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Ausgabe:

1934 Nr. 22

Spalte:

399-401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kegel, Martin

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament 1934

Rezensent:

Duensing, Hugo

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399

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 22.

400

So überhöht der Verf. alttest. Forderungen; vergl.
S. 44 zu Deut. 24, 4. Er verliert sich gelegentlich fast
zur Allegorese und kommt daher zu merkwürdigen Deutungen
, wie S. 43 zu Deut. 23, 14. Er dogmatisiert und
schematisiert, sodaß etwa S. 47 die Qedesche nichts mehr
mit dem Begriff qdsch zu tun haben soll. Es ist doch
nicht zu halten, daß liphnei jahwe „das Verhältnis zwischen
Jahwe und Israel in seiner Totalität beschreibt"
und „erst die Verengerung des priesterlichen Amtes"
darunter „kultische Aufgaben" verstand; das ist einfach
Konstruktion! Verallgemeinerungen und Vereinerleiungen
wie die folgenden gehören ebenfalls hierher: Deut. 23,
2 f. wird S. 67 so ausgewertet: „Unter den Begriff Heidentum
fallen alle diejenigen Erscheinungen, die eine
Änderung natürlicher Gegebenheit voraussetzen. Dadurch
erhält der von Jahwe befohlene Dienst eine für alle geltende
Norm." Manche Sätze sind in ihrer zu allgemeinen
Fassung fast wertlos; vergl. S. 116: „Das Deut, bindet
das Leben des Volkes an üott." Wo in der alttest. Pro-
phetie oder Gesetzgebung gälte diese Feststellung etwa
nicht! Unbeschadet dessen, daß der Verf. in dem betr.
Einzelfalle richtig sehen könnte, die Gesamthaltung muß
doch zu Konstruktionen führen, wenn man (S. 37) eine
prinzipielle Verschiedenheit der deut. und außerdeut.
Gottesverkündigung nicht feststellen „will".

Das alles gilt schon unter Absehung von der prinzipiellen
Frage, ob man wirklich eine solche Untersuchung
unter absoluter Übergehung der literarkritischen
Arbeit (S. 15 u. 22 f.) vornehmen kann.

Einzelausstände sind m. E. folgende zu machen
: Der Frage nach Möglichkeit oder Unmöglichkeit
der Verwirklichung deut. Forderungen hätte nachgegangen
werden müssen, etwa bezüglich des Königsgesetzes,
S. 209 f. Von der Überspanntheit mancher Forderungen
dürfte doch etwas gesagt sein! — Der Begriff der „Geschichte
" fehlt doch nicht nur beim Deuteronomisten!
S. 118. — Ist das S. 113 Gesagte nur die deuteronomi-
sche Auffassung vom Propheten? — Manches ist zu
kurz gesagt. Was heißt S. 117: „Im Passahfest deutet
sich die eschatologische Schau keimhaft an?? — Manchmal
werden religionswiss. Erklärungen abgelehnt, aber
keine besseren an ihre Stelle gesetzt; so S. 76 f. zu
Deut. 20,1—20. Man fragt sich auch gelegentlich, was
denn nun eigentlich der Ertrag an Neuem in dieser theologischen
Betrachtung ist, so etwa bei dem Abschluß
S. 85 f. — Die Inhaltsangabe dürfte etwas übersichtlicher
gehalten und zumal gedruckt sein! — Es wäre
der Überlegung wert, ob denn der Gesamttitel, der auch
durchgängig gebraucht ist, am Platze ist: „Predigt" und
„Prediger". Wohl ist der Typ der Geschichtsbetrachtung
, der Denk- und Wertungsweise des Deut, richtig
als die eines „Predigers" charakterisiert, aber Predigt
ist doch etwas Gesprochenes. Das Deut, aber ist geschriebenes
Wort, zum Vorlesen oder Lesen bestimmte. Dieser
„Sitz im Leben" müßte berücksichtigt werden. Besser
scheint da der S. 24 gebrauchte Ausdruck „Katechismus"
zu sein. Oder es müßte der verwandte weitere Gebrauch
des Wortes „Predigt" wenigstens erwähnt sein.
Ober-Breidenbach i. Hessen/Marburg. Adolf Wendel.

