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Ausgabe:

1933 Nr. 9

Spalte:

157-159

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Michel, O.

Titel/Untertitel:

Paulus und seine Bibel 1933

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 9.

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daß das genealogische Schema den Isaak zum Vater
Jakobs macht, bleibt die Erinnerung bewahrt, daß man
in Israel früher zum „Schrecken Isaaks" gerufen hat
als zum „Starken Jakobs". — Wie der Inhalt zeigt, ist
Methode und Ergebnis dieser Arbeit in gleicher Weise
erfreulich und bereichernd. Man wird mit lebhaftem
Interesse der angekündigten Untersuchung über die
Hebron-Tradition entgegensehen. Der Wert solcher Arbeiten
für die geschichtliche und religionsgeschichtliche
Auswertung der Genesiserzählungen wie überhaupt für
die Aufhellung der Frühzeit Israels liegt auf der Hand.

2 Berichtigungen: S. 27 Anm. Z. 11 v. u. lies statt
„B." (=Beerseba) „Bethel". — S. 30 Anm. Z. 7 v. u.
lies „Vätergottreligion".
Caldern (Marburg). H. W. Hertzberg.

Michel, O.: Paulus und seine Bibel. Gütersloh: C.Bertelsmann
1929. (XII, 212 S.) gr. 8°. — Beiträge z. Förderg. christl. Theologie,
2. Reihe, 18. Bd. geb. RM 9—.

Das sehr breit und stilistisch primitiv geschriebene,
leider nicht mit Registern versehene Buch umfaßt eine
Reihe von Abhandlungen, die sich alle auf das Verhältnis
des Paulus zum AT beziehen, ohne jedoch eine
innere Einheit zu bilden. Wie die Einleitung eine Skizze
der Geschichte der Forschung gibt, so enthalten auch
die einzelnen Teile breite Darstellungen der Situation der
Forschung, und in der Auseinandersetzung mit den
Forschern sucht der Verf. die jeweiligen Fragen weiterzuführen
. Kann man auch leider nicht sagen, daß er
die Fragen jeweils zum erreichbaren Abschluß brächte
oder durch neue Einsichten entscheidend förderte, so
hat die Arbeit doch ihren Wert in den resümierenden
Darstellungen und der Zusammenstellung des Materials.

Im 1. Kap. (Was versteht Pls. unter Heil. Schrift?)
hebt der Verf. hervor, daß Pls. aus dem Kanon des AT,
der für ihn derselbe gewesen sein wird wie für uns, vor
allem Jes., Ps., Gen. und Dt. zitiert (vollständiges Verzeichnis
der Zitate S. 12 f.). Die umstrittene Frage, ob
er die Sap. gekannt hat, wird so entschieden, daß Pls.
und die Sap. von der apologetischen Tradition des Judentums
abhängig sind. Im übrigen sei Pls. von rabbi-
nischer Tradition abhängig, nicht jedoch von „Flori-
legien". Der Verf. sagt, m. E. mit Recht, daß sich
Spuren vorchristlicher Florilegien nicht nachweisen lassen
, und daß christliche Florilegien erst für die nachapostolische
Zeit zu vermuten sind. Dies Ergebnis wird
später insoweit modifiziert, als der Verf. meint, zeigen zu
können, Pls. schöpfe manche Zitate und auch Zitatverbindungen
aus älterer christlicher Tradition.

Der Verf. sieht es als erwiesen an, daß Pls. nur die
LXX zitiert und nie auf den Urtext zurückgreift. Der
Einfluß der LXX auf die Sprache des Pls. wird illustriert
und die Frage, welche Textform der LXX Pls.
benutzt habe, im Anschluß an Deißmann beantwortet.

Die Einführungsformeln der paulin. Zitate (eine
Tabelle S. 72) zeigen die Verwandtschaft seines Schriftgebrauchs
mit dem rabbinischen, aber auch mit dem
hellenistischen. Von diesem bietet der Verf. leider nur
dürftige Beispiele; bes. Philon ist nur ganz flüchtig behandelt
. Daß Pls. im Unterschied von der alexandrini-
schen Auffassung ein Interesse für die menschliche Vermittlung
des at. üotteswortes gehabt habe, wird aus
Formeln wie Rm. 9,27; 10,5. 20 m. E. mit Unrecht gefolgert
. Nützlich ist die Übersicht über die Änderungen,
die Pls. am Wortlaut des AT teils aus theologischen,
teils aus schriftstellerischen Motiven, teils auch rein zufällig
vornimmt (eine Tabelle S. 74 f.). Doch hätte der
Verf. hier auf die rabbinische Weise des Zitierens, vor
allem aber auf die Paraphrasier-Methode der Targu-
mim, von der Pls. zweifellos abhängig ist, eingehen
müssen. Richtig hebt er aber hervor, daß die Art, Zitate
mehrerer Schriftgattungen zu kombinieren, dem Pls. mit
den Rabbinen gemeinsam ist.

