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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

282-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Coulton, George G.

Titel/Untertitel:

Scottish abbeys and social life 1934

Rezensent:

Goetz, Hermann

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'281

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 15/16.

282

sen, der mit evangelischen Studenten Thomas zu lesen
versucht hat. Andererseits zeigt sich an dem vorliegenden
ersten Bande auch die Schwierigkeit einer brauchbaren
Übersetzung. Unsere deutsche philosophische Sprache
hat sich nun einmal weithin unabhängig von scholastischer
Sprache und vor allem von scholastischem
Denken entwickelt, und so ist es oft kaum möglich,
einen lateinischen Terminus im Deutschen überall in
der gleichen Weise weiterzugeben. Wo es die Übersetzer
trotzdem versuchen, wird der Sinn verdunkelt:
corpus muß eben oft durch „sinnlicher oder materieller
Gegenstand" wiedergegeben werden (S. 50), kein unbefangener
Leser wird z. B. vermuten, daß mit „Körperwelt
" die Welt des Materiellen gemeint ist. Auf der
anderen Seite erschwert es natürlich das Einarbeiten
in Thomas, wenn metaphysische Grundbegriffe wie modus
, essentia, quidditas je nach dem Zusammenhang
verschiedenartig übersetzt werden. Diese sprachlichen
Schwierigkeiten sind wohl auch der Hauptgrund, weshalb
fortlaufend unter der deutschen Übersetzung der
lateinische Text (in seiner besten erreichbaren Form) gegeben
wird: die Übersetzung ist gewissermaßen nur
als eine Einführung in den lateinischen Text gedacht.

Im Ganzen ist die Übersetzung gut gelungen. Sie
bemüht sich einfach, verständlich und modern zu sein.
Freilich ist das zuweilen nur so möglich, daß der Text
sehr frei wiedergegeben wird. Vergl. z. B. in I q 3
(S. 50) „Utrum sitineo compositio quidditatis, sive essen-
tiae, vel naturae, et subjecti" wird übersetzt „Gibt es bei
Gott eine Zusammensetzung im Wesen selbst, aus Wesen
und Wesensträger?" Manche Übersetzungen sind
recht gut gewählt, etwa simpliciter primum esse = Ur-
sein oder summum bonum simpliciter = das höchste Gut
schlechthin. Dagegen scheint mir z. B. animal = Sinnenwesen
statt Lebewesen (lq 2, S. 38) irreführend,
und ipsum esse (auch esse subsistens) = das in sich
ruhende Sein trotz der ausführlichen Begründung S. 343
falsch zu sein. Denn der Sinn ist: das in sich selbst
gegründete Sein, es handelt sich nicht um den Gegensatz
von in sich ruhen und aus sich heraustreten, sondern
um den Gegensatz einer Wirklichkeit, die das Prinzip
ihres Seins in sich hat und einer von anderwärts her
erzeugten Wirklichkeit. 1 q 6 a 1 stört der Wechsel in
•der Ubersetzung von bonum esse: es muß an allen
Stellen mit „das Gutsein" wiedergegeben werden, nicht
mit „gut zu sein". Bei der Sorgfalt, die der erste Band
durchweg verrät, wird es hoffentlich gelingen, in den
folgenden Bänden solche kleinen Anstöße zu beseitigen.

Neben der Übersetzung, die mit dem Text der ersten
13 Quaestiones zusammen etwa 3/5 des Bandes umfaßt,
sind reichlich Anmerkungen gegeben. Sie sollen in
den Sinn der einzelnen Begriffe hineinführen und dienen
gleichzeitig der Auseinandersetzung des Thomismus mit
der modernen Philosophie. Sie verraten eine gründliche
Vertrautheit mit den neueren erkenntnistheoretischen
und metaphysischen Fragestellungen. Auszüge
aus anderen Thomasschriften dienen zur weiteren Verdeutlichung
seiner Ausführungen. Interessant ist hier
die vorwaltende Tendenz, Thomas gegenüber einer rein
intellektualistisehen Auslegung in Schutz zu nehmen.
Freilich gelingt das nicht immer. Mir scheint, daß die
Ausleger selbst den neuplatonischen Seinsbegriff, der
von Thomas so oft verwendet wird, durch den positivistischen
ersetzen (vergl. z. B. Anm. 60, S. 355). Auch
ist die Tendenz nicht zu verkennen, zuweilen neuere
Ideen in Thomas hineinzulegen, um die Fiktion aufrecht
zu erhalten, daß er auch heute noch absolute
Autorität sein kann.

Den Schlußteil des Bandes bildet ein „Kommentar",
der den inneren Fortschritt des Gedankens in jeder einzelnen
Frage und in jedem einzelnen Artikel aufweist.
Anmerkungen und Kommentar dieses ersten Bandes sind
so reichlich gehalten, daß ihr Studium schon ziemlich
ausreichen wird, den Leser mit den Denkmethoden und
den philosophischen und theologischen Grundgedanken

des hlg. Thomas vertraut zu machen. Für Seminarübungen
dürfte der Band vorzüglich geeignet sein.
München. Otto Piper.

