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Ausgabe:

1933 Nr. 10

Spalte:

173-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mackinnon, James

Titel/Untertitel:

The Historic Jesus 1933

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

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Seite 1

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173

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 10.

174

Jenseitsleben. Naturmächte und menschlicher
Körper.

IV. Biblische Heilsgeschichte.

V. Israel. Symbolik des Kultus und Ritus. Sabbat
und Feste. Segnungen. Das Zehnwort. Gebete.
Weg der Frommen.

VI. Exil und Erlösung. Der Messias. Zukunfts-
Visionen.

VII. Legenden um Schim 'on ben Jochai und seinen
Jüngerkreis.

Es ist verdienstlich, daß von diesem kanonischen
Buch der Kabbalisten, das als Ganzes noch nicht ins
Deutsche übersetzt ist, endlich einmal wenigstens eine
teilweise deutsche Übertragung geboten wird. Der Sohar,
welcher von den Einen in den Beginn des 14. Jahrhunderts
, von den Anderen in das 13. Jahrhundert versetzt
wird, hat für uns den Wert, als Führer zu verschiedenen
kabbalistischen Theorien dienen zu können. Allerdings
ist das Verständnis nicht immer unbedingt sicher zu stellen
, weil, wie der Verf. Seite 13 gut bemerkt, „die Darstellung
das Werkzeug der Sprache im Sinne einer bestimmten
geheimen Terminologie, die uns heute kaum
mehr zugänglich ist, benützt". Als religionsgeschichtliche
Erscheinung hat die Kabbala mit ihrer Mystik die Bedeutung
einer Parallelerscheinung zu der christlichen
Mystik wie zu der des Islam. Überall ist die Mystik als
Reaktionserscheinung gegen eine auf die Spitze getriebene
Intellektualisierung der Religion zu bewerten. Diese
Zusammenhänge darzulegen ist wichtiger, als solche
mehr als zweifelhafte Behauptungen aufzustellen, wie
etwa auf S. 9, daß die früheste Fixierung jener Geheimlehre
in das früh-alexandrinische Zeitalter zu verlegen
sei. Die Quellen, aus denen manches geflossen ist, mögen
z. T. in jener Zeit liegen, aber die Vermittlung ist
eine weitläufige und eine späte — genau so wie bei der
Vermittlung der aristotelischen Philosophie.

Der Verf. hat seiner Übersetzung die Wilnaer Ausgabe
zugrundegelegt. Nach Stichproben, die ich allerdings
nicht nach der angegebenen Ausgabe, sondern
nach der bei Props 1715 in Amsterdam erschienenen
Ausgabe vorgenommen habe, scheint die Übersetzung
zuverlässig zu sein. Allerdings kommt wohl einmal
etwas Unverständliches vor, das nicht im Text begründet
•ist; z. B. S. 176: „als er der Art der Thora bestehen
wollte". Es hätte verständlich heißen müssen: „als er
auf den Gesetzen (Bräuchen) der Thora bestehen
wollte".

Dankenswerterweise hat der Verf. jedem einzelnen
Abschnitt für Laien berechnete kurze erklärende Anmerkungen
beigegeben, die die schwierigsten Ausdrücke erklären
und Sachliches zum Verständnis beisteuern. Ein
Inhaltsverzeichnis und, was bei der Anlage des Buches
sehr wünschenswert ist, ein Verzeichnis der übersetzten
Soharstellen beschließen den Band. Als Schmuck ist
eine schöne Titelzeichnung von Uriel Birnbaum, welche
neben anderen jüdischen Symbolen die Tafel der zehn
Sefirot bietet, hinzugefügt. Eine Erläuterung dieser
Tafel findet sich auf der Rückseite des zweiten Titelblattes
.

_ Ooslar/Harz.____Hugo Duensing.

Mackinnon, James, Ph. D., D. D., D. Theol.: The Historie Jesus.
London: Longmans, Green & Co. 1931. (XXXII, 407 S.) 8°. geb. 16 sh.
Von 1925—30 war das große vierbändige Lutherwerk
von Mackinnon (Prof. d. Kirchengeschichte in
Edinburgh) erschienen. Jetzt legt derselbe Verf. ein
„Leben Jesu" vor, das er der Theologischen Fakultät
Halle-Wittenberg als Dank für die ihm verliehene Doktorwürde
widmet. Er versucht darin aus den Synoptikern
und Johannes, den er weithin, wenn auch nicht durchweg
, für historisch zuverlässig hält, den Lebensgang Jesu
zusammenzustellen. Er sieht dabei wohl die Schwierigkeiten
die einem solchen Unternehmen entgegenstehen;
er glaubt aber, sie überwinden zu können. Und so zeichnet
er das Leben Jesu, angefangen mit der Geburt (die
Jungfrauengeburt hält er für unhistorisch) bis zum Tode

am Kreuz und der Auferstehung; er zeichnet aber auch
die innere Entwicklung, die Jesus, der größte der Pro-

j pheten (vgl. bes. S. 390), durchgemacht hat: vom prophetischen
Reformer seines Volkes bis hin zum Messias,
der sah, daß er für das Volk leiden und sterben müsse
(vgl. etwa S. 205).

