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Ausgabe:

1934 Nr. 20

Spalte:

361-362

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aalders, W. J.

Titel/Untertitel:

De Incarnatie 1934

Rezensent:

Schowalter, August

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 20.

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dualistischen Züge, wie sie mindestens die Zeit der
„Wahlverwandtschaften", der „Pandora" und der „Wan-
derjahre" durchscheinen läßt, müßten z. B. in Einklang
gebracht werden mit der von L. vertretenen Bestimmung
von Goethes Denkform, wenn sie sie nicht aufheben
sollen. I

Es scheint ferner für eine Arbeit mit dem Ziel der ;
vorliegenden unerläßlich, daß, gerade wenn sie die platte
Suche nach den Einflüssen überwinden soll, eine ganz j
klare Scheidung von Ur- und Bildungserlebnis stattfindet, j
Das ist hier nicht überall der Fall. Auch die prome-
theische Zeit Goethes ist, wie wir aus den „Ephemeri-
den" wissen, nicht ohne weiteres Urgeschichte des Goe-
theschen Weltbegreifens. Und genau so wenig kann
etwa Herders „Gott" einfach als Zeugnis Goethescher
Denkart gedeutet werden.

Solche Einwände drücken imgrunde nur eine Frage !
aus, die gegenüber der ganzen Arbeit gilt.

L.s Buch über Lessings Weltanschauung griff mit
seinem abgegrenzten Arbeitsbereich doch den wesent- J
liehen Lessing auf. Es konnte das, weil der bis heute
sichtbare und wirksame Existenzbereich Lessings eben j
das Denken und dessen sprachlicher Ausdruck ist. Lessing
ist infolgedessen trotz der Haken, die er schlägt, um
sich dem Zugriff von außen zu entziehen, weit einfacher
durchschaubar als Goethe, bei dem Anschauung und
Denken unlöslich ineinander verflochten sind. Es hieße
L. unrecht tun, wenn man vorgäbe, daß er das nicht !
sähe. Aber es scheint, daß er die methodischen Folgerungen
nicht gezogen hat. Das Wissen darum müßte j
ihn sonst bedenklich gemacht haben gegenüber der Anwendung
eines Verfahrens, das für die Erfassung von I
Denkhaltungen, Kunstanschauungen, überwiegend philo- I
sophisch bestimmter Dichtung seine Gültigkeit hat. Aber j
bei Goethe sind auch die denkerischen Auseinandersetzungen
und die Kämpfe um sein Selbstverständnis
nur zu verstehen als Kämpfe seiner Gesamtmenschlichkeit
. Sie können auch nur aus ihr und ihrem Ausdruck
im Gesamtwerk heraus klargelegt werden. Die bloße i
Feststellung von Goethes protheischen Zügen aber gibt !
diese zu einem letzten Ergebnis nötige Klärung noch I
nicht.

Göttingen. Werner Kohlschmidt.

Aalders, Dr. W. J.: De Incarnatie. Den Haag: Uitgevers-Maat- j
schappij 1933. (424 S.) gr. 8°. geb. PL 7.90.

Aalders, ein besonderer Kenner der Mystik, behandelt
hier in erschöpfender Gründlichkeit die geschichtliche
und religiöse Tatsache des sichtbaren Eingreifens I
und Erscheinens Gottes in das Menschheitserlebnis, den I
Gegensatz zu aller Mystik und doch wieder Ausgangspunkt
neuer Mystik, als Zentralproblem des christlichen
Glaubens. Eigentlich ist es eine doppelte Behandlung: j
eine streng wissenschaftliche, neben der holländischen
auch die gesamte deutsche, englische und französische
Literatur auswertende, minutiöse religions-, dogmengeschichtliche
und dogmatische Untersuchung (S. 9—398) |
und eine thetische Darstellung desselben Themas in
einem Vortrag vor einer Pfarrersvereinigung (S. 399 bis
420).

Die Fleischwerdung des Logos ist „die in Raum und j
Zeit, in Fleisch und Blut d. h. in den Existenzformen
der Welt und des Menschen ausgedrückte Solidarität l
der göttlichen Liebe" (S. 359), „das Kommen Gottes
selbst und seine Verbindung mit der menschlichen Exi- '
Stenz" (S. 233), „das Mysterium der Annahme einer j
menschlichen Existenz durch den Sohn Gottes" (S. 16), {
„die Tat des Sohnes Gottes, durch die er menschliche I
Existenz annimmt (S. 11). Es handelt sich hierbei um
ein heilsmäßiges „medisch" Eingreifen Gottes in die
sündig gewordene Menschheitsentwicklung (413), um
eine Schöpfertat und zwar eine Neuschöpfung (S. 81f.),
nicht um eine Idee sondern um eine Wirklichkeit (S. 85). 1
Aber nur Glaubensaugen durchschauen das Inkognito Gottes
— im Sinne Kierkegaards gesprochen —, darum ist „Inkarnation
nicht wissenschaftliche Theorie sondern religio- j

