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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

18-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thoms, Fritz

Titel/Untertitel:

Hamanns Bekehrung 1934

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 1.

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Zeichnung der Pfründen eines jeden Bezirks betreffen und von denen
besonders das zweite die Einleitung der Visitation darstellt.

Der zweite Teil (S. 22 ff.) enthält sodann die Akten
der Visitation in den einzelnen Ämtern (1536—1540).
Diese Akten werden für jedes Amt in zwei Teile gegliedert
, in Akten, die den Bestand an geistlichen Pfründen
, Einkünften, Personen etc. um 1534 verzeichnen und
solche, die visitatorische Maßnahmen enthalten. Zu letzteren
gehören vor allem die Kircheninventuren, die im
März 1535 angeordnet wurden und denen, abgesehen von
den zum Gottesdienst nötigen Kelchen, die Verbringung
der Kirchenkleinodien nach Stuttgart zur Einschmel-
zung folgte, während Ornate, Bilder, Tafeln und andere
Gegenstände zunächst in den Amtsstädten verblieben,
um dann zu Gunsten des Armenkastens verkauft oder
verschenkt zu werden. Es folgen sodann die eigentlichen
Vifsitationsakten, d. h. Akten, die die finanzielle
Auseinandersetzung zwischen dem Herzog und den einzelnen
Städten und Ämtern bieten. In diesen wird zum
Teil eingehend festgesetzt, welche Pfründen der Herzog
einzieht, welche Pflichten er dafür auf sich nimmt und
genau aufgezählt, welche Einkünfte dem örtlichen Armenkasten
noch verbleiben und was dieser dafür zu
leisten hat. Gute Beispiele hierfür sind die „Begnadigungsbriefe
" für Stuttgart und Tübingen (S. 63 ff. nr. 21,
S. 210 ff nr 53), denen als Quittungen die Reverse der
beiden Städte (S. 70 f. nr. 22, S. 221 ff. nr. 54 entsprechen
.

Natürlich ist das Material nicht für alle Ämter in gleicher Reichhaltigkeit
vorhanden. Bei Tübingen z. B. bricht die Aufnahme der
Einkünfte der Heiligenpflegcn, Bruderschaften u. s. w., nachdem die der
Stadt genannt sind, mit dem Amt ab (S. 198) und für die Ämter Herrenberg
, Göppingen und Heidenheim fehlen die eigentlichen Visitationsakten
, an deren Stelle spätere Akten zum Abdruck kommen, die die
Vornahme der Visitation voraussetzen (S. XXXV).

Es liegt auf der Hand, daß aus diesem, mit großer
Sauberkeit dargebotenen und durch von eindringender
Sachkenntnis zeugende Anmerkungen erläutertem Aktenmaterial
der Forscher auf dem Feld der württembergischen
Kirchen- und Profangeschichte, vornehmlich
aber der Lokalhistoriker reichen Gewinn ziehen kann.
Erhält er doch oft eingehenden Aufschluß über die
Pfründen, was ihre Geschichte, ihr Patronat, ihre Dotation
angeht, sowie über ihre Inhaber und deren persönliche
Verhältnisse, ferner über die vorhandenen Bruderschaften
, Spitäler, Seelhäuser, Sondersiechenhäuser.
Besonders auf dem Gebiet der kirchlichen Personengeschichte
, um einen Punkt hervorzuheben, gewähren die
Anmerkungen Rauschers, die allein schon durch die
mühevolle Arbeit der Zusammenstellung verdienstlich
sind, wertvolle Hilfe und regen zu weiterer Forschung
an. Man lese z. B. nur, was er über den interessanten
Martin Fuchs, den ersten evangelischen Pfarrer von
Neuffen beibringt (S. 160 A. 3). Aber auch der Kunsthistoriker
, dem die Inventarien allein noch Kunde geben
von manchem verloren gegangenen Kunstgegenstand,
der Wirtschaftshistoriker, für den die Beschreibung der
Pfründen nach ihren geldlichen und landwirtschaftlichen
Erträgnissen nicht ohne Nutzen ist, sowie der Forscher
auf dem Gebiet der Schulgeschichte, dem manche
Notiz zuteil wird, gehen nicht leer aus. Die Brauchbarkeit
des Bandes wird durch zwei Register, ein Ortsund
ein Personenregister, noch erhöht. Dem zweiten,
noch vor 1934, dem Erinnerungsfestjahr der württembergischen
Reformation, verheißenen, abschließenden
Band der wertvollen Veröffentlichung, die immer eine
Quelle ersten Ranges für die württembergische Reformationsgeschichte
sein wird, darf man mit freudiger Erwartung
entgegensehen.

Zum Schlüsse einige Kleinigkeiten. Nach der Darstellung Rauschers
S. XXXVII Z. 7 v. u. könnte es scheinen, als ob E. V. (.....Martin
Nüttel, zusammen mit E.V., als Kammerherr") eine weitere Person
wäre. In dem Schreiben der Spitalpfleger zu Kirchheini (S. 135 ff.),
auf das S. XXXVII hingewiesen wird ist jedoch E.V. mit E(uer) V(estin)
(Euer Festen) aufzulösen und bedeutet die Anrede, die Georg von Ow, dem
Statthalter, als Adeligen gebührt. S. 126 Z. 6 ist gradal wohl genauer
als das die Gradual- oder Stufenpsalmen enthaltende Buch zu erklären.