Ich habe gegen sehr Vieles in diesem Buch Bedenken
. Vor allem scheint mir die Verwertung der Quellen
nicht richtig. Die neueren Forschungen, bes. die der
,formgeschichtlichen Schule', haben es doch wohl er-

1 wiesen, daß die Evangelien nicht als Grundlage eines
,Leben Jesu' dienen können. Der Verf. geht darüber zu
schnell hinweg, obgleich ihm die einschlägigen Werke

] bekannt sind. Maßstab für Geschichtlichkeit ist ihm im
Wesentlichen die Möglichkeit, daß es so gewesen sein
kann. Dadurch greift eine starke Willkür Platz: was
dem Verf. in den 4 Evangelien wahrscheinlich erscheint,
wird dem Lebensbild Jesu eingeordnet; was ihm unwahrscheinlich
erscheint, wird ausgeschieden (man vgl. etwa
Kap. I „Die Geburt"). Aber auch bei der Art der
Quellenbehandlung, wie sie der Verf. handhabt, erscheint
mir Vieles unberechtigt. Die Betonung der Diesseitigkeit
des Reiches Gottes ist übertrieben; man kann darüber
streiten, ob die nur-eschatologische Fassung richtig
ist; sicherlich kann man aber die Diesseitigkeit nicht so
stark hervorheben. Und das ist es vielleicht, was an diesem
Buch am stärksten befremdet: es sieht in Jesus den
Idealisten, den Optimisten, den Reformer, das große
ethische Vorbild, das unsere verdorbene Welt verbessern
will. Man fragt sich: läßt sich das alles wirklich so aus
den Evangelien herauslesen? Widerspricht dieser Auffassung
nicht schon so eine Stelle, wie Luc. 4, 16—30,

i die doch gerade bei der Quellenbehandlung des Verf. an
den Anfang der Wirksamkeit Jesu zu setzen ist? Zeigen
die Evangelisten wirklich, daß Jesus erst allmählich zur
Erkenntnis kommen mußte, daß sein Plan einer ,Welt-
verbesserung' aussichtslos sei und daß er anstatt dessen
nur durch sein Leiden helfen konnte? War nicht vielleicht
sein Leben schon von seinem ersten Auftreten an
ein Leiden?

So legt man dieses ,Leben Jesu' nicht recht befriedigt
aus der Hand. Es ist zu stark aus einer kulturoptimistischen
Stimmung heraus geschrieben, die heute
nicht mehr am Platz ist.
Göttingen._H. Seesemann.

Mereschkowskij, D. S.: Jesus der Unbekannte. Einzig
berechtigte Übertragung a. d. russischen Manuskript. Leipzig: Greth-
lein & Co. 1932. (432 S.) 8°. RM 4.50; geb. 8.50.

Mereschkowskij bietet uns die erste Hälfte eines
„Lebens Jesu": Quellenkunde und Geschiente Jesu vor
seinem öffentlichen Auftreten. In einem anderen Buche
will er „von seinem offenbaren Leben, seinem Tode und
seiner Auferstehung" handeln.

Wie man schon aus anderen Werken M.s weiß, hat
er sich viel mit Geschichte befaßt und versteht es oft,
die Art einer vergangenen Zeit anschaulich zu machen.
Dabei liegt ihm aber offenbar die dichterische Schau
mehr, als die wissenschaftliche Arbeit. Das vorliegende
Buch leidet darunter, daß es Dichtung und Wissenschaft
sein will: die Grenze zwischen beiden ist nicht
einmal überall scharf gezogen.

Wissenschaftlich befriedigt M.s Jesusbuch nicht. M.
hat viel in Quellen und Darstellungen (auch neueren
evangelischen) gearbeitet. Aber aus den Quellen schöpft
er nicht immer unmittelbar. Und bei der Auswahl der
Darstellungen ist ihm Wichtiges entgangen. So finden
wir bei M. allerhand geistreiche Sätze und Erörterungen,
die mehr oder minder richtig sind. „Renans ,Leben
Jesu' ist das Evangelium des Pilatus" (S. 18). „Die
russischen Kommunisten ... dienen gegenwärtig Christus
, wie schon lange keiner Ihm gedient hat. Die Gewohnheit
, diesen Staub der Jahrhunderte, vom Evangelium
fortblasen; es so neuartig machen, als wäre es
gestern geschrieben ... dieses für das Evangelium zur
Zeit wichtigste Werk, die russischen Kommunisten lei-