Kegel, Lic. theol. Dr. Martin: Das Alte Testament ein Freund
oder ein Feind unseres Volkes? Breslau: F. Hirt 1934. (50S.)
8°. RiM 1.25.

Alt, Albrecht, Joachim B e g r i c h, Gerhard von Rad: Führung
zum Christentum durch das Alte Testament. Leipzig: Dörff-
ling&Franke 1934. (71 S.) 8°. RM 1.80.

I. Volkstümlich, klar und übersichtlich behandelt Kegel die von
ihm aufgeworfene Frage unter Einflechtnng ausführlicher Citate angezogener
Schriften. Urchristentum und Reformation konnten diese disjunktive
Frage nicht kennen. Marcion und zur Zeit der Reformation
Agricola (soweit das Gesetz in Frage kommt) erblicken im A. T. einen
Feind. Theologen des 19. Jahrhunderts und andere ablehnende Geister
bis hin zu Fritsch, Dinters, Frau Ludendorff und Franz von Wendrin
marschieren auf, die Signatur der alttestamentlichen Wissenschaft und
die Einstellung der Lehrerschaft werden mit abweisender Kritik vorgeführt
S. 13. („auch die mehr konservative, sogenannte positive Theologie"
gab „von dem Wunsche beseelt, nicht für rückständig gehalten zu werden,

allmählich eine Position nach der andern preis.") Durch vier Sätze will
dann Vf. S. 15-25 dem Leser zu einem klaren Urteil verhelfen 1. Das
A. T. ist seinem Hauptinhalt nach überhaupt kein jüdisches, sondern ein
israelitisches Buch. 2. In dem alttestamentlichen Schrifttum herrscht
kein ausgesprochen semitischer, dem Germanentum fremder Geist. 3. Die
Verwerfung, ja schon die Herabsetzung des A. T. führt folgerichtig zur
Herabsetzung, ja zur Verwerfung des N. T. und beraubt unser Volk
wertvollster Güter. 4. Wenn auch das N. T. und das A. T. unlöslich
miteinander verknüpft sind, so liegen doch für uns Christen N. T. und
A. T. nicht ganz auf derselben Ebene. — Nach diesen grundsätzlichen

! Erörterungen werden S. 25 — 28 Stellen besprochen, gegen die neuerdings
besonders heftig angekämpft worden ist, und dann S. 28 - 38 gezeigt,
wieviel Hohes das A. T. enthält mit praktischen zur rechten Lektüre anleitenden
Bemerkungen, die S. 38—41 in eine grundsätzliche Erörterung
über die Gestaltung eines Religionslehrplanes auslaufen. Das A. T. in

j Lied und Rede der Väter S. 40 - 44 und im Urteil großer Deutscher
S. 44—49 sind die letzten Erörterungen vor dem Schluß, der in ein

1 Luthercitat ausläuft.

Hier ist in konservativem Geiste und mit Geschick mannigfaltiger
i Stoff an den schlichten Leser herangetragen. Freilich dürften die Dar-
legungen mehr zur Stärkung sich zur Sache bekennender, aber durch
j den modernen Ansturm angefochtener Leser dienen, als zur Gewinnung
ablehnender. Dazu ist zu wenig gemeinsamer Boden da.

II. S. 19 erläßt Kegel den Aufruf: „hin zum A. T., weil es die
Wege zum N.T. erschließt". Den damit geforderten Weg wollen die
drei Vorträge gehen, die Alt, Begrich und von Rad unter dem Gesamttitel
„Führung zum Christentum durch das A. T." haben ausgehen lassen.
Im Gegensatz zu der mancherlei bietenden Arbeit Kegels zeigen diese