Coulton, O.C., Litt. D., FBA.: Scottish Abbeys and social Life.
London : Cambridge University Press 1933. (IX, 293 S. m. Abb.) 8°. =
Cambridge Stud. in Medieval Life and Thought. geb. 12 sh. 6 d.
Aus Vorlesungen, die der Verfasser als Lektor der
Universität Cambridge im Auftrag der Society of Antiquaries
of Sootland im Jahr 1931 gehalten hat, ist dieses
den Umfang der Vorlesungen weit überschreitende Werk
entstanden, das aufgrund eingehender Studien ein wenn
auch nicht erschöpfendes Bild des schottischen Mönch-
tums in Schottland und Irland und seiner sozialen Stellung
zeichnet. Es umfaßt die Zeitspanne etwa vom
Jahre 400 an, wo St. Ninian in Whithorn das älteste
schottische Kloster gründete, über das geschichtliche
Nachrichten vorliegen, bis in die nachreformatorische
Zeit. Das romfreie keltische Mönchtum war völkisch
national eingestellt, lebte vielfach in Doppelklöstern und
ließ sich auch später, als von England her römischer
Einfluß durchdrang, noch auf Jahrhunderte hinaus die
Ehe nicht verbieten. Aus Missionaren des Christentums
wurden bald Landbesitzer, die sich als Herren gaben und
in gehobener sozialer Stellung lebten und königliche
Rechte, z. B. die Gerichtsbarkeit, ausübten. Ihr Besitz,
der gegen die Regel oft auch persönlicher Art war,
steigerte sich durch Privilegien, Monopole, Vermächtnisse
und Einkünfte aus Kasualien, die fast ebenso oft durch
Mönche wie durch die Priester der Parochialkircben
ausgeübt wurden. Wenn auch der Mönch im Durch -
schnitt einen besseren Gebrauch von seinen Einkünften
machte als der Priester, so mehren sich doch die Klagen,
daß auch der für die Armen oder die Zwecke der Kirche
bestimmte Teil der Einnahmen in die falschen Taschen
floß. Und je schwieriger es oft wurde, die Abgaben einzutreiben
, umsomehr trat die Frage um die Seelen zurück
hinter der um die Einkünfte.

Schottland litt wohl mehr als andere Länder unter
dem System der „Commende", wonach reiche Abteien
an Vornehme verschenkt wurden, die die Einkünfte bezogen
und die Mönche jämmerlich bezahlten und sich
um die Ausübung der priesterlichen Funktionen nicht
kümmerten. So standen z. B. im Ausgang des 14. Jahrhunderts
einem Abt oft nicht mehr als 80—100 M. pro
Mönch und Jahr zur Beköstigung und Verpflegung zur
Verfügung, eine Armut, unter der naturgemäß die Armenpflege
eines Klosters sehr leiden mußte. Reformbestrebungen
kamen im 15. Jahrhundert in Gang. Unter
den sozialen Kräften standen gleichwohl die Abteien und
Klöster durch Arbeitsorganisierung, Bodenverbesserung
und in anderer Hinsicht durch Jahrhunderte an erster
Stelle. Auf Klosterboden zu wohnen, war besonders
in Schottland von Vorteil, da die Mönche meist freundliche
Vermieter waren. Sie waren es auch, die der europäischen
Zivilisation in Schottland Eingang verschafften.
Gleichwohl war die Bildungshöhe in den schottischen
Klöstern noch im Mittelalter teils sehr gering. Die
Mönche selbst konnten vielfach überhaupt nicht schreiben
, weshalb die Abfassung von Chroniken oft sehr
vernachlässigt wurde. Da sie auch in der Aufbewahrung
des von Früheren Geschriebenen sehr nachlässig waren,
sind unsre Kenntnisse über die schottischen Klöster teils
sehr gering. Was sie an Büchern besaßen, hatten sie
mehr geschenkt bekommen als selbst hergestellt. Trotzdem
waren die Klöster die einzigen Aufbewahrungsstätten
der im Lande vorhandenen Bücher. Lerneifer
i finden wir kaum, viele Mönche waren nicht einmal des
Lateinischen kundig. Universitäten wurden weder von
Mönchen noch für Mönche begründet. Der Unterricht,
den man im Kloster erteilte, kam kaum der Jugend des
Landes zugut, sondern beschränkte sich auf die Unterweisung
der Novizen, die aber auch meist sehr dürftio-
blieb.

Bei allen Verdiensten des Mönchtums in früherer
Zeit ist das Bild, das es am Ausgang des Mittelalters