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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

3-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Festugière, André Jean

Titel/Untertitel:

L ' Idéal religieux des grecs et l'évangile 1934

Rezensent:

Breithaupt, G.

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 1.

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Vertretern seines eigenen Ordens, die, wie alle späteren
Derwischkreise, ganz unter dem Einflüsse der Gnostik
Ibn al-'Arabl's stehen.

Zur Charakteristik von 'Abdalqädir's durchaus asketisch
gerichteter Frömmigkeit mag als Einzelzug darauf
hingewiesen werden, daß er das Unglück als Anstoß zum
Wege des Entwerdens für die Sittlichkeit durchaus positiv
wertet; „die Prüfungen werden zu einer Heilsnotwendigkeit
, denn sie dienen zur Läuterung" (Einleitung
S. 42 der Gedanke ist oft in den Predigten ausgesprochen
). Es ist nicht zu verkennen, daß dieser Zug seine
Parallelen auf dem Boden des abendländischen Christen-
tumes fast der gleichen Zeit aufweist, namentlich in
der franziskanischen Frömmigkeit. Der Gedanke, daß
irgendeine gemeinsame Grundlage zu fast gleicher Zeit
hüben und drüben ähnliche religiöse Richtungen erzeugt
habe, liegt nahe; und es drängt sich da ohne weiteres
die Frage auf, ob nicht der asketische Manichäismus
diese gemeinsame Grundlage abgegeben habe. Hatte
dieser doch in gewissen islamischen Kreisen bis in die
Zeit 'Abdalqädir's ein getarntes Fortleben geführt, wie
er denn auch zur gleichen Zeit durch die sog. neu-
manichäischen Sekten im Abendlande an Boden gewonnen
hatte. Die Frage, ober die Ursache dazu gewesen sei,
daß in der damaligen Zeit ähnliche Tendenzen im Islam
wie im abendländischen Christentum auftraten, scheint
mir daher der Untersuchung wert zu sein.

Derartige Versuche, das Schrifttum 'Abdalqädir's religionsgeschichtlich
auszuwerten, sind in der vorliegenden
Publikation nicht gemacht. Ihr Verdienst über den Kreis
der Orientalisten hinaus liegt darin, daß sie in dankenswerter
Weise auch dem der arabischen Sprache nicht
ausreichend mächtigen Theologen und Religionshistoriker
wichtiges Material zur vergleichenden Religionsgeschichte
des Mittelalters erschließt.

Münster i. W. Franz Taeschner.

Festugiere,A.J..O.P.: L'id6alreligieuxdesGrecset l'ßvan-
gile. Paris: J. Oaba!da& Cie. 1932. (340 S.) prr 8° = Etudes Bibliques

Dieses Buch, zu dem Lagrange das Vorwort geschrie-'
ben hat, will untersuchen, wieweit das religiöse Gefühl
und im besonderen das Bedürfnis nach Erlösung die
Griechen zum Evangelium vorbereitet hat. Denn nicht
die Juden, sondern die Griechen haben das Christentum
angenommen, und doch c'est la Grece qui nous a fait
hommes. So läuft die Absicht des Verfassers auf eine
Darstellung des religiösen und sittlichen Ideals der Griechen
, verglichen mit dem christlichen, hinaus; die Erörterung
etwaiger Wechselwirkungen tritt dahinter zurück
. Der Verfasser nennt seine Arbeit Studien (S. 14),
die nicht auf Vollständigkeit Anspruch erheben. In der
Tat läßt schon ein flüchtiger Blick in das Buch diesen
Charakter erkennen. Denn etwa nur die Hälfte ist dem
eigentlichen Thema gewidmet, die andere wird von fünf,
zum Teil bereits anderswo erschienenen Exkursen bestritten
, die freilich alle mit der Aufgabe in irgendeiner
Verbindung stehen. Verstärkt wird diese Eigenart des
Werkes noch durch oft seitenlange Anmerkungen, in
denen der Verfasser eine Fülle von kleinen Einzeluntersuchungen
ausbreitet. Doch ist hierin des Guten entschieden
zu viel geschehen; denn zuweilen ziehen diese
Anmerkungen noch ihrerseits Anmerkungen nach sich.
Davon abgesehen, bleibt das Buch ein wohl durchdachtes
, übersichtlich gegliedertes, gut geschriebenes Ganzes;
leider ist es nicht sorgfältig genug von Druckfehlern,
besonders was die Schreibung griechischer Wörter betrifft
, gereinigt worden. Die Darstellung ist unmittelbar
aus den Quellen geschöpft, in denen der Verfasser eine
erstaunliche Belesenheit zeigt.