I Vorträge eine durch das Thema bedingte straffe Konzentration, tragen
eine Ruhe und aus vollendeter Sachkenntis stammende Überlegenheit zur
Schau, die, wie man glauben möchte, selbst Widerwillige mindestens
zum Schweigen bringen, vielleicht aber sogar gewinnen müßten. Daß
Schriften zur Bekämpfung des A. T. in der christlichen Kirche auf ungenügender
Kenntnis der Dinge beruhen und nur in ebenso schlecht,
vielleicht noch schlechter orientierten Leserkreisen Erfolg haben können,
wie die Vorbemerkungen S. 8 9 aussprechen, ist leider allzu wahr und
wird durch eine Charakteristik des in Leipzig erschienen und dort
neuerdings mit Nachdruck vertriebenen Werkes des Theodor Fritsch

i „Der falsche Gott", gegen welches die Front dieser Vorträge in etwas
ausgerichtet ist, erhärtet. Der Stoff dieser Vorbemerkungen ist unter
dem Titel „Der falsche und wahre Gott des Alten Testamentes" jetzt
ausgedehnter in der Allgem. Ev. Luth. Kirchenzeitung 1934 Nr. 12 S.
270 ff. von Alt behandelt. Die Vorträge sind nach den großen Epochen
der Geschichte: Frühzeit, Propheten, nachprophetischer Spätzeit gegliedert.

1. Der Grundbestand, der in allem Späteren fortlebt, auf dem es
basiert, ist ein — gemessen an der vorher in Palästina herrschenden
Kleinstaaterei — unerhörtes nationales Gemeinschaftsbewußtsein. Dieses
stammt aus Israels Religion. Diese besteht in der ausschließlichen Verehrung
Jahwes. Solche Verehrung prägt sich nicht nur im Kultus,
sondern auch im alltäglichen Leben, nämlich in Recht, Sitte und Sittlichkeit
aus. Israels gottgefordertes Recht ist „national und sozial zugleich
." Israels Gott wacht darüber, ist der Gott der Gerechtigkeit und
des Gerichts. Er ist zu fürchten, aber, da er auch von herablassender
Gnade ist, kann und muß man ihm auch vertrauen. Jahwes Zorn und
Jahwes Gnade machen die Geschichte. Israels Religion als eine Geschichtsreligion
erzeugte auch die erste große Geschichtsschreibung. Israels
Stellung in der Geschichte zu Gott und Welt kommt in dem Erwählungs-
gedanken zum Ausdruck, der nicht Projektion nationalen Dünkels in die
Welt des Göttlichen ist. Aber Israels Führung ist eingebettet in die
Führung der Menschheit und soll das zum Ziel haben, daß in ihm alle
Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Die Sondergeschichte Israels
ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um des Kreises der Menschheit
willen. Schon mit dem Grundbestand beginnt „eine wirkliche Führung
zum Christentum".

2. Sehr viel umfangreicher ist der zweite Vortrag über die großen
Propheten des A. T. Wesen und Eigenart des Prophetentums werden
auf einer vielleicht zu breiten geschichtlichen Fundamentierung, die die
Erscheinung wesentlich des älteren Prophetentums in vielen Einzelzügen
schildert, vorgeführt S. 30—34. Die Gestalten, welche das landläufige
Prophetentum überragen, sind es aber allein, welche über den geschichtlichen
Raum hinaus, in dem sie stehen, zu jeder Zeit sprechen. Sie
reden, weil Gott zu ihnen geredet hat; sie rügen weil sie Gottes Willen
dem Volke zu sagen haben. Sie wecken das Schuldgefühl und drohen
mit Gottes Zorngericht, das aber letztlich nicht Untergang und Zerstörung
will, sondern Besserung. Eine tiefdringende Betrachtung von
Micha 6, 6 —8 S. 42—44 verschafft dem Leser einen machtvollen Eindruck
von der fortdauernden Kraft des Prophetenwortes. Die doppelte
Wirkung, welche das Prophetenwort hervorruft: Zustimmung und Ablehnung
, wird hinsichtlich seiner Gegenwartsbedeutung gewürdigt und
an Thesen von Fritsch illustriert. Die Propheten sind nicht arischen
Blutes, sondern gehören auf die Seite ihres Volkes. Das ist es aber
nicht, was Widerstand hervorruft, — den haben sie in ihrem eigenen
Volke gefunden, und andererseits finden sie Zustimmung bei Deutschen
selbst bei Fritsch — sondern es ist S. 51 der „Artunterschied zwischen