Zusätze, die Wunderle gemacht hat, sind nicht

sehr zahlreich. Und doch wird man sagen müssen, daß
Wunderle das Buch dem Fortschritt angepaßt hat. Auch
auf die moderne protestantische Apologetik hat Wunderle
Bezug genommen und gleich am Schlüsse des
ersten Paragraphen seine Leser mit dem Bemühen (gewisser
— so müssen wir sagen —) protestantischer Theologen
, an die „Existentialphilosophie" und „Existential-
theologie" anzuknüpfen und dadurch von der liberal-
rationalistischen Einstellung loszukommen, bekannt gemacht
. Wenn er dabei sagt, daß für den neuesten Protestantismus
hier das Problem der Kirche als gegebener
und führender Gemeinschaft im Gegensatz zum religiösen
Individualismus auftauche, so dürfte doch das nicht
richtig sein. Die Notwendigkeit und den Wert der Kirche
läßt uns Protestanten wirklich nicht erst die Existenztheologie
verstehen. Das Problem der Kirche ist auf
dem Boden des Protestantismus in seiner Existenz wirklich
nicht so problematisch, als katholische Apologeten
vermuten. In gleicher Weise wäre zu manch' anderer
Einzelheit noch manches zu sagen. Auf das Ganze gesehen
, wird man dem Buche, aus dem in seinen beiden
ersten Teilen, die die Theorie und die Tatsache der
Offenbarung behandeln, auch für den protestantischen
Theologen manches zu lernen ist, seine Achtung nicht
versagen können. Für seine Kirche hat der Herausgeber
sich mit seiner Arbeit zweifellos ein großes Verdienst
erworben.

Heidelberg. Robert Jelke.

Lenhart, Dr. theol. Ludwig: Seelennot aus Lebensenge. Das

Problem „Lebensraum und Sittlichkeit" nach Bischof Wilhelm Emmanuel
Frhr. von Ketteier. Mainz: Kirchheim & Co. 1933. (XV, 394 S.
m. 1 Bildn.) gr. 8°. RM 6—; geb. 7.50.

Wir haben es hier mit einem ebenso anspruchsvoll
] auftretenden wie überflüssigen Buche zu tun. Ob der
! Moraltheo'.oge überhaupt dazu berufen ist, säkulare Leistungen
zu vollbringen, mag noch hier und da bestritten
werden. Eine sozialpolitische Tätigkeit der Geistlichen
im vollen Ausmaße der Enzykliken Quadragesimo Anno
, und Rerum Novarum ist im heutigen Deutschland —
; man darf wohl sagen: glücklicherweise — nicht mehr
; möglich. Die Pflicht der Wortverkündigung ist nie und
| nirgends an die vorherige Besserung der sozialen Ver-
! hältnisse gebunden. Das Freuet Euch in dem Herrn
! allerwege Phil. 4, 4 ist nicht etwa unter einer reservatio
mentalis jesuitica gesagt: für den wünschbaren Fall der
i entsprechenden wirtschaftlichen Verhältnisse. Der Auf-
| trag der Wortverkündigung geht in alle Welt, in alle
I sozialen und politischen Zustände, trotz Not und Trä-
'■ neu, dennoch. Daß die evangelische Kirche unserer Tage
■ diesen Auftrag in aller Reinheit immer deutlicher wieder
erkannt hat, ist eine Frucht des Kirchenkampfes, deren
wir uns in allem Zwiespalt dieser Zeit getrösten wollen.
So sehr die Kirche mit ihren Dienern in der praktischen
i Liebestätigkeit und sozialen Pflege vorbildlich an erster
Stelle stehen soll, so wenig braucht der Kirchenführer
sozialpolitischer Theoretiker oder national - ökonomischer
Systematiker zu sein.

L. schreibt in seinem Vorwort . . . „(Ketteier ist)
durch seine seelsorgerlich orientierte Sozialarbeit wegbahnend
vorgestoßen, indem er deutlicher denn je das
Verhaftetsein von sozialen Lebensbedingungen und geistig
-sittlicher Lebensentfaltung aus christlicher Innenhaltung
aufgespürt und zu ernster Überprüfung empfohlen
hat. Damit wollte er gleichzeitig die katholische Seel-
, sorge vor zwei gleich gefährlichen Klippen bewahren,
entweder der Zeittendenz entsprechend mit Karl Marx
sich in materialistische Zeitströmungen zu verlieren, oder
i aber mit Hegel sich in ein wirklichkeitsfremdes Ideen-
; netz einzuspinnen und die verwickelte Wirklichkeit zu
mißachten." Wie L. heute noch dazu kommt, Hegel
, Wirklichkeitsfremdheit vorzuwerfen, mag sein Geheim-
i nis bleiben. Aber daß die seelsorgerlich orientierte Sozialarbeit
Kettelers die Geistlichen der katholischen Kir-
, che nicht daran gehindert hat, sich in materialistischen