Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

6-8

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Käsemann, Ernst

Titel/Untertitel:

Leib und Leib Christi 1934

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

5

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 1.

6

Es folgen die Exkurse. Der erste geht den Ursprüngen
der Gottesidee bei Piaton nach; er findet sie
abhängig von der der Dichter, der Vorsokratiker, und
nicht /um wenigsten der Orphiker und Pythagoreer,
welche letzteren der Ideenlehre den accent religieux
verleihen. — Exkurs B behandelt die Teilung Körper,
Seele, Geist I. Thess. 5, 23 und die griechische Philosophie
. F. weist die Ableitung der Trichotomie von der
platonischen zurück. Mit Recht; denn bei Paulus handelt
es sich um den ganzen Menschen, wahrend bei Piaton
nur die Seele dreigeteilt ist. Aber eine Abhängigkeit
von Aristoteles oder den Stoikern kommt ebenso wenig
in Betracht. Dagegen zeigen Stellen aus Plutarch und
Philon — F. läßt die Frage der Herkunft offen —, wo
die Seele zwischen Körper und Geist steht wie der Mond
zwischen Sonne und Erde, die Umwelt des paulinischen
Drciklanges. In dem Pneuma statt des in der griechischen
Philosophie üblicheren Nus — wiewohl auch dieser
Ausdruck Paulus vertraut ist — sieht F. im Gegensatz
zu Rcitzenstein einen jüdischen Lehrbegriff und sucht das
durch Stellen aus der Genesisexegese Philons darzutun,
wo dieser Gott dem von Erde geschaffenen und mit vergänglicher
Psyche ausgestatteten Menschen ein Pneuma
einhauchen läßt, eine Ableitung, di^ mir nicht übet zeugender
erscheint als die aus der hellenistischen Mystik
(vgl. Lietzmann zu Roe. VIII 11). — Exkurs C bietet
eine Sammlung von Stellen aus Aristoteles in der christlich
-griechischen Literatur bis Theodoret. Es ergibt sich,
daß Aristoteles in dieser Zeit geringeres Verständnis gefunden
hat als im Mittelalter. Ocellus Lucanus (S. 220)
ist jetzt zu benutzen nach der kommentierten Ausgabe
von R. Härder, Berlin 1926, Neue philol. Unters, hsg.
v. W. Jaeger. — Exkurs D ist ein Vergleich von St. Paulus
und Mark Aurel. Zwei Gedankenreihen stellt F. für
Mark Aurel heraus: Gott hat in uns seinen Sitz, ihn
muß man pflegen. Aus dem Teilhaben der Menschen an
diesem Daimon folgt ihre Verwandtschaft, und daraus
ergeben sich die sozialen Pflichten. Nicht viel anders
Paulus, wenn er die Christen den Tempel Gottes
nennt. Aber der Geist Gottes, der darin Wohnung
nimmt, ist ein anderer. Ist mit dem stoischen Nus das
Göttliche schon an sich im Menschen, so überkommt
das christliche Pneuma als Gnadengeschenk den Auserwählten
Gottes. Und die Gemeinschaft der Menschen
ist keine abstrakte Idee, sondern sie baut sich auf dem
lebenden Eckstein Jesus Christus auf, mit dem zusammen
der Christ leidet und hofft, während der Stoiker den
Selbstmord lehrt. — Endlich Exkurs E: der religiöse
Wert der Zauberpapyri. Der Magier ist aller Ehrfurcht
vor der Gottheit bar, durch Anruf mit dem rechten
Namen sucht er vielmehr auf sie Zwang auszuüben.
Gegenstand des Anliegens sind zumeist Wünsche des
materiellen Lebens. Die kosmische Natur der Gottheit
läßt ihre Kraft in alle möglichen Dinge fließen, in deren
Besitz sich der Mensch zu setzen sucht. Trotz gewisser
Übereinstimmungen zwischen Zauber und Mysterium ist
doch die religiöse Haltung des Mysten, der sich seelisch
dem leidenden Gotte angleicht, von der des Magiers, der
ihn sich zu unterwerfen sucht, verschieden, so wie die
heilige Handlung der Mysterien ein Miterleben, die des
Zaubers eine bloße Praktik darstellt. Als eine reine
Praktik wird auch die sogenannte Mithrasliturgie A. Dieterichs
, die schon von anderer Seite als solche angezweifelt
war, erfolgreich gekennzeichnet. Die Heimarmene sucht
man durch Anrufung anderer Götter zu gewinnen oder
auszuschalten. Fälle, in denen es in irgend einer Weise
zu einer Vereinigung mit der Gottheit zu kommen scheint,
erklärt F. für bloße Halluzinationen; von moralischer Erhebung
zu Gott ist keine Spur. —

Soviel von diesem anregenden Buch, das nicht nur
dem Studierenden, für den es der Verfasser geschrieben
denkt, sondern auch dem Fortgeschrittenen etwas zu
sagen hat.

Northeim. O- Breithaupt.

Käsemann, Ernst: Leib und Leib Christi. Eine Untersuchung
zur paulinischen Begrifflichkeit. Tübingen: J. C. B. Mohr 1933. (III,
188S.) gr. 8° = Beitr. z. Histor. Theologie, 9.

