Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1934 Nr. 19

Spalte:

342-343

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der Prophet der Heimkehr (Jesaja 40-66) 1934

Rezensent:

Meinhold, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

341

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 19.

342

aber Gott ist da, Gott stirbt nicht, des Todes Herr ist er...
Gott ist Bali, derjenige, der das Leben, die Wärme gibt,
Gott ist Mkä, der Starke, derjenige, den Niemand bezwingen
kann, Gott, das ist Gäh, der Allmächtige!"
(S. 25). Dazu nehme man die Bemerkung eines alten
Negrille: „Schau, Gott ist, wie das Wort, das aus deinem
Munde hervorgeht. Mach doch ein Bild davon, lauf
ihm nach und bring es ihm!" Und er fügte hinzu:
„Das Wort. Es ist nicht mehr, es ist vorbei und doch
es lebt immer, heute und morgen noch! Gott auch" (56).
Ein lebendiges Verhältnis zu diesem Gott spricht sich
in zahlreichen Handlungen aus, die meist mit festen,
z. T. nur noch schwer verständlichen Worten meist
rhythmischer Form verbunden sind, etwa bei der Totenklage
(59), bei der Geburt eines Knaben (63), bei allen
Gaben animalischer oder vegetabiler Art, die den Jagderfolg
, das Erbeuten des Honigs u. a. begleiten, auch
bei den Sühn- und sonstigen Opfern.

Die Verhältnisse liegen nicht überall bei den Pvg-
mäen gleich eindeutig, geschweige denn bei den Pyg-
moiden oder den Buschmännern, Hottentotten und Da-
mara, aber zweifellos findet sich bei Pygmäen und Buschmännern
, vielfach auch sonst eine (hier und da durch
andre Gestalten mehr oder minder alteriert) Hochgott
-Idee, die über den Typus des Urhebers
weit hinausreicht und praktisch-religiöse
Bedeutung besitzt. Häufig treffen wir die Bezeichnung
„Herr", auch „Vater" (nein, unser V.); die vorhandenen
Eigennamen sind ihrer Bedeutung nach vielfach undurchsichtig
, also alt. Die Vorstellung, daß das Höchste Wesen
Himmel und Erde geschaffen habe, kann nahezu als
Allgemeingut bezeichnet werden; auch recht verschiedenartige
Mythen über die Menschenschöpfung finden sich
vielfach. Eigenartig intim ist das Verhältnis der Bam-
beti-Pygmäen zu Kalisia (257 f.); wie Schebesta schreibt,
geht er „den Pygmäen auf ihren Wanderungen voran
und bahnt ihnen den Weg. Er ist ihnen der Führer und
Wegweiser. Träumt der Alteste, daß das Lager gewechselt
werden soll, so ziehen sie umgehend an einen andern
Ort, den ihnen K. anweist". Ebenso begleitet er den
Jäger auf die Jagd und gibt ihm auch ein, wann und
wo er ein Stück Wild erlegen wird; er führt den Pfeil
und er trifft auch gewiß usw. Eine andre eigenartige Gestalt
ist der Imana der Batwa-Pygmoiden am Ostufer
des Kivu-Sees. Wie P. Schumacher von einem in den Anschauungen
seines Stammes besonders bewanderten Patriarchen
verbotenus berichtet wurde, befiehlt J. sich selbst,
wird nicht befehligt von einem Andern; er kann alles;
es gebricht ihm an nichts; er währt immerdar, altert
nicht; nichts gibt es, worüber er unwissend wäre; er
weiß alles; er gebietet nur Gutes, solches, das er bei sich
selbst bestimmt hat. Alles Erschaffene die gesamte Natur
, Bäume, Gräser, Ernte, alles untersteht ihm. Im
Unterschiede zu andern Stämmen wird aber betont, daß
Gott den Menschen nicht zugänglich sei, sodaß sie ihm
Opfergaben bringen könnten; es finden sich daher keine
besondere Kultstätten. Rache an Übeltätern übt er im Allgemeinen
nicht, aber wer auf seinen Namen falsch
schwört, den tötet er; das Gebet zu ihm steht in reicher
Übung . . . (372 ff.).

So fehlt es diesem Hochgottglauben nicht an reicher
Nuancierung, die noch viel stärker hervortreten würde,
wenn wir die Aussagen über sein Aussehn, seine Wohnung
, sein Verhältnis zu andern Gottesgestalten, zu
den Geistern usw. ins Auge fassen würden. Aber abgesehen
von den relativ seltenen Fällen, wo diese Idee mit
einer heterogenen zusammengewachsen ist, behält sie
allen Andern gegenüber eine unverkennbare Überlegenheit
und hebt sich dadurch von allen andern Schichten
primitiver Religion, dem Zauberglauben, der Toten- oder
Geisterverehrung usw. unverkennbar ab. Man wird daher
einen die Frömmigkeit bestimmenden Gottesglauben
monotheistischer Art als eine bis in unmeßbare Vergangenheit
zurückreichende geschichtliche Form der Religion
anzuerkennen haben. Wie diese Form sich zu den

andern, wie sie insbesondre zu den durch die Prähistorie
sich ergebenden Tatsachen und Problemen verhalte,
bleibt eine letzte, bisher nicht mit irgend welcher Sicherheit
aufzulösende Frage.

