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Ausgabe:

1933 Nr. 9

Spalte:

155-156

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goldschmidt, Lazarus

Titel/Untertitel:

Der babylonische Talmud. Neu übertragen. VI. Bd 1933

Rezensent:

Duensing, Hugo

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165

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 9.

156

Diese Buchanzeige müßte sehr lang gedeihen, wäre
es mit ihr darauf abgesehen, im einzelnen aufzuführen,
was alles Mrs. Rhys Davids anders sieht als „he", der
nun eben auch ein Kind seiner Zeit war („a child of Iiis
generation"), oder, wie sie entschuldigend sagt: „it was
our culture of yesterday that hindered him". Wir von
heute tun jedenfalls nach Mrs. Rhys Davids gut daran,
wieder einmal gründlich umzulernen. Und1 worin das?
Es läßt ganz kurz sich sagen. Unbestritten bleibt, daß
uns im Pali-Kanon die ältesten Quellen des Buddhismus
vorliegen. Die neue Erkenntnis oder Behauptung aber
geht dahin: die echte, ursprüngliche Verkündigung des
Buddha ist auch im Pali-Kanon nicht zu finden, oder:
sie ist doch nur aus ihm hervorzuholen wie aus einem
Palimpsest die unterliegende Schrift. Was wir in den
Pali-Schriften finden, ist nicht in Wahrheit das genuine
Evangelium des Buddha, eine an das Göttliche im Menschen
appellierende, jedermann vermeinte Predigt, es
ist eine mönchische Alterierung, eine kirchliche Superstruktur
, durch die so gut wie alles, indem es von weltflüchtigen
Mendikanten arrogiert wird, eine Umbiegung,
ja Entstellung in sein direktes Gegenteil erfahren hat.
Verwiesen sei des zum Erweise nur etwa auf die Seiten
48—56, die zeigen, daß Leiden (dukkha) keineswegs
das Zentrum des ursprünglichen Buddhismus gewesen,
wozu es durch die Mönche geworden ist. Was von der
Verfasserin letztlich gewollt wird, ist, um es mit Worten
von ihr selbst zu sagen: „to help bring about a
truer, sounder view of the New Word in Indian reli-

fion that was offered to the Many by the sons of the
akyas, and to arrest the mistake that is still everywhere
made, of seeing that New Word in the contracted gospel
which was evolved out of it by and for that monasticism
which became its vehicle." (S. 332).

Im Vorwort sagt die Verfasserin: „Whether, in sup-
planting his (i. e. Rhys Davids') early work by my
own laier belief, my Manual will be judged the less
or the more worthy to deserve the bonour of its Position
, the man of the Coming day will decide." Eines
kann zur Stützung ihres Glaubens schon von dem man
of the present day vorgebracht werden, und das ist dies:
wer mit der späteren Entwicklung der Buddhalehre genauer
vertraut ist, muß, indem er das Manual von Mrs.
Rhys Davids liest, immer wieder finden, wie im Ma-
häyäna, indem es vom Hinayäna abweicht, da und dort
der von der Verfasserin postulierte Ursinn der genuinen
Buddhaverkündigung, der im Pali-Kanon verkümmerten,
nach Jahrhunderten wieder zum Durchbruch kommt. Ihn
läßt das annehmen, daß dieser Ursinn nicht nur postuliert
ist, sondern Wirklichkeit.
Leipzig. Hans Haas.

Goldschmidt, Lazarus: Der babylonische Talmud. Neu übertragen
, Soja, Gittin, Qiddusin. Berlin: Jüdischer Verlag 1932. (V,
803 S.) 8°. = "iban Ttabn Der babylonische Talmud. Nach d. ersten
zensurfr. Ausg. unter Berücksichtigung d. neueren Ausgaben u. hand-
schr. Materials neu Übertrag-, 6. Bd. In Subskr. geb. RM 18-; Hldr. 22.50.
In dem vorliegenden Bande sind Sota, Gittin und
Qiddusin vereinigt. Damit ist der dritte, Nasim betitelte
Seder, vollständig geworden. Erfreulich ist die
Energie, mit welcher der Autor und der Verlag das
etwa bis zur Hälfte gediehene Werk bisher der Vollendung
entgegenzuführen strebten. Wenn jetzt eine Caesur
im Erscheinen eingetreten zu sein scheint, so bedeutet
das hoffentlich nicht das Aufhören des Unternehmens,
sondern nur ein Ausreifen zu noch größerer Vollkommenheit
und zwar, wie man wünschen darf, in der schon
hier 1932 Nr. 10 col. 219 f. angedeuteten Richtung auf
wissenschaftliche Penibilität, sodaß diese sinngemäße und
verständliche Übersetzung auch für Zwecke wissenschaftlicher
Diskussion ohne Bedenken zugrunde gelegt werden
kann. Auch an diesem letzten Bande kann man das
Gesagte illustrieren. S. 31 wird in Sota 9 b übersetzt:

„Dies teilt ihr der Priester mit"; genauer muß es heißen:
„Dieser (Vers bedeutet), daß der Priester ihr kundtut,

i daß ..". Warum wird S. 653 in Qidd. 43 b die wörtliche
Übersetzung: „schwören die Zeugen ,wir haben es ihm
gegeben', und der Gläubiger schwört, daß er es nicht
erhalten hat" verlassen zugunsten der sehr freien Wie-

j dergabe: „müssen die Zeugen schwören, daß sie es ihm
gegeben haben, und dieser schwört, daß er nichts erhalten
hat"? S. 549 hätte in Qidd. 15a es schärfer
heißen sollen: „nur einer, der sich selbst verkauft, weil
er kein Verbot übertreten hat, aber wenn das Gericht
ihn verkauft hat, soll man..." Und hätte in einer Aus-

| gäbe, die die Berücksichtigung gedruckten und hdschrift.

