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1934 Nr. 19

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346

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte ; 32 1934

Rezensent:

Clemen, Otto

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345

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 19.

346

Bischöfe haben es offensichtlich überall mit starken
Widerständen zu tun. Ähnlich scheinen die Dinge in
Thessalonich und auf Kreta zu liegen. Für die kleinasiatischen
Verhältnisse in der Zeit vor Ignatius (S. 81
bis 98) lassen die Quellen im Westen eine etwas andere,
für die Rechtgläubigkeit günstigere Lagerung vermuten
als im Osten.

Was Rom und seine Stellung zur übrigen Christenheit
betrifft (S. 99—114), so erklärt B. das Eingreifen
des I. Clemensbriefes in die korinthischen Wirren —
wo auch eine, die Auferstehung leugnende gnostische
Richtung hervortritt — aus der Besorgnis, mit den alten
Amtsträgern auch seinen Einfluß zu verlieren und gänzlicher
Vereinsamung zu verfallen, da das Christentum
ohnehin, je weiter man nach Osten kam, immer weniger
seiner Auffassung entsprach. Die Darlegung des kirchlichen
Gemeinglaubens, wie sie sich in diesem Briefe
findet, ist in ihrer nüchternen Sachlichkeit auch die beste
Widerlegung aller gnostischen Gedankengänge. In Ko-
rinth selbst hat sich Rom in der Tat durchgesetzt, nicht
aber im übrigen Griechenland. Doch ließ es sich in seinen
Bemühungen, den Kreis seines Einflusses zu erweitern
, durch augenblickliche Mißerfolge nicht beirren.
Seine Werbe- und Kampfmittel schildert B. S. 115—133:
es sind die Apostel, besonders Petrus, Bischofsfolge und
Überlieferungskette, Belehrung und wirtschaftliche Unterstützung
auswärtiger Gemeinden, Ausnutzung brauchbarer
Beziehungen und Entgegenkommen gegen die
Bedürfnisse der Masse. Durch äußeren Druck und
innere Gleichartigkeit entstand in Rom die einzige wirklich
schlagkräftig „rechtgläubige" Kirche. Nachdem B.
des Weiteren die Art und Weise der Auseinandersetzung
zwischen Rechtgläubigkeit und Ketzerei (S. 134—149)
geschildert, das Schrifttum im Kampfe (S. 150—197) gekennzeichnet
und gewertet, und die Rolle, die das A. T.,
der Herr und die Apostel darin spielten, (S. 198—230)
auseinandergesetzt hat, kommt er zum Schluß auf die
Anfänge (S. 231—242) und damit wieder auf Rom als
Mittelpunkt der Rechtgläubigkeit zu sprechen und legt
die Gründe für deren Sieg dar.

B. sagt in der Einleitung S. 4, daß er sich durch die Abgrenzung
des Gegenstandes seines Buches das Recht gewahrt habe, an vielem
vorbei zu gehen, was man unter der von ihm gewählten Überschrift
gleichfalls behandeln könnte. Ich meine aber doch, daß er z. B. auf
das älteste Judenchristentum in Palästina, den Mutterschoß des Christentums
überhaupt, das er nur gelegentlich (S. 198 ff. 238) streift, etwas
näher hätte eingehen sollen. Ist es doch ein Christentum, das bald
nachher zur Ketzerei gestempelt wurde, ein Christentum, das kein Vordasein
Jesu, ursprünglich auch keine Jungfrauengeburt kannte, die Brüder
und Schwestern Jesu als Kinder Mariens wußte, ein Abendmahl
mit bloßem Brotbrechen als Fortsetzung der Tischgemeinschaft mit Jesus
feierte ohne Gedenken an Leib und Blut Christi, an sein letztes Abendmahl
, seinen Opfertod. Auch hier hat die dogmatische Geschichtsbetrachtung
der Ketzerbestreiter die „Ebioniten" des Abfalls oder des
Rückfalls ins Judentum geziehen, während sie in Wirklichkeit nur die
„Konservativen" waren, die die paulinisch-hellenistische Weiterbildung
nicht mitmachten. Von ihnen führt wohl eine Linie nach Aegypten
(vgl. S. 204). B. nimmt dort mit Recht neben dem Heidenchristentum
ein Judenchristenrum, beides mit synkretistisch-gnostischen Zügen, an
(S. 56 f. 70), läßt aber das Judenchristentum im weiteren Verlauf außer
Betracht. Nun hat aber Lietzmann in seinem Buch über „Messe und
Heimmahl" 1926 (S. 196. 238. 254. 260) gezeigt, daß die Jerusalemer
Urform der Abendmahlsfeier gerade in Aegypten, und nur dort, weiterlebte
(im ältesten Bestandteil der Serapionsliturgie). — Vom ältesten
Christentum Afrikas schweigt B. vollständig. Und doch wäre auch
dieses erwähnenswert gewesen. Seine Ursprünge liegen ebenso im Dunkeln
und die Quellen fließen ebenso spät, wie beim ägyptischen Christentum
. Gewöhnlich nimmt man an, daß es aus Rom nach Afrika gekommen
sei. Das mag sein, wiewohl dies aus Tert. de praescr. 36
nicht gefolgert werden darf (vgl. Th. Stud. u. Krit. 1929, S. 471 ff.). Auf
alle Fälle aber war es ein Christentum und ein Kirchentum, das noch
dem Tertullian in seiner „katholischen" Zeit die Erinnerung daran gestattete
, daß die Heilsgüter von Christus der Christenheit als einer noch
nicht in Stände geteilten Brüderschaft übergeben worden seien, der Unterschied
von Klerus und Laien geschichtlich entstanden sei und das
um der kirchlichen Ordnung willen für gewöhnlich ruhende allgemeine
Priesterrecht im Notfall stets wieder erwachen könne (vgl. Th. Stud. u.
Krit. 1931, S. 95 ff.). Noch in der Mitte des 3. Jahrhunderts gab es
dort katholische Bischöfe, die das Abendmahl mit Brot und Wasser