Berlin. A. T i t i u s.

Gl ahn, Dr. theol. Ludwig;, u. Prof. D. Dr. Ludwig Köhler: Der
Prophet der Heimkehr (Jesaja 40-66). Vol. I: Die Einheit von
Kap. 40—66 des Buches Jesaja. Vol. II: Das Buch Jesaja Kap. 56
bis 66, textkritisch u. metrisch behandelt. Giessen: A. Töpelmann
1Q34. (253 S.) Lex. 8°. RM. 9—.

Der dänische Pastor Dr. theol. Ludwig Glahn in
Kopenhagen legt sein schon 1928 verfaßtes, 1929 gedrucktes
Werk „Hjemkomstprofeten", Enheden af Je-
sajabogens Kap. 40—66 in neuer abgeänderter Form
deutschen Lesern vor, für die Dr. Waschnitius aus Kopenhagen
die meist gut gelungene deutsche Übersetzung
angefertigt hat. Professor Köhler, mit dem er in Zürich
1926 Jes. 56—66 textkritisch und metrisch durchlas,
hat auf seinen Wunsch als Beilage die Seiten 185—253
„das Buch Jesaja Kap. 56—66, kritischer Text mit
Übersetzung und Bemerkungen zur Textkritik und Metrik
" beigesteuert und in diesen eine Fortsetzung seiner
Arbeit: Deuterojesaja (Jes. 40—55) stilkritisch untersucht
1923, geliefert.

Das Werk von Glahn enthält 3 Teile: I. Teil. Kap.
40—55 sowie 56,1—8. In Babylon § 1. Deuterojesaja
als Verheißungsprophet § 2. Deuterojesaja zur Zeit des
Aufbruches 56,1—8; II. Teil: historische Übersicht § 4.
Abschnitte in der Gruppe 56, 9—66 und deren Zeitbestimmung
; III. Teil: Deuterojesaja der Verfasser von
Kap. 40—66; § 5 die vorliegenden Möglichkeiten § 6.
Die literarische Verwandtschaft zwischen 59, 6—66 und
Deuterojesaja § 7. Die religiöse Geistesrichtung in Kap.
56,9—66. § 8. Die Sprache in Kap. 56—66. § 9. Der
Stil in Kap. 56—66. § 10. Der Prophet der Heimkehr.

Diese Inhaltsangabe zeigt schon deutlich, worauf
es dem Verfasser ankommt. Er will beweisen, daß Jes.
56—66 eine Einheit ist, von einem Verfasser stammt.
Darin stimmt er Duhm bei gegenüber der Annahme von
Budde u. a. a., daß hier eine Reihe von Stücken verschiedener
Verfasser und verschiedener Zeiten durch
Redaktoren zusammengearbeitet worden sind. Anderseits
polemisiert er besonders heftig gegen Duhm, und
nicht immer zutreffend — so ists nicht an dem, daß
Duhm die Worte „in Jerusalem werdet Ihr getröstet
werden" (66,13) s. S. 105, ausläßt, vielmehr streicht
er dort „will euch trösten". Während nämlich Duhm
den Verfasser von Jes. 56—66 in die Zeit des Esra und
Neheinia setzt und bei den Feinden der Gemeinde, den
Götzendienern an die Samaritaner denkt (57,1 ff. 66,1 ff.)»
was dann natürlich die Annahme, daß hier noch Deuterojesaja
rede, vollkommen ausschließt, haben wir es nach
dem Verf. bei der Schrift 56—66 mit e i n e m Schriftsteller
zu tun, der mit Verhältnissen rechnet, wie sie
der Zeit der Restauration unter diesen beiden Männern
vorausging. Und zwar kommt da auch nicht, der von
Elliger mit Scharfsinn und Gründlichkeit in seiner Schrift
die Einheit des Tritojesaja (1928) vorgetragene Gedanke
, daß es sich um die Zeit von 515 (also nach dem
Tempelbau) handle und daß hier (so Sellin) ein Schüler
des Jesaja rede, dessen Hand auch in manchen
Stellen des Deuterojesaja zu merken sei (so z. B. K. 53),
sondern vielmehr um die Zeit gleich nach der Heimkehr,
und für diese Zeit setzt sich der Verfasser mit großer
Kraft und umsichtiger Prüfung und Vorlegung der in
Frage kommenden sprachlichen, historischen, religiösen
Gründe ein. Die vielfach bemerkten Verschiedenheiten,
die auffallen, meint er restlos aus der Verschiedenheit
der Zeit, der Lage, der Stimmung erklären zu
können. Es ist also Deuterojesaja, der aus dem Exil mit
heimkehrte und nun in Jerusalem seine Stimme erhob.
Die Feinde, gegen die er wettert, sind dann nicht die
Samaritaner, vielmehr die halbheidnische zurückgebliebne
jüdische Bevölkerung, die den Heimkehrenden natürlich
viel Schwierigkeiten bereitete. Ists Deuterojesaja