ses Bekenntnis", „nicht von kontemplativer sondern von
existentieller Art" (S. 43). „Direkt oder indirekt, bewußt
oder unbewußt, beherrscht sie die theologische
und religiöse Haltung des Einzelnen, der Gruppe oder

der Kirche----Sie ist also der Kristallisationspunkt von

allem, was über die Religion, d. h. die Beziehung zwischen
Gott und Mensch und — weiter gefaßt — Welt
geglaubt werden kann. Was, philosophisch ausgedrückt,
Relation zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen
Statisch und Dynamisch, Reell und Ideell, Existentiell und
Kontemplativ, ethisch ausgedrückt: zwischen Normal und
Abnormal oder ästhetisch: zwischen Harmonisch und Disharmonisch
ist, wird hier religiös völlig realisiert und
verabsolutiert" (278). „Sie verwirft alle Vereinheitlichung
zwischen Gott und Mensch und ebenso den
Wahn, als könne der Mensch zu Gott oder in die Nähe
Gottes emporsteigen. Sie will, daß der Mensch sein Ge-
schöpf-sein und sein Sünder-sein begreift. Sie findet
alles Heil im Herabsteigen Gottes, aber dieses dann
auch in der Erscheinung Jesu Christi persönlich, tatsächlich
und effektiv gegeben" (S. 226).

A. macht sich nicht anheischig, das der Vernunft
zu beweisen. Es ist ein Mysterium, das er bewußt „unkritisch
" behandelt; wenigstens insofern, als ihm das
Selbstbewußtsein und das Denken nicht die letzten
Größen sind, sondern die Größe, von der er ausgeht, ist
die Wirklichkeit, die Glaubenswirklichkeit (22), das Vorwissenschaftliche
(23). Im Sinne von Otto und Heidegger
ist ihm die Theologie eine Funktion der Religion,
eine Auslegung aus dem Sinne des Glaubens, die Affinität
und Congenialität voraussetzt, und er geht aus von
der „petitio prineipii, daß in Christus die Gegenwart
Gottes sich als schöpferische und speziell neuschöpferische
Wirklichkeit erkennbar macht" (S. 287).

Darnach könnte die Untersuchung eigentlich kurz
sein, aber A. behandelt ausführlich die Bewußtseins- und
Existenzvoraussetzungen, unter denen eine Inkarnation
möglich oder nicht-möglich erscheint, alle Ansätze im
religiösen Denken und Leben, aus denen sich Analogien,
Parallelen und auch Karikaturen einer Inkarnation ergeben
, dann die ganze alt- und neutestamentliche Theologie
zu dieser Frage und die gesamte dogmengeschichtliche
Entwicklung wie die Dogmatik der Gegenwart. Innerhalb
der reformatorischen Theologie sieht er die größere
Konsequenz und Rechtgläubigkeit bei Calvin und der von
ihm beeinflußten reformierten Kirche. Rücksichtslos bekämpft
er jeden Doketismus, Adaptianismus, Eklektizismus
, Spiritualismus, Symbolismus wie jede Relativierung
und Idealisierung der Fleischwerdung Gottes,
die communicatio idiomatum wie die Kenosis, um die
paradoxale Zweieinheit und zugleich die „ungebrochene
Kontinuität zwischen dem Nebeneinanderbestehen des
Logos asarkos und des Logos ensarkos" (S. 403) festzuhalten
. Doch gibt er zu, mehr nur die Grenzen ziehen
zu können gegen das, was nicht ist, als angeben, was
ist. Durch die Einbeziehung alles Lebens aus Christus
in die Fleischwerdung („Die Inkarnation ist kein fait ac-
compli, sie ist ein dauerndes Geschehen, besser: eine
fortgesetzte Handlung" S. 348.) erschüttert m. E. Aalders
selbst seinen Satz von der Einmaligkeit und Einzigartigkeit
dieser Tat Gottes. Ihre Fortwirkung innerhalb
der Kirche in doch immer neuen Persönlichkeiten unter
dem Gesichtspunkt der Fortdauer der in Jesus vollendeten
Gottestat zu betrachten, wie das A. tut (360, 367
369, 388, 398 usw.), bringt in bedenkliche Nähe der
katholischen Meßopferfeier, die auch durchweg als tief
christlich gewertet wird.

Kleinigkeiten: es finden sich zu viel Wiederholuno-en
in dem Buch, und es würde bei wesentlicher Kürzung
wesentlich an Eindringlichkeit gewinnen. Die deutschen
Zitate sind von einer Fülle von kleinen Fehlern durchsetzt
, und unbeholfen wirkt die Form der Zitate wenn
z. B. geschrieben wird: „P. unterscheidet scharf zwischen
„der Glaubende" und „der Gläubige" (S. 319).

Berlin-_ August Schowalter.