S. 126 Z. 12 ist unter obsequial nicht bloß das „Ritual" der Totenmesse
, sondern das heute mit dem Ausdruck rituale bezeichnete liturgische
Buch mit seinem umfassenden Inhalt zu verstehen. Mit directo-
rium Z. 14 ist nicht das directorium humanae vitae, das mittelalterliche
Volksbuch, gemeint, (hier ist fälschlich zitiert Götzinger, Reallexikon
d. deutschen Altertümer S. 120 statt Götzinger u. s. w. 2. Aufl. S. 120),
sondern die allgemeine Gottesdienstordnung, bezw. der für jede Diözese
alljährlich neu festgestellte Kirchenkalender. Vielleicht wäre bei Erklärung
solcher Dinge die Einholung des Rats eines katholischenAmtsbruders vonVor-
teil gewesen. Sollte das rätselhafte 3 deistulach S. 262 nicht aus drei
stulach infolge Doppelschreibnng nebst Verschreibung entstanden sein?
An Druckfehlern verbuche ich noch: S. 59 Z. 2 v. u lies conditionibus,
S 193 Z. 13 v. u. lies Fischlin I 129, S. 196 Anm. 3 lies Kgr. Württ.
II 573 statt 537.

Tübingen._ Wilhelm Göz.

Thoms, Lic. Dr. Fritz: Hamanns Bekehrung. Gütersloh: C. Bertelsmann
1933 (143 S.) 8°.= Beiträge z. Förderung christl. Theologie.
Hrsg. von A. Schlatter und W. Lütgert. Bd 37, H. 3. RM 4—.
Ein weiterer fördernder Beitrag zur Geschichte der
Frömmigkeit auch nach der religionspsychologischen Seite
hin ist die oben genannte Arbeit, die als Lizentiaten-
dissertation der Theologischen Fakultät zu Gießen vorgelegt
wurde. Gerade weil das eigentümliche Londoner
Erlebnis Hamanns eine so verschiedenartige Deutung
erfahren hat, war eine sorgfällige Untersuchung darüber
dringend geboten. Um sich den Weg zu bahnen, wie
Hamann selbst das Zentralwiderfahrnis seines Lebens verstand
, wird zunächst Klarheit darüber zu erlangen gesucht,
„welchen Umfang die Beziehungen Hamanns zum Pietismus
hatten, welcher Art sie gewesen sind und welche
Einflüsse sie auf ihn ausübten". „Hamann ist die Religiosität
einer milden, besonnenen und weltoffenen Art
des Pietismus anerzogen worden. Sie findet ihren Niederschlag
in einem frömmelnden Briefstil, der jedoch
in der Hauptsache als eine Konzession an die Frömmig-
keitshaltutig der Eltern erscheint, in einem lebendigen,
nicht auszurottenden Vorsehungsglauben, den Hamann
aber individualistisch verflacht, und in einem moralisierenden
Tugendstreben, das Hamann jahrelang das
Leben eines Bohemiens führen läßt" (35). Weiterhin
gibt der Verfasser eine eingehende Analyse der Londoner
Vorgänge mit all ihren charakteristischen Merkmalen
, die eine so entscheidende Wendung in Hamanns
Leben herbeiführten, ihm „Ruhe und innere Sicherheit
für die Gestaltung seiner äußeren und inneren Lebensführung
in der Hingabe an Gottes Willen und Regierung
" verliehen. Im Fortgang seiner Untersuchung bemüht
sich nun der Verfasser darzulegen, wie dieses
Widerfahrnis im religiösen Bewußtsein Hamanns sich
ausgewirkt und wie es die Haltung seiner Frömmigkeit
und die Art seiner Lebensführung beeinflußt habe. Wird
der anfängliche Bekehrungseifer durch das Studium Luthers
auch wesentlich eingedämmt, so bleibt er doch
dem erwachten neuen, durch enge Erdverbundenheit
maßgebend bestimmten Lebensgefühl bis an sein Ende
treu. Hier scheint dem Verfasser die Analyse Kurt
Leese's in seiner .Krisis und Wende des christlichen
Geistes' (1932) S. 140 ff. entgangen zu sein, der in ganz
ähnlicher Weise wie F. Thoms die „von der theologischen
Forschung gänzlich übersehene Aktualität des Hamann
-Problems" nachdrücklich heraushebt, wie der bibelgläubige
Christ und Lutheraner zugleich einer der
„Bahnbrecher" neuzeitlicher Erden- und Lebensgläubig-
keit sein konnte. Darauf, nämlich auf diesem lebhaften
I Kreaturgefühl „beruhe Hamanns echte historische Wir-
I kung und der magische Zauber seines universalen Geistes
". So unterscheidet sich denn auch Hamanns Erlebnis
wesentlich von A. H.Franckes Bekehrungserlebnis
und bestärkt die Gründe für die Behauptung, „daß
das für Hamann charakteristische Widerfahrnis ihn eher
vom Pietismus getrennt als ihm genähert habe". Bei
der Herausstellung der Unterschiede Hamanns und der
pietistischen Frömmigkeitsstruktur tritt wiederum am au-
genfälligsten der Gegensatz des ,Magus im Norden' zum
Pietismus „in der bedeutenden Freiheit seiner Lebensführung
" in die Erscheinung. Bei aller tiefen, biblisch
I verankerten Frömmigkeit gelangte Hamann zu einer po-