RM. 10.70; geb. 12.50; i. Subskr. 9.60; geb. 11.40.
Die paulinische Anthropologie ist, solange man sich
wissenschaftlich mit Paulus beschäftigt, Gegenstand ein-
j gehendster Forschung. Insonderheit ist man vor die
Frage nach der Auffassung des Apostels von mml und
oü>uu gestellt; daran schließt sich notwendigerweise die
weitere Frage nach der Bedeutung von jrveüu« und von
oröu« XoLotof). Dem letztgenannten Begriff hatte zuletzt
Tr. Schmidt eine längere Untersuchung gewidmet
(Der Leib Christi. 1919). So sehr diese Arbeit Anerkennung
verdiente und so sehr sie auch die weitere Forschung
befruchtet hat — dennoch ist festzustellen, daß
sie durch das vorliegende Buch Käsemann's überholt
ist. K. ist Schüler von Bultmann; auch wenn er
das nicht im Vorwort erwähnt hätte, würde man es doch
sofort, schon auf den ersten Seiten merken; gelegentlich
nennt K. auch seinen zweiten Lehrer, E. Peterson.

Die Untersuchung wird zunächst durch eine Darstellung
des Leibgedankens in der jüdischen und griechischen
Welt unterbaut. Schon hier zeigt es sich,
worauf es dem Vf. in erster Linie ankommt: auf eine geschichtliche
Betrachtungsweise, ein geschichtliches Daseinsverständnis
. Jedem rein naturhaften Betrachten
| steht er ablehnend gegenüber. Die Fruchtbarkeit dieses
; Bestrebens zeigt sich bes. im zweiten Teil der Arbeit,
der sich mit Paulus beschäftigt. Man bedauert fast,
daß dieser zweite Teil so knapp gehalten ist; gelegentlich
hätte eine ausführlichere Darstellung noch mehr
Klarheit gebracht.

Im vorbereitenden Teil hat der Verf. am meisten eigene Arbeit auf
den Leibgedanken im A.T. verwandt, wo er sich bes. an J. Pedersen anschließt
und dessen Gedanken weiterführt. Die Untersuchung (bes. über
die Verwendung von ~N->3 im A.T.) ergibt, daß der Mensch hier „sein
leibliches Dasein nicht aus seiner naturhaften Vorfindlichkeit (versteht),
sondern aus der Sphäre gescliichtlich-tathafter Bezogenheit auf die ihn
in seinem leiblichen Dasein transzendierenden und ihn als Handelnden
bestimmenden Mächte, d. h. vom Schöpfergott und aus seiner Schöpfung her?
Dieses Resultat wird bes. einleuchtend durch die Gegenüberstellung mit dem
Leibgedanken in der griechischen Welt. Hier fußt der Vf. auf schon
geleisteten Vorarbeiten, die er klar und gut zusammenfaßt: „Das naturalistische
Daseinsverständnis ist die tragende Einheit aller griechischhellenistischen
Auffassungen vom Leibe". Der dritte Abschnitt beschäftigt
sich mit dem Leibgedanken im Synkretismus und in der Gnosis. Auch
hier fußt der V f. auf Vorarbeiten, bes. denen von Rcitzenstein, Bousset
und Schlier; seine Darstellung führt jedoch durch ihre Zuspitzung auf
das behandelte Problem weiter. Er zeigt, wie in der Gnosis der
griechische Gedanke vom Körper als dem Organ des Geistes aufgegeben
wird; wie hier von einem „Haben des Körpers im griechisch-klassischen
Sinne nicht mehr zu reden ist"; wie man hier nicht mehr besitzt,
sondern besessen wird ; „der Körper hat uns". Damit dringt das Faktum
der Geschichte, als das den einzelnen Menschen übergreifende Geschehen,
ein, jedoch in naturalistischer Verzerrung, wie genauer gezeigt wird.
Sehr genau setzt sich der Vf. dann mit der Vorstellung vom Leibe des
Aion-Urmenschen auseinander und führt auch hier zum selben Resultat:
wie beim Aionleib-Begriff die Leiblichkeit nicht mehr von der Möglichkeit
her verstanden wird, in ihr ein Instrument für die Soya zu besitzen,
! sondern vielmehr die Realität des von außen her .Gehabtwerdens' ist.
| Der Mensch versteht sich leidend. Ist damit nun auch eine Berührung
} mit der alttest. Gedankenwelt zu Tage getreten, so wird dennoch die
| „erkannte Existentialität des Leibes faktisch wieder aufgegeben". Denn
! anstelle eines wirklich .geschichtlichen' Daseinsverständnisses tritt eine
i Metaphysik, die die Leiblichkeit entwertet. ,, .Geschichte' ist nur der
Ablauf eines Entwicklungsprozesses, durch den die Seele frei wird. Die
Mythologie verhilft dem Menschen von der Erkenntnis des im Leibe
,Gehabtwerdens' zu der Hoffnung der Befreiung". Die vom Griechentum
eingeführte Dualität von Seele und Leib endet hier in einem unlösbaren
Dualismus, dessen beide Seiten nur durch einen Mythos vereinigt
werden können. Die griechische Anthropologie endet hier (notwendigerweise
) in der Mythologie.

Wie ist nun Paulus zu verstehen? Wo ist der Anknüpfungspunkt
, der zum Verständnis seiner Begriffe
o-üq!. o<T)|iu usw. führt? Bisher fand man ihn fast durchweg
in der griechischen Anthropologie oder in der griechisch
verstandenen Gnosis (so Baur, Holsten, Lüdemann u.
a.). So faßte man o&m als Form, oäo£ als den materiellen
Leib, als Prinzip dieser Endlichkeit, oder als das