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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

290-291

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schütz, Paul

Titel/Untertitel:

Der Anti-Christus 1934

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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289

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 15/16.

290

Besonders wertvoll für die einmal zu beginnende
•charakterologische Forschung auf religiösem Gebiet werden
biographische Darstellungen sein, die uns in großer
Zahl, auch als Selbstbiographien, zur Verfügung stehen,
aber noch sehr wenig sowohl in rein psychologischer
"wie religiöser Beziehung untersucht wurden. Aus diesem
Grund ist der Versuch der Wiener Psychologin
Ch. Bühler, „den menschlichen Lebenslauf als psychologisches
Problem" zu behandeln höchst beachtenswert,
zumal in sehr eigenartiger, aber berechtigter Weise das
Wollen des Menschen „vom Ende seines Lebenslaufs
aus erfaßt wird", namentlich auch, wie bis zu diesem
Ende hin seine Lebensziele gestaffelt sind. In reichstem
Maße wurde alles vorhandene Material eingehend verwertet
und damit ein Beitrag zur charakterologischen
Forschung auch auf religionspsychologischem Gebiet gegeben
. Die Verfasserin kündigt noch weitere Untersuchungen
nach dieser Richtung hin an, so .Anamnesen
mit Lebensmüden' (Margarete Andies), .Lebensläufe mit
Bekehrungen' (Marg. Schmidt) u. a., die wohl noch eine
Ergänzung nach der religiösen Seite hin bedürfen, da
hier außerordentlich viel Material zur Verfügung steht
(vgl. dazu K. Birnbaum .Psychopathologische Dokumente
. Selbstbekenntnisse und Fremdzeugnisse aus dem seelischen
Grenzlande', 1920). Die Grundphänomene im
menschlichen Lebenslauf wurden unter verschiedenen Gesichtspunkten
eingeordnet, so vom .Aspekt des Verhaltens
und der objektiven Daten', ,des Erlebnisses und
der subjektiven Daten' aus, sowie vom .Aspekt des Werkes
oder des Ergebnisses' aus, worin auf S. 104 ff.
Sören Kierkegaard als „dämonische und in sich völlig
zerrissene" Persönlichkeit mit dem „undämonischen, vollendet
in sich ausgeglichenen" W. v. Humboldt kontrastiert
wird. Die religiöse Problematik ist freilich bei
S. Kierkegaard ebenso wenig ausgeschöpft wie bei der
Begründerin der Christian Science-Bewegung Mary Ba-
ker-Eddy (S. 119 ff.) die wenig zutreffend mit Oscar
Wilde verglichen wird unter dem .Aspekt des variablen
Bestimmungsspielraums'. Als Beispiel für .das Erlebnis
der Bestimmung' von Menschen, „die für etwas leben,
auf etwas hin leben, das sie dann ihre Bestimmung oder
den Sinn ihres Lebens nennen", wählte die Verfasserin
den wenig bekannten Jesuitenpater Paul Ginhac, da in
diesem Lebenslauf „eine dem Leben gesetzte, ja aufgezwungene
Bestimmung trotz offenkundiger Verzweiflung
über das eigene Dasein ein für allemal festgehalten
wird". Anregend ist auch, was in dem Abschnitt über
den .Dominanzwechsel' im Leben eines Fridtjof Nansen
und Albert Schweitzer ausgeführt wird (S. 143 ff.); hier
besteht der Dominanzwechsel darin, daß „das Leben für
andere als die Aufgabe empfunden wird, die dem Leben
für sich selbst zu folgen hat". Den bedeutsamen Faktor
einer .Vergeistigung des Vitalen' findet die Verfasserin
bei dem Indianermissionar P. J. de Smet besonders
ausgeprägt (S. 149ff.); die in den „Dienst der religiösen
Idee gestellte Vitalität eines Naturkindes besteht
Kampf und Gefahr besonders am Anfang seiner Laufbahn
mit einer Leidenschaft, die erst später um höherer
Aufgaben willen überwunden wird. Hier wären auch
manche Beispiele aus dem Leben protestantischer Missionare
wie Dav. Zeisberger, Gützlaff u. a. zur Verfügung
gestanden. Besondere Beachtung verdienen gerade von
Seiten des Seelsorgers die Ausführungen über ,das Phasenproblem
', speziell über ,die Erlebnisphasen'; es werden
hier ähnliche Gedanken ausgesprochen, wie sie H.
Künkel in seinem Buch: ,Das Gesetz Deines Lebens.
Urformen im Menschenleben' (1933) in dem Abschnitt:
,Zur Morphologie der Lebensalter' vorgetragen hat. Gerade
die hier berührten Probleme bedürfen auch von religionspsychologischer
Seite noch sehr der Klärung. In
einem letzten Abschnitt werden typische .Strukturen von
Lebensläufen' analysiert (Frühe und späte Kulmination-
Kurzleben; Vorwalten des Werks über das Leben; Vorwalten
des Lebens über das Werk; Defekte Lebenslaufstrukturen
). Diese charakterologisch-biographische Studie
weist auch die theologische Forschung auf bisher
noch wenig beachtete Gebiete hin.
München. R.F.Merkel.