, Materiales auf dem Titel verheißt, an dieser Stelle nicht

! wenigstens in einer Anmerkung die L. A. des Monacensis

! Erwähnung verdient: (verkauft hat) „weil er ein Verbot
übertreten hat?" S. 204 in Gittin 7 a würde es besser
heißen: „würde er auch hierzu eine Begründung
gesagt haben". In dem Sprichwort S. 176 „Gesang im
Hause, Zerstörung an der Schwelle" hätte mindestens als
gleichberechtigte Wahlübersetzung aufgenommen werden
müssen: „Zerstörung am Ende". Ähnlich S. 203: „ich
kann es nicht mit ihnen aushalten" neben der gegebenen:
„und ich kann gegen sie nicht aufkommen." oiirrn einfach
mit Fegefeuer zu übersetzen (S. 205), ist doch nicht angängig
, weil das ein im katholischen Sinne festgelegter
Begriff ist. Diese Beispiele werden zur Klärung und Erläuterung
des zuerst Gesagten genügen. Möge die so
wünschenswerte Weiterarbeit unter Berücksichtigung die-

S ser Gesichtspunkte erfolgen.

| Goslar/Harz. Hugo D u e n s i n g.

Zimtnerli, Walther: Geschichte und Tradition von Beerseba
im alten Testament. Gießen: A. Töpelmann 1932. (VIII, 38 S.)
8°. RM 2—.

Das Büchlein stellt einen Teil einer Göttinger Dissertation
dar. Die Untersuchung geht traditionsgeschichtlich
vor sich und ist in der Methode stark beeinflußt von Alt,
Noth und Z.s Lehrer Hempel. Es ist eine gründliche,
scharfsinnige, knapp und klar das Nötige sagende Arbeit
. Sie zerfällt in drei Teile. Teil I (Geschichte Beerse-
bas) macht auf die Verbindung zwischen Nordreich und
B. aufmerksam: Arnos 7,9 erwähnt die „Höhen Isaaks",
Elia begegnet I. Kön. 19, 3 f. nahe B. der Gottheit, das
Priestergeschlecht von B. leitet sich nach I.Sam. 8,2
von Samuel ab. B. ist beliebter Wallfahrtsort des Nordens
, und die Beziehung zu B. muß älter sein als die
Reichsteilung. Der zweite Teil (Tradition B.s) geht von
der Frage aus, warum man dort Gott verehrt. Weil
alle Patriarchen (so E.) oder wenigstens Isaak (so J.)
dort lokalisiert werden. Daß Isaak nach B. gehört, ist
also gemeinsamer Traditionsbestand. Daß E. die von
J. berichtete Tatsache der Lokalisierung Abrahams in
Hebron verschweigt, zeigt die geschichtlichen Gegem-
sätze, die hinter dem Traditionsbestand liegen. Als
Namen des in B. verehrten Gottes nimmt Z. nach Alt
„Schrecken Isaaks" (später abgeblaßt zu „Gott Isaaks"),
als Träger der Überlieferung die Simeoniten an, deren
Einwanderungsgeschichte sich in den in den Isaakstraditionen
auftauchenden Namen abzuspiegeln scheint. Teil III
(Beerseba-Nordreich, Isaak-Jakob) setzt mit der Frage
ein, wie die drei Patriarchen genealogisch zusammengekommen
seien, und weist nach, daß die Verbindung
Isaak-Jakob älter ist als das Drei-Patriarcheu-Schema;
also ist die Verbindung Beerseba-Norden älter als die
B.-Hebron. Jene alte Verbindung hat sich erhalten
durch den Kultus von B.; sie wurde ermöglicht dadurch
, daß „Isaak" — entgegen der Genesis, für die
Isaak lediglich eine Gestalt des Südens ist, — vorübergehend
im Norden war. Sicher mit Recht wird hierbei
auf Gen. 34 verwiesen; auch hätte Z. auf Rieht. 1, 1 ff.
aufmerksam machen können, wo wir ja ebenfalls zum
Norden gehörenden Traditionsbestand des „Isaakstammes
" Simeon haben (vgl. m. Aufs. Adonibezeq in Journ.
Pal. Or. Soc. 1926). Wenn das Weilen der Isaakleute
im Norden politisch auch ohne Nachwirkung blieb, kultisch
blieb die Verbindung erhalten; und in der Tatsache,