Hie letzten Ausführungen gehören eigentlich in das
2. Kap. (Wie hängt die Schriftauslegung des Pls. mit

der Auslegung ihrer Zeit zusammen?), das zunächst das
Verhältnis der paulin. Exegese zur rabbinischen charakterisiert
. Die Übereinstimmung in der Methode und1 ein-

! zelneri Regeln wird anschaulich gemacht, ohne daß freilich
neue Erkenntnisse gewonnen würden. Zu flüchtig

I ist von der Verwendung von Gleichnissen bei Pls. und
den Rabbinen die Rede. Und wenn der Verf. zum Schluß
den Gegensatz rabbinischer und paulinischer Beweisführung
dahin bestimmt, daß der Rabbi, um Israel (nicht

I auch Gott?) zu verherrlichen, umlaufende Traditionen,
Sitten und Gewohnheiten in den Text hineinliest, während
Pls. aus dem Text heraus- und in ihn hineinliest,

j was er an dogmatischen, geschichtlichen und ethischen
Überzeugungen hat, so ist damit doch ein grundsätzlicher
Unterschied in der Stellung des Exegeten zu seinem
Text nicht angegeben. Und der Satz, daß die Überzeugungen
des Pls. „nicht einfach Traditionen, Sitten
und Gewohnheiten seiner Zeit, sondern vielmehr Versuche
, von einem neuen ... Heilsverständnis aus das
ganze Leben und die ganze Geschichte zu verstehen",
gewesen seien, — kann nicht zur Klärung dienen. Entscheidend
ist für die Stellung zur Schrift doch nicht die
Tatsache, ob die Überzeugungen, die die Interpretation
bestimmen, alt oder neu sind, sondern ob bzw. wieweit
der Text durch die mitgebrachten Überzeugungen des
Exegeten vergewaltigt wird oder ihnen gegenüber zu
Worte kommt. Was die grundsätzliche Frage betrifft,
so ist der „Prophet" nicht besser dran als der „Gelehrte
".

Richtig ist dagegen der Unterschied der pauliuischen
Exegese von der philonischen dahin bestimmt, daß Pis.
nicht nur viel sparsameren Gebrauch von der Allegorese
macht, sondern vor allem, daß er nicht wie Philon in
der Geschichte und im Gesetz nur Spiegelbilder ewiger
Ordnungen und Ideale sieht. Mit Philon verbinde ihn
aber die Auffassung, daß die Schriftauslegung auf Geisteswirkung
zurückgehe, die Typologie (in deren Auffassung
freilich wieder ein Unterschied besteht) und
die Anwendung einiger hermeneutischer Regeln. Das
ist darin begründet, daß beide in der Tradition der hellenistischen
Exegese stehen, in der die rabbinische Exegese
unter hellenistischein Einfluß weiterentwickelt ist.

Ehe der Verf. dann im 3. Kap. (Was bedeutet für
Pls. das AT?) die Frage nach dem religiösen Verhältnis
des Pls. zum AT untersucht, setzt er sich mit v. Har-
nacks Abhandlung über das AT in den paulinischen
Briefen und in den paulinischen Gemeinden auseinander.
Er meint zeigen zu können, daß das AT in der Mission
und Gemeindeunterweisung des Pls. eine größere Rolle
gespielt hat, als Harnack glaubte. Die Untersuchung
müßte m. E. umfassender angelegt werden durch das
Eingehen auf die Frage nach der Bedeutung heiliger
Tradition für die Propaganda der Mysterienreligionen
und speziell nach der Bedeutung und Verwendungsweise
des AT in der hellenistisch-jüdischen Propaganda.

Welche Bedeutung aber hatte das AT für das persönliche
Leben des Pls.? Hat es wirklich grundlegende
Bedeutung, oder hat Pls. nur seine eigenen Gedanken
in das AT hineingelesen? Die Charakteristik, die der
Verf. vom Verhältnis des Pls. zum AT als von einem
„Geben und Nehmen" gibt, halte ich für ungenügend.
Schon die Fragestellung ist einseitig, ob Pls. nur hinein-
und nicht auch herausgelesen habe. Denn es muß ja
auch gefragt werden, in welchem Sinne das AT gerade

| auch dann für ihn als Autorität von Bedeutung ist, wenn
er etwas hineinliest. Daß es dem Pls. nicht auf den
Buchstaben, sondern auf den Geist ankomme, ist keine

| lösende Formel und läßt sich gewiß nicht durch 2. Kor.
3, 6 begründen. Denn der „Geist" ist für Pls. garnicht
der Inhalt, der die äußere Autorität lebendig macht, und
den er kraft des ihm selber innewohnenden Geistes im
AT aufzuspüren vermag, sodaß er nun den Maßstab
einer „religiösen Kritik einzelner Teile" besäße und im
AT die „Glaubensreligion" von der ihr widersprechenden

! „Gesetzesreligion" unterscheiden könnte. In dieser Auf-