Nach einer Einleitung, in der F. das griechische Ideal
der Arete mit den sich daraus ergebenden Pflichten zeichnet
und dann die Frage stellt, was denn den Menschen
dieses Ideals gefehlt habe, wenn sie sich dem Christentum
zuwandten, folgt der erste Hauptteil mit fünf Kapiteln
über die Philosophie, und zwar Piaton, Aristoteles,

Epikur, die Stoiker und den Neupythagoreismus. Piatons
Weg zur Unsterblichkeit führt vom Menschen zu
Gott, nicht umgekehrt — l'homme se fait dieu, mieux, il

I est dieu —; Aristoteles fehlt es zur Überbrückung des
Abstandes zwischen dem Menschen und dem nur auf

| sich gerichteten Gott an einer die Welt liebenden, schaf-

j fenden und erhaltenden Vorsehung; auch die Götter
Epikurs fesselt kein Band an die Welt, und sein Materialismus
verbietet den Glauben an eine unsterbliche

j Seele, Ruhe und Frieden, Nihilismus ist das Ziel dieses
abendländischen Buddha, wie ihn F. nennt; die Stoa, die
sich im vermeintlichen Gefühl der Überlegenheit erkühnt,
das Leid herauszufordern, entbehrt im Hymnus eines
Kleanthes und in Aussprüchen ihrer kaiserzeitlichen Vertreter
nicht eines starken religiösen Gefühls, doch wird
dieses durch die Vorstellung des unpersönlichen, materiellen
Gottes eingeschränkt; ähnlich fehlt der persön-

I liehe Gott auch dem durch Reinheit Gott suchenden Neupythagoreismus
, der kaum noch eine Philosophie zu
nennen ist. Bieten diese Ausführungen auch nichts eigentlich
Neues, so sind sie doch recht lesenswert. F. beschränkt
seine Darstellung des Stoizismus im wesent-

I liehen auf die alte Stoa, wogegen man bei dem Charakter
des Buches nichts einwenden kann; doch hätte man
hier und auch an anderen Stellen vielleicht gewünscht,
daß ein Denker wie Poseidonios und die Literatur über
ihn stärker berücksichtigt worden wäre. S. 69 wird auf
einen Satz des Babyloniers Diogenes verwiesen, der Stoic.
vet. fr. 668 (S. 167,34) v. Arn. stehen soll; es handelt
sich hier aber nicht um ein Fragment aus Diogenes, sondern
aus Chrysipp, das Eusebios dem Epikureer Dio-

! genian (P.W. R. E.V1 Sp. 777ff.) entnommen hat.
Der zweite Hauptteil behandelt die Religion. „Das
Schachspiel der Philosophen" überschreibt F. das erste
Kapitel, in dem er Ciceros Schrift De natura deorum analysiert
. Tatsächlich ein Spiel: hie Stoa, hie Epikur, und
gegen beide der Akademiker, der mit seiner auflösenden
Skepsis den epikureischen Gottesglauben als Gottlosigkeit
entlarvt und gegen die stoische Vorsehung das Problem
des Leides ins Feld führt. — Das führt im zweiten
Kapitel zu einer Besprechung der Hauptzüge der Heimar-
mene, dieser unheimlichen Macht, der man sich in Resignation
beugt oder durch Flucht in die Mysterien und
ins Christentum zu entrinnen sucht. — In dem folgenden
Kapitel unterscheidet F. zwischen kultischen und
literarischen Mysterien. Das Wesen der letzteren, die
nicht für das Volk bestimmt und der Gnosis der Philosophen
vergleichbar sind — Piaton... est, en verite, le
Premier gnostique —, erläutert er an dem Buche des
Astrologen Vettius Valens; hingegen jene sind zwar
auch an das Wort gebunden, aber noch vielmehr an eine
Handlung. — Das vierte Kapitel über Mysterien und
Mystizismus zeigt, daß für den Mysten nicht das Einswerden
mit Gott, sondern die Erlösung vom Unglück
das Ziel ist, dessen er durch gewisse Handlungen wie
heilige Mahlzeit, Hierogamie, Adoption u. a. gewiß wird.
— Im fünften und letzten Kapitel über den volkstümlichen
Unsterblichkeitsglauben erhält der Leser eine
Sammlung von entsprechenden inschriftlichen Texten,
die zwei Gesichtspunkte erkennen lassen: entweder geht
die Seele in den Äther ein oder wird ein Stern, oder anderseits
sie enteilt zu den Seligen. — Den Beschluß dieses
Teils macht der Abschnitt „Die Erlösung". Der
Grieche reagiert auf das Leid entweder durch Pessimismus
oder praktische Tätigkeit oder Leugnung oder gar
Selbstmord, und wo er den Blick von dieser Welt des
Schmerzes auf eine jenseitige richtet, fehlt ihm die Vor-

i Stellung des ihn liebenden Gottes. Wie man sieht,
herrscht auch in diesem zweiten Teil große Freiheit der
Stoffauswahl. Eine gesonderte Darstellung erfährt der
christliche Standpunkt nicht. S. 119 und 129, auch im
Verzeichnis S. 335, leitet F. aus dem S. 109 zitierten
Genitiv iteviitojv versehentlich den Nominativ rc&nrroi statt
jtEvnxe? ab. Auch sollte man nicht das Wort hvctttiqkxv
mit einem unmöglichen |xuT)ankH<>v erklären (S. 119).