T ö g e 1, Prof. D. Dr. Hermann : Völkische Prägungen des Christentums
. Von Origenes zu Kagawa. Leipzig: J. Klinkhardt 1933. (260 S.)
8°. = Der Werdegang d. christl. Religion Bd. 6. geb. RM 5.80.
Fünfzehn Bildnisse großer Christen aus fremden Völkern
und Rassen. Das Buch kommt dem Zuge der Zeit
entgegen, der die rassische und völkische Bestimmtheit
des religiösen Lebens betont. Ohne Zweifel muß man darauf
auch im Bereich des Christentums mehr achten,
und wenn Tögel unter diesem Gesichtspunkt darstellt
und zusammenstellt, so kann man ihm dafür nur dankbar
sein. Selbstverständlich bleibt es eine Frage, w a s
an den betreffenden Persönlichkeiten als rassische und
völkische Prägung angesehen werden muß und was
dem Christentum und auch dem Menschentum in
einem Sinn angehört, der es unerheblich macht, wo
es nun gerade aufgetreten ist. Daß etwa in dem „Italiener
Franziskus" der italienische Typus des Christentums
vorliege, in dem „Franzosen Calvin" der französische
, in dem „Tschechen Comenius" gar der tschechische
, in dem „Dänen Kierkegaard" der nordische, wozu
dann in dem „Schweden Söderblom" ein ganz anderer,
auch nordischer Typ kommt, — davon können wir uns
nicht so leicht überzeugen. Tögel ist sich der Schranken
seiner Betrachtungsweise, wie aus manchen Stellen hervorgeht
, selbst bewußt, ist aber durch sein Schema genötigt
, sie immer wieder ziemlich scharf anzuwenden.
Übrigens gibt er im allgemeinen mehr auf die Volkszugehörigkeit
(mit Erziehung, Umwelt, Landschaft usw.)
als auf die Rasse. Manches wäre wohl noch zu gewinnen
, wenn auch auf die Sprache und ihrem Zusammenhang
mit dem christlichen Erleben und Urteilen abgehoben
würde. Abgesehen von der völkisch-rassischen
Einreihung sind die Lebensbilder wissenschaftlich zureichend
(wenn auch ohne neue Ergebnisse eigener Forschung
) und wirksam gestaltet, sodaß sie im Religionsunterricht
, dem sie zunächst dienen sollen, einen starken
Eindruck von dem Reichtum und der Kraft christlichen
Lebens vermitteln können.

Außer den oben genannten Persönlichkeiten sind es noch folgende :
„Der Grieche Origenes", „der Römer Ambrosius", „der Nordafrikaner
Augustin", „der Spanier Ignatius", „der Engländer Cromwell", „der
Norweger Hans Hauge", „der Russe Tolstoi", „der Amerikaner Gregory",
„der Inder Sundar Singh", „der Japaner Kagawa".
Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Schütz, Lic. Dr. Paul: Der Anti-Christus. Eine Studie über die
widergöttliche Macht und die deutsche Sendung. Berlin: Furche-
Verlag 1933. (68 S.) 8°. = Stimmen a. d. deutschen christl. Studentenbewegung
, H. 83. RM 1.80.
Kein systematisches Werk wie die alten Satanolo-
gien, sondern praktisch, blutvoll, unter ungeheuren Wirklichkeitseindrücken
geschrieben und doch wieder wie
eine Dichtung, zugespitzt, aufwühlend, zur Stellungnahme
zwingend, apodiktisch, ohne den Versuch theologischer
Beweisführung, sodaß auch keine „Widerlegung" angebracht
wäre. Die Schrift wendet sich gegen den unbekannten
Teufel, besonders auch gegen den religiös-kirchlichen
Teufel. Sie ist sich bewußt: auch dies ist ein
Pakt mit dem Teufel, daß er sich vor uns verbirgt und
wir uns vor ihm verbergen, — ja, es kann die Feder,
die gegen den Teufel schreibt, vom Teufel geführt sein.
Das ist die Kunst des Bösen, wie Schütz zeigt, daß
er sich wegzaubert und doch zugleich die Menschen
unterwirft: der Mensch leugnet den Teufel, d. h. den
Personcharakter des Bösen, und ist dabei von ihm
besessen. Schütz lebt so tief in seiner Sache, daß er
Gottesleugnung und Teufelsleugnung als zusammengehörig
bezeichnet,— eine These, bei der sich einem Neuprotestanten
das Herz im Leibe herumdrehen muß. Der
tiefste Gedanke der Schrift ist wohl der: Der Teufel
hat keinen Leib, haßt deshalb alles Leibliche, entleibt
die Welt. Der Idealismus (im Sinn des Gegensatzes