feierten, und Cyprian bietet in ep. 63 einen ausgedehnten Schriftbeweis
aus dem Alten und dem Neuen Testament auf und beruft sich auf eine
ihm gewordene göttliche Offenbarung dafür, daß Wein zur Abendmahlsfeier
unentbehrlich sei. Was aber die afrikanische Christologie betrifft,
so gesteht Tertullian adv. Prax. e. 3, daß die große Mehrzahl von einer
oiKOvouta und einer Logoslehre nichts wissen wolle. Und wie stand
es damit in Rom, dem Hauptsitz der Rechtgläubigkeit? Sowohl die
Klagen Hippolyts in seiner Refutatio wie die älteste Form des römischen
Symbolums lassen erkennen, daß es dort mit dem Glauben an
ein persönliches Vorleben Christi äußerst schwach bestellt war. Das
sind freilich Dinge, die mehr in die Dogmengeschichte einschlagen, als
in eine Ketzergeschichte oder in eine Untersuchung über den zeitlichen
Vorsprung von Ketzertum oder Rechtgläubigkeit in den einzelnen Ländern
. Aber eine reinliche Scheidung ist hier nicht durchzuführen. Vielleicht
hätte auch auf die nicht bloß bei ausgesprochenen Ketzern hervortretende
Neigung, den Getauften die Schließung oder Fortsetzung
[ einer Ehe zu verbieten, mehr eingegangen werden können (vgl. Pinytus
von Knosus S. 79 f. 130): die Grenzen zwischen Kirchentum und Ketzerei
waren hier offenbar fließend (siehe Karl Müller, Ehelosigkeit aller Getauften
in der alten Kirche 1927).

Diese Bemerkungen wollen dem Werte des Buches
keinerlei Eintrag tun, sondern nur zeigen, welche Anregungen
von ihm ausgehen können. Man mag im
Einzelnen über seine Ergebnisse urteilen, wie man will:
als Ganzes ist es eine überaus wertvolle wissenschaftliche
Gewissenserforschung, die die Quellen einmal mit
andern Augen liest, als es gewöhnlich geschieht, und
aus ihnen manches heraushört, was man bislang nicht
vernommen hat. Daß das Gelände, auf dem er sich bewegt
, vielfach unsicher ist und ein behutsames Vorgehen
erheischt, dessen ist sich B. selbst wohl bewußt,
und man kann nicht sagen, daß er die nötige Vorsicht
außer acht gelassen und bloße Vermutungen für Tatsachen
ausgegeben hätte.
München. Hugo Koch.

Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte. Hrsg. im
Auftr. d. Vereins für Brandenburgische Kirchengeschichte von Lic.
Walter Wendland 28. Jahrg. Berlin: Kommissions - Verlag M.
Warneck 1933. (156S.) gr. 8°.

Den vorliegenden Band eröffnet eine Abhandlung des
Herausgebers Walter Wendland „über die Entstehung
des Evangelischen Oberkirchen-
rats", eine gehaltvolle Ergänzung der 1900 zum 50jäh-
rigen Jubiläum der Behörde erschienenen Denkschrift.
Besonders wird die Persönlichkeit des ersten Präsidenten
Rudolf v. Uechtritz ins rechte Licht gerückt. Sodann
stellt Elisabeth Fi scher-Krückeberg „Johann
Crügers Choralmelodien" in folgenden
drei Gruppen zusammen: Umbildungen fremder Vorlagen
, seine beglaubigten eigenen Melodien, anonyme
Melodien, die ihm zuzuschreiben sind. Sehr interessant
ist der 2. Teil von Paul Schwärtz' Arbeit über „Die
beiden Opfer des preußischen Religionsedikts
vom 9. Juli 178 8". Wurde uns im vorigen
Jahrgang ein Hyperheterodoxer vorgeführt, der dem Re-
ligionsedikt zum Opfer fiel, der Prediger J. H. Schulz in
Gielsdorf, so jetzt ein Hyperorthodoxer, Rottierer und
Schwarmgeist, K. W. Brumbey, der Ostern 1788 als dritter
Prediger der Jerusalems- und Neuen Kirche in Berlin
berufen und in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1796
über die Landesgrenze geschafft wurde. Bruno Altenburg
setzt seine Studie über „Die Mystik im lutherischen
Pietismus, dargestellt auf Grund
der E r b auu n g s s c hr i f te n Johann Porsts
(1668—1728)" fort, indem er die kontemplativ-mystische
Frömmigkeit der Theologia regenitorum untersucht und
die Porstschen drei „Alter" der religiösen Erkenntnis
mit den drei „Staffeln des geistlichen Lebens" bei Theodor
a Brakel vergleicht und die Darstellung bei A.
Ritsehl berichtigt und in einem weiteren Kapitel den
Entwicklungsgang des Porstschen Gesangbuchs klarlegt.
Endlich teilt O. C lernen einen „W id m u n g s b r i e f
an Balthasar Koswick, Abt von Dobrilugk"
mit, der ein 1516, 18. u. 20 erschienenes musiktheoretisches
Werkchen einleitet.
Zwickau i- Sa._O. Clemen.